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Sonntag, 27. August 2006 17:22
Alpträume der Vernunft
Die Aufklärer bemühten sich, die Religion mit Vernunft und Zwang umzustülpen. Das Resultat: Blut und Tränen. Von Leo G. Schüchter.
(kreuz.net) Eine Haltung kennzeichnete die aufgeklärten Autoren der „Enzyklopädie“ ganz besonders: ihr Haß gegen die Katholische Kirche.

Die Enzyklopädie – auch Lexikon der Wissenschaften, Künste und Berufe genannt – wurde in den Jahren 1751 bis 1765 in Frankreich publiziert.

Es ist nicht verwunderlich, daß die Autoren der Enzyklopädie auch am jüdischen Glauben kein gutes Haar ließen.

Obwohl sie die jüdische Religion als Ursprung des Christentums wie des Islam anerkannten, müßte das religiöse Judentum letztlich dem Christentum weichen.

Der Aufklärer und Herausgeber der Enzyklopädie Diderot († 1784) dekretiert in seinem Artikel „Philosophie des Juifs“, daß es sich bei den Juden um eine ignorante und abergläubische Nation handle, deren Philosophie aus einer konfusen Mischung von Vernunft und Offenbarung bestehe, die in Fanatismus mündete.

Ins gleiche Horn blies der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau († 1778).

Seine Anschauung und Bewertung der Religionen ist mit jener von Immanuel Kant und Gotthold Ephraim Lessing zu vergleichen.

Wie diese lehnte Rousseau die sogenannten Zeremonialreligionen ab – und damit auch die jüdische Nationalreligion.

Er ließ nur eine „Religion der Herzen“ gelten.

Einen neuen, gefährlichen Gedanken brachte Rousseau ins Spiel, als er ein Minimalprogramm einer „staatsbürgerlichen Religion“ konstruierte. Diese sollte für alle Staatbürger verpflichtend sein – sozusagen eine Zwangsreligion.

In diesem Programm deutet sich die Rolle an, welche die philosophischen Träumereien Rousseaus – nach einem Diktum des spanischen Malers Francisco José de Goya – während der Französischen Revolution spielen sollten:

Der Traum der Vernunft wird zu einem Alptraum, der politische Monster und Ungeheuer erzeugt.

Die meisten Schul- und Geschichtsbücher behaupten, die Erklärung der Bürger- und Menschenrechte vom August 1789 sei aus den Schriften Rousseaus hervorgegangen.

Nichts ist falscher als das.

Das Freiheits- und Menschenrechtsprogramm der Französischen Revolution geht auf die lange Tradition der englischen Aufklärung zurück.

Es brauchte keine Gewalttätigkeiten, um durchgesetzt zu werden.

Die Gedanken und Schriften Rousseaus haben dagegen die blutige Schreckensherrschaft der sogenannten zweiten Revolution von 1792 – also das Programm der Unfreiheit und des Terrors – maßgeblich beeinflußt.

Der gefährliche Träumer von Genf lehnte in seinen politischen Grundschriften alle politischen Freiheiten und individuellen Rechte ab, die für unsere heutige Demokratie konstitutiv sind: Gewissens- und Gedankenfreiheit, Meinungs- und Pressefreiheit, Recht auf Gruppen- und Parteienbildung.

Ebenso strikt wendet er sich gegen die Strukturformen der Demokratie, gegen Pluralismus und Parteienwahl, Mehrheitsentscheidung und Kompromisse, Regierungsabwahl und Minderheitenschutz.

Rousseau entwirft ein totalitäres Politik-Konzept: Es gebe für ein Gemeinwesen nur eine politische Wahrheit und vernünftige Richtigkeit, die im Gemeinwohl der volonté générale bestehe.

Zu diesem aus Vernunft erkennbarem Allgemeinwohl muß jeder Staatsbürger – citoyen – zustimmen und beitragen.

Wer eine andere Einstellung, Meinung und Praxis demonstriert, ist per definitionem unvernünftig, egoistisch, gemeinschaftsfremd und staatsfeindlich.

Das Gemeinwesen habe das Recht, diese Bürger – bourgoises – mit Zwang und Gewalt bis hin zu Ausstoßung und Tod zu bestrafen.

Wer aber erkennt das a priori feststehende Gemeinwohl?

Im Prinzip jeder vernünftige Bürger – so Rousseau.

In der konkreten Wirklichkeit der Französischen Revolution waren das die Personen, die am lautesten „Vernunft“ schrien und ihre „Vernunftanschauung“ mit Gewalt durchzusetzen wußten: die Jakobiner.

Mit dem Jakobiner-Putsch von 1792 – „Parlamentarier, setzt den Terror auf die Tagesordnung!“ – wurde erstmals ein totalitäres System staatlicher Beherrschung und Bedrückung in die europäische Geschichte eingeführt und praktiziert.

Neu an diesem Diktatur-System war, daß die Mobilisierung der Massen für die Systemziele genutzt, die Gewalttätigkeiten des Pöbels geschürt und systemkonform gelenkt wurden.

Die Schreckens- und Terrorherrschaft der Jakobiner, eine Diktatur mit volksdemokratischem Mäntelchen, muß als die Urkatastrophe Europas angesehen werden.

Denn dieser mörderische Totalitarismus sollte in der Menschheitsgeschichte Schule machen.

Die Schrecken der bolschewistischen Revolutionäre, von Adolf Hitler und Mao Tse-tung sitzen der Menschheit immer noch in den Knochen.
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 36 Lesermeinungen:
Dienstag, 29. August 2006 00:39
Christian Hüller: Ad Matzerath
Wie gesagt: Sie dürfen und sollen fragen.

Aber die von mir beschriebene letzte Ursache ist
kein Platzhalter für eine noch nicht gefundene Erklärung.

Zumindest ist sie das nur vorläufig und ganz gewiss nicht nur.

Denn selbstverständlich ist a l l es , was geschieht in in einer uns unzugänglichen Weise auch von Gott gewollt oder zumindest zugelassen.

Wenn ich Gott postuliere, heißt das nicht, dass ich auf Erklärungen verzichte.

Im Gegenteil: Gerade das Postulieren von Gott erfordert dringend, das wirklich Erklärbare, Irdische, Begrenzte vom wirklichen Mysterium zu trennen, nicht dass man noch einem Götzen anhängt.

Ich lehne es also ab, die Annahme von Gott als irrational
abzutun.

Insgesamt bringt es wohl mehr, Gott zu postulieren als darauf zu verzichten.
Dienstag, 29. August 2006 00:25
Oskar Matzerath: @ Hüller
Gott ist doch nur ein Platzhalter und keine Erklärung.
Vermutlich werden wir nie alles wissen. Wahrscheinlich ist das was wir wissen, verglichen mit dem was wir nicht wissen, wie ein Tropfen im Ozean.
Die Frage ist nur ob ich mich der Fragwürdiglkeit und Zerbrechlichkeit meines Lebens stelle oder ob ichs mir bequem mache und mir einen netten älteren Herrn mit Rauschebart herbei phantasiere der mir stellvertretend alle Ängste, Sorgen und unerfüllten Wünsche abnimmt denen ich anders nicht den Mut habe zu stellen!?

Warum passt sich der Organismus an? Wie kam es zu den zufälligen Veränderungen der entsprechenden genetischen Strukturen?

Das werden wir nur heraus finden wenn wir auch den Mut haben Fragen zu stellen und nicht von vorn herein überall Gott vermuten. Die Menschen wußten im 12. Jhr. auch nicht was Krankheiten sind. Auf eine Erklärung wie sie die heutige Wissenschaft bietet mit Viren und Bakterien, Krankheiten also als Lebensformen, wären sie nie gekommen. Bei manchen Fragen wie der Evolutionstheorie oder Unvereinbarkeit von Quantentheorie und Relativitätstheorie mag es ähnlich sein.

Liegt er damit so falsch? Nun denn, nicht falscher wohl als Sie…

Und wie kommt man vom Gott als letzte Ursache zur peniblen Regelung des gesamten Tagesablaufs, zur dogmatischen Festzurrung sämtlicher Aspekte und Eigenschaften Gottes oder zu abstrusen politischen Forderungen, wie sie bspw. von der Pius Sekte propagiert werden?
Montag, 28. August 2006 23:53
Christian Hüller: Ad Matzeroth
Wissen Sie Oskar Mazerath, definieren wir Vernunft doch einfach mal als die Fähigkeit, Ursache und Wirkung zu unterscheiden und halten sogar fest, dass sich diese Fähigkeit im Laufe der Evolution durch Anpassung entwickelt hat, so müssten wir, wenn wir ehrlich sind, doch unendlich weiterfragen: Warum passt sich der Organismus an? Wie kam es zu den zufälligen Veränderungen der entsprechenden genetischen Strukturen? Und so weiter und so fort. Und irgendwann kommen Sie mal an einen Punkt, da müssen Sie einfach eingestehen: „Ich weiß es nicht.“

Sie dürfen jetzt postulieren: „Irgendwann werden wir es schon wissen.“

Und keiner wird es Ihnen nehmen, weiter zu forschen und zu fragen.

Der Gläubige, der Übrigens durchaus auch ein Fragender sein kann, setzt als letzte Ursache Gott bzw. ein großes Mysterium.

Liegt er damit so falsch? Nun denn, nicht falscher wohl als Sie…

Die Gottbegründetheit der Vernunft kommt übrigens ganz schön in den bibl. Schöpfungsberichten (= Mythen) zum Ausdruck.
Montag, 28. August 2006 23:31
Oskar Matzerath: @ Sirilo
Es gibt das Gesetz von Ursache und Wirkung.
Jede Wirkung hat eine Ursache. Nichts passiert ohne Ursache.
Es ist aber nicht zulässig das Kausalitätsprinzip auf sich selbst anzuwenden und zu sagen das Gesetz von Ursache und Wirkung muss selbst auch eine Ursache haben.

Genauso wie es logisch unzulässig ist zu sagen die Zeit müsse selbst einen Anfang und ein Ende haben. Denn Anfang und Ende setzen eine exitierende Zeit bereits voraus.

Mit ihrer Frage woher die Vernunft kommt, wollen Sie vermutlich auf einen Schöpfergott anspielen. Sozusagen eine Über-vernunft, die die Vernunft erst geschaffen hat.
Das ist aber wie eben beschrieben nicht zulässig.
Wir diskutieren hier über Dinge die jenseits der menschlichen Erfahrung liegen und die man deshalb nicht beantworten kann.
Montag, 28. August 2006 23:28
Christian Hüller: Ad Matzerath
Mit ist nicht ganz klar, was Sie in Ihrem Beitrag sagen wollen.

In jedem Fall meine ich Ihren Ausführungen entnehmen zu können, dass die Aufklärer Ihrer Meinung nach einen neuen Mythos gegründet haben, den Mythos der Vernunft. In dem begrenzten Sinne vielleicht, als Sie der individuellen menschlichen Vernunft sehr viel, nämlich zu viel zutrauten, kann ich Ihnen zustimmen.

Denn das 20. Jd. war ja bekanntlich nicht gerade friedlich.
Hat die Vernunft versagt? Ich denke schon.
Niemand, auch Sie nicht, wird dies ernsthaft bestreiten können.

Weiterhin ist der blinde Glaube an die Vernunft, abgesehen davon, dass es ein wirklich blinder Glaube ist, nun alles andere als Religion. Zur Religion gehören Kult mit eigenem Personal, Mythen, Riten, eigene Symbole …

Mythen sind auch keineswegs irrational, wie Sie offenbar annehmen: Sie verdeutlichen nur das, was für den Menschen immer schon relevant und wahr ist, zumindest gilt das für die biblischen Mythen.

Im Übrigen bekennt sich die Kath. Kirche neuerdings (jedenfalls gewiss seit den 60er Jahren) zur Religionsfreiheit.

Diesen Forschritt dürfen auch Sie würdigen
und dann die Frage von Sirilo beantworten …
Montag, 28. August 2006 23:20
Sirilo: @Matzerath
Ich habe keine schlechte Nachricht bekommen. Mich interessiert nur: Woher kommt die Vernunft?
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