17:23:27 | Samstag, 2. September 2006
Es läßt sich mit Sicherheit nachweisen, daß es eine Zelebration zum Volk weder im Osten noch im Westen gegeben hat. Von Mons. Klaus Gamber († 1989).
(kreuz.net) Hw. Franz Joseph Dölger ist in seinem grundlegenden Buch ‘Sol salutis’ der Überzeugung,
daß die Antwort des Volkes „Habemus ad Dominum“ im Anschluß an den Ruf des Priesters „Sursum corda“
ein Hingewendetsein nach Osten meint – zumal einige orientalische Liturgien in einem Ruf des Diakons eigens
dazu auffordern.
Dies gilt für die koptische Basilius-Liturgie, wo es zu Beginn der Anaphora heißt:
„Kommt heran, ihr Männer, steht da in Ehrfurcht und schaut nach Osten!“
Oder die ägyptische Markus-Liturgie,
wo ein ähnlicher Ruf – „Schauet nach Osten!“ – mitten im Eucharistiegebet, und zwar vor der Überleitung
zum Sanctus, seinen Platz hat.
In der kurzen Liturgiebeschreibung im zweiten Buch der Apostolischen Konstitutionen
aus dem Ende des 4. Jahrhunderts wird ebenfalls ein Aufstehen zum Gebet und eine Ausrichtung nach Osten
vorgeschrieben.
Im achten Buch wird der entsprechende Ruf des Diakons mitgeteilt: „Stehet aufrecht zum
Herrn hin!“
Die Hinwendung zum Herrn und die Ausrichtung nach Osten war demnach für die Frühkirche
dasselbe.
Die Sitte, zum Sonnenaufgang hin zu beten, ist, wie Dölger gezeigt hat, uralt und war bei
Juden und Heiden üblich.
Sie wurde schon früh von den Christen übernommen.
So ist bereits 197 für
Tertullian († 230) das Gebet nach Osten hin eine Selbstverständlichkeit.
In seinem ‘Apologeticum’ spricht
er davon, daß die Christen „in Richtung der aufgehenden Sonne hin beten“. In ihr sah man ein Symbol für
den zum Himmel aufgefahrenen und von dort wiederkommenden Herrn.
Damit die Strahlen der aufgehenden Sonne
während der Meßfeier in das Kircheninnere fallen konnten, hat man im 4./5. Jahrhundert in Rom, gelegentlich
auch anderorts, den Eingang im Osten angebracht, wobei die Türen aus diesem Grund geöffnet bleiben mußten
und auch eine Gebetsrichtung zu den Türen hin notwendig wurde.
In diesen Fällen hatte der Liturgie –
wie bereits
kurz angedeutet – seinen Platz hinter dem Altar, um beim Opfer den Blick nach Osten gerichtet
zu haben.
Damit war jedoch nicht, wie man meinen könnte, eine Zelebration versus populum gegeben, da
sich die Gläubigen ihrerseits ebenfalls beim Beten nach Osten ausgerichtet haben.
Es kam also auch in
den genannten Basiliken nicht zu einem Gegenüber von Priester und Volk bei der Eucharistiefeier.
In
diesen befand sich das Volk – getrennt nach Männern und Frauen – in den beiden Seitenschiffen, wobei
in der Regel zwischen den Säulen Vorhänge angebracht waren.
Das Mittelschiff diente für den feierlichen
Einzug des Zelebranten und seiner Assistenz. Hier hatte auch der Chor seinen Platz.
Selbst in dem hypothetischen
Fall, daß die Gläubigen in der Frühkirche während des Opfergebetes in den alten römischen Basiliken
nicht zum Eingang, also nach Osten, sondern zum Altar geschaut hätten, wäre es dennoch nicht zu einem
Gegenüber von Priester und Volk gekommen, da der Altar während des Eucharistiegebets durch Vorhänge
verdeckt war.
Diese wurden – wie Johannes Chrysostomus ausdrücklich bezeugt – erst wieder zur anschließenden
diakonalen Litanei geöffnet.
Die Gläubigen standen demnach in jenen Basiliken – in denen der Eingang
und nicht die Apsis im Osten lag – während des Gebets nicht mit dem Gesicht zum Altar.
Sie kehrten diesem
aber auch nicht den Rücken zu, was nach antiker Auffassung wegen der Heiligkeit des Altares unmöglich
gewesen wäre.
Da sie sich in den Seitenschiffen aufhielten, hatten sie den Altar zu ihrer Linken beziehungsweise
Rechten. Sie bildeten einen nach Osten hin geöffneten Halbkreis, wobei sich der Zelebrant und seine Assistenz
im Scheitelpunkt dieses Halbkreises befanden.
Wie lagen die Dinge in den mit der Apsis geosteten Kirchen?
Hier kam es darauf an, welche Plätze die Gottesdienstteilnehmer einnahmen.
Umstanden sie in einem weiten
Halbkreis den in der Apsis befindlichen Altar, dann haben wir auch hier den nach Osten zu sich öffnenden
Halbkreis – nur, daß jetzt der Liturge nicht mehr im Scheitelpunkt, sondern im Mittelpunkt seinen Platz
hat. Er ist dadurch stärker von den übrigen Teilnehmern abgehoben.
Im Mittelalter hingegen hat das
Volk fast allgemein im Mittelschiff der Kirche Aufstellung genommen, während nun die Seitenschiffe zu
Prozessionswegen wurden.
Durch diese Aufstellung hinter dem zelebrierenden Priester kam etwas Dynamisches
hinein, etwas vom Zug des Gottesvolkes ins Gelobte Land.
Die Ausrichtung nach Osten sollte zugleich das
Ziel des Zuges angeben: das verlorene Paradies, das man im Osten suchte (Gen 2,8).
Der Liturge und seine
Assistenz bildeten die Spitze dieses Zuges.
Durch den geöffneten Halbkreis – die ursprüngliche Aufstellung
der Gottesdienstteilnehmer zum Gebet – war im Gegensatz zur Dynamik des Zuges ein statisches Prinzip verwirklicht:
die Erwartung des nach Osten hin aufgefahrenen (Ps 67, 34) und von dort wiederkommenden Herrn (Apg 1,11).
Der geöffnete Halbkreis ist dabei das natürlich Gegebene. Wenn man eine hohe Persönlichkeit erwartet,
öffnet man die Reihen und bildet so einen Halbkreis, um den Erwarteten in die Mitte aufzunehmen.
Einen
ähnlichen Gedanken spricht Johannes Damascenus aus:
„Bei seiner Himmelfahrt fuhr er nach Osten auf,
und so beteten ihn die Apostel an, und so wird er wiederkommen, wie sie ihn haben hingehen sehen in den
Himmel, wie der Herr selbst sagt: Wie der Blitz ausgeht vom Aufgang und leuchtet bis zum Niedergang, so
wird auch die Ankunft des Menschensohnes sein. Da wir ihn erwarten, beten wir nach Osten an. Das ist eine
ungeschriebene Überlieferung der Apostel.“Zwar ist es richtig, wie Prälat Otto Nußbaum sagt, daß
der moderne Mensch für eine Hinwendung beim Gebet nach Osten wenig Verständnis mehr aufbringt.
Für
ihn besitzt die aufgehende Sonne nicht mehr die Symbolkraft wie für den antiken Menschen.
Etwas anderes
ist es hingegen mit der Gleichrichtung von Priester und Volk beim Gebet zu Gott hin.
Daß alle Gläubigen
nach dem eingangs zitierten Wort des Augustinus „conversi ad Dominum“ sein sollen, diese Forderung ist
sicher zeitlos und auch heute noch sinnvoll.
Es ist zugleich, wie Kunstmann sagt, ein „Ausschauen nach
dem Ort des Herrn“.
Aus dem Buch „Die Reform der römischen Liturgie“ von Mons. Klaus Gamber. Regensburg
1979. Kapitel 11: „Die Zelebration »versus populum« (»zum Volk hin«) – liturgisch und soziologisch
gesehen“.
Der Text erschien im Begleitheft für eine von der Priesterbruderschaft St. Pius X. produzierten
DVD zur Erlernung der Alten Messe.
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