18:18:12 | Mittwoch, 13. September 2006
Auch die Religion kann von Nihilismus betroffen werden. Das geschieht zum Beispiel, wenn die liturgische Sprache zu bloßem Gerede herabsinkt. Dann bietet sich als Ausweg – die Rock-Musik. Von Prof. Dr. h.c. Josef Friedrich Doppelbauer.
(kreuz.net/
Sisa) Manchmal werde ich gefragt, ob nicht eine neue Tonalität das Liedschaffen beleben könnte.
Ich weiß nicht, was neue Tonalität sein soll. Es gibt nur Tonalität in großer Bandbreite, Dur und
Moll sind Ausschnitte davon. Atonalität ist für das Lied der Gemeinde unbrauchbar.
Vor kurzem las ich
in der Einführung zu einer neuen Messe den Satz:
„Dann singt ein Rocksänger als Vertreter unserer Zeit
die Worte des Gloriatextes, und nun haftet ihnen nichts Verstaubtes, Überholtes mehr an…!“
Jetzt wissen
wir es: Den liturgischen Texten muß der Hauch des Rock eingeblasen werden, damit sie lebensfähig werden …
von sich aus sind sie nichts. Solcher Unsinn wird von manchen Kreisen ernstgenommen.
Die Vertreter der
„Neuen Religiosität“ sagen das Gegenteil: die Neue Religiosität habe ihre Musik verändert. Damit sind
sie näher an der Wahrheit.
Bedenklich wird es, wenn der Gottesdienst zum Happening umgestaltet wird,
damit die triviale Musik dazu paßt. Beispiele habe ich erlebt. Damit wird man weitere Kirchenaustritte
nicht verhindern.
Das Herumbasteln ist ein Symptom der Ratlosigkeit.
Das Herumbasteln
ist ein Symptom
der Ratlosigkeit.
Die beherrschende Geistesströmung seit nahezu hundert Jahren ist der Nihilismus.
Theoretischer Nihilismus verneint die Möglichkeit der Erkenntnis der Wahrheit, der ethische die Werte
und Normen des Handelns, der politische jede irgendwie geartete Gesellschaftsordnung.
Mit dem Wort Nihilismus
bezeichnet Nietzsche die Erscheinung, daß die obersten Werte sich entwerten, jene Werte, die dem Leben
und Tun der Menschen erst Sinn geben, daß es nichts gibt, wofür es sich zu leben oder sterben lohne,
und daß das Bewußtsein aufkommt, es sei alles umsonst (Kröner, Philosophisches Wörterbuch).
Uns interessiert
vor allem der ästhetische und religiöse Nihilismus. Auch die Religion kann davon betroffen werden, zum
Beispiel wenn Handlungen vorgenommen werden, die keine Entsprechung in der Transzendenz haben, oder wenn
die liturgische Sprache zum bloßen Gerede herabsinkt.
Der ästhetische Nihilismus zeigt sich, wenn die
Formen sich vom Inhalt lösen und beliebig austauschbar werden. Der ästhetische Nihilismus drapiert sich
oft mit dem Hedonismus: genieße den Tag, du weißt nicht was nachher kommt.
Das Beunruhigende ist die
Verschmelzung, ja selbst die völlige Verwischung des Guten und Bösen, die oft dem schärfsten Auge sich
entzieht (E.Jünger: Über die Linie). In diesem Zusammenhang möchte ich auf das Buch „Nihilismus heute“
von Wolfgang Kraus hinweisen.
Das Kirchenlied ist von all diesen Strömungen auch betroffen, es spiegelt
den Zustand des religiösen Lebens. Es ist auch Kunst.
Kunst aber ist keine Spielwiese, kein Sportplatz
zum Abreagieren von Aggressionen, kein unverbindliches Hobby, sondern ein Seismograph, an dem der Zustand
der Zeit abgelesen werden kann; von ihr gehen Impulse auch für die Zukunft aus.
Kunst ist keine Spielwiese
kein
Sportplatz zum Abreagieren von Aggressionen, kein unverbindliches Hobby, sondern ein Seismograph, an dem
der Zustand der Zeit abgelesen werden kann; von ihr gehen Impulse auch für die Zukunft aus.
Wenn man
die Menschheit als Körper betrachtet, dann befand sich in der ersten Hälfte des Jahrhunderts der Kopf
in der nihilistischen Zone. Jetzt ist der Rumpf nachgerückt und die Verwirrung allgemein, in verschiedenen
Graden.
Aber es rühren sich Gegenkräfte, die diese Zone schon durchschritten und Antigene entwickelt
haben.
So sagt Peter Handke, der selbst tief Betroffener in seinen frühen Werken war, in der „Geschichte
des Bleistifts“: „So oft ich mich aufrichten kann, bin ich dazu verpflichtet“.
Die Gegenkräfte formieren
sich in schöpferischen Persönlichkeiten, auch ohne die Kirche, die dann wieder hinterher rennen wird.
Es gibt, so meine ich, eine Art religiösen Hochmuts, der die Augen schließt: mir kann nichts passieren.
Die Geschichte lehrt jedoch anderes.
Der Verfasser (*1918) war Kompositionsprofessor sowie Prorektor
des Salzburger Konservatoriums ‘Mozarteum’. Er verstarb am 13. Januar 1989. Dieser Beitrag entstammt dem
bisher unveröffentlichten Nachlaß.
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