19:01:50 | Donnerstag, 12. Oktober 2006
Dieser Satz stammt nicht von einem islamischen Selbstmordattentäter, sondern von einem aufgeklärten Vater der gegenwärtigen europäischen Gesellschaft. Von Leo G. Schüchter.
(kreuz.net) Bei seiner Regensburger Vorlesung sprach Papst Benedikt XVI. mehrfach von den „Pathologien
der Vernunft“.
Schon der spanische Maler Francisco de Goya († 1828) bezeichnete die Ideologien der europäischen
Neuzeit als „
Alpträume der Vernunft“.
Dieser Alptraum begann während der Schrecken der Französischen
Revolution.
Damals wurde versucht, Gott vom Thron zu stoßen und die Göttin Vernunft auf den Altar des
menschlichen Handelns zu setzen.
Daraufhin ermordete der jakobinische Straßen- und Salonpöbel allein
in Paris im Namen von Freiheit und Gleichheit mehr als 30.000 Menschen.
In den französischen Provinzen –
besonders in der Vendée und Bretagne, um Lyon und Bordeaux – schlachteten die Berserker der Vernunft
mehr als 150.000 Bürger.
Der deutsche Dichter Georg Büchner († 1837) setzte sich in seinem Theaterstück
„Dantons Tod“ mit den drei blutigen Oberpriestern dieser neuen Vernunftreligion auseinander: Robespierre,
Danton und St. Just.
Danton ruft bei Büchner als Angeklagter vor dem berüchtigten Revolutionstribunal
aus:
„Ich werde mich in die Zitadelle der Vernunft zurückziehen. Ich werde mit der Kanone der Wahrheit
hervorbrechen und meine Feinde zermalmen.“
Im Innern jedoch ist Danton von Zweifeln gequält. Denn seine
früheren politischen Handlungen waren nicht von Vernunft geprägt.
Im Herbst 1792 ließ Danton als Justizminister
die berüchtigten Septembermorde zu und förderte sie sogar.
Dabei wurden mehr als 1.500 wehrlose Gefangene,
darunter mehrere hundert katholische Priester und drei Bischöfe, vom aufgehetzten Pöbel ermordet.
Danton
rechtfertigt sich im Büchner-Stück: „Wir schlugen sie. Das war kein Mord. Das war Krieg nach innen.“
Aber sein Gewissen kann er mit dieser Rechtfertigung nicht totschlagen. Und er fragt weiter: „Was ist
das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?“
Damit spricht Danton die Übertretungen der Zehn Gebote
durch das erbsündliche Begehren „in uns“ an.
Jedoch schafft er es bei Büchner nicht, an den Erlöser
zu glauben und auf seine verzeihende Gnade zu vertrauen.
Der Revolutionär schiebt bei Büchner Sünde
und Verantwortung von sich weg: „Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts
wir selbst! … Jetzt bin ich ruhig.“
Beim großen Intriganten und Denunzianten der Revolution, St. Just,
schließt Büchner moralische Bedenken von vornherein aus.
St. Justs Maxime: Die Revolution wird über
die Leichen der rechtmäßig wie unrechtmäßig Getöteten nicht stolpern.
Dahinter steckt die Philosophie:
Die physische Natur tötet durch Vulkane oder Wasserfluten Abertausende von Menschen: „Soll die moralische
Natur in ihren Revolutionen mehr Rücksicht nehmen?“
Die Natur wird dabei als planloses, zufallsbedingtes,
grausames Grundgesetz der Welt vorgestellt, als ein weltliches Grundprinzip ohne Sinn und Vernunft.
Auch
die Revolution solle nach diesem Prinzip vorgehen, meint St. Just bei Büchner: „Was liegt daran, ob die
Menschen an einer Seuche oder an der Revolution sterben?“
St. Justs Beziehung zu Robespierre wird bei
Büchner so charakterisiert: Er „liegt wie Johannes am Herzen des Meisters“.
Die Herrscherriege macht
er mit den „apokalyptischen Offenbarungen“ des neuen Messias bekannt.
Robespierre akzeptiert bei Büchner
die irdische Erlöserrolle und stellt sie Christus gegenüber:
„Jawohl, Blutmessias, der opfert und nicht
geopfert wird. Er – Christus – hat die Menschen mit seinem Blut erlöst – und ich erlöse sie mit ihrem
eigenen Blut.“
Die Errettung der Menschheit durch Ströme von Blut und Kaskaden geköpfter „Feinde“ hatte
schon St. Just angekündigt.
Robespierre knüpft daran an, wenn er in einer historischen Originalrede
sagt:
Mit Vernunft und Terror „wollen wir den Willen der Natur erfüllen, das Schicksal der Menschheit
vollenden, das Versprechen der Philosophie halten und die Vorsehung von der langen Herrschaft der politischen
Tyrannei befreien.“
„Der Terror ist nichts anderes als die unmittelbare, strenge und unbeugsame Gerechtigkeit:
Er ist also ein Ausfluß der Tugend.“
Erstmals in Europa verwandelte die sogenannte Aufklärung in der
Französischen Revolution die „Pathologie der Vernunft“ in ein politisches Programm.
Zum ersten Mal wurde
staatlicher Terror, Gesinnungsterror und Meinungsterror mit einer antichristlichen Vernunftideologie durchgesetzt.
Die totalitären Terrorstaaten des roten und braunen Sozialismus funktionierten im 20. Jahrhundert nach
diesem zynischen Paradigma.
Bis heute ist unsere Welt durch die „Pathologien der Vernunft“ gefährdet.
Der Papst erinnert hier an das schwindende Bewußtsein von der Heiligkeit des menschlichen Lebens, des
Wertes der Person.
Er weist auf die Verletzung der Grundrechte und die Blindheit gegenüber Gott hin.
Nur wenn der sogenannte Westen die Folgen dieser pathologischen Vernunftabirrungen bei sich kuriert,
kann er wirksam gegen die Unvernunft islamisch motivierter Gewalt vorgehen.
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