11:13:07 | Sonntag, 3. September 2006
„Die katholische Kirche hat die Aufklärung und das Zweite Vatikanische Konzil gebraucht“
Der rockende Abtprimas der Benediktiner stößt sich an der von oben verordneten politischen Korrektness: „Sie ist eine Vernebelungsaktion zur moralischen Versklavung der Menschen.“
(kreuz.net) Anfang August gewährte der römische Generalabt des Benediktinerordens –
Abtprimas Notker
Wolf (66) – der deutschen Wochenzeitung ‘Zeit’ ein mehrseitiges Interview.
Abt Wolf stammt ursprünglich
aus dem deutschen Benediktinerkloster St. Ottilien im Südwesten von Oberbayern. Er lebt in der internationalen
Benediktinerabtei Sant’Anselmo in Rom.
Im Interview erklärt er, daß Gott in der französischen Revolution
durch die menschliche Vernunft abgelöst worden sei.
Zweihundert Jahre später habe die 1968er-Revolution
die Vernunft verstoßen. An ihrer Stelle sei die Natur auf die Altäre gehoben und die Freiheit individualisiert
worden:
„Seither leben wir in einer Welt ohne Gott, ohne Jenseits, ohne Väter und ohne eine vernünftige
Vorstellung von dem, was Freiheit ist.“
Das moralische Versagen gieriger Wirtschaftsbosse vertrage sich
ausgezeichnet mit der Freiheitsvorstellung der 68er: „Diese Freiheit ist nirgendwo verankert, weder im
Verantwortungsbewußtsein, noch im Gewissen, noch in der Scham.“
Die 68er seien ein schönes Beispiel
dafür, wie sich Ideologien verrechnen könnten. Heute profitiere gerade der verhaßte Kapitalismus von
deren Freiheitsbegriff. Abtprimas Wolf zitiert den deutschen Philosophen Peter Sloterdijk (59): „Alle
Wege der 68er führen in den Supermarkt.“
Der Benediktinerabt sprach im Interview auch und vor allem
von der Politik.
Er findet es bedenklich, daß es während der Rot-Grünen-Bundesregierung Minister gegeben
habe, die ihren Amtseid nicht mehr vor Gott ablegten – obwohl er eine solche persönliche Entscheidung
respektiere.
Er habe sich aber damals gefragt: „Vor wem weiß sich so jemand verantwortlich?“
Das Gewissen
falle nicht vom Himmel. Gläubige Menschen hätten stets im Hinterkopf: „Ich kann mich und die Menschen
anschwindeln, aber Gott nicht.“
Von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl glaubt der Abtprimas, daß er unter
Selbstverblendung gelitten habe. Er sei dem konsumistischen Denken anheimgefallen.
Der Abt erinnert sich,
auf dem Höhepunkt der CDU-Spendenaffäre hohe christdemokratische Politiker, die zu Exerzitien ins Kloster
St. Ottilien gekommen waren, gewarnt zu haben: „Wenn Kohl nicht zurücktritt, führt er uns ins Verderben.“
Ärger ist dem Abtprimas egal. Er habe keine Angst mehr: „Ich will der Wahrheit eine Bresche schlagen,
weil ich die Menschen mag.“
Niemand müsse politisch-korrekt handeln. Ehrlichkeit sei viel wichtiger:
„Mich stört an der Political Correctness vor allem, daß sie alle unter Generalverdacht stellt, fremden-
oder frauenfeindlich zu sein.“
Political Correctness sei eine große Vernebelungsaktion, ein Programm
zur moralischen Versklavung.
Abt Wolf über Benedikt XVI:
„Ich habe den Eindruck, daß er dem Menschen sehr
mißtraut, weil er ihn als potenziellen Sünder sieht, der sofort über die Schnur springt, wenn man ihm
ein bißchen Freiheit läßt.“
Abtprimas Wolf erwähnt auch die deutsche Ausländerpolitik. Man mache
auf Multikulti und verneble die Tatsache, daß in Wahrheit völlig verschiedene Lebenswelten aufeinanderprallten:
„Wir versuchen im Sinne der Political Correctness zu verschleiern, was uns unterscheidet – übergehen
die Fremdheit des anderen mit schamhaftem Schweigen.“
Doch wer Unterschiede leugne, mache diese dadurch
zum Stein des Anstoßes. Ein Frieden, der erkauft wird, indem sich alle blind und taub stellten, sei ein
fauler Frieden.
Abt Wolf warnt vor einem Konflikt der Kulturen. Jede Religion trage einen kriegerischen
Kern in sich, weil sie die Wahrheit für sich beanspruche und in die Welt tragen wolle:
„Die katholische
Kirche hat die Aufklärung und das Zweite Vatikanische Konzil gebraucht, um neben der eigenen Wahrheit
die Religionsfreiheit anzuerkennen.“ Andere Religionen seien noch lange nicht „so weit“.
Die Gefahr des
Islam bestehe in seinem Ziel, die ganze Welt zu islamisieren.
Der Abprimas bedauert die Ausbreitung der
Muselmanen: „In Neapel wird gerade die zweitgrößte Moschee Europas gebaut. Die größte steht in Rom.“
Er wünscht sich, als Europäer nicht vom Islam überfahren zu werden.
Dem neuen Papst gegenüber sei
er – schon als dieser noch Kardinal war – immer skeptisch gewesen, erklärt der Abtprimas: „Ich habe den
Eindruck, daß er dem Menschen sehr mißtraut, weil er ihn als potenziellen Sünder sieht, der sofort
über die Schnur springt, wenn man ihm ein bißchen Freiheit läßt.“
Doch es gebe auch zwei Dinge, die
dem Abt an Benedikt XVI. gefallen: „Er ist hochintelligent und politisch herrlich unkorrekt.“
Abtprimas
Wolf erklärte im Interview auch, daß er das Amt als oberster Repräsentant sämtlicher Benediktiner
der Welt eigentlich gar nicht gewollt habe: „Ich habe es bei der ersten Wahl 1996 abgelehnt.“
Im Jahr
2000 hätten ihn die Äbte dann massiv gedrängt. Er habe im ersten Wahlgang einen so hohen Stimmenanteil
erhalten, daß es kein Zurück mehr gegeben habe.
Eine Pension gebe es für Benediktiner nicht. Abtprimas
Wolf würde sich freuen, wenn er eines Tages im Gymnasium von St. Ottilien den Schülern Nachhilfe geben
könnte:
„Das ist in Wahrheit mein Traumjob.“
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