Kirchenmusik
Spätmarxistisch orientierte Aufklärungswelle
Ob der Zeitgeist, dem die Popmusik konform ist, kritiklos in das religiöse Leben übernommen werden kann, fragen sich pastorale Kreise weniger. Ästhetisches scheint ihnen wertfrei zu sein. Von Prof. Dr. h.c. Josef Friedrich Doppelbauer.
(kreuz.net/Sisa) Nach dem Zweiten Weltkrieg rekapitulierte man im Zeitraffer die Tendenzen der Zwischenkriegszeit.

Man knüpfte dort an, wo man infolge der Machtübernahme des Nationalsozialismus aufhören mußte, denn man empfand die Nazizeit als Ausblendung aus der allgemeinen Kulturgeschichte.

Den Schock noch in den Gliedern, versuchte man in Deutschland auch bei den vom Nationalsozialismus verfälschten Traditionen wieder anzuknüpfen, denn diese hatten in den Kirchen zum Teil ohne Verzerrungen überlebt.

Das alte Kirchenlied wurde mit neuen Akzenten aktualisiert.

Um die Ökumene, die schon in den Notzeiten ein brennendes Thema war, voranzutreiben, nahm man in die katholischen Gesangbücher einen beträchtlichen Teil evangelischer Lieder auf.

Das Ergebnis dieser Bemühungen ist das Gesangbuch ‘Gotteslob’.

Die Liturgiereform holte damit ein Stück Reformation nach. Ich enthalte mich hier einer Kritik. Daß es zu verbessern wäre, wissen wir alle.

Nach dem Krieg wurde Europa durch die trivialisierte Popularmusik „made in USA“ überschwemmt.

Sie galt im Gegensatz zur deutschen Unterhaltungsmusik, die vordem in den Dienst der nationalsozialistischen Propaganda gestellt wurde, als politisch und ideologisch unbelastet, und man übersah ihre kommerziellen Absichten und ästhetischen Schwächen.

Noch immer ideologieverhaftet – nur seitenverkehrt – wurde diese Musik als die Musik unserer Zeit, als das Heilmittel propagiert. Ich hatte damals an meiner Hochschule fast nur amerikanische Studenten zu unterrichten und fragte sie nach ihrer Meinung darüber. Die Antwort war eindeutig: Kitsch. Dabei machten sie Jazz und sangen Spirituals, aber mit kritischer Wertung.

Europa – besonders Deutschland – war ein neuer Absatzmarkt für den Geschäftsgeist aus Übersee.

Ich erinnere mich des Seufzers eines französischen Kulturattachées: die Amerikaner wissen nicht, was sie treiben. Sie ahnen nicht, daß die Deutschen alles 200prozentig machen.

Die Durchsetzung der neuen Popularwellen war schon perfekt, als das ‘Gotteslob’ erschien. Es kam zu spät.
Die Aufklärer
beherrschten die dialektische Demontage des Gegners perfekt. Das wirkt noch heute nach – auch in kirchlichen Kreisen.


Mittlerweile war schon eine zweite, meist spätmarxistisch orientierte Aufklärungswelle in Gang gesetzt, die auch die Pädagogik voll erfaßte, wovon gleichfalls die Religionspädagogik nicht verschont blieb.

Die Folge war, daß die Lieder des ‘Gotteslob’ in Bausch und Bogen als nicht „jugend- und kindgemäß“ abgetan und im Unterricht kaum verwendet wurden.

Wenn man in Diskussionen darauf aufmerksam machte, daß die Prämissen der neuen Aufklärung der Kritik bedürfen, begegnete man verständnislosen Gesichtern.

Da die Philosophie der neuen Aufklärung intrasystematisch weitgehend logisch ist, sind die Schlußfolgerungen zwingend, wenn man die Ausgangspositionen unkritisch übernimmt.

Viele Kollegen schlugen sich hilflos mit Details herum. Die Aufklärer beherrschten die dialektische Demontage des Gegners perfekt. Das wirkt noch heute nach – auch in kirchlichen Kreisen.

Da der heutige Mensch ständig durch die Massenmedien mit Popularmusik berieselt wird, diese auch als Lockmittel in den Dienst des Kommerzes und der Politik gestellt wird, entsprechende Veranstaltungen Massen von Jugendlichen auf die Beine bringen, denken kirchliche Kreise, hier müßte man gleichziehen.
Der offenbare Kompetenzverlust
der Kirche in Fragen der Kultur hängt mit ihrer Wertblindheit zusammen.


Das Problem ist gar nicht, ob das wirklich in die Kirche paßt, sondern ob diese Musik geeignet ist, wenigstens einen größeren Teil dieser Massen in die Kirche zu bringen. Ein pragmatischer Standpunkt.

Eine herbe Kritik dieser Absichten las ich von sozialwissenschaftlichem Standpunkt aus im Buch von Harry Pross: Soziale und politische Aspekte einer Geschmacksfrage. KITSCH. München 1985.

Diese Musik ist zeitkonform, das ist richtig, aber auch schon alles. Ob der Zeitgeist, dem sie konform ist, kritiklos in das religiöse Leben übernommen werden kann, fragen sich pastorale Kreise weniger. Ästhetisches scheint ihnen wertfrei zu sein.

Der offenbare Kompetenzverlust der Kirche in Fragen der Kultur hängt mit dieser Wertblindheit zusammen.

Der Verfasser (*1918) war Kompositionsprofessor sowie Prorector des Salzburger Konservatoriums ‘Mozarteum’. Er verstarb am 13. Januar 1989. Dieser Beitrag entstammt dem bisher unveröffentlichten Nachlaß.

Nächstes Mal: Die wunde Stelle der Liturgiereform
Der Artikel ist Teil der folgenden Reihe:
1. Das Produkt einer Revolution 2. Das jämmerliche Produkt einer kirchlichen Talentflucht 3. Der triviale Mensch möchte in einer dumpfen Euphorie leben
4. Spätmarxistisch orientierte Aufklärungswelle
5. Die wunde Stelle der Liturgiereform 6. Die Kirche hat auf vielen Gebieten der Kultur Kompetenzen eingebüßt 7. Mehr Rock-Musik in der Liturgie
      
15 Lesermeinungen
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#15   Aloah   17:32:05 | Montag, 14. August 2006
Maurice Corvisier: Danke
Für eure Mühe vielen Dank.
Gruß,
Aloah
P.S. Maurice, ich habe dir eine eMail geschickt.
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#14   Maurice Corvisier   17:00:32 | Montag, 14. August 2006
Grüß’ Dich, Aloah,
ich habe den Text – wie kann ich ihn Dir zukommen lassen? Für hier ist er zu lang.
Gruß, Maurice.
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#13   Gotthard   01:03:31 | Montag, 14. August 2006
Modernismus
Du scheinst ein echter Archäologe zu sein …
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#12   Maurice Corvisier   19:03:57 | Samstag, 12. August 2006
Lieber Aloah,
das ist ein modernisierter Text – ich komme vor morgen nicht an den alten, viel sinnreicheren Text. Den schicke ich Dir dann sofort.
Gruß M.C.
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#11   Gotthard   14:57:18 | Samstag, 12. August 2006
Grüssauer Marienrufe
hier ist der Text:
Marienrufe www.mariabuchen.de/…nrufe_gruessauer.htm
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#10   Maurice Corvisier   13:13:50 | Samstag, 12. August 2006
Hallo Aloah,
wenn niemand schneller ist, hast Du’s morgen von mir.
Gruß! Maurice.
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#9   Aloah   12:56:57 | Samstag, 12. August 2006
Mal eine kleine Anfrage.
Wer kennt das „Lignitzer (?)“ Marienlied und wo könnte ich selbiges beziehen.
Der Text der mir noch in Erinnerung ist lautet „… Maria wir rufen zu dir…, Muttergottes wir rufen zu dir“.
Für eure Mühewaltung, Danke.
Grüße,
Aloah
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#8   res secundae   12:01:38 | Samstag, 12. August 2006
In Bayern übernommen…
Bei uns in Bayern sind alle Marienlieder früher oder später im Anhang übernommen worden. Vor allem das Bistum Regensburg hat mit dem erweiterten Anhang die Herzen erfreut, da viele Lieder aus dem Liederbuch der 20er Jahre übernommen wurden und Marienlieder aus den letzten Jahrhunderten.
Das Bistum Augsburg kann mit einer Vielzahl von Marienliedern aus dem Sudetenland und Schlesien die Herzen erfreuen und so die Pflege der Marienverehrung vertiefen.
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#7   Doriano   02:10:24 | Samstag, 12. August 2006
@Meerstern
Es handelt sich hier anscheinend um zwei verschiedene
Lieder mit dem selben Titel. Das Lied , welches ich meine
lautet wie folgt:
„Meerstern, ich dich grüße
O,Maria hilf.
Gottesmutter süße
O, Maria hilf
Maria, hilf uns allen
aus unsrer tiefen Not.“
Als dann wie folgt:
„Rosen ohne Dornen
O, Maria hilf
Lilie ohnegleichen
O, Maria hilf
Maria hilf…“
Und jetzt die dritte Strophe:
„Quelle aller Freuden
O, Maria hilf
Trösterin im Leiden
O, Maria hilf
Maria hilf…“
Und zum Schluß die Vierte:
„Hilf zu Christus flehen
O, Maria hilf
fröhlich vor ihm stehen
O, Maria hilf
Maria hilf…“
Tut mir leid, aber im „Gotteslob“ steht leider ein anderes
Lied – natürlich auch ein sehr schönes. Die Melodie
kannte ich noch nicht – hab sie mir aber soeben angeeignet
Eine guten Morgen noch
und Gottes Segen Euch allen!! O:O
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#6   Beobachterin   00:15:52 | Samstag, 12. August 2006
der Dornwald
Richtig heißt das: „Maria durch ein’ Dornwald ging“ und ist eines der schönsten weihnachtlichen Lieder.
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#5   legeslegmegszentségtelenithetetlenségeskedéseitekért †   21:25:46 | Freitag, 11. August 2006
Ausnahmsweise muss ich sagen, dass die Erhaltung
manchen Liedguts schon aufgrund des Kuriositätswertes wünschenswert ist!
Meerstern ich dich grüße ist ein gutes Beispiel dafür, auch
Maria durch den Dornwald ging
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#4   Sirilo   20:56:01 | Freitag, 11. August 2006
„Meerstern, ich dich grüße“
In der Bamberger Ausgabe des „Gotteslobs“ ist dieses Lied enthalten und zwar im Diözesanteil. Vielleicht verhält es sich in anderen Diözesen ähnlich?
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#3   Doriano   20:23:37 | Freitag, 11. August 2006
@Kein SacroPop!!
Die Musik im Kontext des Glaubens ist fürwahr ein hoch-
interressantes Thema. Aber man sollte sich aber zualler-
erst vor Schwarz-Weißschemata hüten. Bedauerlich ist
natürlich, daß solche Lieder wie „Meerstern, ich dich grüße“ aus dem „Gotteslob“ entfernt wurden.Ein wunderbares Lied in seiner ganzen Einfachheit und Schlichtheit. „Christ ist erstanden, von der Marter alle…Kyrrie eleis“ fällt in die selbe Kategorie. Tja – und dann wäre da auf der anderen Seite (jetzt doch Schwarz-Weiß…? Gemach, gemach…)die jugendbewegende, qualitätsfreie Musik der Neuzeit. Ich bin selber Amateurmusiker mit über dreißigjähriger Hör-
erfahrung und bilde mir ein, etwas von Musik zu verstehen. Daher kann ich behaupten, daß es durchaus
möglich ist, qualitativ gute Popmusik mit hohem inhalt-
lichem Wert zu produzieren. Nur-diese Musik gehört auf
keinen Fall in die Heilige Messe!! In die Kirche vielleicht schon -es gibt ja genügend geistliche Konzerte – also
klassische Musik. Es ist natürlich auch immer eine Sache der Darbietung; mach ich es zu einem „Event“ – oder geb’
dem ganzen den Charakter einer Andacht? Die Chancen
bestehen durchaus. Und – man hört diese Musik dann
auch zu Hause und läßt der Seele freien Lauf.
Nebenbei kann man der Jugend auch noch einen Gefallen
tun und ein bißchen auf deren Hörgewohnheiten einge-
hen-schaden würd’s nicht. Aber – keinen SacroPop!
Das klingt sehr alles herbeigewollt und nicht echt –
und es tendiert leider mehr in Richtung Geschrammel
am Lagerfeuer. Wo sind die …
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#2   23er Hansl   19:46:49 | Freitag, 11. August 2006
also ich finde das problematisch, solche texte aus einem nachlass zu veröffentlichen
ich meine, humer kann den unsinn, den er von sich gibt, selbst verteidigen und könnte sich durch seinen sachwalter dagegen wehren, dass es veröffentlicht wird. aber wenn jemand 17 jahre tod ist, ist es eigentlich ziemlich arg, so etwas zu veröffentlichen.
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#1   FritzG   19:28:52 | Freitag, 11. August 2006
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Nächstes Mal: Die wunde Stelle der Liturgiereform
Jetzt wird uns schon gedroht!!! :-!
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