18:15:41 | Freitag, 11. August 2006
Ob der Zeitgeist, dem die Popmusik konform ist, kritiklos in das religiöse Leben übernommen werden kann, fragen sich pastorale Kreise weniger. Ästhetisches scheint ihnen wertfrei zu sein. Von Prof. Dr. h.c. Josef Friedrich Doppelbauer.
(kreuz.net/
Sisa) Nach dem Zweiten Weltkrieg rekapitulierte man im Zeitraffer die Tendenzen der Zwischenkriegszeit.
Man knüpfte dort an, wo man infolge der Machtübernahme des Nationalsozialismus aufhören mußte, denn
man empfand die Nazizeit als Ausblendung aus der allgemeinen Kulturgeschichte.
Den Schock noch in den
Gliedern, versuchte man in Deutschland auch bei den vom Nationalsozialismus verfälschten Traditionen
wieder anzuknüpfen, denn diese hatten in den Kirchen zum Teil ohne Verzerrungen überlebt.
Das alte
Kirchenlied wurde mit neuen Akzenten aktualisiert.
Um die Ökumene, die schon in den Notzeiten ein brennendes
Thema war, voranzutreiben, nahm man in die katholischen Gesangbücher einen beträchtlichen Teil evangelischer
Lieder auf.
Das Ergebnis dieser Bemühungen ist das Gesangbuch ‘Gotteslob’.
Die Liturgiereform holte
damit ein Stück Reformation nach. Ich enthalte mich hier einer Kritik. Daß es zu verbessern wäre, wissen
wir alle.
Nach dem Krieg wurde Europa durch die trivialisierte Popularmusik „made in USA“ überschwemmt.
Sie galt im Gegensatz zur deutschen Unterhaltungsmusik, die vordem in den Dienst der nationalsozialistischen
Propaganda gestellt wurde, als politisch und ideologisch unbelastet, und man übersah ihre kommerziellen
Absichten und ästhetischen Schwächen.
Noch immer ideologieverhaftet – nur seitenverkehrt – wurde diese
Musik als die Musik unserer Zeit, als das Heilmittel propagiert. Ich hatte damals an meiner Hochschule
fast nur amerikanische Studenten zu unterrichten und fragte sie nach ihrer Meinung darüber. Die Antwort
war eindeutig: Kitsch. Dabei machten sie Jazz und sangen Spirituals, aber mit kritischer Wertung.
Europa –
besonders Deutschland – war ein neuer Absatzmarkt für den Geschäftsgeist aus Übersee.
Ich erinnere
mich des Seufzers eines französischen Kulturattachées: die Amerikaner wissen nicht, was sie treiben.
Sie ahnen nicht, daß die Deutschen alles 200prozentig machen.
Die Durchsetzung der neuen Popularwellen
war schon perfekt, als das ‘Gotteslob’ erschien. Es kam zu spät.
Die Aufklärer
beherrschten die dialektische
Demontage des Gegners perfekt. Das wirkt noch heute nach – auch in kirchlichen Kreisen.
Mittlerweile
war schon eine zweite, meist spätmarxistisch orientierte Aufklärungswelle in Gang gesetzt, die auch
die Pädagogik voll erfaßte, wovon gleichfalls die Religionspädagogik nicht verschont blieb.
Die Folge
war, daß die Lieder des ‘Gotteslob’ in Bausch und Bogen als nicht „jugend- und kindgemäß“ abgetan und
im Unterricht kaum verwendet wurden.
Wenn man in Diskussionen darauf aufmerksam machte, daß die Prämissen
der neuen Aufklärung der Kritik bedürfen, begegnete man verständnislosen Gesichtern.
Da die Philosophie
der neuen Aufklärung intrasystematisch weitgehend logisch ist, sind die Schlußfolgerungen zwingend,
wenn man die Ausgangspositionen unkritisch übernimmt.
Viele Kollegen schlugen sich hilflos mit Details
herum. Die Aufklärer beherrschten die dialektische Demontage des Gegners perfekt. Das wirkt noch heute
nach – auch in kirchlichen Kreisen.
Da der heutige Mensch ständig durch die Massenmedien mit Popularmusik
berieselt wird, diese auch als Lockmittel in den Dienst des Kommerzes und der Politik gestellt wird, entsprechende
Veranstaltungen Massen von Jugendlichen auf die Beine bringen, denken kirchliche Kreise, hier müßte
man gleichziehen.
Der offenbare Kompetenzverlust
der Kirche in Fragen der Kultur hängt mit ihrer Wertblindheit
zusammen.
Das Problem ist gar nicht, ob das wirklich in die Kirche paßt, sondern ob diese Musik geeignet
ist, wenigstens einen größeren Teil dieser Massen in die Kirche zu bringen. Ein pragmatischer Standpunkt.
Eine herbe Kritik dieser Absichten las ich von sozialwissenschaftlichem Standpunkt aus im Buch von Harry
Pross: Soziale und politische Aspekte einer Geschmacksfrage. KITSCH. München 1985.
Diese Musik ist zeitkonform,
das ist richtig, aber auch schon alles. Ob der Zeitgeist, dem sie konform ist, kritiklos in das religiöse
Leben übernommen werden kann, fragen sich pastorale Kreise weniger. Ästhetisches scheint ihnen wertfrei
zu sein.
Der offenbare Kompetenzverlust der Kirche in Fragen der Kultur hängt mit dieser Wertblindheit
zusammen.
Der Verfasser (*1918) war Kompositionsprofessor sowie Prorector des Salzburger Konservatoriums
‘Mozarteum’. Er verstarb am 13. Januar 1989. Dieser Beitrag entstammt dem bisher unveröffentlichten Nachlaß.
Nächstes Mal: Die wunde Stelle der Liturgiereform
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