11:45:37 | Sonntag, 10. September 2006
Die Deutschen unterstützen gerne soziale Projekte. Aber für die Evangelisierung, Gott oder gar den katholischen Glauben sind sie schwerhörig. Die Predigt des Papstes bei der Messe in München.
Liebe Schwestern und Brüder!
Zunächst möchte ich Euch alle ganz herzlich begrüßen: Ich freue mich,
daß ich wieder einmal bei Euch sein darf, mit Euch Gottesdienst feiern darf; daß ich noch einmal die
vertrauten Stätten besuchen kann, die mein Leben geprägt, mein Denken und Fühlen geformt haben, die
Orte, an denen ich glauben und leben gelernt habe.
Es ist eine Gelegenheit, all den vielen Lebenden und
Verstorbenen zu danken, die mich geführt und begleitet haben. Ich danke Gott für diese schöne Heimat
und für die Menschen, die sie zur Heimat gemacht haben und machen.
Wir haben
eben die drei Lesungen gehört, die die Liturgie der Kirche für diesen Sonntag ausgewählt hat. Alle
drei sind von einem doppelten Thema bestimmt, von dem sie je nachdem die eine oder andere Seite mehr betonen,
das aber letztlich doch ein einziges Thema bleibt.
Alle drei Lesungen sprechen von Gott als Zentrum der
Wirklichkeit und als Zentrum unseres eigenen Lebens. „Seht, Gott ist da!“ ruft uns der Prophet Jesaja
zu (35,4). Der Jakobus-Brief und das Evangelium sagen auf ihre Weise dasselbe.
Sie wollen uns zu Gott
hinführen und uns so auf den rechten Weg bringen. Mit dem Thema Gott ist aber das soziale Thema, unsere
Verantwortung füreinander, für die Herrschaft von Gerechtigkeit und Liebe in der Welt verbunden. Dramatisch
wird das in der Lesung zu Worte gebracht, in der Jakobus, ein naher Verwandter Jesu, zu uns spricht.
Er redet zu einer Gemeinde, in der man anfängt, stolz zu sein, wenn es da auch reiche und vornehme Leute
gibt, während die Sorge um das Recht für die Armen zu verkümmern droht.
Jakobus läßt in seinen Worten
das Bild Jesu durchscheinen, des Gottes, der Mensch wurde und obgleich davidischer, also königlicher
Herkunft, ein Einfacher unter den Einfachen wurde, sich auf keinen Thron setzte, sondern am Ende in der
letzten Armut des Kreuzes starb.
Die Nächstenliebe, die zuallererst Sorge um die Gerechtigkeit ist,
ist der Prüfstein des Glaubens und der Gottesliebe. Jakobus nennt sie das „königliche Gesetz“. Er läßt
darin das Lieblingswort Jesu durchblicken: das Königtum Gottes, die Herrschaft Gottes.
Damit ist nicht
irgendein Reich gemeint, das irgendwann einmal kommt, sondern daß Gott bestimmend werden muß für unser
Leben und Handeln. Darum bitten wir, wenn wir sagen: Dein Reich komme.
Wir beten nicht um irgend etwas
Entferntes, das wir selber gar nicht zu erleben wünschen. Wir beten vielmehr darum, daß jetzt Gottes
Wille unseren Willen bestimme und so Gott in der Welt herrsche – darum also, daß Recht und Liebe entscheidend
werden in der Ordnung der Welt.
Eine solche Bitte richtet sich gewiß zuerst an Gott, aber sie rüttelt
auch an unser eigenes Herz. Wollen wir das eigentlich? Leben wir in dieser Richtung? Jakobus nennt das
„königliche Gesetz“, das Gesetz von Gottes Königtum, zugleich Gesetz der Freiheit: Wenn alle von Gott
her denken und leben, dann werden wir gleich, und dann werden wir frei, und dann entsteht die wahre Geschwisterlichkeit.
Wenn Jesaja in der ersten Lesung von Gott spricht, dann redet er zugleich vom Heil für die Leidenden,
und wenn Jakobus von der sozialen Ordnung als dringlichem Ausdruck unseres Glaubens redet, dann spricht
er ganz selbstverständlich von Gott, dessen Kinder wir sind.
Aber nun müssen wir uns dem Evangelium
zuwenden, das von der Heilung eines Taubstummen durch Jesus spricht. Auch da sind wieder die beiden Seiten
des einen Themas da. Jesus wendet sich den Leidenden zu, denen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt
sind.
Er heilt sie und führt sie so in die Möglichkeit des Mitlebens und Mitentscheidens, in die Gleichheit
und Brüderlichkeit ein. Das geht natürlich uns alle an: Jesus zeigt die Richtung unseres Tuns an.
Der
ganze Vorgang hat aber noch eine tiefere Dimension, auf die die Kirchenväter in ihren Auslegungen mit
Nachdruck hingewiesen haben und die auch uns heute in hohem Maße angeht. Die Väter sprechen von den
Menschen und zu den Menschen ihrer Zeit. Aber was sie sagen, geht auf eine neue Weise auch uns heute an.
Es gibt nicht nur die physische Gehörlosigkeit, die den Menschen weitgehend vom sozialen Leben abschneidet.
Es gibt eine Schwerhörigkeit Gott gegenüber, an der wir gerade in dieser Zeit leiden. Wir können ihn
einfach nicht mehr hören – zu viele andere Frequenzen haben wir im Ohr.
Was über ihn gesagt wird, erscheint
vorwissenschaftlich, nicht mehr in unsere Zeit passend. Mit der Schwerhörigkeit oder gar Taubheit Gott
gegenüber verliert sich natürlich auch unsere Fähigkeit, mit ihm und zu ihm zu sprechen.
So aber fehlt
uns eine entscheidende Wahrnehmung. Unsere inneren Sinne drohen abzusterben. Mit diesem Verlust an Wahrnehmung
wird aber der Radius unserer Beziehung zur Wirklichkeit drastisch und gefährlich eingeschränkt. Der
Raum unseres Lebens wird in bedrohlicher Weise reduziert.
Das Evangelium erzählt uns, daß Jesus seine
Finger in die Ohren des Tauben legte, etwas von seinem Speichel auf seine Zunge gab und sagte: Ephata –
tu dich auf. Der Evangelist hat uns das original aramäische Wort aufbewahrt, das Jesus gesprochen hat
und führt uns so direkt in jenen Augenblick hinein.
Was da erzählt wird, ist einmalig und gehört doch
nicht einer fernen Vergangenheit an: Jesus tut dasselbe auf neue Weise auch heute und immer wieder. In
der Taufe hat Jesus an uns diese Geste des Berührens vollzogen und uns gesagt: Ephata – tu dich auf,
um uns hörfähig für Gott zu machen und so auch wieder das Sprechenkönnen mit Gott zu schenken.
Aber
dieser Vorgang, das Sakrament der Taufe, hat nichts Magisches an sich.
Die Taufe eröffnet einen Weg.
Sie führt uns ein in die Gemeinschaft der Hörenden und Redenden – in die Gemeinschaft mit Jesus selber,
der als einziger Gott gesehen hat und so von ihm erzählen konnte (vgl. Joh 1,18): Durch den Glauben will
er uns an seinem Sehen Gottes, an seinem Hören und an seinem Reden mit dem Vater beteiligen.
Der Weg
des Getauftseins muß ein Prozeß des Wachstums werden, in dem wir in das Leben mit Gott hineinwachsen
und so auch einen anderen Blick auf den Menschen und auf die Schöpfung gewinnen.
Das Evangelium lädt
uns ein, wiederzuerkennen, daß es bei uns ein Defizit in unserer Wahrnehmungsfähigkeit gibt – einen
Mangel, den wir zunächst gar nicht als solchen spüren, weil ja alles andere sich durch seine Dringlichkeit
und Einsichtigkeit empfiehlt, weil ja scheinbar alles normal weitergeht, auch wenn wir keine Ohren und
Augen mehr für Gott haben und ohne ihn leben.
Aber geht es wirklich einfach so weiter, wenn Gott in
unserem Leben, in unserer Welt ausfällt? Bevor wir da weiterfragen, möchte ich ein wenig aus meinen
Erfahrungen in der Begegnung mit den Bischöfen der Welt erzählen.
Die katholische Kirche in Deutschland
ist großartig durch ihre sozialen Aktivitäten, durch ihre Bereitschaft zu helfen, wo immer es not tut.
Immer wieder erzählen mir die Bischöfe, zuletzt aus Afrika, bei ihren Ad-Limina-Besuchen dankbar von
der Großherzigkeit der deutschen Katholiken und beauftragen mich, diesen Dank weiterzugeben.
Auch die
Bischöfe aus den baltischen Ländern, die zuletzt da waren, haben mir berichtet, wie großartig ihnen
deutsche Katholiken beim Wiederaufbau ihrer durch Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft schlimm zerstörten
Kirchen halfen.
Dann und wann sagt aber ein afrikanischer Bischof: „Wenn ich in Deutschland soziale Projekte
vorlege, finde ich sofort offene Türen. Aber wenn ich mit einem Evangelisierungsprojekt komme, stoße
ich eher auf Zurückhaltung.“
Offenbar herrscht da doch bei manchen die Meinung, die sozialen Projekte
müsse man mit höchster Dringlichkeit voranbringen – die Dinge mit Gott oder gar mit dem katholischen
Glauben, die seien doch eher partikulär und nicht gar so wichtig.
Und doch ist es gerade die Erfahrung
dieser Bischöfe, daß die Evangelisierung vorausgehen muß, daß der Gott Jesu Christi bekannt, geglaubt,
geliebt werden, die Herzen umkehren muß, damit auch die sozialen Dinge vorangehen – damit Versöhnung
werde, damit zum Beispiel Aids wirklich von den tiefen Ursachen her bekämpft und die Kranken mit der
nötigen Zuwendung und Liebe gepflegt werden können.
Das Soziale und das Evangelium sind nicht zu trennen.
Wo wir den Menschen nur Kenntnisse bringen, Fertigkeiten, technisches Können und Gerät, bringen wir
zu wenig. Dann treten die Techniken der Gewalt ganz schnell in den Vordergrund und die Fähigkeit zum
Zerstören, zum Töten wird zur obersten Fähigkeit, um Macht zu erlangen, die dann irgendwann einmal
das Recht bringen soll und es doch nicht bringen kann: Man geht so nur immer weiter fort von der Versöhnung,
vom gemeinsamen Einsatz für Gerechtigkeit und Liebe.
Die Maßstäbe, nach denen Technik in den Dienst
des Rechts und der Liebe tritt, gehen verloren, aber auf diese Maßstäbe kommt alles an: Maßstäbe,
die nicht nur Theorien sind, sondern das Herz erleuchten und so den Verstand und das Tun auf den rechten
Weg bringen.
Die Völker Afrikas und Asiens bewundern zwar unsere technischen Leistungen und unsere Wissenschaft,
aber sie erschrecken zugleich vor einer Art von Vernünftigkeit, die Gott total aus dem Blickfeld des
Menschen ausgrenzt und dies für die höchste Art von Vernunft ansieht, die man auch ihren Kulturen aufdrängen
will.
Nicht im christlichen Glauben sehen sie die eigentliche Bedrohung ihrer Identität, sondern in
der Verachtung Gottes und in dem Zynismus, der die Verspottung des Heiligen als Freiheitsrecht ansieht
und Nutzen für zukünftige Erfolge der Forschung zum letzten ethischen Maßstab erhebt.
Liebe Freunde!
Dieser Zynismus ist nicht die Art von Toleranz und kultureller Offenheit, auf die die Völker warten und
die wir alle wünschen. Die Toleranz, die wir dringend brauchen, schließt die Ehrfurcht vor Gott ein –
die Ehrfurcht vor dem, was anderen heilig ist.
Diese Ehrfurcht vor dem Heiligen der anderen setzt voraus,
daß wir selbst die Ehrfurcht vor Gott wieder lernen. Diese Ehrfurcht kann in der westlichen Welt nur
dann regeneriert werden, wenn der Glaube an Gott wieder wächst, wenn Gott für uns und in uns wieder
gegenwärtig wird.
Wir drängen diesen Glauben niemandem auf: Diese Art von Proselytismus ist dem Christlichen
zuwider. Der Glaube kann nur in Freiheit geschehen. Aber die Freiheit der Menschen rufen wir an, sich
für Gott aufzutun; ihn zu suchen; ihm Gehör zu schenken.
Wir, die wir hier sind, bitten den Herrn von
ganzem Herzen, daß er wieder sein Ephata zu uns sagt, daß er unsere Schwerhörigkeit für Gott, für
sein Wirken und sein Wort heilt, uns sehend und hörend macht.
Wir bitten ihn, daß er uns hilft, wieder
das Wort des Gebetes zu finden, zu dem er uns in der Liturgie einlädt; dessen ABC er uns im Vaterunser
geschenkt hat.
Die Welt braucht Gott. Wir brauchen Gott. Welchen Gott? In der ersten Lesung sagt der
Prophet zu einem unterdrückten Volk: Die Rache Gottes wird kommen.
Wir können uns gut ausdenken, wie
die Menschen sich das vorgestellt haben. Aber der Prophet selber sagt dann, worin diese Rache besteht:
in der heilenden Güte Gottes.
Die endgültige Auslegung des Prophetenwortes finden wir in dem, der am
Kreuz gestorben ist – in Jesus, dem menschgewordenen Sohn Gottes. Seine „Rache“ ist das Kreuz: das Nein
zur Gewalt, die „Liebe bis ans Ende“. Diesen Gott brauchen wir.
Wir verletzen nicht den Respekt vor anderen
Religionen und Kulturen, die Ehrfurcht vor ihrem Glauben, wenn wir uns laut und eindeutig zu dem Gott
bekennen, der der Gewalt sein Leiden entgegenstellt, der dem Bösen und seiner Macht gegenüber als Grenze
und Überwindung sein Erbarmen aufrichtet. Ihn bitten wir, daß er unter uns sei und daß er uns helfe,
ihm glaubwürdige Zeugen zu sein. Amen.
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