Erwartungsgemäß machte das Vatikanische Geheimarchiv am Montag alle Bestände des Pontifikats von Pius XI. vorzeitig für die Forschung zugänglich.
(kreuz.net, Vatikan) Immer wird das Vatikanische Geheimarchiv als Hintergrund für Spekulationen, Polemiken,
Romane und sogar antikatholische Haßausbrüche verwendet. Völlig zu unrecht.
Denn seit der erstmaligen
Öffnung des Archives durch Papst Leo XIII. im fernen Jahr 1880/81 ist kaum ein Jahrzehnt vergangen, in
dem nicht neue Bestände veröffentlicht wurden.
Publikationen, die auf vatikanischen Archivalien basieren,
könnten inzwischen selber eine Bibliothek füllen.
Allen Bemühungen des Archivs und der Historiker
zum Trotz will man von dieser Tatsache im allgemeinen Bewußtsein keine Kenntnis nehmen.
Kirchenfeinde
erzählen im Zusammenhang mit dem Archiv jede Menge mysteriöse Schauermärchen.
Damit läßt sich mehr
Geld machen und mehr Aufsehen erregen als mit solider wissenschaftlicher Arbeit. Der kirchenfeindliche
Haßautor Dan Brown ist dafür ein Beispiel.
Im vatikanischen Geheimarchiv gibt es 85 Kilometer Akten.
Das einzige Zulassungskriterium ist die wissenschaftliche Kompetenz.
Wer im Geheimarchiv forschen will,
braucht die Empfehlung einer universitären Institution, sollte Erfahrungen mit der Recherche in großen
Archiven sowie gute Sprachkenntnisse zumindest in Latein und Italienisch und ausgewiesene paläographische
Fertigkeiten mitbringen.
Das Taufbuch spielt keine Rolle.
An den rund siebzig Arbeitsplätzen im Benutzersaal
arbeiten mindestens so viele nichtkatholische Wissenschaftler wie katholische.
Der Name „Vatikanisches
Geheimarchiv“ kann leicht mißverstanden werden. „Geheim“ hat nichts mit Geheimnissen oder Geheimhaltung
zu tun.
Das Wort „segreto“ in der italienischen Bezeichnung „Archivio Segreto Vaticano“ meint zunächst
einmal „privat“.
Denn das Archivio Segreto Vaticano ist kein öffentliches Archiv im gewöhnlichem Sinn,
sondern das Privatarchiv des Papstes.
Das ist nicht ungewöhnlich. Es gibt viele Geheimarchive von Souveränen,
die nur deren Regierungshandeln dienten – auch wenn man sich dessen heute in der Öffentlichkeit nicht
mehr so bewußt ist.
Das Vatikanische Geheimarchiv hatte ursprünglich allein die Aufgabe, den Päpsten
und ihrer Kurie als Verwaltungsarchiv zu dienen.
Dazu zentralisierte Paul V. († 1621) im Jahr 1612 die
bislang verstreuten Archivalien der kurialen Überlieferung an einem Ort. Die frühesten Sammlungen reichen
bis ins dritte Jahrhundert zurück.
Die Öffnung des Pontifikats von Pius XI. bedeutet, daß alle Akten,
die das Archiv im Zeitraum vom 6. Februar 1922 – Regierungsantritt – bis zum 10. Februar 1939 – Todestag
des Papstes – verwahrt hat, öffentlich zugänglich werden.
Das sind nicht weniger als etwa 100.000 Einheiten –
also große Archivschachteln, Büschel, Faszikel, Volumen oder Bände mit jeweils bis zu tausend Blatt
Umfang.
Die wichtigsten neu zugänglichen Akten sind: das gesamte Material des Staatssekretariats und
der Kongregation für die Außerordentlichen Kirchlichen Angelegenheiten, die Archive von achtzig Nuntiaturen
und Apostolischen Delegaturen und der Konsistorialkongregation.
„Es wird eine überzeugte Kirche im Kampf
gegen den Totalitarismus, gegen den Faschismus, gegen den Nationalsozialismus und auch gegen den Kommunismus
zum Vorschein treten“ erklärte Pater Giovanni Sale SJ, Dozent für Zeitgeschichte an der Päpstlichen
Jesuitenuniversität Gregoriana vor ‘Radio Vatikan’.
„Dies wird den Historikern die Möglichkeit geben,
die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts zu überarbeiten und auf der Basis von neuen wichtigen Dokumenten
neu zu schreiben.“
Das Päpstliche Geheimarchiv ist nichts für Sensationslustige, erklärt Pater Sale:
„Wer sich dem Archiv mit der Intention nähert, Aufsehen erregende Akten zu finden, wird vom journalistischen
Standpunkt aus betrachtet, tief enttäuscht werden.“
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8 Lesermeinungen
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#7 wickerl 15:28:01 | Donnerstag, 21. September 2006
Hetze Die Hetze gegen Papst Pius XII. beruht auf dem sorgfältig gepflegten und gehegten Mythos dass die
Kirche zur Rettung der Juden verpflichtet sei und dies ihre Grundaufgabe sei. Wenn Pius XII. etwa aus
Rücksicht auf die Katholiken in Deutschland und noch viel dringender in den von Deutschen besetzten Gebieten
wie Frankreich, Polen, Italien, Ungarn, Kroatien, Slowenien Rumänien, Bulgarien nichts gemacht hätte
wäre ihm dies absolut zugestanden, die Kirche ist ausschließlich dazu da das Evangelium zu verkünden.
#6 Malachias † 23:57:11 | Mittwoch, 20. September 2006
@JohannesD Vielleicht war er ja der der letzte (wirkliche) Papst…? ?:) Zumindest wird man ihn als einen
der drei Übergangspäpste (Benedikt XV., Pius XI., Pius XII.) zwischen Katholischer Kirche und Freimaurerkirche
ansehen müssen… Hoffen wir, daß die Archivare im Vatikan gute Arbeit geleistet haben und das Archiv
möglichst gut vor nachträglicher Manipulation gesichert ist. Bei den vielen Nicht-Katholiken, denen
der Vatikan Zugriff darauf gestattet…