Kirchenmusik
Mehr Rock-Musik in der Liturgie
Auch die Religion kann von Nihilismus betroffen werden. Das geschieht zum Beispiel, wenn die liturgische Sprache zu bloßem Gerede herabsinkt. Dann bietet sich als Ausweg – die Rock-Musik. Von Prof. Dr. h.c. Josef Friedrich Doppelbauer.
(kreuz.net/Sisa) Manchmal werde ich gefragt, ob nicht eine neue Tonalität das Liedschaffen beleben könnte.

Ich weiß nicht, was neue Tonalität sein soll. Es gibt nur Tonalität in großer Bandbreite, Dur und Moll sind Ausschnitte davon. Atonalität ist für das Lied der Gemeinde unbrauchbar.

Vor kurzem las ich in der Einführung zu einer neuen Messe den Satz:

„Dann singt ein Rocksänger als Vertreter unserer Zeit die Worte des Gloriatextes, und nun haftet ihnen nichts Verstaubtes, Überholtes mehr an…!“

Jetzt wissen wir es: Den liturgischen Texten muß der Hauch des Rock eingeblasen werden, damit sie lebensfähig werden … von sich aus sind sie nichts. Solcher Unsinn wird von manchen Kreisen ernstgenommen.

Die Vertreter der „Neuen Religiosität“ sagen das Gegenteil: die Neue Religiosität habe ihre Musik verändert. Damit sind sie näher an der Wahrheit.

Bedenklich wird es, wenn der Gottesdienst zum Happening umgestaltet wird, damit die triviale Musik dazu paßt. Beispiele habe ich erlebt. Damit wird man weitere Kirchenaustritte nicht verhindern.

Das Herumbasteln ist ein Symptom der Ratlosigkeit.
Das Herumbasteln
ist ein Symptom der Ratlosigkeit.


Die beherrschende Geistesströmung seit nahezu hundert Jahren ist der Nihilismus.

Theoretischer Nihilismus verneint die Möglichkeit der Erkenntnis der Wahrheit, der ethische die Werte und Normen des Handelns, der politische jede irgendwie geartete Gesellschaftsordnung.

Mit dem Wort Nihilismus bezeichnet Nietzsche die Erscheinung, daß die obersten Werte sich entwerten, jene Werte, die dem Leben und Tun der Menschen erst Sinn geben, daß es nichts gibt, wofür es sich zu leben oder sterben lohne, und daß das Bewußtsein aufkommt, es sei alles umsonst (Kröner, Philosophisches Wörterbuch).

Uns interessiert vor allem der ästhetische und religiöse Nihilismus. Auch die Religion kann davon betroffen werden, zum Beispiel wenn Handlungen vorgenommen werden, die keine Entsprechung in der Transzendenz haben, oder wenn die liturgische Sprache zum bloßen Gerede herabsinkt.

Der ästhetische Nihilismus zeigt sich, wenn die Formen sich vom Inhalt lösen und beliebig austauschbar werden. Der ästhetische Nihilismus drapiert sich oft mit dem Hedonismus: genieße den Tag, du weißt nicht was nachher kommt.

Das Beunruhigende ist die Verschmelzung, ja selbst die völlige Verwischung des Guten und Bösen, die oft dem schärfsten Auge sich entzieht (E.Jünger: Über die Linie). In diesem Zusammenhang möchte ich auf das Buch „Nihilismus heute“ von Wolfgang Kraus hinweisen.

Das Kirchenlied ist von all diesen Strömungen auch betroffen, es spiegelt den Zustand des religiösen Lebens. Es ist auch Kunst.

Kunst aber ist keine Spielwiese, kein Sportplatz zum Abreagieren von Aggressionen, kein unverbindliches Hobby, sondern ein Seismograph, an dem der Zustand der Zeit abgelesen werden kann; von ihr gehen Impulse auch für die Zukunft aus.
Kunst ist keine Spielwiese
kein Sportplatz zum Abreagieren von Aggressionen, kein unverbindliches Hobby, sondern ein Seismograph, an dem der Zustand der Zeit abgelesen werden kann; von ihr gehen Impulse auch für die Zukunft aus.


Wenn man die Menschheit als Körper betrachtet, dann befand sich in der ersten Hälfte des Jahrhunderts der Kopf in der nihilistischen Zone. Jetzt ist der Rumpf nachgerückt und die Verwirrung allgemein, in verschiedenen Graden.

Aber es rühren sich Gegenkräfte, die diese Zone schon durchschritten und Antigene entwickelt haben.

So sagt Peter Handke, der selbst tief Betroffener in seinen frühen Werken war, in der „Geschichte des Bleistifts“: „So oft ich mich aufrichten kann, bin ich dazu verpflichtet“.

Die Gegenkräfte formieren sich in schöpferischen Persönlichkeiten, auch ohne die Kirche, die dann wieder hinterher rennen wird.

Es gibt, so meine ich, eine Art religiösen Hochmuts, der die Augen schließt: mir kann nichts passieren. Die Geschichte lehrt jedoch anderes.

Der Verfasser (*1918) war Kompositionsprofessor sowie Prorektor des Salzburger Konservatoriums ‘Mozarteum’. Er verstarb am 13. Januar 1989. Dieser Beitrag entstammt dem bisher unveröffentlichten Nachlaß.
Der Artikel ist Teil der folgenden Reihe:
1. Das Produkt einer Revolution 2. Das jämmerliche Produkt einer kirchlichen Talentflucht 3. Der triviale Mensch möchte in einer dumpfen Euphorie leben 4. Spätmarxistisch orientierte Aufklärungswelle 5. Die wunde Stelle der Liturgiereform 6. Die Kirche hat auf vielen Gebieten der Kultur Kompetenzen eingebüßt
7. Mehr Rock-Musik in der Liturgie
      
9 Lesermeinungen
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#9   Aurelius   16:26:14 | Donnerstag, 14. September 2006
@ Artois
Hmmm, vielleicht habe ich mit vertan mit Bonham und der Kesselpauke.
Led Zeppelin 2 ist ein wirklich gutes Album… Komisch, ich habe wirklich lange kein Led Zep mehr gehört und heute morgen hatte ich aus unerfindlichen Gründen „Whole Lotta Love“ im Ohr.
Viel Freude mit Coverdale – Page!
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#8   Artois †   14:31:53 | Donnerstag, 14. September 2006
Also, ich kann mich nicht erinnern,
Boham je mit einer (Kessel)pauke gesehen zu haben (IM Gegensatz zu Carl Palmer u.a., der dieses Instrument sehr schätzte). Normalerweise gehört zum Drumkit ja stets die „große Trommel“, auch Fußtrommel genannt, bzw. deren zwei nebeneinander.
Bei der Beurteilung von Led Zeppelin gehe ich eher von den Texten und dem musikalischen „feeling“ aus, und das geht schon sehr in die fragliche Richtung, meine ich.
Das Coverdale/Page-Album kenne ich nicht, werde es mir aber auf Ihre Empfehlung mal besorgen und anhören. „Led Zepelin 2“ gehört für mich auf jeden Fall zu den 5 besten Alben aller Zeiten.
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#7   Aurelius   12:46:01 | Donnerstag, 14. September 2006
@ Artois
Es könnte tatsächlich Page sein –- als er noch jünger war und es Led Zep noch gab. Die Kleidung siehr sehr nach Siebziger aus und das Drumkit im Hintergrund hat eine Pauke. Ich meine, John Bonham hatte eine Pauke im Drumset.
Ich weiß gar nicht, ob Page überhaupt „Satanist“ war oder ist. Ich weiß nur, daß er mal das Haus von Aleister Crowley in Hastings (?) besessen hat und eine Buchhandlung hatte, in der man das Geschreibsel von Crowley kaufen konnte. Meine ich zumindest. Aber auch das ist schon traurig genug…
Ein leider viel zu wenig beachtetes Album ist das von Coverdale-Page (Anfang der 90er). Das Gitarrensolo in „Take me for a little while“ gehört m.E. zu den besten und ausdrucksstärksten, die Jimmy Page je gespielt hat.
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#6   Artois †   12:35:02 | Donnerstag, 14. September 2006
@Aurelius
Ja! Hab ich auch sofort gedacht! Niemand konnte je so cool die Les Paul anhängen und dabei noch einzigartig virtuos spielen! Schade, daß er dem „negativen Reich“ verhaftet war, ich bete trotzdem für seine Bekehrung (obwohl ich es für ausgeschlossen halte, daß ein bekennender „Satanist“ noch den Weg zur Kirche findet. Oder, – ?? Gibt es da Gegenbeispiele??)
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#5   Aurelius   10:54:32 | Donnerstag, 14. September 2006
Jimmy Page???
Der Gitarrist auf dem Foto mit der Gibson Les Paul ist doch nicht Jimmy Page, oder?
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#4   wunderkind2 †   21:59:35 | Mittwoch, 13. September 2006
hm…
joar. toll. sehr weiblich.
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#3   matt   21:54:56 | Mittwoch, 13. September 2006
Es ist das Vertigo
das „andere Ding“. Es ist ein Spiegelkabinett wo alles auf die Person zurückreflektiert, die dieses Labyrinth bewältigt und die verschiedenen Momente seines Werdegangs in (Spiegel)Bilder fasst. Es ist so, als liefe es hinterher, was derjenige aber selten wahnimmt oder sieht, weil er nicht zurückschaut. Aber manchmal im Vorbeifahren schnappt er manches davon auf, das ihn dann einholt wie ein Rückkopplungseffekt. Es ist eine fulminante Illusion, etwas sehr weibliches und ausdrucksstarkes und es tut eigentlich nichts anderes als das zu performen, was das andere Ding anstellt, ohne es besonders zu bewerten.
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#2   wunderkind2 †   21:07:28 | Mittwoch, 13. September 2006
matt…
und sicher findest du auch noch kreativ was du da zu schreiben hast.
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#1   matt   20:43:04 | Mittwoch, 13. September 2006
„the thing“
Es ist vampiröses, blutsaugerisch und besitzergreifend. Es geistert und wirbelt herum, bringt alles mögliche hervor und durcheinander. Es ist ein Kopf mit obskuren Leibern, nimmt Formen an wie es will. So kriecht und krabbelt es, es kräucht und stöhnt, winselt und tobt. Es ist eine ständige Wallung, es blubbert dahin, wie ein Vulkan neben einer Geschichte, die in Granit gemeiselt ist. Und gerade das ist seine Stärke: seine Wandlungsfähigkeit. Es rüttelt an Weltreichen und alten Gemäuern. Es imitiert, es suggeriert und phantasiert auf der Suche nach wahrem Sein. Es nimmt alles her, wie es will, vereinnahmt und verwirft und nährt sich von allem. Es ist blanker Wahnsinn. Es ist wie ein Hurrikan, der über die Welt hinwegfegt, ein ständiger Rauschzustand, ein Virus, wie ein Reigen aus Fleisch und Blut, ein pulsierender Kokon, der am Ende doch von ihm abfällt und seine finale Form offenlegt.
Und es hat sich noch nicht ausgetobt! Aber die Kathie soll es nicht nachahmen, sondern bei dem verbleiben, was sie gut kann, sonst macht sie sich nur lächerlich, weil es ihr nämlich nicht entspricht.
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