Aus der kirchlichen Hülle und Fülle
Der Gedenktag des ersten Märtyrers der heiligen Kirche wird nicht überall gerne gesehen. In der Hölle betrachtet man seine Steinigung mit sehr gemischten Gefühlen. Zwei Teufel versuchen in einem Gespräch verzweifelt, zu retten, was von ihrer finsteren Sache noch zu retten ist. Ein Dialog aus dem Abgrund.
Diabola: Schau Mephistopheles, deine Arbeit im Zusammenhang mit dem Diakon Stephanus hat gefruchtet. Viele sind gekommen, um mit Stephanus zu streiten und ihn zu besiegen. Die Libertiner und Zyrenäer, die Alexandriner, Leute aus Zilizien und der Provinz Asien. Sie werden ihn zu Boden werfen und zur Schnecke machen.

Mephistopheles: Wer weiß? Ich fürchte, daß der sture Diakon seine wahnwitzigen Übertreibungen nicht zurücknehmen und seinen merkwürdigen Gott am Kreuz weiter anbeten wird. Hör nur, mit welch Sophisterei und furchtloser Frechheit er sich den Argumenten unserer Leute widersetzt.

Diabola: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum.“ Goethe erkannte wohl des Menschen Lust nach dem Baum des Lebens. Theoretisches Daherreden tut niemandem weh – auch dem kämpferischen Diakon nicht. Vielleicht sollten wir dem Frömmler das Leben schwer machen und ihm die Masse auf den Hals jagen.

Mephistopheles: Du meinst, eine Portion Höllenfeuer würde not tun? Kein Problem. Wir werden unsere Getreuen einige Meineide schwören lassen. Sie sollen behaupten, daß Stephanus Moses und Gott gelästert hat. Das wird beim Volk Eindruck schinden und die Menge von der Falschheit der frechen Predigten des Heuchlers überzeugen.

Diabola: Eine hervorragende Idee! Und schau: Die Taktik scheint zu funktionieren. Schon packen sie den Schwätzer und schleppen ihn vor den Hohen Rat. Beim Bart des Prinzen der Unterwelt! Dein Einfall mit dem falschen Zeugenaussage vor den Ältesten war brilliant. Hörst Du, was die Massen behaupten: Stephanus soll gesagt haben, der gekreuzigte Nazoräer werde den Tempel niederreißen und alle jüdischen Unarten abschaffen.

Mephistopheles: Weißt Du, liebe Diabola, es ist nicht das erste Mal, daß ich diese Technik anwende. Die gleiche Vorgangsweise hat sich schon bei der Kreuzigung des Nazoräers selbst bewährt. Damals hat unser großer Luzifer seine Stunde wahrgenommen. Die Kunst besteht darin – das betont unser Vater der Lüge immer wieder – Dichtung und Wahrheit in der richtigen Proportion abzumischen. Das verfehlt seine Wirkung nie.

Diabola: Oh, schau, wie einen räudigen Hunden haben sie den Diakon eingefangen. Was für einen widerlichen Anblick er doch bietet. Dieser knechtische Blick. Ich kann diese Unterwürfigkeit aufs Blut nicht riechen.

Mephistopheles: Denk an die alten Tage und habe Geduld. Auch sein Gesicht werden wir bald vor Schmerz verzerrt sehen. Du kannst dir schon mal die Klauen reiben.

Diabola: Von wegen. Da läuft nicht alles nach Plan. Ob die Anschuldigungen wahr seien, fragt der Hohepriester. Kannst du ihm wirklich keine besseren Fragen einflüstern? Wer will schon so etwas Stinklangweiliges wie die Wahrheit wissen.

Mephistophelus: Für wie dumm hälst Du mich eigentlich, Diabola? Diese dumme Frage stammt nicht von mir. Der Hohepriester hat sie sich selber ausgedacht. Oje, jetzt redet der Stephanus. Und sein Gequassel scheint überhaupt kein Ende mehr zu nehmen. Warum unterbricht ihn niemand?

Diabola: Das Gerede des Diakons nimmt kein Ende. Vielleicht sollten wir uns in der Zwischenzeit um die Seelen kümmern, die schon in der Hölle braten, und neue Kohlen in den Ofen legen? Dieser Langweiler rollt die ganze endlose Geschichte von Israel wieder auf. Das wird dauern. Kann der nicht mal was Neues erzählen?

Mephistopheles: Du hast recht, wir sollten uns dem Einheizen zuwenden. Zeit haben wir wirklich, Stephanus ist erst bei Abraham. Der Kerl ist so festgefahren in seinem Denken. Ich befürchte fast, daß wir seine Seele verlieren werden.

Diabola: Meine Bosheit, du hast recht. Der ist halsstarrig bis über beide Ohren und beschimpft stattdessen seine Brüder und Väter als Halsstarrige.

Mephistopheles: Still! Ich will hören, was Stephanus sagt. „Ihr Halsstarrigen, ihr, die ihr euch mit Herz und Ohr immerzu dem Heiligen Geist widersetzt, eure Väter schon und nun auch ihr. Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Sie haben jene getötet, welche die Ankunft des Gerechten geweissagt haben, dessen Verräter und Mörder ihr jetzt geworden seid. Ihr, die ihr durch die Anordnung von Engeln das Gesetz empfangen, es aber nicht gehalten habt.“

Diabola: Hör’ sich einer diese Frechheit an? Von einer solchen Hetzerei könnte einer von uns direkt etwas lernen. Wie kann der so böse über unsere Leute reden und trotzdem dieses armseligen Leuchtens im Gesicht nicht verlustig gehen?

Mephistopheles: Versuch nicht die Logik von oben zu verstehen. Wir arbeiten nicht mit Logik, sondern mit Chaos. Nicht mit Vernunft, sondern mit Widerspruch.

Diabola: Schau, schau! Die Frechheiten des Stephanus scheinen ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Nicht nur die Teufel, sondern auch die Massen ärgern sich. Schon fletschen die Anwesenden die Zähne und schmeißen mit Steinen nach ihm.

Mephistopheles: Was schaut dieses bösartige Monster mit seinen dämlichen Leuchteaugen so frömmlerisch zum Himmel. Kannst du sehen, was er dort sucht?

Diabola: Keine Ahnung, und dann spuckt sein Maul auch so komische Sätze aus: „Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. Herr Jesus, nimm meinen Geist auf.“

Mephistopheles: Ich habe geahnt, daß bei diesen fixierten Klerikern jede Hilfe zu spät kommt. Furchtbar, und es kommt noch schlimmer. Er nimmt es seinen Peinigern gar nicht übel, daß sie ihn so behandeln: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an.“

Diabola: Widerlich, einfach widerlich. Trägt der eigentlich gar keine menschlichen Gefühle in sich?

Mephistopheles: Um bei deinem Freund Goethe zu bleiben: „Blut ist ein ganz besondrer Saft.“ Aber er ist sehr verderblich, wenn daran der entsetzliche Name des gekreuzigten Nazoräers klebt. Ich fürchte, der große Luzifer wird über diesen Tod nicht glücklich sein. Vielleicht sollten wir uns in den letzten Höllenwinkel verziehen, bis sein Zorn verraucht ist.

Diabola: Zum Glück ist wenigstens dieser Saulus auf unserer Seite.

Mephistopheles: Dem Leibhaftigen sei Dank! Saulus ist mit dem Mord einverstanden. Der ist wahrhaft einer von uns, eine Seele, die dem Mörder-von-Anfang-an treu ergeben ist.

Diabola: Du sagst es, ein wahrhaft guter Mann. Stell dir vor, wir würden solch’ tapfere Streiter verlieren.

Mephistopheles: Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn einer unserer besten Leute vom wahren Schlachtroß fiele. Gut, daß sich der große Luzifer des Saulus persönlich annimmt.

Diabola: Wahrhaftig, er ist der Fürst der Hölle, er wird ihn in seinen schwarzen Klauen halten wissen.
      
1 Lesermeinung
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#1   Dolfus   12:30:20 | Sonntag, 26. Dezember 2004
Kompliment!
Ein hervorragender Dialog. Die modernistischen Theologen und die Dämonen der Unterwelt werden Gift und Galle spucken!
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