18:51:09 | Montag, 21. August 2006
Von außen in die Schulen eingeschleuste Sexberater werden von den Kindern und Jugendlichen nicht als Vertrauenspersonen akzeptiert. Von Lisa Abelin.
(kreuz.net) Das Schema der Kinder-Verführungs- zeitschrift ‘Bravo’ oder der umstrittenen Beratungs- organisationen
‘pro familia’ ist immer das gleiche.
Wenn die beiden wieder mal mit einer Aufklärungskampagne in das
Leben und die Gedankenwelt der Jugendlichen eindringen wollen, dann heißt es:
Kinder und Jugendliche
seien in Sachen Sexualität in erschreckendem Ausmaß unaufgeklärt. Die Eltern drückten sich vor dieser
Aufgabe. Die Schule würde das Thema ebenfalls vernachlässigen.
Deshalb müßten die Sexualfachleute
von ‘pro familia’ ran: „Sexperten an die Front!“ nannte sich ein TV-Beitrag über ein Schulprojekt von
‘pro familia’ aus dem Jahre 2005.
Auf die Frage
nach Vertrauenspersonen, mit denen 14- bis 17jährige „offen
über sexuelle Fragen“ sprechen können, nennen zwei Drittel der Jugendlichen die Eltern
Die angebliche
Uninformiertheit der Jugendlichen zu sexuellen Fragen und ihrer Naivität meinte ‘pro familia’ in einer
Presseerklärung von 2003 mit der Überschrift demonstrieren zu müssen: „Macht Küssen schwanger?“
Eine
Untersuchung der ‘Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung’ von 2001 zeigt andere Ergebnisse.
Auf die Frage nach Vertrauenspersonen, mit denen 14- bis 17Jährige „offen über sexuelle Fragen“ sprechen
können, nennen zwei Drittel der Jugendlichen die Mutter und/oder den Vater, ein Drittel „nur Gleichaltrige“.
Sogenannte Fachleute wie Ärzte und Beraterinnen fallen als Vertrauenspersonen unter 5%.
In Elternhäusern
mit Vertrauensatmosphäre ist auch die Aufklärungsrate der Jugendlichen am höchsten: im Durchschnitt
bei 70%.
Bei den von den Jugendlichen bevorzugten Wissensvermittlern verschieben sich die Zahlen, aber
die Eltern – vor allem die Mutter – führen mit Abstand die Liste an.
92% der Jugendlichen gaben an,
daß in der Schule sexualkundliche Themen behandelt wurden.
Damit ist klar, daß eine zusätzliche Sexualerziehung
durch außerschulische „Fachleute“ zum Beispiel von ‘pro familia’ und ‘Donum vitae’ unnötig ist, zumal
diese Personen als Vertrauenspersonen von den Jugendlichen sowieso nicht akzeptiert werden.
Trotzdem
drängen sich die genannten Organisationen immer wieder den Schulen auf.
‘Donum vitae’ ist eine Beratungsorganisation
mit katholischer Tünche, die sich aber dem staatlichen System der ergebnisoffenen Beratungsscheinvergabe
unterwirft.
Eine ‘Donum-vitae’-Beraterin meldete sich zum Beispiel für eine neunte Klasse einer Realschule
in Mittelhessen an.
Bei dem zweistündigen Kurs mußte der Lehrer draußen bleiben – angeblich, weil
sich die Schüler bei „intimen Fragen und Probleme“, die sie der schulfremden Person selbstverständlich
anvertrauten, vor der pädagogischen Vertrauensperson schämen würden.
Nach einer Stunde trifft der
Lehrer einen Schüler vor der Klassentür. Was ist los?
Kein Bedarf
„Habt ihr denn keine weiteren Fragen
zur Sexualität?“ so der Ausruf einer ‘pro-familia’-Frau. „Doch“, war die lockere Antwort einer 15jährigen:
„Aber nicht vor 30 Mitschülern und einer wildfremden Person!“
„Die ‘Donum-vitae’-Frau hat mich wegen
einer kritischen oder unpassenden Frage hinausgeworfen.“
Ein Jahr später will die Beraterin erneut eine
Klasse aufklären, diesmal 14jährige Hauptschüler. Sie verlangt die Gegenwart der Lehrperson, weil die
Klasse schwierig ist.
Die Beraterin hat etwas von „handlungsorientiertem Ansatz“ gehört und beginnt
mit einem Rollenspiel zu der Beratungssituation in der §218-Konfliktberatung.
Die Schüler haben von
der Sache und der realen Beratungssituation, wie zu erwarten, keine Ahnung. Das Rollenspiel wird abgebrochen.
Die Stunde endet chaotisch.
Das sind Erfahrungen, die gelegentlich auch ‘pro-familia’-Beraterinnen mit
Schulklassen machen müssen:
Für eine Gruppe von 20 bis 30 Jugendliche ein soziales Lernfeld und ein
geordnetes Lernverfahren zu planen und durchzuführen, ist etwas völlig anderes als die Einzelbetreuung
in einer Beratungsstelle.
‘Donum vitae’ bietet seinen Beraterinnen laut Programm keine Ausbildung in
schul- und gruppendidaktischer Pädagogik.
Bei ‘pro familia’ ist zwar „sexualpädagogische Gruppenarbeit“
vorgesehen. Aber der Verband sieht seine Schul- und Klassenprojekte grundsätzlich als „Beratung zu Themen
rund um die Sexualität“ – also als Fortsetzung der Einzelberatung.
Die Sexualberater von ‘pro familia’
machen in der Schule vielfach die Erfahrung, daß das Beratungsbedürfnis der Klassen gegen Null geht.
Die sogenannten Wissensfragen wurden zumeist schon im Biologieunterricht geklärt.
„Habt ihr denn keine
weiteren Fragen zur Sexualität?“ so der Ausruf einer gestreßten ‘pro-familia’-Frau.
„Doch“, war die
lockere Antwort einer 15jährigen: „Aber nicht vor 30 Mitschülern und einer wildfremden Person!“
Die
Sexperten von ‘pro familia’ und ‘Donum vitae’ haben von Gruppen- und Schulpädagogik wenig bis keine Ahnung.
Deshalb vermasseln sie meist den Unterricht.
Aus diesem Grunde sollten die genannten Organisationen aus
der Schule ferngehalten werden.
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