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Montag, 25. September 2006 15:45
„Erholung suchte ich nur in der Abwechslung der Arbeiten“
Joseph Ratzinger galt in Freising als der fortschrittlichste Professor. Als bekannt wurde, daß er die Glaubenskongregation übernehmen sollte, war sein Kollege, Professor Georg May, entsetzt.
Professor Joseph Ratzinger im Jahr 1978 an der Universität Regensburg
Professor Joseph Ratzinger im Jahr 1978 an der Universität Regensburg
(kreuz.net, Mainz) Der im schlesischen Liegnitz geborene und in Mainz lebende Kirchenrechtler Hw. Georg May feierte am 14. September, dem Fest Kreuzerhöhung, seinen 80. Geburtstag.

Zu diesem Anlaß führte die deutsche Monatszeitung ‘Kirchliche Umschau’, die der Piusbruderschaft nahesteht, mit dem Priester ein Interview.

Hw. May ist emeritierter Professor für Kirchenrecht an der Universität Mainz.
Prof. Georg May
Prof. Georg May

Im Jahr 1948 absolvierte er das Priesterseminar der Erzdiözese München Freising und kniete dabei jeden Tag mit dem gegenwärtigen Papst in derselben Kirchenbank.

Später studierte der junge Priester Georg May Kirchenrecht. Damals sei die Promotion in diesem Fach erheblich schwieriger gewesen als später:

„Der Promovend hatte acht Klausuren zu schreiben, acht mündliche Prüfungen abzulegen und in acht Fächern lateinische Thesen vorzulegen. Zwei Thesen mußte ich öffentlich verteidigen.“

Schließlich wurde Hw. May Professor in Freising. Dort war er mit dem Dogmatiker Joseph Ratzinger Kollege im Professorendienst: „Ich habe ihn als liebenswürdigen, kollegialen und überhaupt nicht von sich eingenommenen Mitbruder erlebt. Nichts von Hochmut oder »Karrierismus«.“

Prof. Ratzinger sei von den Studenten als der „Fortschrittlichste“ unter den Professoren eingeschätzt worden: „Er galt bei ihnen als hochbegabt, ja genial.“

Doch als sein lieber Mitbruder zum Präfekten der Glaubenskongregation ernannt wurde, sei er erschrocken – erzählt Prof. May.

„Von seinem ganzen Habitus – er schien uns im Seminar fast zerbrechlich – schien er für diesen Posten kaum geeignet zu sein, weil er ein Denker war und nicht ein Handelnder – keiner, der spektakuläre Taten setzt.“

Nun mußte er Entscheidungen fällen, unpopuläre Beschlüsse treffen, Absetzung, Strafen und Bußschweigen verhängen.

Kardinal Ratzinger mit Papst Johannes Paul II.
Kardinal Ratzinger mit Papst Johannes Paul II.
Prof. May hielt Joseph Ratzinger für ungeeignet, den Posten zu übernehmen. Dafür brauche es Persönlichkeiten wie Kardinal Alfredo Ottaviani († 1979), der von sich selber sagte: „Ich bin ein alter Carabiniere.“

Doch im Nachhinein glaubt Professor May, daß sich Kardinal Ratzinger in seiner Aufgabe in großer Selbstentäußerung eingearbeitet und darin Hervorragendes geleistet hat.

Er selber wurde im Frühjahr 1960 als Kirchenrechtsprofessor an die Theologische Fakultät der Universität Mainz berufen.

Während seiner Zeit in Mainz habe sich das Profil der Universität durch Neuberufungen von Professoren erheblich geändert. Es sei zu ideologischen Konflikten gekommen:

„Immer deutlicher zeigte sich in Folge des Konzils, daß durch die Fakultäten ein unüberbrückbarer Riß ging. Die Mitglieder waren sich bei grundwesentlichen Gegenständen der Lehre nicht mehr einig.“

An anderen theologischen Fakultäten sei das nicht anders gewesen: „Allmählich stellte sich mir die Frage, ob die theologischen Fakultäten noch imstande seien, ihre Aufgabe zu erfüllen, gläubige und gelehrte Priester und Religionslehrer auszubilden.“

Der Professor beobachtete, daß sich viele Professoren dem jeweils Aktuellen widmeten – wie es vom Zeitgeist erwartet wurde: „Diesen Trend machte und mache ich nicht mit.“

Er sei stets dem Ideal des Universitätsprofessors – der lehrt was er selber erforscht hat – nachgestrebt, „ohne es zu erreichen“.

Professor May wollte seine Studenten nicht nur im Kirchenrecht unterweisen, sondern ihren Glauben aufbauen und ihre Treue zur Kirche stützen.

Besonders am Herzen lagen ihm die Priesteramtskandidaten: „Ihnen versuchte ich in einer Zeit der Verwirrung den Priesterberuf zu erhalten und sie auf ihrem Weg zum Weihealtar zu festigen.“

Zeugnis seiner Verbundenheit mit den Seminaristen sind die vielen Primizpredigten, die Professor May, in seinem Leben gehalten hat.

Er hat in seinen fünfundfünfzig Priesterjahren auch stets Seelsorge betrieben:

„Ich übte allezeit die Grundaufgaben des katholischen Priesters aus, also die täglich Messe – ohne »eucharistiefreien Tag« –, die regelmäßige Verwaltung des Bußsakramentes und die sonntägliche Predigt.“

In seinem Leben habe er immer gearbeitet: „Erholung suchte ich nur in der Abwechslung der Arbeiten.“

Er wäre gerne gereist, um nahe und ferne Länder zu sehen: „Doch die Pflichten in Wissenschaft und Seelsorge fesselten mich an den Ort.“

Heute ist der Kirchenrechtler weit davon entfernt, mit Genugtuung auf sein Leben zurückzuschauen. Er denkt aber mit Dankbarkeit an Gottes Erbarmen und die Hilfe vieler guter Menschen.


Prof. Georg May sprach anläßlich seines 80. Geburtstages vor mit der deutschen Monatszeitung ‘Kirchliche Umschau’. Das Interview führte Jens Mersch am 31. August im Haus des Professors in Budenheim.
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 22 Lesermeinungen:
Donnerstag, 28. September 2006 12:54
savonarola: @plingen
Wie lebt es sich eigentlich so in der Parallelwelt?
Mittwoch, 27. September 2006 21:04
Pater Lingen: Ja die Verurteilung der libellatici …
… ging ja auch nur gegen „Äußerlichkeiten“, gell! Ob Benedikt schon die Predigt gelesen hat?
Und die Examensfrage lautete ja gerade nicht: „Wie erklärt Ratzinger peccatum originale“, sondern: „Was bedeutet peccatum originale“.
Das weitere wiederhole ich nicht. Wer sich an seinen Irrungen ergötzen will, wird schon noch sehen, was er davon hat.
kreuz.net ist eigentlich nur gut als Bestätigung, dass man bei den V2lern mit der Wahrheit nicht durchkommt.
Mittwoch, 27. September 2006 17:04
Das Äußerlichkeitenchristentum von P. Lingen bietet hier wieder ein hervorragendes Beispiel: Es ist ganz egal, welcher Meinung man selber ist, durch die Zitation – eine Äußerlichkeit – wird man zum Apostaten. Oberflächlicher geht es kaum. Das „Christentum“ von P. Lingen ist bedauerlicherweise in reinen Formeln und Zeichen erstarrt.
Mittwoch, 27. September 2006 16:56
Tridentinus: @Pater Lingen
Sie könnten sogar sagen „Laut M. Luther bedeutet peccatum originale…“ und würden dadurch nicht Apostat. Ua hier sind wir anscheinend verschiedener Ansicht. Ich halte die meine für die angemessenere. Wenn es fast unmöglich ist, ein „V2“-Examen auf rechtgläubige Weise zu erlangen, wie gelang Ihnen das im konkreten Falle, wenn Sie zB Ratzinger den häretischen Gegensätzen zum Glauben der Kirche zuordneten? Ob das sachgerecht ist, möchte ich nicht diskutieren, aber es wurde doch mindestens als gewagt aufgefaßt, oder nicht?
Mittwoch, 27. September 2006 16:52
savonarola: @plingen
Also mit anderen Worten: Sie identifizieren sich mit jenen von Gewalt und Tod bedrohten Christen des 3 Jhd., die ihre Teilnahme am staatlich verordneten und erzwungenen Kult fingierten. Sicher, sicher, das waren alles Lumpen, Luschen und Taugenichtse, die ihr ewiges Heil mit so einer Finte natürlich verspielt haben. Aber dass Sie, wehrter P.Lingen, sich unter den vergleichbaren Zuständen des vergangen Jahrhunderts so tapfer geschlagen haben… Sie avancieren inzwischen für mich zur Lichtgestalt. Darf ich Ihnen das „Du“ anbieten?
Mittwoch, 27. September 2006 16:45
Pater Lingen: Ein Examen ist ein Bekenntnis!
Schließlich wurde ich ja nicht gefragt: „Wie lautet die Erklärung der Erbsünde in meinem Buch“ resp. „bei Joseph Ratzinger“ o.ä., sondern: „Was bedeutet peccatum originale“?
Die Beantwortung der Frage hatte dabei öffentlichen Charakter: Alle anwesenden Zeugen können auch öffentlich bestätigen, was ich gesagt habe. Ich stand also öffentlich vor der Wahl, die Häresien nachzubeten oder aber die kirchliche Lehre wiederzugeben.

Obwohl ich mich für Letzteres entschieden habe, bedeutet das nicht, dass ich in dem Falle nicht Apostat gewesen wäre, wenn ich mich für Ersteres entschieden hätte. Es hätte auch nichts geholfen, wenn ich mich darauf beschränkt hätte zu sagen: „Laut Ratzinger bedeutet peccatum originale etc.“, denn das allein könnte man nur so verstehen, dass ich Ratzingers Ausführungen als die richtige Erklärung hingestellt, also mir zueigen gemacht hätte: „Peccatum originale bedeutet das, was Ratzinger darüber sagt!“ Wiederum libellaticus.
Zugegeben, ich bin dann nebenbei auch auf die Häresien von Ratzinger etc. eingegangen, aber eben nur bei der Verurteilung der häretischen Gegensätze.
Es hilft alles nichts: Das Examen war ein Bekenntnis. Jemand, der einfach Ratzinger wiederholt hätte, wäre der Apostasie schuldig.
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