15:53:04 | Freitag, 1. September 2006
Der Philosoph Robert Spaemann wird beim bevorstehenden Ratzinger-Schülerkreis als Vertreter einer traditionellen Philosophie referieren. Auch er hat sich in der Frage der Entstehung der Welt vom überlieferten Schöpfungsglauben gelöst.
(kreuz.net) Einer der vier Referenten beim diesjährigen Treffen des Ratzinger-Schülerkreises zum Thema
‘Schöpfung und Evolution’ ist der emeritierte Münchener Philosophieprofessor Robert Spaemann.
Das Treffen
findet am kommenden Wochenende in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo statt.
Der Vatikanist
der US-Wochenzeitung ‘National Catholic Reporter’, John Allen, stellte am letzten und vorletzten Freitag
die
Referenten vor.
Der renommierte Philosoph Spaemann vertrete in der Schöpfungsfrage eine ähnliche
Position wie der Wiener Kardinal Christoph Schönborn – so Allen.
Kardinal Schönborn erklärte vor Allen,
daß es für Katholiken seit der Enzyklika ‘Humani generis’ von Pius XII. klar gewesen sei, daß die Evolutionstheorie
für das Verständnis mancher Mechanismen wahr sein könne.
Allerdings könne die Theorie die Entstehung
des Lebens nicht vollständig erklären.
Spaemann unterstützte die Thesen
Kardinal Schönborns Ende Juli 2005 in einem Kommentar für die kirchenfeindliche österreichische Tageszeitung
‘Der Standard’.
Dabei erklärte er, daß die Deszendenztheorie – nach der die verschiedenen Arten des
Lebendigen in einem genealogischen Zusammenhang stehen – nicht zur Debatte stehe.
Die christliche Theologie
habe den Gedanken einer sich über Jahrmillionen hin erstreckenden „kontinuierlichen Schöpfung“ und eines
möglichen Abstammungsverhältnisses des Menschen zu vormenschlichen Lebewesen seit Langem akzeptiert.
Umgekehrt hätten Evolutionstheoretiker die Hypothesen von Charles Darwin († 1882) wesentlich verfeinert.
Der gegenwärtige Konfliktstoff liege in der Frage, ob die „Entwicklung der Arten“ nur durch einen dahinterliegenden
intelligenten Plan verstehbar sei oder nicht.
Die Frage werde von vielen Evolutionsbiologen verneint.
Man begnüge sich mit der Annahme von Vorteilen aus zufälligen genetischen Veränderungen.
Für Spaemann
läßt sich der Evolutionsprozeß genauso mit als ohne dahinterliegender göttlichen Absicht darstellen.
Der Philosoph erklärt das an einem Beispiel.
Die Geschehnisse in einem Film würden der Logik des Drehbuchs
folgen. Der Ziegel, der einem Menschen im Film auf den Kopf fällt und ihn tötet, sei die innerfilmische
Ursache des Todes des betreffenden.
Diesen innerfilmischen Vorgang könne man verstehen, ohne zu wissen,
daß die eigentliche Ursache der Filmstreifen und der Projektor ist, der im Film selbst nicht vorkommt.
Der von Gott ausgeführte Schöpfungsakt sei nach der religiösen Schöpfungsphilosophie Ursprung der
Naturgesetze und der Interferenzen physikalischer Prozesse, die man Zufall nennt.
Die Frage laute nun:
Gibt es im Film Vorkommnisse oder Hinweise, die als Spuren des Autors – des Filmteams – gelesen werden
können?
Umgemünzt auf die Welt: Enthält sie Spuren einer Absicht?
Um diese Frage zu beantworten geht
Spaemann zuerst auf die Entstehung der Natur ein. Man könne die Menschen nicht daran hindern, in ihnen
die Künstlerhand eines Schöpfers zu bewundern.
Man könne einen Sack voll Buchstaben ausschütten und
die Buchstaben könnten so zu Boden fallen, daß sich der Text des Johannesprologes ergebe. Diese zufällige
Kombination sei nicht unwahrscheinlicher als jede andere.
„Und doch werden wir uns weigern, an Zufall
zu glauben, weil sich diese Kombination von Billionen anderen durch ihren Sinn auszeichnet.“
Andererseits
könne niemand gezwungen werden, die Botschaft in der Natur wahrzunehmen.
Das bloße Funktionieren hochkomplexer
Überlebensmechanismen nötige den Menschen nicht zu dieser Wahrnehmung.
Darum brauche niemand einen
Einwand zu machen, wenn die Entstehung der Natur ohne Rückgriff auf ein Design – auf einen göttlichen
Plan – erklärt werde.
Anders als mit der Natur verhalte es sich mit der Entstehung des Lebens und des
denkenden Bewußtseins.
Leben sei kein Aggregatzustand der Materie: „Der tote Löwe ist nicht in einem
anderen Zustand, sondern er ist nicht mehr.“
Der Mensch könne „Ich“ sagen. Er habe Bewußtsein und könne
für sein eigenes Sein danken, Mathematik treiben, andere Lebewesen und andere Menschen nicht nur als
Umwelt, sondern als eigene Wirklichkeitszentren wahrnehmen und anerkennen.
Leben und Vernunft seien in
der Geschichte des Universums erst spät aufgetreten.
Dieser Auftritt könne nicht als Variation von
etwas schon Dagewesenen verstanden werden. Es sei neu:
„Wie immer es entstanden sein mag, es hat sich
von seinen Entstehungsbedingungen emanzipiert und ist »es selbst«.“
„Wenn es überhaupt einen Grund
hat, dann kann dieser Grund nur selbst von der Art der Innerlichkeit sein, und das heißt: eine Absicht.“
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