13:43:46 | Freitag, 25. August 2006
Der Papst will sich im September zusammen mit seinen Schülern Vorträge zum Thema „Schöpfung und Evolution“ anhören. Welche Referenten dabei welche Positionen vertreten werden, ist jetzt schon klar.
(kreuz.net, Castel Gandolfo) Am ersten Septemberwochenende trifft sich der sogenannte Ratzinger-Schülerkreis
in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo, um das Thema „Schöpfung und Evolution“ zu diskutieren.
Der Vatikanist der US-Wochenzeitung ‘National Catholic Reporter’ John Allen hat die Namen der vier Referenten
ausfindig gemacht.
Es handelt sich um den Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn, den emeritierten
Münchner Professor für Naturphilosophie, Pater Paul Erbrich SJ, den emeritierten Münchner Philosophieprofessor
Robert Spaemann und den Präsidenten der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Professor Peter
Schuster.
Von der Debatte unter den Ratzinger-Schülern kann man sich laut Allen zwei Dinge erwarten:
· eine Diskussion darüber, wie überzeugend die wissenschaftlichen Beweise für eine Entstehung der
Schöpfung und des Menschen durch Evolution sind.
· Einigkeit darüber, daß eine Evolutionstheorie,
welche die Gottursächlichkeit ausschließt, mit dem Christentum unvereinbar ist.
Der Naturphilosoph
Pater Erbrich wird die sogenannte Wissenschaftlichkeit der Evolutionstheorie widerlegen.
Seine Argumente gegen die Evolutionstheorie sind unter anderem die sogenannten Missing Links –
die fehlenden Bindeglieder zwischen den Arten. Charles Darwin glaubte noch, daß spätere Funde von Versteinerungen
sie zu Tage fördern würden. Doch das war bisher nicht der Fall.
Daß man die Missing Links im Molekularbereich
gefunden habe, widerlegte Pater Erbrich in einem Aufsatz von 1985.
Er zeigte dabei auf, daß die angeblich
gefundenen Bindeglieder im Molekularbereich – das heißt: Proteine von ähnlicher Funktion und Struktur –
auch völlig verschiedenen Arten verbinden würden. Deshalb müßten dieselben Proteine zwei oder mehrmals
und unabhängig voneinander durch Zufall entstanden sein. Die Wahrscheinlichkeit dafür sei allzu gering.
Als Grund für die breite Akzeptanz der unwahrscheinlichen Evolutionstheorie nannte der Jesuit die Tatsache,
daß eine naturwissenschaftlich formulierbare Alterantive fehle.
Der Molekularbiologe Peter Schuster
wird beim Schülerkreis die Gegenposition darlegen und die Evolutionstheorie verteidigen.
Schuster erklärte
im Gespräch mit Journalist Allen, daß er katholisch „gewesen sei“ und sich heute als „Agnostiker“ verstehe.
Einen Schöpfergott könne er akzeptieren, aber mit der Vorstellung eines persönlichen Gottes habe er
Probleme.
Professor Schuster schrieb im Fachjournal ‘Complexities’ eine Replik auf einen
Artikel, den
Kardinal Schönborn im Juli 2005 in der ‘New York Times’ zum Thema der Evolutionstheorie publiziert hatte.
Darin erklärte der Professor, daß die Evolutionstheorie von Darwin das Sichtbare ohne einen Schöpfer
vollständig erklären lasse.
Es gibt in der Schöpfung – glaubt Schuster – keine klaren Hinweise auf
einen Plan oder einen aktiven Designer:
„Die Darwin’sche Evolution ist ein empirisch-wissenschaftliches
Faktum in derselben Klasse wie das kopernikanische Sonnensystem, die Newtonsche Mechanik oder Einsteins
Quantenmechanik.“ Sie sei weder eine Hypothese unter anderen noch eine Ideologie.
Nach diesem schriftlichen
Schlagabtausch begegneten sich Professor Schuster und Kardinal Schönborn bei einem Treffen von Physikern
in der oberösterreichischen Ortschaft Traunkirchen, wo beide als Referenten eingeladen waren.
Der Professor
erkannte dabei, daß seine Meinungsverschiedenheiten mit dem Kardinal viel geringer waren, als angenommen.
Kardinal Schönborn habe seine frühere Aussage, daß die Biologen eine Ideologie verbreiteten, nicht
wiederholt.
Darüber ist Schuster sehr froh. Er und der Kardinal würden beide die Evolutionslehre vertreten.
Die einzige Unstimmigkeit bestehe in der Frage, ob die Evolution einen Schöpfer verlange oder nicht.
Dagegen erklärte Kardinal Schönborn Ende Februar aber in einem handgeschriebenen
Brief an einen deutschen
Arzt, daß das „ideologische Gebäude des Evolutionsmus zusammenbrechen“ werde: „Was von der echt wissenschaftlichen
Seite der Theorie überbleibt, wird sich zeigen.“
Die Wahl Schusters als Referent beim Schülerkreis
wurde diesem telephonisch mitgeteilt:
„Kardinal Schönborn bat mich, den mehr oder minder gleichen Vortrag
[von Traunkirchen] auch vor dem Papst und seinen Doktoratsstudenten zu halten.“
Bei einem anschließenden,
gemeinsamen Mittagessen fragte der Professor den Kardinal: „Warum ich? Es gibt bestimmt Evolutionsbiologen,
die der Kirche näherstehen.“
Der Kardinal erklärte darauf, daß der Heilige Vater jemanden suche, der
den Schöpfungsglauben vollständig leugne.
Schuster glaubt, daß sich der Schülerkreis der Erklärung
von Johannes Paul II. im Jahr 1996 anschließen werde, wonach die Evolutionstheorie mehr als eine Hypothese
sei. Er glaubt, daß Benedikt XVI. in der Frage der Evolution eine ähnliche Meinung vertritt wie Johannes
Paul II.
Er selber werde darlegen, daß es im Labor möglich sei, natürliche Evolutionsprozesse nachzubauen.
Das dürfte den Papst interessieren.
Nächstes Mal: Was sagt der Münchner Philosophen Robert Spaemann
zu Schöpfung und Evolution?
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