18:43:10 | Donnerstag, 28. September 2006
Der Aufruhr um das Regensburger Papstzitat hat sich gelohnt. Er könnte sogar zu einer Förderung der Gesprächskultur beitragen.
(kreuz.net) Am 26. September hat die ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ das
aus aktuellem Anlaß berühmt
gewordene Werk von Kaiser Manuel II. Palaiologos (1350-1425) vorgestellt.
Es heißt im griechischen Original
„Dialogos“.
Darin sind Streitgespräche enthalten, die Manuel im Winterlager 1391 zu Ancyra – dem heutigen
Ankara – geführt hat.
Manuel schrieb sie um das Jahr 1400 auf, als er bereits den byzantinischen Thron
bestiegen hatte.
Der Text wurde 1966 von Professor Adel Theodor Khoury publiziert. Der Libanese Khoury
ist emeritierter Professor der Universität Münster und melkitischer Katholik.
Er hat den griechischen
Originaltext der sogenannten Siebten Kontroverse veröffentlicht, ins Französische übersetzt und dazu
eine Einleitung verfaßt.
Das Streitgespräch entwickelt sich zwischen dem Kaiser – griechisch: basileus –
und einem Perser namens Mudarris.
Zur Zeit des Gesprächs lebte Manuel am Hof des Sultans Beyazit Yildirim
faktisch als Faustpfand. Die griechischen Byzantiner waren längst Vasallen der siegreichen osmanischen
Türken geworden.
Einige Jahre später konnte Manuel entweichen und obsiegte in den konstantinopolitanischen
Thronwirren.
Die vom Papst zitierte Stelle aus dem Dialogos zwischen Manuel und dem Perser ist eher beiläufig:
„Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden,
wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben durch das Schwert zu verbreiten.“
Insgesamt geht es
im Dialogos um das Verhältnis von Judentum, Christentum und Islam.
Beide Gesprächspartner sind sich
darüber einig, daß die Juden durch das Gesetz des Moses zu Kindern Gottes geworden sind.
Manuel merkt
freilich in Anspielung auf die jüdische Gesetzesreligion, daß der Glaube eine Frucht der Seele, nicht
des Körpers sei.
Der Perser gibt ihm recht und bestätigt, daß die christliche Lehre der jüdischen
überlegen sei:
„Ich habe gesagt, ich sage und ich werde sagen, daß das Gesetz Christi gut und schön
ist und besser als das alte [jüdische Gesetz der Tora].“
Dann fügt er hinzu: „Doch meine Religion ist
beiden überlegen.“
Am Christentum bemängelt er, daß es „sehr hart und schwer“ zu erfüllen sei.
Mohammed
habe hingegen einen mittleren Weg gewiesen. Sein Gesetz sei sanfter und „menschlicher“.
Der Perser greift
hier eine bekannte moslemische Argumentation auf, die im Koranvers gipfelt: „Ich habe euch einen leichten
Weg gewiesen.“
Tatsächlich kennt das islamische Gesetz vielerlei Dispensen.
Der Perser erklärt mit
Anspielung auf das Evangelium, wie schwer es sei, „die Feinde zu lieben und für sie zu beten“ oder auch
„seine Eltern und Brüder, ja die Seele selbst zu hassen“ und anderes.
So kommt er zum Schluß, daß
die Juden bis zur Ankunft Christi die wahre Religion gehabt hätten, dann die Christen bis zur Ankunft
Mohammeds.
Dieser habe das „vollkommene Gesetz“ überbracht. Danach könne es keine Offenbarung mehr
geben.
Manuel kontert, daß die recht verstandenen christlichen Tugenden sehr wohl zu verwirklichen seien
und nicht der Natur widersprächen.
Der Disput kreist insgesamt um die Frage, welches der drei „Gesetze“
besser sei.
Als Fazit bemerkt der Herausgeber Adel Theodor Khoury, wie unaufgeregt die beiden Disputanten
miteinander reden – jedenfalls nach der Darstellung der Aufzeichnungen von Kaiser Manuel.
In der gleichen
Ausgabe der ‘Frankfurter Allgemeinen’ weist ein Dr. Werner Weber aus Dortmund in einem Leserbrief auf
den historischen Kontext des Dialogos.
Die Äußerungen Kaiser Manuels II. seien im Jahre 1391 während
eines Disputs im Winterlager zu Ankara gefallen.
In den letzten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts habe
das Oströmische Reich im wesentlichen die Stadt Konstantinopel und ihre unmittelbare Umgebung umfaßt.
Die Gegend des Winterlagers zu Ankara habe schon lange zum Kernland des Osmanischen Reiches gehört:
„Ein Blick in Band III von Gibbons »Decline and Fall of the Roman Empire« führt zur einzig möglichen
Erklärung: Manuel weilte vor seinem Amtsantritt längere Zeit als Geisel am Hofe des türkischen Sultans
Bayesid und diente dabei auch im osmanischen Heere.“
Fazit: Manuels Disput mit dem Perser hat in einem
türkischen Militärlager stattgefunden: „Seine »schroffe« Äußerung über den Islam blieb damals ohne
jede Folge.“
„Man kann also konstatieren, daß vor mehr als 600 Jahren am Hofe des osmanischen Reiches
mehr Meinungsfreiheit in Religionsfragen bestand, als heute in der Türkei möglich ist“ – so Weber.
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