14:02:32 | Sonntag, 20. August 2006
In Israel herrscht eine allgemeine Atmosphäre der Enttäuschung und Mutlosigkeit. Von Uri Avnery
(kreuz.net) Von der Manie zur Depression.
Es sind nicht nur die Politiker und Generäle, die jetzt Anklagen
auf einander abfeuern – wie wir vorausgesehen haben.
Auch die normale Öffentlichkeit äußert sich aus
den verschiedensten Ecken mit Kritik.
Die Soldaten kritisieren die Kriegsführung. Die Reservesoldaten
klagen über das Chaos und das Fehlen von Vorräten.
In allen Parteien gibt es neue Oppositionsgruppen
und drohende Absplitterungen: bei Kadima, in der Arbeiterpartei. Auch bei der Linkspartei Meretz brodelt
es, weil die meisten ihrer Vertreter den Kriegsdrachen fast bis am Schluß unterstützt hatten, um seinen
Schwanz im letzten Augenblick zu fangen und mit ihrer kleinen Lanze zu durchbohren.
An der Spitze des
Kritikermarsches – welch Überraschung! – stehen die Medien: die ganze Horde der Interviewer und Kommentatoren,
Korrespondenten und „Presstituierten“.
Sie waren – mit sehr wenigen Ausnahmen – vom Krieg begeistert,
haben getäuscht, in die Irre geführt, verfälscht, ignoriert, hinters Licht geführt, fürs Vaterland
gelogen, jede Kritik erstickt und jeden als Verräter gebrandmarkt, der gegen den Krieg war.
Sie laufen
nun an der Spitze des Lynchmobs. Wie vorauszusehen!
Die gegenwärtige Phase wird vom israelischen Generalstabschef
Dan Halutz symbolisiert.
Gestern erst war er der Held der Massen. Es war verboten, nur ein Wort gegen
ihn zu äußern.
Schlauer General
Einen Augenblick bevor er seine Soldaten in die Schlacht sandte, fand
der israelische Generalstabschef noch Zeit, seine Aktien zu verkaufen, da er ein Fallen des Aktienmarktes
erwartete.
Heute wird er als Kriegsgewinner präsentiert.
Einen Augenblick bevor er seine Soldaten in
die Schlacht sandte, fand er noch Zeit, seine Aktien zu verkaufen, da er ein Fallen des Aktienmarktes
erwartete.
(Hoffentlich hat er einen Augenblick vor Kriegsende Zeit gefunden, die Aktien wieder zurückzukaufen).
Der Sieg hat – wie allgemein bekannt – mehrere Väter. Der Fehlschlag ist ein Waisenkind.
Aus der Menge
der Anklagen und Beschuldigungen ragt ein Slogan hervor, der jedem, der ein gutes Gedächtnis besitzt,
einen Schauer über den Rücken laufen läßt: „Die Politiker ließen die Armee nicht gewinnen.“
Es ist
genau so, wie ich vor zwei Wochen schrieb. Vor uns ersteht die alte Legende: „Sie stießen der Armee einen
Dolch in den Rücken.“
Das hört sich so an: Zwei Tage vor dem Ende des Libanonkrieges begann die Landoffensive
anzulaufen. Dank unserer tapferen Soldaten – Männer der Reserve – war sie ein Riesenerfolg. Doch als
wir gerade dabei waren, einen großen Sieg zu erlangen, trat die Feuerpause in Kraft.
Davon ist kein
einziges Wort wahr.
Diese geplante und seit Jahren von der Armee trainierte Operation wurde deshalb nicht
eher ausgeführt, weil es klar war, daß sie keine nennenswerten Ziele erreichen, sondern nur Menschenleben
kosten würde.
Die Armee würde tatsächlich große Gebiete erobern können, aber nicht in der Lage sein,
die Hisbollahkämpfer aus diesen zu verdrängen.
Die grenznahe Stadt Bint Dschbeil zum Beispiel wurde
dreimal von der Armee eingenommen. Doch die Hisbollahkämpfer blieben bis zum Schluß dort.
Wenn wir
zwanzig Städte und Dörfer wie Bint Dschbeil eingenommen hätten, wären die Soldaten und Panzer an zwanzig
Orten den tödlichen Angriffen der Guerillas mit ihren hoch effizienten Panzerfäusten ausgesetzt gewesen.
Uri Avnery (83) wurde im nordrhein-westfälischen Beckum als Helmut Ostermann geboren. Er ist ein israelischer
Publizist und Friedensaktivist und veröffentlicht auf seiner Webseite regelmäßig Stellungnahmen zum
Konflikt im Nahen Osten.
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.
#6
matt 12:29:06 | Dienstag, 22. August 2006
#5
Artois † 16:33:17 | Montag, 21. August 2006
#3
matt 17:09:13 | Sonntag, 20. August 2006
#1
matt 16:30:44 | Sonntag, 20. August 2006