15:22:38 | Montag, 21. August 2006
Noch kurz vor Kriegsende opferten die israelischen Verantwortlichen dem Versuch, ein „Bild des Sieges“ zu präsentieren, 33 Soldaten. Von Uri Avnery.
(kreuz.net) Die israelischen Landtruppen wurden im Libanon zu einer leichten Beute der Hisbollah.
Warum
hat man sich dann im letzten Augenblick entschlossen, noch eine große Operation auszuführen, obwohl
die UNO schon fast das Ende der Feindseligkeiten ausgerufen hatte?
Die schreckliche Antwort: Es war ein
zynisches, wenn nicht sogar abscheuliches Manöver des gescheiterten Trios Ministerpräsident Olmert,
Kriegsminister Peretz und Generalstabschef Halutz.
Die drei wollten ein „Bild des Sieges“ schaffen, wie
es dann auch offen in den Medien präsentiert wurde.
Auf diesem Altar wurde das Leben von 33 Soldaten –
einschließlich einer jungen Frau – geopfert.
Das Ziel war, die siegreichen Soldaten am Ufer des Litani
zu photographieren.
Die Operation konnte nur 48 Stunden dauern, bis die Feuerpause in Kraft trat. Doch
obwohl die Armee Hubschrauber benützte, um Soldaten abzusetzen, wurde das Ziel nicht erreicht.
Die israelische
Armee hat nirgendwo den Litani erreicht.
Zum Vergleich: Während Scharons erstem Libanonkrieg 1982 überquerte
die Armee den Litani in den ersten paar Stunden.
(Der Litani ist übrigens kein Fluß mehr, sondern ein
schmaler Bach. Der größte Teil seines Wassers wird weiter im Norden abgeleitet. Seine letzte Strecke
ist 25 Kilometer von der israelischen Grenze entfernt. Von der israelischen Stadt Metulla aus sind es
sogar nur 4 Kilometer).
Als die Feuerpause in Kraft trat, befanden sich die israelischen Truppen in Dörfern
auf dem Weg zum Fluß.
Dort wurden sie – ohne sichere Nachschubverbindungen – zu Zielscheiben wie in
einer Schießbude, die von Hisbollahkämpfern umgeben war.
In Israel hört man
einen neuen Slogan der faschistischen
Rechten, die jetzt ihren häßlichen Kopf erhebt.
Von diesem Augenblick an hatte die Armee nur noch einen
Wunsch: Die Soldaten so schnell wie möglich von dort herauszuholen, egal, wer ihren Platz einnehmen würde.
Wenn – wie es sich gehört – eine Untersuchungskommission aufgestellt wird, um alle Etappen dieses Krieges
zu untersuchen, und damit begonnen wird zu prüfen, wie der Kriegsbeginn beschlossen wurde.
Dann muß
auch untersucht werden, wie man die letzte Operation begann.
Der Tod der 33 Soldaten, unter ihnen der
Sohn des israelischen Schriftstellers David Grossman – der den Krieg zunächst unterstützt hat – und
das große Leid ihrer Familien verlangt dies.
Aber diese Fakten sind der normalen Öffentlichkeit noch
nicht klar.
Die Gehirnwäsche der Militärkommentatoren und Ex-Generäle, die in der Kriegszeit die Medien
beherrschten, hat die dumme, eigentlich möchte ich die „kriminelle“ Operation sagen, als sensationelle
Siegesparade hingestellt.
Die Entscheidung der politischen Führung, den Krieg zu stoppen, wird jetzt
von vielen als ein Akt von Defätisten und rückgratlosen, korrupten, sogar verräterischen Politikern
angesehen.
Das ist der neue Slogan der faschistischen Rechten, die jetzt ihren häßlichen Kopf erhebt.
Nach dem Ersten Weltkrieg kam unter ähnlichen Umständen die Dolchstoßlegende auf, der „Dolch im Rücken
der siegreichen Armee“.
Auf dieser Welle ritt Adolf Hitler zur Macht und weiter zum Zweiten Weltkrieg.
Noch bevor der letzte gefallene Soldat beerdigt worden ist, beginnen jetzt die inkompetenten Generäle
schamlos über eine „nächste Runde“ – den nächsten Krieg – zu reden, der sicher bald „in einem Monat
oder in einem Jahr“ kommen wird – so Gott will.
Auf jeden Fall können wir die Sache nicht so – mit einem
Fehlschlag – beenden. Wo bleibt unsere Ehre?
Die israelische Öffentlichkeit ist in einem Zustand des
Schocks und der Desorientierung.
Gerechtfertigte und ungerechtfertigte Anklagen kommen aus allen Richtungen.
Man kann nicht voraussehen, wie sich die Sache entwickeln wird.
US-Präsident Bush
erklärt lautstark, daß
wir den Krieg gewonnen haben. Ein glorreicher Sieg über die Bösen. Wie sein eigener Sieg im Irak.
Vielleicht
wird am Ende der gesunde Menschenverstand gewinnen. Er erklärt, was in diesem Krieg gründlich demonstriert
wurde: Es gibt keine militärische Lösung.
Das trifft für den Norden zu. Das trifft genau so für den
Süden zu, wo wir mit einem ganzen Volk konfrontiert sind, das nichts mehr zu verlieren hat.
Der Erfolg
der libanesischen Guerilla wird die palästinensische Guerilla ermutigen.
Damit der gesunde Menschenverstand
gewinnt, müssen wir uns gegenüber ehrlich sein:
Analysieren wir unser Scheitern genau. Untersuchen
wir seine tieferen Gründe. Ziehen wir daraus die richtigen Schlüsse.
Einige Leute wollen dies um jeden
Preis verhindern.
US-Präsident Bush erklärt lautstark, daß wir den Krieg gewonnen haben. Ein glorreicher
Sieg über die Bösen. Wie sein eigener Sieg im Irak.
Wenn ein Fußballteam den Schiedsrichter wählen
kann, dann überrascht es auch nicht, wenn es zum Sieger erklärt wird.
Uri Avnery (83) wurde im nordrhein-westfälischen
Beckum als Helmut Ostermann geboren. Er ist ein israelischer Publizist und Friedensaktivist und veröffentlicht
auf seiner Webseite regelmäßig Stellungnahmen zum Konflikt im Nahen Osten.
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