„Wie heißt das Tier, auf dem Jesus am Palmsonntag in Jerusalem einzog?“
Der Vertreter des Vatikan in Turkmenistan bewahrt in seiner Wohnung einen Stein auf.
(kreuz.net) Pater Andrzej Madej OMI besuchte kürzlich die Zentrale des Hilfswerks ‘Kirche in Not’ in
Königstein im Taunus.
Er spricht ruhig, macht lange Pausen. Bedächtig legt er sein großes Brustkreuz
aus Messing ab, das an einer farbigen Wollkordel hängt, und küßt ehrfürchtig den Korpus, bevor er
das Gespräch beginnt.
Als katholischer Priester in Turkmenistan braucht man Geduld.
Das Land, das früher
zur Sowjetunion gehörte, befindet sich in Zentralasien – nördlich des Iran und Afghanistan.
Seit neun
Jahren ist Pater Andrzej Madej OMI als Vertreter des Vatikan in diesem islamisch geprägten Land, dessen
katholische Gemeinschaft die kleinste der Welt ist.
Pater Madej wurde 1951 in Polen geboren. Seine Heimatstadt
ist Kazimierz Dolny – 120 Kilometer südöstlich von Warschau –, die „schönste Stadt Polens“, wie er
scherzt. Ein Lächeln überzieht sein Gesicht, das mit einem kleinen grauen Bart bedeckt ist.
Nein, über
Politik wird er nicht sprechen. Bei diesen Worten lächelt er nicht.
Pater Andrzej trägt nicht immer
Soutane. Zu Hause, in Turkmenistan, geht er im Anzug. Er gehört zum Diplomatischen Korps. Anders könnte
er seiner kleinen Herde – sie zählt 64 Mitglieder – nicht beistehen.
Eine Kirche hat er auch nicht.
Davon träumt er noch. Noch ist die Zeit in Turkmenistan nicht reif dafür. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
Fünf Monate vor dem Tod Johannes Pauls II. traf er diesen Papst. Noch heute kann er es kaum glauben,
daß er dies wirklich erleben durfte.
Dem Papst brachte er einen Stein aus der asiatischen Bergkette
Kopet-Dag mit. So Gott will, wird dieser Stein eines Tages der Grundstein der ersten katholischen Kirche
in Turkmenistan sein.
Noch liegt der Stein in Pater Andrzejs Zimmer und wartet auf seine große Stunde.
Wie lange noch?
„Die Verfassung garantiert Religionsfreiheit“ – langes Schweigen. Wir haben verstanden.
Man muß lernen, in seinem Schweigen zu lesen, in einem unausgesprochenen Leid: „Wir sind psychologisch
isoliert.“ Zwei Priester gibt es in Turkmenistan, keine Ordensfrauen.
Die Kirche überlebt dort lediglich
durch das Meditieren des Wortes Gottes, das Gebet, die Eucharistie. Donnerstags ist Eucharistische Anbetung.
Jeden Tag beten die Gläubigen den Rosenkranz und den Barmherzigkeitsrosenkranz der Schwester Faustyna
Kowalska.
Das ist die Quelle, aus der sich das Leben der katholischen Gemeinde speist.
Es gibt auch
Katechese für Erwachsene und für Jugendliche sowie eine Kindergruppe. Alle findet in den Häusern der
Gläubigen statt. Im Moment bereiten sich fünfzig Menschen auf die Taufe vor.
Pater Andrzej und sein
Mitbruder, Pater Tomasz, reisen ab und zu ins Ausland, meistens einmal im Jahr. Dann betteln sie um Gebete
für ihre kleine Herde.
Der Gedanke, daß im Ausland viele Menschen für die Kirche in Turkmenistan beten,
gibt Pater Andrzej besonders viel Kraft. Es zeigen sich die ersten Früchte.
Eine junge turkmenische
Frau hat mittlerweile in Polen, im Heiligtum der Schwester Faustyna, ihre zeitlichen Gelübde abgelegt.
Pater Andrzej reiste mit einer neunköpfigen Gruppe dorthin, um bei diesem freudigen Ereignis dabei zu
sein. Für einige turkmenische Gäste war es die erste Gelegenheit in ihrem Leben, richtige Kirchen zu
sehen und Orgelmusik zu hören.
In zwei jungen Männern – beide erst 16 Jahre alt – keimt ebenfalls die
Berufung zum Ordensleben auf. Sie wollen in den Orden der Oblaten der Unbefleckten eintreten. Das ist
der Orden von Pater Andrzej und Pater Tomasz, die beiden einzigen Priester, die sie kennen.
Einmal wurde
Pater Andrzej in einem Interview nach seinem Traum gefragt. Das Träumen hat er noch nicht aufgegeben.
Manchmal werden Träume wahr – auch in Turkmenistan.
Er wünscht sich eine turkmenische Madonna, den
turkmenischen Frauen gleich, mit einem Baumwollball in der Hand, dem Fruchtstand der Baumwolle. Dieser
sieht aus wie eine schneeweiße Blüte – wie ein Kelch, der randvoll gefüllt ist mit weichem Flaum.
Eine Frau erzählte einer polnischen Karmelitin, Schwester Miriam, einer Ikonenmalerin, davon. Nach dem
Vorbild von Fotos turkmenischer Frauen in ihren Volkstrachten malte die Ordensfrau eine Ikone so, wie
sie sich Pater Andrzej erträumt hatte. Die Frauen in Turkmenistan sagen über „ihre“ Madonna: „Sie ist
ganz wie wir!“
Lebhaft wird Pater Andrzej, wenn er die Menschen von Turkmenistan beschreibt. Er liebt
sie, denn sie sind freundlich und großzügig.
Die turkmenische Landschaft – sagt er – ist sehr biblisch.
Man denkt an Nazareth, wo die Heilige Familie lebte und das Christuskind aufwuchs.
Überall sieht man
Hirten und viele Schafe, Kamele und – der Pater sucht nach dem rechten Wort: „Wie heißt das Tier, auf
dem Jesus am Palmsonntag in Jerusalem einzog?“ – „Ja, Esel, es ist wie im Neuen Testament“.
Am Ende bittet
er noch einmal um unsere Gebete. Eine andere Hilfe will er nicht. Vielleicht ist es auch noch zu früh.
Er hat zu warten gelernt in den neun Jahren als Priester in Turkmenistan.
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