Eine Erfindung der 60er Jahre
Es läßt sich mit Sicherheit nachweisen, daß es eine Zelebration zum Volk weder im Osten noch im Westen gegeben hat. Von Mons. Klaus Gamber († 1989).

Dies gilt für die koptische Basilius-Liturgie, wo es zu Beginn der Anaphora heißt: „Kommt heran, ihr Männer, steht da in Ehrfurcht und schaut nach Osten!“
Oder die ägyptische Markus-Liturgie, wo ein ähnlicher Ruf – „Schauet nach Osten!“ – mitten im Eucharistiegebet, und zwar vor der Überleitung zum Sanctus, seinen Platz hat.
In der kurzen Liturgiebeschreibung im zweiten Buch der Apostolischen Konstitutionen aus dem Ende des 4. Jahrhunderts wird ebenfalls ein Aufstehen zum Gebet und eine Ausrichtung nach Osten vorgeschrieben.

Die Hinwendung zum Herrn und die Ausrichtung nach Osten war demnach für die Frühkirche dasselbe.
Die Sitte, zum Sonnenaufgang hin zu beten, ist, wie Dölger gezeigt hat, uralt und war bei Juden und Heiden üblich.
Sie wurde schon früh von den Christen übernommen.
So ist bereits 197 für Tertullian († 230) das Gebet nach Osten hin eine Selbstverständlichkeit.
In seinem ‘Apologeticum’ spricht er davon, daß die Christen „in Richtung der aufgehenden Sonne hin beten“. In ihr sah man ein Symbol für den zum Himmel aufgefahrenen und von dort wiederkommenden Herrn.
Damit die Strahlen der aufgehenden Sonne während der Meßfeier in das Kircheninnere fallen konnten, hat man im 4./5. Jahrhundert in Rom, gelegentlich auch anderorts, den Eingang im Osten angebracht, wobei die Türen aus diesem Grund geöffnet bleiben mußten und auch eine Gebetsrichtung zu den Türen hin notwendig wurde.
In diesen Fällen hatte der Liturgie – wie bereits kurz angedeutet – seinen Platz hinter dem Altar, um beim Opfer den Blick nach Osten gerichtet zu haben.
Damit war jedoch nicht, wie man meinen könnte, eine Zelebration versus populum gegeben, da sich die Gläubigen ihrerseits ebenfalls beim Beten nach Osten ausgerichtet haben.
Es kam also auch in den genannten Basiliken nicht zu einem Gegenüber von Priester und Volk bei der Eucharistiefeier.
In diesen befand sich das Volk – getrennt nach Männern und Frauen – in den beiden Seitenschiffen, wobei in der Regel zwischen den Säulen Vorhänge angebracht waren.
Das Mittelschiff diente für den feierlichen Einzug des Zelebranten und seiner Assistenz. Hier hatte auch der Chor seinen Platz.
Selbst in dem hypothetischen Fall, daß die Gläubigen in der Frühkirche während des Opfergebetes in den alten römischen Basiliken nicht zum Eingang, also nach Osten, sondern zum Altar geschaut hätten, wäre es dennoch nicht zu einem Gegenüber von Priester und Volk gekommen, da der Altar während des Eucharistiegebets durch Vorhänge verdeckt war.
Diese wurden – wie Johannes Chrysostomus ausdrücklich bezeugt – erst wieder zur anschließenden diakonalen Litanei geöffnet.
Die Gläubigen standen demnach in jenen Basiliken – in denen der Eingang und nicht die Apsis im Osten lag – während des Gebets nicht mit dem Gesicht zum Altar.
Sie kehrten diesem aber auch nicht den Rücken zu, was nach antiker Auffassung wegen der Heiligkeit des Altares unmöglich gewesen wäre.
Da sie sich in den Seitenschiffen aufhielten, hatten sie den Altar zu ihrer Linken beziehungsweise Rechten. Sie bildeten einen nach Osten hin geöffneten Halbkreis, wobei sich der Zelebrant und seine Assistenz im Scheitelpunkt dieses Halbkreises befanden.
Wie lagen die Dinge in den mit der Apsis geosteten Kirchen?
Hier kam es darauf an, welche Plätze die Gottesdienstteilnehmer einnahmen.
Umstanden sie in einem weiten Halbkreis den in der Apsis befindlichen Altar, dann haben wir auch hier den nach Osten zu sich öffnenden Halbkreis – nur, daß jetzt der Liturge nicht mehr im Scheitelpunkt, sondern im Mittelpunkt seinen Platz hat. Er ist dadurch stärker von den übrigen Teilnehmern abgehoben.
Im Mittelalter hingegen hat das Volk fast allgemein im Mittelschiff der Kirche Aufstellung genommen, während nun die Seitenschiffe zu Prozessionswegen wurden.
Durch diese Aufstellung hinter dem zelebrierenden Priester kam etwas Dynamisches hinein, etwas vom Zug des Gottesvolkes ins Gelobte Land.
Die Ausrichtung nach Osten sollte zugleich das Ziel des Zuges angeben: das verlorene Paradies, das man im Osten suchte (Gen 2,8).
Der Liturge und seine Assistenz bildeten die Spitze dieses Zuges.
Durch den geöffneten Halbkreis – die ursprüngliche Aufstellung der Gottesdienstteilnehmer zum Gebet – war im Gegensatz zur Dynamik des Zuges ein statisches Prinzip verwirklicht: die Erwartung des nach Osten hin aufgefahrenen (Ps 67, 34) und von dort wiederkommenden Herrn (Apg 1,11).
Der geöffnete Halbkreis ist dabei das natürlich Gegebene. Wenn man eine hohe Persönlichkeit erwartet, öffnet man die Reihen und bildet so einen Halbkreis, um den Erwarteten in die Mitte aufzunehmen.
Einen ähnlichen Gedanken spricht Johannes Damascenus aus:
„Bei seiner Himmelfahrt fuhr er nach Osten auf, und so beteten ihn die Apostel an, und so wird er wiederkommen, wie sie ihn haben hingehen sehen in den Himmel, wie der Herr selbst sagt: Wie der Blitz ausgeht vom Aufgang und leuchtet bis zum Niedergang, so wird auch die Ankunft des Menschensohnes sein. Da wir ihn erwarten, beten wir nach Osten an. Das ist eine ungeschriebene Überlieferung der Apostel.“
Zwar ist es richtig, wie Prälat Otto Nußbaum sagt, daß der moderne Mensch für eine Hinwendung beim Gebet nach Osten wenig Verständnis mehr aufbringt.
Für ihn besitzt die aufgehende Sonne nicht mehr die Symbolkraft wie für den antiken Menschen.
Etwas anderes ist es hingegen mit der Gleichrichtung von Priester und Volk beim Gebet zu Gott hin.
Daß alle Gläubigen nach dem eingangs zitierten Wort des Augustinus „conversi ad Dominum“ sein sollen, diese Forderung ist sicher zeitlos und auch heute noch sinnvoll.
Es ist zugleich, wie Kunstmann sagt, ein „Ausschauen nach dem Ort des Herrn“.
Aus dem Buch „Die Reform der römischen Liturgie“ von Mons. Klaus Gamber. Regensburg 1979. Kapitel 11: „Die Zelebration »versus populum« (»zum Volk hin«) – liturgisch und soziologisch gesehen“.
Der Text erschien im Begleitheft für eine von der Priesterbruderschaft St. Pius X. produzierten DVD zur Erlernung der Alten Messe.
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Samstag, 19. Juli 2008 11:27
ecclesiasticus: Er ist mitten unter uns
Die Gläbigen standen also nur in den Seitenschiffen, und das Mittelschiff blieb frei für den Einzug
und den Chor? Man sehe sich einmal die riesigen Ausmaße der röm. Basiliken an – da soll das ganze Mittelschiff
leer gewesen (oder mit einem kl. Chor belegt) sein? Schwer vorstellbar.
Im übrigen stimme ich voll zu: Die Ausrichtung nach Osten / zur augehenden Sonne hin besitzt heute wenig Symbolkraft – das gilt jedoch nicht für die Ausrichtung „ad Dominum“. Nur: Wo ist enn er Dominus? Nicht nur im Osten, sondern „in unserer Mitte“. Ein Altar, um den sich Priester und Volk scharen, macht das doch sehr gut deutlich.
Selbst wenn es das „Früher“ nie gegeben haben sollte, entspricht es doch recht gut dem Abliegen des christlichen Glaubens.
„Ich bin so ein großer Anhänger von Traditionen, daß ich gerne einmal eine neue stifte“, soll (sinngemäß) Papst Pius IX. gesagt haben. Recht hat er!
Im übrigen stimme ich voll zu: Die Ausrichtung nach Osten / zur augehenden Sonne hin besitzt heute wenig Symbolkraft – das gilt jedoch nicht für die Ausrichtung „ad Dominum“. Nur: Wo ist enn er Dominus? Nicht nur im Osten, sondern „in unserer Mitte“. Ein Altar, um den sich Priester und Volk scharen, macht das doch sehr gut deutlich.
Selbst wenn es das „Früher“ nie gegeben haben sollte, entspricht es doch recht gut dem Abliegen des christlichen Glaubens.
„Ich bin so ein großer Anhänger von Traditionen, daß ich gerne einmal eine neue stifte“, soll (sinngemäß) Papst Pius IX. gesagt haben. Recht hat er!
Dienstag, 5. September 2006 14:14
ExBochumer †: kreuz.net
setzt sich über alles hinweg.
Ich habe gestern die Löschung meines accounts gefordert. Nichts ist geschehen.
Somit wird kreuz.net immer fragwürdiger, unglaubwürdiger etc. – Gelöscht wird von den Herrschaften immer wieder, aber wenn es um Anforderungen geht – nichts.
kreuz.net ist ein äußerst fragwürdiges Medium. Ich werde – sobald nicht umgehend meine Löschung erfolgt – die Machenschaften des kreuz.net dokumentieren.
Ich habe gestern die Löschung meines accounts gefordert. Nichts ist geschehen.
Somit wird kreuz.net immer fragwürdiger, unglaubwürdiger etc. – Gelöscht wird von den Herrschaften immer wieder, aber wenn es um Anforderungen geht – nichts.
kreuz.net ist ein äußerst fragwürdiges Medium. Ich werde – sobald nicht umgehend meine Löschung erfolgt – die Machenschaften des kreuz.net dokumentieren.
Montag, 4. September 2006 18:24
franziskus: @Geistige Koronarverfettung
im Wohlstand ist nichts Neues. Der Same des wahren Christentums ist und bleibt das Blut der Märtyrer.
Und wie sollte Benedikt XVI. heute noch die neuzeitliche Kirchenbaugeschichte umdrehen können? Würde er nicht Ursache mit Wirkung verwechseln?
Aber man könnte sicherlich ganz allgemein aus verschiedenen Richtungen mehr für die transzendente Grundlagen des Glaubens tun.
Wir beide werden die Misere nicht beenden.
Und wie sollte Benedikt XVI. heute noch die neuzeitliche Kirchenbaugeschichte umdrehen können? Würde er nicht Ursache mit Wirkung verwechseln?
Aber man könnte sicherlich ganz allgemein aus verschiedenen Richtungen mehr für die transzendente Grundlagen des Glaubens tun.
Wir beide werden die Misere nicht beenden.
Montag, 4. September 2006 14:26
Pünktchen: franziskus
In gewisser Weise liefern Sie in Ihrem Beitrag die denkbare Kritik gleich mit! Sie schreiben:
In unseren Wohlstandsbreitengraden genügt wahrscheinlich die Adventzeit für eine endzeitliche Besinnung.
Die Wohlstandsgesinnung läßt die eschatologische Dimension des Gottesdienstes als notwendiges Korrektiv an der geistlichen Koronarverfettung unserer Christentümer erscheinen!
Im übrigen sprach Card. Ratzinger von der „Öffnung nach vorn und nach oben“, die „kaum in Erscheinung“ tritt in der Zelebration versus populum. Diese Kritik ist zutreffend! Wenn Sie schreiben: es gehe darum, „sich um IHN am Altar als seine Herde kollektiv zu scharen“, so würde ich eher das Bild von der Herde wählen, die ihrem Hirten auf der Wanderschaft folgt. Der Priester symbolisiert so den Hirten Christus, der seiner Herde voranschreitet. („Wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir“ s. Hebr.).
Papst Benedikt beklagt zu Recht den Verlust der eschatologischen und der transzendenten Dimension in den Zelebrationen versus populum, weil in ihnen die tatsächliche Ausrichtung des liturgischen Handelns mangelhaft „in Erscheinung tritt“!
In unseren Wohlstandsbreitengraden genügt wahrscheinlich die Adventzeit für eine endzeitliche Besinnung.
Die Wohlstandsgesinnung läßt die eschatologische Dimension des Gottesdienstes als notwendiges Korrektiv an der geistlichen Koronarverfettung unserer Christentümer erscheinen!
Im übrigen sprach Card. Ratzinger von der „Öffnung nach vorn und nach oben“, die „kaum in Erscheinung“ tritt in der Zelebration versus populum. Diese Kritik ist zutreffend! Wenn Sie schreiben: es gehe darum, „sich um IHN am Altar als seine Herde kollektiv zu scharen“, so würde ich eher das Bild von der Herde wählen, die ihrem Hirten auf der Wanderschaft folgt. Der Priester symbolisiert so den Hirten Christus, der seiner Herde voranschreitet. („Wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir“ s. Hebr.).
Papst Benedikt beklagt zu Recht den Verlust der eschatologischen und der transzendenten Dimension in den Zelebrationen versus populum, weil in ihnen die tatsächliche Ausrichtung des liturgischen Handelns mangelhaft „in Erscheinung tritt“!
Montag, 4. September 2006 13:55
franziskus: @Pünktchen – conversi ad Dominum
Im Wesentlichen scheint dies die Ausrichtung der Kirche auf den erwarteten und kommenden Herrn zu sein.
Endzeiterwartungen sind bei verfolgten oder sozial gedemütigten Christen sehr populär. Sonst hätten die endzeitlich ausgerichteten fundamentalistischen Sekten (zB in Südamerka) nicht solch enormen Zulauf, auch und gerade von katholischer Seite.
Was ist gescheiter: Gemeinsam in eine Richtung dem wundersam mächtigen Herrn entgegen zu blicken, oder sich um IHN am Altar als seine Herde kollektiv zu scharen?
In unseren Wohlstandsbreitengraden genügt wahrscheinlich die Adventzeit für eine endzeitliche Besinnung.
Endzeiterwartungen sind bei verfolgten oder sozial gedemütigten Christen sehr populär. Sonst hätten die endzeitlich ausgerichteten fundamentalistischen Sekten (zB in Südamerka) nicht solch enormen Zulauf, auch und gerade von katholischer Seite.
Was ist gescheiter: Gemeinsam in eine Richtung dem wundersam mächtigen Herrn entgegen zu blicken, oder sich um IHN am Altar als seine Herde kollektiv zu scharen?
In unseren Wohlstandsbreitengraden genügt wahrscheinlich die Adventzeit für eine endzeitliche Besinnung.
Montag, 4. September 2006 11:51
Pünktchen: Die reale Ostung
in der altkirchlichen Liturgie war ein Zeichen für die gemeinsame Ausrichtung von Gemeinde und Zelebrant „auf Gott hin“. Diese reale Ostung ist später durch die Gleichgerichtetheit i.S. einer „idealen Ostung“ („Orientierung“) ersetzt worden. In ihr sind Gemeinde und Zelebrant immerhin auf die Apsis hin ausgerichtet. In dieser Form trete „die Öffnung der Liturgie nach vorn und nach oben“ eher in Erscheinung als in der heute gebräuchlichen Zelebrationsform versus populum, meint Card. Ratzinger in seinem Vorwort zu dem Büchlein von Uwe M. Lang: Conversi ad dominum.
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