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Freitag, 25. August 2006 11:03
Die Orientierung verloren
In Freiburger Münster wendet man sich von Christus, der aufgehenden Sonne, ab. Der ins Kirchenschiff vorrückende Altar schiebt das Gottesvolk zum Ausgang und ins Abendrot. Doch es gibt Widerstand.
Die Treppe unter dem bereits entfernten neugotischen Annenaltar
Die Treppe unter dem bereits entfernten neugotischen Annenaltar
(kreuz.net, Freiburg) Im Freiburger Münster klaffen „häßliche Wunden“.

Das berichtete die deutsche Tageszeitung ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ Mitte August.

Vor kurzem befanden sich an den Vierungspfeilern im Münster noch zwei neugotische Altäre.

„Es sieht aus, als hätten Bilderstürmer die zwei Altäre mit der Spitzhacke herausgebrochen“ – kommentierte die ‘Frankfurter Allgemeine’.

Vielleicht gefalle es den Archäologen, die unter den Altartischen Reste aus älteren Bauphasen des Münsters fand – so die Zeitung. Doch für andere sei das, „was da geschehen ist“, ein Skandal.

Die steinernen Altäre stammen aus dem beginnenden 16. Jahrhundert. In ihnen wurden Reliquiengläser aus dem Jahr 1515 gefunden. Anfang des 19. Jahrhunderts erhielten sie prachtvolle neugotische Aufsätze und wurden mit spätgotischen Figuren bereichert.

„Bildersturm mit der Spitzhacke“"Bildersturm mit der Spitzhacke"Klicken Sie auf das Bild, um die Photomeile mit 6 Bildern zu starten.

Nun hat man die Altaraufsätze in den Kaiserkapellen des Chorumgangs zwischengelagert. Die Reliquien sind in die Schatzkammer verbannt. Teile der Altäre sind in der Münsterbauhütte abgelagert.

Die bisherige Altarinsel wird durch eine steinerne Stufenanlage ersetzt.

Deren Zentrum bildet ein mächtiger Granitaltar, der von Franz Gutmann hergestellt wird. Er arbeitet nach dem Konzept, daß der „Chor zum Volk wolle“.

Doch das Volk scheint von diesen Annäherungsversuchen nicht übermäßig begeistert zu sein.

Während des Abbruchs beschimpften Kirchenbesucher sogar die Bauarbeiter.

Dr. med. Klaus Starke – emeritierter Professor für Pharmakologie an der Freiburger Universität – kritisierte den Umbau am 1. Juli in einer Anzeige in der ‘Badischen Zeitung’.

Er forderte vom Freiburger Erzbischof, Mons. Robert Zollitsch, auf den Umbau zu verzichten.

Mit dieser Tat verschandle der Erzbischof für viele Menschen das Zentrum ihrer religiösen Praxis.

Er desavouiere auch das Volk Gottes in einer Angelegenheit, in welcher es fürwahr die Kompetenz zur Mitsprache hätte.

Auf diese Weise entfremde der Erzbischof Menschen von der Kirche und gebe ihnen ein Ärgernis.

Dr. Starke bat die Gegner des Umbaus, ihre Meinung niederzuschreiben und ihm zu schicken. In kurzer Zeit erhielt er 1.200 Zuschriften.

Sie titelten: „Keine halben Sachen: Reißt das Münster ganz ab!“, „Attentat auf die christliche Kultur“, „Auf den leeren Altären wohnen die Dämonen“, „Gegen den Willen der Herde“ und so weiter.

Am 18. Juli überreichte Dr. Starke dem Weihbischof von Freiburg, Mons. Paul Wehrle, Abzüge dieser Zuschriften, eine Namenslisten der Umbaugegner sowie einen Begleitbrief. Erzbischof Zollitsch selber war gerade auf Urlaub.

Auch die staatliche Denkmalpflege ist über die Zerstörungen im Freiburger Münster verärgert. Sie kann aber dagegen nichts tun.

Das Denkmalschutzgesetz des Landes Baden-Württemberg räumt den Kirchen für liturgische Belange Sonderrechte ein: Liturgische Belange haben Vorrang vor konservatorischen.

Dabei hätte die Erzdiözese auch eine andere Lösung finden können. Es gibt zwei Möglichkeiten, um Volk und Priester einander näherzubringen.

Man hätte die Gläubigen in den Kirchenbänken näher an den Hauptaltar heranrücken können. Entschieden hat man sich für eine andere Variante: Der Altar soll nach vorne geschoben werden und drängt das Volk Richtung Westen zum Hauptausgang.

Warum die erste Möglichkeit nicht umgesetzt wurde, ist unklar.

Schließlich – weiß die ‘Frankfurter Allgemeine’ – hat die Kirche die im Osten aufgehende Sonne seit uralter Zeit als Sinnbild Christi gedeutet: „In Freiburg wendet man sich nun von ihr ab.“

Der vorrückende Altar schiebe das Gottesvolk quasi ins Abendrot: „Hat man in Freiburg die Orientierung verloren?“
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 22 Lesermeinungen:
Freitag, 1. September 2006 19:51
Guldin: Umbau wird gelingen
Fotomeile: „Bildersturm mit der Spitzhacke“

Für die Ausführung wurde der Münstertäler Künstler Franz Gutmann beauftragt.
Er wird den Altar, den Ambo und die Kathedra – den Sitz des Erzbischofs – im Wesentlichen aus rötlichem Granit schaffen.


Um den Entwurf zu betrachten, muss man sich das ganze Foto der Skizze downloaden. Dann sieht man auch, dass die beiden Seitenaltäre an der Chorschulter wieder an einem würdigen Platz zu stehen kommen.

Es wird nichts von der historischen Substanz zerstört, von Bildersturm kann also keine Rede sein. Die neuen liturgischen Orte (Zelebrationsaltar, Ambo) werden etwas vorgerückt stehen näher bei der Gemeinde.

Es ist doch insgesamt ein gelungener Entwurf.

Ich denke das Münster wird nach dem Umbau mehr als nur einen Besuch wert sein.
Freitag, 1. September 2006 18:27
Jörg Guttenberger, Köln: Guldin: Restaurierung – Umbau
Ihre Ausführungen über zum Teil wenig glückliche „Modernisierung“ früherer Zeit, insbesondere im 19. Jahrhundert treffen zu. Das besagt aber doch nicht, daß wir solchen Unfug nachmachen müssen!

Es geht eben nicht nur um um zeitgemäße Kunst, sondern auch um Kirchen, in denen man beten kann, die zum Beten einladen.

Wir sollten auch hier jede Einseitigkeit vermeiden. Beides ist gleichermaßen wichtig.
Freitag, 1. September 2006 06:58
Konrad: Danke Gotthard
dann ist also der staatliche Denkmalschutz die letzte Hoffnung, die Zerstörung des Altarraums im Freiburger Münster noch zu verhindern!Dennoch: der Barock konnte sich wenigstens sehen lassen und ist jetzt berechtigt „denkmalgeschützt“ – was aber bleibt von den modernistisch-kalten Zerstörungs-Bauten der Nachkonzilszeit (hier war mal der Kommentar zu einigen Wiener Kirchen)?
Mittwoch, 30. August 2006 21:57
Guldin: @ Jörg Guttenberger, Köln
Ganz einfach: fühere Generationen haben Altes durch Neues ersetzt. Die Heutigen ersetzen Altes weitgehend
durch Leere! Ersatz von Altem durch Neues führt heute leider häufig zur Verkahlung.


Das sind seit jahrhunderten abgedroschene Sprüche. Immer wurde das „Neue“ von vielen als unwürdig, leer, barbarisch empfunden.

„Gotisch“ war der abschätzige Ausdruck der Italiener für die Deutsche bauweise und bedeutete in etwa „barbarisch“.

„Barock“ fand man schief, eigenartig, unklar und verworren. Dies hielt noch lange an und im Historismus, in dem pöltzlich die Romanik, Gotik und Renaissance wiederentdeckt wurde, zerstörte man ohne Gewissensbisse das Innere vieler barocken Kirchen.

Ja man „veredelte“ sogar die barbarische Kunst der Gotik, in dem man sie noch gotischer schuf.

Man schuf im 19. Jh. Neues? Nicht wirklich, man veränderte Bestehendes!

man schuf in der Romanik Neues? Nicht wirklich, man versuchte die tradierten Formen des Mittelmeers zu übernehmen.

Also bitte herr Guttenberger, wenn Sie über Kunst- und Stilgeschichte etwas sagen möchten, dann korrekt.

Mittwoch, 30. August 2006 21:57
Gotthard: Zerstörung
Wie viele gotische Kirchen wurden durch „Barockisierung“ im Grunde zerstört? … Barock war der Zeitgeist … dem ganz viele Bischöfe und Äbte verfallen waren … bedenkenlos wurde die Gotik zugunsten des zeitgeistigen Barock geopfert … leider gab es damals noch keinen staatlichen Denkmalschutz!
Mittwoch, 30. August 2006 21:28
Jörg Guttenberger, Köln: Guldin: Restaurierung – Umbau
Und nochmals, weil ich keine Antwort auf meine Frage bekommen habe: Wieso sollen nur frühere Generationen das Recht gehabt haben, die Gotteshäuser nach ihren Bedürfnissen und ihrem Geschmacksempfinden umzugestalten?

Ganz einfach: fühere Generationen haben Altes durch Neues ersetzt. Die Heutigen ersetzen Altes weitgehend
durch Leere! Ersatz von Altem durch Neues führt heute leider häufig zur Verkahlung.

In Spiegelau /Bayerischer Wald wurde vor 1984 der gesamte Stuck aus der sehr schönen Barockkiche entfernt. Etwas Neues kam nicht! Es blieb innere Leere.

Man gibt hier gerne vor, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, was immer man darunger versteht. In Glaubensdingen ist aber alles gleichermaßen wesentlich, wäre etwas unwesentlich, gäbe es das nicht.

Statt zwischen Wesentlichem und Unwesentlichen müssen wir m. E. zwischen zentralen und periphären Dingen unterscheiden. Das scheint mir ein grundlegender Unterschied, denn auf Unwesentliches können wir gut verzichten, auf die Peripherie hingegen nicht.

Warum wenden sich heute denn nicht wenige der Orthodoxie zu? Doch wohl, weil es ihnen im Westen zu kahl ist.

Zum Freiburger Dom: Es geht natürlich um fachkundige Restaurierung mit oder ohne Umbau, und dann ist bloße Restaurierung sicher kostengüntiger.
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