Judentum
Papst Pius X. und die Juden
Bereits im Jahr 1992 erschien ein wichtiges Werk über den großen Papst, das – wie oft in solchen Fällen – weitgehend unbeachtet blieb.
(kreuz.net) Schon im Jahr 1992 publizierte der italo-amerikanische Historiker Andrew M. Canepa eine herausragende Studie über Papst Pius X.

Sie trägt den Titel „Pius X and the Jews: A Reappraisal“ – Pius X. und die Juden: eine Neubewertung.

Canepa beginnt mit der Feststellung, daß es am Ende des 19. Jahrhunderts in Italien zahlreiche Konflikte zwischen der Kirche und jüdischen Kreisen gab.

Diese Spannungen standen im Zusammenhang mit dem Kampf der antiklerikalen italienischen Nationalisten gegen Kirche und Papsttum.

Ein konservativer Reformpapst
Giuseppe Melchiorre Sarto erblickte am 2. Juni 1835 in Riese in der Provinz Venetien das Licht der Welt.

1858 empfing er die Priesterweihe. 1884 wurde er Bischof von Mantua.Am 12. Juni wurde Mons. Sarto zum Kardinal kreiert, drei Tage später zum Patriarchen von Venedig ernannt.Der Patriarch von Venedig bei der Fronleichnamsprozession.

Zwei Einflüsse führten zu verbesserten Beziehungen mit den Juden.

Eine war im Jahr 1903 die Wahl des Patriarchen von Venedig, Giuseppe Kardinal Sarto, zum Papst.

Die andere die versöhnlichen Positionen einer Anzahl jüdischer Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in der Frage des Verhältnisses von Kirche und Staat.

Auch die persönliche Haltung des Papstes und seine praktische Zusammenarbeit mit Juden kann nach Ansicht von Canepa nicht geringgeschätzt werden.

Der Papst stammte aus einem Milieu, in dem katholisch-jüdische Freundschaften normal waren.

Unter seinen Bekannten befand sich zum Beispiel Romanin Jacur, ein Jude und konservatives Mitglied des Parlamentes und später des Senates.

Als Bischof Sarto 1893 zum Patriarchen von Venedig erhoben wurde, intervenierte Romanin Jacur mit Erfolg zu seinen Gunsten bei der italienischen Regierung, welche die Ausstellung des Exequatur – der Bestätigung dieser Wahl – verzögert hatte.

Nachdem Kardinal Sarto zum Papst gewählt worden war, besuchte ihn sein langjähriger Freund Romanin Jacur häufig im Apostolischen Palast.

In den allgemeinen Wahlen von 1913 unterstützten klerikale Kräfte aktiv die Kandidatur Jacurs im Wahlbezirk Piove di Sacco.

Nach der Wahl schrieb Pius X. dem jüdischen Abgeordneten persönlich und gratulierte ihm zu seiner „friedlichen und triumphalen Wiederwahl“.

Später half der jüdische Politiker einem Prälaten, die Schikanen des antiklerikalen italienischen Staates zu überwinden.

Auch Pius X. half, wo er konnte. So war er der einzige europäische Souverän, der – nach Angaben der jüdisch-italienischen Monatszeitung ‘Il Vessillo israelitico’ – im Jahr 1914 gegen Pogrome in Rußland protestierte.

Während des Pontifikates von Pius X. bestätigte der vatikanische Staatssekretär, Rafael Kardinal Merry del Val, auch eine Stellungnahme des Heiligen Offiziums aus dem Jahr 1759, in dem die „völlige Unbegründetheit von Ritualmordanklagen gegen Juden“ unterstrichen wurde.

Dieses Dokument war Teil einer Verteidigungsanstrengungen des Vatikans, der sich für den russischen Juden Mendel Beilis einsetzte, der 1913 in der Ukrainischen Hauptstadt Kiew angeklagt wurde, einen Ritualmord begangen zu haben.
      
16 Lesermeinungen
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.
Kommentar schreiben
#16   Athanasius   18:34:58 | Samstag, 9. September 2006
Dak, dak
1. Die Sarto-Familie hat Ursprünge aus Kleinpolen, auch jüdische Vorfahren (passend für den nachfolger vom hl. Petrus, Simon Bar Jonas).
2. Am Altar des hl. Pius X. durfte ich am 3. August einer Zelebration des Hl. Messopfers im überlieferten Ritus beiwohnen. Zelebriert vom Werk Gottes, das die Priesterbruderschaft ST. Pius X. heisst.
Redaktion benachrichtigen
#15   Malachias †   10:26:17 | Samstag, 9. September 2006
@Parziberry
Sie tun grade so als würden Sie eine Sensation verkünden
Das ist Ihre feindselige Interpretation…! :-@
1. Meine Lesermeinung war in erster Linie als Ergänzung der im Artikel gebrachten Informationen gedacht.
2. Sie scheinen des Italienischen nicht sonderlich mächtig zu sein oder Sie argumentieren bewußt vollkommen an der Sache vorbei. Ich lasse daher hier noch die Übersetzung des Pius-Zitats von Herzl folgen. Wie jede(r) sehen kann, sind es in erster Linie theologische Gründe, warum Pius X. einem Judenstaat in Palästina nicht zustimmen konnte… (Interessant übrigens, daß es Herzl nicht für nötig gehalten hat, das Zitat in seinen 1923 erschienenen Tagebüchern selbst zu übersetzen… ?:) ).
„Wir können diese (zionistische) Bewegung nicht gutheißen. Wir werden die Juden nicht daran hindern können, nach Jerusalem zu gehen – aber wir werden das niemals gutheißen können! Palästina (wörtlich „das Land von Jerusalem“ M.) ist nicht immer das Heilige Land gewesen, es ist erst durch das Leben Jesu Christi heilig geworden. Als Oberhaupt der Kirche kann ich es nicht anders sagen. Die Juden haben unseren Herrn nicht erkannt, weshalb auch Wir sie nicht (als Herren von Palästina an)erkennen (können).“
Redaktion benachrichtigen
#14   Asphyx †   00:52:17 | Samstag, 9. September 2006
@Parzifal
Danke für diese hehren Worte !!!
Endlich mal einer, der es begriffen hat.
Das finde ich wunderbar.
Redaktion benachrichtigen
#13   Parzifal   23:01:58 | Freitag, 8. September 2006
@ Malachias
Ja und?
Sie tun grade so als würden Sie eine Sensation verkünden!?
Genauso wie der Papst den italienischen Nationalstaat abgelehnt hat, hat er auch den jüdischen Nationalstaat abgelehnt. Er hat alle liberalen Nationalstaaten abgelehnt weil diese in der Tradition von 1789 standen.
Redaktion benachrichtigen
#12   Malachias †   22:54:53 | Freitag, 8. September 2006
Papst Pius X. – ein Judenfreund, aber auch Antizionist!
Der heilige Papst Pius X. war sicher kein „Antisemit“ (bei aller Problematik dieses Begriffs)…! Den um die Jahrhundertwende 1900 aufkeimenden Bestrebungen der zionistischen Bewegung, in Palästina einen Judenstaat zu errichten, stand er dennoch ablehend gegenüber, wie folgende Passage aus dem Tagebuch Theodor Herzls (zitiert nach Pinchas E. Lapide, Rom und die Juden, Herder-Verlag, Freiburg i. Br. 1967, 35) belegt:
„Gestern war ich beim Papst… Er empfing mich stehend und reichte mir die Hand, die ich nicht küßte… Ich glaube, dadurch verdarb ich es mit ihm, denn jeder, der zu ihm kommt, kniet nieder und küßt ihm mindestens die Hand… Ich unterbreitete ihm kurz mein Anliegen. Er aber – vielleicht durch den verweigerten Handkuß gereizt – antwortete streng und verstimmt:
‘Noi non possiamo favorire questo movimento. Non potremo impedire gli ebrei di andare a Gerusalemme – ma favorire non possiamo mai. La terra di Gerusalemme se non era sempre santa, è santificata per la vita di Jesu Christo. (…) Io come capo delle chiesa non posso dirle altra cosa. Gli ebrei non hanno riconosciuto nostro signore perciò non possiamo ricognoscere il popolo ebreo.’ (Für eine Übersetzung reicht leider der Platz nicht! M.)Der Konflikt zwischen Rom, das er, und Jerusalem, das ich vertrat, war somit wieder aufgerollt…“
Übrigens weiß auch schon Pinchas Lapide in dem genannten Buch, daß die „persönlichen Beziehungen (von Papst Pius X.) zu den Juden vorbildlich waren“… (ebd.) :-]
Redaktion benachrichtigen
#11   Artois †   20:22:47 | Freitag, 8. September 2006
@Maledica
Ich verbitte mir, daß Sie für mich „beten“, Sie übler Heuchler! Sie wolen mir wohl den Dämon auf den Hals hetzen …
Redaktion benachrichtigen
#10   Guldin   18:12:48 | Freitag, 8. September 2006
@ Gotthard
damit waren schon 1759 diese merkwürdigen Praktiken um einen angeblichen „Anderl von Rinn“ obsolet gworden …
In der Leseart der Piusbrüder war das hervorklauben des alten Dokumentes doch nur: Teil einer Verteidigungsanstrengungen des Vatikans, der sich für den russischen Juden Mendel Beilis einsetzte, der 1913 in der Ukrainischen Hauptstadt Kiew angeklagt wurde, einen Ritualmord begangen zu haben.
Heute ist die Situation doch eine andere (Freimaurerisch-thalmudische und zinostische Weltverschwörung) und der Wahrheit muss Raum geschaffen werden. Deshalb ist es wieder opportun, dass die Tradi’s die Ritualmordlegenden aus der Versenkung heben.
Alles klar? :-!
Redaktion benachrichtigen
#9   Maledica   17:27:08 | Freitag, 8. September 2006
Richtet nicht, auf das Ihr nicht gerichtet werdet
@Artois
daß Sie Pharisäer niemals das Himmelreich erblicken werden
Ich werde dennoch für Ihr verstocktes Herz beten…
Redaktion benachrichtigen
#8   Aurelius   17:26:46 | Freitag, 8. September 2006
Fotomeile
Danke an die Redaktion für die Bilder in der Fotomeile. Sehr schöne Fotos!
Redaktion benachrichtigen
#7   Gotthard   17:05:17 | Freitag, 8. September 2006
Anderl
bestätigte der vatikanische Staatssekretär, Rafael Kardinal Merry del Val, auch eine Stellungnahme des Heiligen Offiziums aus dem Jahr 1759, in dem die „völlige Unbegründetheit von Ritualmordanklagen gegen Juden“ unterstrichen wurde.
damit waren schon 1759 diese merkwürdigen Praktiken um einen angeblichen „Anderl von Rinn“ obsolet gworden …
Redaktion benachrichtigen
#6   Benedikt   16:56:27 | Freitag, 8. September 2006
@ Artois
Ich will gar nicht wissen, was Sie im Sinn haben, wenn Sie vom Himmel reden. Vorweruteilungen sind jedenfalls nicht gerecht und nur der Gerechte wird ins Himmelreich eingehen.
Redaktion benachrichtigen
#5   Schüttel   15:55:06 | Freitag, 8. September 2006
Also sind die Piusbrüder überführt!
Wer sich auf einen solchen Judenfreund beruft, der begeht über die drei genannten hinaus einen Fundamentalirrtum. Es lebe der Sedisvakatismus! Ohne Juda, ohne Rom, bauen wird den Sedi-Dom.
Redaktion benachrichtigen
#4   Artois †   15:43:31 | Freitag, 8. September 2006
@Benedikt
Ach, wirklich?? Wissen Sie eigentlich, daß Sie Pharisäer niemals das Himmelreich erblicken werden???
Redaktion benachrichtigen
#3   DDL   15:42:59 | Freitag, 8. September 2006
@Benedikt
Na und? Hat das hier schon ‘mal wen gejuckt? Hier ist man doch schon ein „Mörder“, wenn man eine andere Ansicht in puncto Abtreibung hat.
Als ob sachliche Richtigkeit hier interessieren würde, ich bitte Sie – „Mörder“ ist hier doch nur eines von vielen, mit großer Freigiebigkeit zugeordneten Schimpfwörtern, wobei „jüdische Mörder“ vermutlich eine Vokabel ist, die bei manchen für regelrecht erotische Gefühle bis hin zur Spontanerektion sorgen dürfte.
„Drei Liter!“, nicht wahr.
Redaktion benachrichtigen
#2   Benedikt   15:30:44 | Freitag, 8. September 2006
@ Artois
Bei Anklageerhebung ist man noch kein Mörder.
Redaktion benachrichtigen
#1   Artois †   15:27:55 | Freitag, 8. September 2006
Ritual-Mord
Wieso setzt sich der Vatikan für angeklagte jüdische Mörder ein? Was soll denn das? Das wollen wir gern mal etwas genauer wissen, liebe „Redaktion“?
Redaktion benachrichtigen
Weiterlesen:
Eine StudieDas kleine Volk, das im Lauf der Geschichte immer gieriger wurde JudentumBekehren verboten JudentumMehr vom Gleichen JudentumEine politische Waffe JudentumErfolgreiche Verfluchung? JudentumRückkehr des jüdischen Lebens JudentumDie unterschlagene Meldung JudentumNostra Aetate und Aufgabe der Identität JudentumVom Staat gebaute jüdische Kapelle – Wo bleibt der Aufschrei? JudentumAns Licht JudentumWechselseitige Entschuldigungen JudentumNoch mehr Selbstrechtfertigungen aus Jerusalem JudentumInterreligiöses Doppelbegräbnis JudentumEntspannte Spannung? JudentumFehlende Einsicht
RSS Feed  •  News Ticker  •  Kontakt  •  Impressum
© CC-BY-NC-SA 2012 kreuz.net