Derzeit sollte beim ‘RuhrTriennale’ ein umstrittenes Stück gezeigt werden. Doch die Schauspielerin Veronica Ferres weigerte sich, darin aufzutreten. Dabei stieß sie nicht auf die Offenheit für Kritik, die in diesen Kreisen gerne gefordert wird.
(kreuz.net, Duisburg) Vom 29. September bis zum 8. Oktober sollte die bekannte deutsche Schauspielerin
Veronica Ferres (41) beim ‘RuhrTriennale’ in Duisburg auf der Bühne stehen und die Hauptrolle in Wilhelm
Genazinos Zwei-Personen-Stück „Courasche oder Gott laß nach“ spielen.
Doch Frau Ferres kündigte vorzeitig.
Das Stück lasse sich weder mit ihren Vorstellungen noch mit ihrer künstlerischen Integrität vereinbaren.
Ihren Schritt erläuterte die Schauspielerin vor der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’.
Sie habe für
die Sache sogar ein Filmprojekt in den USA sausenlassen. Doch als sie den Text gelesen habe, sei sie „zutiefst
erschrocken und enttäuscht“ gewesen.
In einem 40seitigen Frauen-Monolog gehe es ums „Ficken“, seitenlang
um „Sperma“.
Im dritten Akt gebe es die Situation, wo sie einem Soldaten anbiete, ein kleines Mädchen
sexuell vorzubereiten, damit er es vergewaltigen könne.
Die Frau tue das, um sich einen Vorteil zu verschaffen.
Sie werde aber dafür nicht bestraft: „Da sind für mich moralische Grenzen überschritten, da kann ich
mich nicht hinstellen und mich dafür beklatschen lassen.“
Die von Genazino entworfene Figur habe kein
Raffinement. Sie ersticke in Selbstmitleid.
„Wenn ich eine solche Ideologie darstelle, ohne das Grauen
aufzuzeigen, dann wird es für mich ethisch fragwürdig.“ Darum sei die Absage in Ordnung:
„Ich komme
mir ein wenig vor wie die Figur im Stück – die Männer bestimmen: Friß oder stirb, du mußt die Beine
breit machen.“
Daß beim Chefdramaturgen Jürgen Flimm, der Regisseurin Stephanie Mohr und der künstlerischen
Leitung der ‘RuhrTriennale’ höchste Begeisterung über das Stück herrschte, habe sie noch weiter entfremdet.
Chefdramaturg Flimm habe ihr gesagt, daß das Stück in eine poetische Richtung gehe: „Leider ist es
mir anwaltlich verboten worden, öffentlich aus dem Stück zu zitieren.“
Sie sei sehr enttäuscht und
fühle sich ausgenutzt:
„Was hier geschehen ist, ist ein gnadenloser Überraschungsfeldzug. Und der hat
mich mitten ins Herz getroffen. Das tut sehr weh.“
Nach ihrer Absage habe ihr Chefdramaturg Flimm schriftlich
mitgeteilt, daß es keinerlei Berührungspunkte mehr geben werde in unserem Leben:
„Kritikfähigkeit
habe ich mir anders vorgestellt – schade.“
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16 Lesermeinungen
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#14 -Agnostiker- 10:06:47 | Sonntag, 1. Oktober 2006
@ Benedikt Naja, wenn der Text gut ist und die Inszenierung auch. Ich meine, würde nun die Darstellering
in grauen Lumpen auf einer grauen Bühne stehen, wünscht man sich mit Sicherheit bereits in den ersten
dreißig Minuten eine Rasierklinge an die Hand, keine Frage. Aber es ist ja auch ein zwei Personen Stück
und vielleicht stimmt die visuelle Umsetzung. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Typisch Moderne Kunst Daher man seine extremen Perversionen in der Öffentlichkeit nicht ausleben darf
da dies ja Gesetzeswiedrig ist hat man die moderne Kunst erfunden die das ganze wieder legal macht. So
umgeht man wie eigentlich die ganze Zeit das Strafgesetz. Unter den Deckmantel der Kunst ist alles erlaubt.
Ohne Ausnahme. Ohne auch nur eine einzige Ausnahme
Die Bühne ist zum F… da!!! In dieser heuchlerischen Abtreibungsgesellschaft darf man auf der Bühne
unter dem Deckmantel der Kunst die Sau rauslassen, ansonsten, außerhalb der Bühne, im öffentlichen
Raum, drohen Verleumdungs – und Diskriminierungsklagen. Und hinter der Bühne, im privaten Kreis, wird
gelästert, dass die Balken krachen. :- Nix Neues im Westen.
#11 Benedikt 21:20:11 | Samstag, 30. September 2006
@ Agnostiker Und wenn dieses dann noch gut gespielt ist, wird es mit Sicherheit auch erschütternd. Erschütternd?
Nun ja, wenn es stimmt, was die Ferres über die Figur sagt, dass sie nämlich in Selbstmitleid erstickt,
so besteht der Monolog wohl aus 40 Seiten Selbstmitleid. Wer kann das ertragen? Wie auch immer
PR für Veronika Ferres – und für Flimm Nach Eva Herman bekommt jetzt Veronica Ferres PR von Kreuz.net.
Die interessante Frage (die dieser Artikel nicht beantwortet) ist, wieso Frau Ferres das Projekt nicht
sofort nach der Lektüre des Textes in aller Stille abgelehnt hat (wie es Schauspieler normalerweise tun,
wenn ein Stück ihnen nicht gefällt und sie darin nicht mitspielen wollen), sondern erst ja gesagt hat
und dann erst später abgesagt – und zwar coram publico. Geht es ihr um einen Imagewechsel (wie ihn Frau
Herman derzeit ebenfalls durchzieht)? Oder wollte sie Herrn Flimm ermöglichen, jetzt seinerseits PR zu
machen als tabuloser Regisseur, den die prüde Ferres im Stich läßt?
#9 -Agnostiker- 19:54:33 | Samstag, 30. September 2006
@ Benedikt Das ist mir gar nicht aufgefallen beim Lesen. Aber ich habe schon Süsskinds Kontrabass im
Theater überlebt, da wäre das dann sicherlich hinnehmbar. Allerdings finde ich das Thema interessant,
wie es hier geschildert ist. Und wenn dieses dann noch gut gespielt ist, wird es mit Sicherheit auch erschütternd.
Aber ich traue der Ferres solch eine Leistung eher nicht zu.
„freiheit der kunst“ die Volksverdummer unserer Zeit brauchen sich nur Künstler zu nennen und schon haben
sie alle Freiheit, Ihren Mist zu veröffentlichen. Dabei spielt es heute keine Rolle mehr, ob man die
Gefühle anderer verletzt oder moralische Wertmaßstäbe bricht. Herzlichen Glückwunsch, Frau Ferres,
dass Sie da NEIN gesagt haben. :)3
#3 -Agnostiker- 12:31:39 | Samstag, 30. September 2006
Das Stück klingt interessant. Wobei ich bezweifel, dass die Verres wirklich ein Verlust ist… Grade
Stücke, die dem Zuschauer keinerlei Wertung der Geschehnisse vorgeben, verlangen nach talentierten Schauspielern.
Beispiel „Der Untergang“
Diktatur der „Humanität“ Irgendwo habe ich mal über die Diktatur der Humanitätgelesen. Kam mir bei
diesem Artikel wieder ins Gedächtnis. Ist irgendwie ein Zeichen völliger Assymmetrie in der Gesellschaft:
wer die Schweinereien kritisiert wird zur Sau gemacht, wer die Schweinereien macht in den Himmel gehoben.
Irgendwie hatten wird das in der deutschen Geschichte schon mal (die Alten werden sich noch erinnern).
Würde mich nicht wurndern, wenn es demjenigen, der den Ausdruck Diktatur der Humanität geprägt hat
genauso ginge.