11:26:17 | Freitag, 13. Oktober 2006
Was wurde seit der Papstwahl im April 2005 erreicht? In Sachen Entscheidungen oder Errungenschaften, ist die Antwort wenigstens bis jetzt ganz einfach: „Nichts!“
(kreuz.net) Wie hat sich die Lage der Traditionalisten seit dem Treffen des Papstes mit dem Generaloberen
der Piusbruderschaft im August 2005 verändert?
Dieser Frage stellte sich Professor Luc Perrin Anfang
September in einem Interview.
Perrin ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Straßburg
2. Er ist Verfasser verschiedener Bücher und Fachmann in der Frage des Traditionalismus.
Das Gespräch
wurde am 2. September vom Weblog
‘Rorate Caeli’ veröffentlicht.
Jeder Papst könne die „Situation der
Traditionalisten“ verbessern, wenn er das wolle und als Notwendigkeit betrachte – so Professor Perrin.
Es sei bekannt, daß der frühere Kardinal Ratzinger über das Scheitern der sogenannten „Liturgischen
Reform“ geschrieben habe.
Nicht nur die Traditionalisten hätten verstanden, daß die revolutionäre
Zerstörung des Sakralen ein Grund für die Kirchenkrise sei: „Kardinal Ratzinger hat deutlich gesagt,
daß er selber kein Traditionalist ist.“
Im weiteren analysiert Perrin das bisherige Pontifikat und stellt
die Frage: „Was wurde seit der Papstwahl im April 2005 erreicht?“
Die Antwort: „In Sachen Entscheidungen
oder realen Errungenschaften, ist die Antwort ganz einfach: nichts!“
Jeder habe auf eine liturgische
Entscheidung gewartet. Aber die erste Enzyklika habe ein ganz anderes Thema angeschnitten.
Eine hervorragende
Gelegenheit sei die Bischofssynode im Oktober 2005 gewesen: „Aber sie wurde vertan.“
Die Führungsriege
im katholischen Episkopat sei immer noch in der Illusion der „Erneuerung“ festgefahren:
Professor Luc
Perrin
Das Jahr 2005 war für die Lösung der Traditionsfrage eine reine Zeitverschwendung.
„Zu viele
Bischöfe, die große Mehrheit der Priester und zahlreiche aktive Gläubige leben in den 60er und 70er
Jahren. Sie versuchen die liberalen Medien mit einem Schuß Feminismus und mit mehr »Unterhaltung« und
»Inkulturation« zu besänftigen.“
Die „Lösungen“, die man seit vierzig Jahren anbiete, hätten sich
als zerstörerisch und negativ erwiesen: „Aber sie wollen mehr davon.“
Man könne nur hoffen, daß das
postsynodale Schreiben des Papstes inhaltsreicher sein werde als die mittelmäßigen Vorschläge, die
nach der Synode veröffentlicht wurden.
Professor Perrin faßt die Fortschritte in der Traditionsfrage
in den ersten acht Monaten des neuen Pontifikates zusammen:
„Bezüglich des Jahres 2005 kann man von
einer reinen Zeitverschwendung sprechen.“
Die direkte Auswirkung der Wahl beschränke sich auf die vereinzelte
Gewährung örtlicher Indulte.
Perrin erwähnt den antitraditionalistischen Bischof von Nanterre – wenige
Kilometer westlich von Paris – der in seiner Diözese eine Alte Messe erlaubte.
Ein kleiner Fortschritt
sei in der südfranzösischen Diözese Toulon-Fréjus durch die Errichtung der ersten traditionellen Personalpfarrei
in Europa zu vermelden.
Dagegen habe die päpstliche Kommission ‘Ecclesia Dei’ ihre nachgeberische Politik
widerspenstigen Bischöfen gegenüber nicht korrigiert.
Eine bessere Bilanz sieht Professor Perrin für
das laufende Jahr 2006. Es habe einige Ereignisse gegeben, die zu Fortschritten führen könnten.
Die
Frage der Piusbruderschaft sei bei zwei Kurientreffen behandelt worden. Eine solche Aufmerksamkeit habe
die Traditionalistenfrage seit 1986 nicht mehr erhalten.
Auch Erzbischof Albert Malcom Ranjith – der
zweite Mann in der Gottesdienstkongregation – habe sich im Juni/Juli
zum Thema der Tradition geäußert:
„Er hat dabei nichts Neues gesagt – außer daß niemand auf dieser Ebene der Verantwortung vor ihm je
so gesprochen hat.“
Man müsse bedenken, daß die Gottesdienstkongregation immer noch eine Bugnini-Hochburg
sei.
Mons. Annibale Bugnini († 1982), der in Ungnade als Pro-Nuntius in Teheran starb, gilt als Vater
des Neuen Meßritus.
Im Augenblick sei die Lage der Traditionalisten unverändert. Der Status der Alten
Liturgie sei so konfus wie unter Johannes Paul II. Die Diskussionen mit der Piusbruderschaft hätten nichts
Neues gebracht.
„Das liturgische Chaos im Neuen Meßritus ist noch so wie im April 2005. Eine echte Erneuerung
wird immer noch erwartet.“
Am 20. September beantwortete Professor Perrin weitere Fragen des Weblogs
Rorate Coeli.
Inzwischen hatte der Vatikan das altrituelle
Institut vom Guten Hirten errichtet. Gleichzeitig
kursierten erste Spekulationen um eine im November bevorstehende Freigabe der Alten Messe.
Professor
Perrin bezeichnete das neugegründete Institut in der südfranzösischen Diözese Bordeaux als nur teilweise
Überraschung. Dessen Mitglieder seien von den französischen Bischöfen bereits unter Quarantäne gestellt
worden.
Der Professor befürchtet auch, daß mit dieser Gründung eine Versöhnung mit der Piusbruderschaft
behindert worden sei.
Im örtlichen Klerus wachse der Widerstand gegen das Institut. Von einer „wahren
Arbeit der Gemeinschaft“ – wie die französischen Bischöfe im April 2006 schrieben – könne keine Rede
sein.
Prof. Perrin nennt das Motu Proprio ‘Ecclesia Dei’ aus dem Jahr 1988 ein bedeutendes Geschenk von
Johannes Paul „dem Großen“. Aber das Baby wachse, während seine Kleidung auf der Größe von 1984-1988
stehengeblieben sei:
„Es ist längst überfällig, den kanonischen Status der traditionellen Gemeinschaften
weltweit aufzurüsten.“
Zu den ersten Gerüchten um die Freigabe der Alten Messe erklärte der Professor:
„Warte und sieh!“
Auch im Jahr 1978 sei nach einem Treffen zwischen Erzbischof Marcel Lefebvre und dem
Papst gesagt worden, daß ein ähnliches Dokument verabschiedet werde: „Aber das Ergebnis war das restriktive
Indult von 1984.“
1986 habe sich eine Kardinalskommission positiv zur Freigabe der Alten Messe geäußert:
„Aber diese Ergebnisse warten immer noch auf ihre Veröffentlichung.“
Die Publikation sei im Jahr 2001
von der Piusbruderschaft offiziell erbeten worden. Doch Johannes Paul II. habe dem Widerstand der Kurie
und des Episkopats nachgegeben.
Der Präsident der Päpstlichen Kommission ‘Ecclesia Dei’, Dario Kardinal
Castrillon Hoyos, habe im Jahr 2003 in einer veröffentlichten Predigt in Rom die Alte Messe als „legitimen
Ritus“ bezeichnet.
Doch die Instruktion ‘Redemptionis Sacramentum’ vom März 2004 schweige zum Thema.
Wenn eines Tages ein Dokument die Freiheit der Alten Messe anerkenne, wäre das ein signifikanter Schritt
vorwärts:
„Es würde zeigen, daß dieser Papst vom liturgischen Chaos, das dem letzten Konzil folgte,
nicht nur verbittert ist, sondern daß der Nachfolger Petri sich nicht fürchtet, die ganze Kirche auf
die richtigen Geleise zurückzuführen.“
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