Heiliges Land
Droht im Nahen Osten eine Dolchstoßlegende?
Noch kurz vor Kriegsende opferten die israelischen Verantwortlichen dem Versuch, ein „Bild des Sieges“ zu präsentieren, 33 Soldaten. Von Uri Avnery.
(kreuz.net) Die israelischen Landtruppen wurden im Libanon zu einer leichten Beute der Hisbollah.

Warum hat man sich dann im letzten Augenblick entschlossen, noch eine große Operation auszuführen, obwohl die UNO schon fast das Ende der Feindseligkeiten ausgerufen hatte?

Die schreckliche Antwort: Es war ein zynisches, wenn nicht sogar abscheuliches Manöver des gescheiterten Trios Ministerpräsident Olmert, Kriegsminister Peretz und Generalstabschef Halutz.

Die drei wollten ein „Bild des Sieges“ schaffen, wie es dann auch offen in den Medien präsentiert wurde.

Auf diesem Altar wurde das Leben von 33 Soldaten – einschließlich einer jungen Frau – geopfert.

Das Ziel war, die siegreichen Soldaten am Ufer des Litani zu photographieren.

Die Operation konnte nur 48 Stunden dauern, bis die Feuerpause in Kraft trat. Doch obwohl die Armee Hubschrauber benützte, um Soldaten abzusetzen, wurde das Ziel nicht erreicht.

Die israelische Armee hat nirgendwo den Litani erreicht.

Zum Vergleich: Während Scharons erstem Libanonkrieg 1982 überquerte die Armee den Litani in den ersten paar Stunden.

(Der Litani ist übrigens kein Fluß mehr, sondern ein schmaler Bach. Der größte Teil seines Wassers wird weiter im Norden abgeleitet. Seine letzte Strecke ist 25 Kilometer von der israelischen Grenze entfernt. Von der israelischen Stadt Metulla aus sind es sogar nur 4 Kilometer).

Als die Feuerpause in Kraft trat, befanden sich die israelischen Truppen in Dörfern auf dem Weg zum Fluß.

Dort wurden sie – ohne sichere Nachschubverbindungen – zu Zielscheiben wie in einer Schießbude, die von Hisbollahkämpfern umgeben war.
In Israel hört man
einen neuen Slogan der faschistischen Rechten, die jetzt ihren häßlichen Kopf erhebt.


Von diesem Augenblick an hatte die Armee nur noch einen Wunsch: Die Soldaten so schnell wie möglich von dort herauszuholen, egal, wer ihren Platz einnehmen würde.

Wenn – wie es sich gehört – eine Untersuchungskommission aufgestellt wird, um alle Etappen dieses Krieges zu untersuchen, und damit begonnen wird zu prüfen, wie der Kriegsbeginn beschlossen wurde.

Dann muß auch untersucht werden, wie man die letzte Operation begann.

Der Tod der 33 Soldaten, unter ihnen der Sohn des israelischen Schriftstellers David Grossman – der den Krieg zunächst unterstützt hat – und das große Leid ihrer Familien verlangt dies.

Aber diese Fakten sind der normalen Öffentlichkeit noch nicht klar.

Die Gehirnwäsche der Militärkommentatoren und Ex-Generäle, die in der Kriegszeit die Medien beherrschten, hat die dumme, eigentlich möchte ich die „kriminelle“ Operation sagen, als sensationelle Siegesparade hingestellt.

Die Entscheidung der politischen Führung, den Krieg zu stoppen, wird jetzt von vielen als ein Akt von Defätisten und rückgratlosen, korrupten, sogar verräterischen Politikern angesehen.

Das ist der neue Slogan der faschistischen Rechten, die jetzt ihren häßlichen Kopf erhebt.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam unter ähnlichen Umständen die Dolchstoßlegende auf, der „Dolch im Rücken der siegreichen Armee“.

Auf dieser Welle ritt Adolf Hitler zur Macht und weiter zum Zweiten Weltkrieg.

Noch bevor der letzte gefallene Soldat beerdigt worden ist, beginnen jetzt die inkompetenten Generäle schamlos über eine „nächste Runde“ – den nächsten Krieg – zu reden, der sicher bald „in einem Monat oder in einem Jahr“ kommen wird – so Gott will.

Auf jeden Fall können wir die Sache nicht so – mit einem Fehlschlag – beenden. Wo bleibt unsere Ehre?

Die israelische Öffentlichkeit ist in einem Zustand des Schocks und der Desorientierung.

Gerechtfertigte und ungerechtfertigte Anklagen kommen aus allen Richtungen. Man kann nicht voraussehen, wie sich die Sache entwickeln wird.
US-Präsident Bush
erklärt lautstark, daß wir den Krieg gewonnen haben. Ein glorreicher Sieg über die Bösen. Wie sein eigener Sieg im Irak.


Vielleicht wird am Ende der gesunde Menschenverstand gewinnen. Er erklärt, was in diesem Krieg gründlich demonstriert wurde: Es gibt keine militärische Lösung.

Das trifft für den Norden zu. Das trifft genau so für den Süden zu, wo wir mit einem ganzen Volk konfrontiert sind, das nichts mehr zu verlieren hat.

Der Erfolg der libanesischen Guerilla wird die palästinensische Guerilla ermutigen.

Damit der gesunde Menschenverstand gewinnt, müssen wir uns gegenüber ehrlich sein:

Analysieren wir unser Scheitern genau. Untersuchen wir seine tieferen Gründe. Ziehen wir daraus die richtigen Schlüsse.

Einige Leute wollen dies um jeden Preis verhindern.

US-Präsident Bush erklärt lautstark, daß wir den Krieg gewonnen haben. Ein glorreicher Sieg über die Bösen. Wie sein eigener Sieg im Irak.

Wenn ein Fußballteam den Schiedsrichter wählen kann, dann überrascht es auch nicht, wenn es zum Sieger erklärt wird.

Uri Avnery (83) wurde im nordrhein-westfälischen Beckum als Helmut Ostermann geboren. Er ist ein israelischer Publizist und Friedensaktivist und veröffentlicht auf seiner Webseite regelmäßig Stellungnahmen zum Konflikt im Nahen Osten.
      
5 Lesermeinungen
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#5   bonifatius   21:34:13 | Montag, 21. August 2006
Fragen!
Wie viel verdeckte und direkte finanzielle Leistungen muß Deutschland für diese Sinnlosigkeit wieder aufbringen?
Warum reklamiert die Veröffentlichte Meinung nicht ein sinnvolles, von Vernunft getragenes Arrangement, das beide Seiten ihr Gesicht wahren läßt und ein klein wenig Recht den Christen und Muslimen gewährt?
Die Macht des militärisch Stärkeren wird in diesem geschichtsträchtigen Land letztendlich keinen Stich machen.
Man muß heute schon nicht nur die Palästiner sondern auch die Juden wegen der Aussichtslosigkeit ihrer Zukunft bedauern.
Besteht nicht die Gefahr, daß dieses Pulverfass, in dem die USA involviert sind, wieder zu einem vernichteten Weltkrieg wird?
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#4   möchtegern-kathole   20:14:25 | Montag, 21. August 2006
höllischer …
… könnte die Strafe für Irael nicht sein. Sie müssen sich von Italienern beschützen lassen :-D :-D
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#3   Karl Murx   20:05:44 | Montag, 21. August 2006
Sag ich doch: der Typ ist ein Schlapphut
Kannst du dich nicht vom Acker machen?
:-!
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#2   matt   17:55:11 | Montag, 21. August 2006
was solls…
die Israelis haben den Arabern wieder mal auf die Pfeife gehauen, dafür die ihnen zuvor vor den Latz knallten. Zumindest haben die Israelis versucht sich Ziele auszusuchen und nicht wahllos Raketen hineingeschossen.
Es ist nunmal eine Tatsache: Der Libanon, die sog. Schweiz des Nahen Ostens, hat es nicht vermocht, die Hizbollah zu entwaffnen und an Anschlägen gegen Israel zu hindern. Die Araber haben ihre – ja wohl nicht mickrigen – Raketenabschussrampen mitten in ziviles Gebiet plaziert, offenbar mit Zustimmung oder stiller Akzeptanz der Bevölkerung. Aus diesem Grund ist ein derartiges Vorgehen Israels mit entsprechenden Kriegshandlungen gegen dieses Land absolut gerechtfertigt.
Ich würde das Ganze als nicht mehr sehen als einen Vergeltungsschlag, einen Dämpfer, der auch wesentlich unmenschlicher hätte durchgeführt werden können, angesichts der Dreistigkeit mit dem die Araber gegen Israel operierten und der Gleichgültigkeit mit der die libanesische Bevölkerung es offensichtlich hinnahm.
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#1   Christian Hüller   15:38:52 | Montag, 21. August 2006
Über ein unnötiges Schlamassel
Ja, dieser Krieg ging wohl „etwas“ in die Hose.
Verhältnismäßigkeit der Mittel?
Fehlanzeige.
Dann braucht’s dann eben etwas Propaganda, um das Image zu polieren.
Merke: Wer zielt, muss auch treffen.
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