Kirchenmusik
Musiker von fünf Päpsten
Auf Geheiß von Papst Leo XIII. ersetzte Don Perosi die Kastraten in der Cappella Sistina durch Falsettisten und Knabenstimmen. Von Dr. Michael Tunger.
(kreuz.net) Die Ernennungsurkunde zum Kapellmeister der römischen Cappella Sistina, ist mit dem 15. November 1898 datiert.

Am 15. Dezember des gleichen Jahres nahm sie Don Perosi in einer Privataudienz aus den Händen von Papst Leo XIII. (1878-1903) entgegen.

Er war nun Maestro Perpetuo della Cappella Musicale Pontificia – Kapellmeister der päpstlichen Musikkapelle auf Lebenszeit.

Am 22. Dezember 1898 erfolgte sein offizieller Abschied von Venedig, doch behielt er seine Kapellmeister-Stelle an San Marco, bis er 1902 Venedig endgültig verließ.

Erst nach der offiziellen Resignation des Maestros Domenico Mustafà (1829-1912), der noch bis 1902 die Cappella Sistina führte, konnte Perosi – bisher Vizekapellmeister – die volle Verantwortung für diesen Chor übernehmen und die Reform der Cappella Musicale Pontificia einleiten.

Er ersetzte auf Geheiß Papst Leos XIII. die Kastraten für die Sopran- und Altstimmen durch Falsettisten und Knabenstimmen und stellte die Sänger rechtlich auf bessere Grundlage.

Am 4. August 1903 bestieg Perosis Mentor und Förderer, der Patriarch von Venedig, Kardinal Sarto, als Pius X. (1903-1914) den Päpstlichen Thron.

Eine enge Freundschaft verband ihn mit dem neuen Papst.

Nun begann die „goldene Zeit Perosis“, wie später einige Biographen schrieben. Weitere Oratorien entstanden, deren Aufführung Perosi selber leitete, auch außerhalb Italiens.

Die Kirchenmusikreform, die Papst Pius X. am 22. November 1903 in seinem berühmten Motu proprio „Tra le sollecitudini“ kodifizierte, trägt auch zu einem nicht geringen Teil Perosis Handschrift.

Die Säulen dieser Reform sind der Gregorianische Choral in der Solesmeser Prägung und die altklassische Vokalpolyphonie.

In diese Zeit fällt auch die Gründung des Pontificio Istituto di Musica Sacra als päpstliche Kirchenmusikhochschule.

Wenn Perosis Ruhm auch hauptsächlich durch seine zwanzig Oratorien begründet wurde, so zeigt sich sein musikalisches Talent vollkommen in seinen vierzig Messen, zahllosen Motetten und Vespern, die zum großen Teil während des Pontifikates Papst Benedikts XV. (1914-1922) entstanden und vielfach im Sinne der kirchenmusikalischen Reform auch für einfachere Verhältnisse praktikabel sind.

Außer diesen oft in kürzester Zeit geschriebenen Werken komponierte Perosi eine große Anzahl an Orgelstücken, Klaviersonaten, Suiten und Variationen sowie zahlreiche Werke für Orchester und Kammermusik, darunter ein Klavierkonzert, zwei Violinkonzerte und ein Klarinettenkonzert.

Gregorianischer Choral, Palestrina und Bach waren ihm bei der Komposition Leitsterne. Perosis Werke sind eingängig wie klangschön.

Seine Motetten und Messen sind vom romantisch gefärbten Spätcäcilianismus geprägt. Seine Oratorien verbinden Palestrina-Stil mit barocken und wagnerischen Ausdrucksformen.

Unter seinem unaufhörlichen Schaffensdrang litt leider seine nervliche Gesundheit.

Seine äußerst sensible Natur trafen Schicksalsschläge besonders hart.

Im November 1908 starb sein Vater, an dem er sehr gehangen hatte.

Don Perosi:
„Die Menschen meiner Zeit wollen nichts mehr vom Evangelium wissen, ich werde sie zwingen, es in Musik zu hören.“
Auch das heftige Erdbeben, das im Dezember desselben Jahres Messina heimsuchte und über hunderttausend Menschen das Leben kostete, erschütterte ihn seelisch schwer.

Seit 1908 klagte er sehr über ständige Kopfschmerzen. Geistige Störungen traten hinzu, so daß er sich zur Behandlung in ein Sanatorium begeben mußte.

1915 gab er aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit die Stelle als Kapellmeister der Cappella Sistina vorübergehend auf, konnte sie aber nach der Besserung seiner Krankheit im Jahre 1923 zu Beginn des Pontifikates Pius’ XI. (1922-1939) wieder übernehmen.

Auch sein kompositorisches Schaffen erreichte in jeder Hinsicht wieder die frühere Höhe.

Einen tiefen Einschnitt in die allgemeine wie in Perosis kirchenmusikalische Entwicklung stellte der Zweite Weltkrieg dar.

Der neue Aufbruch setze aber schon bald nach Ende des Krieges mit den Internationalen Kongressen für Kirchenmusik ein.

In dieser Zeit wurde Don Perosi in der Leitung der Cappella Sistina von Don Antonio Rella (1869-1951) unterstützt, bis 1952 Don Domenico Bartolucci sein offizieller Assistent wurde.

Am 12. März 1955, zum sechzehnten Jahrestag der Krönungsfeierlichkeiten Papst Pius’ XII. (1939-1958), dirigierte Perosi zum letzten Mal die Cappella Sistina, im In- und Ausland hochverehrt und hochgeehrt.

Wenige Stunden vor seinem Tod sprach er dieses Dankgebet:

„Ti ringrazio Signore, di avermi fatto cristiano, di avermi fatto sacerdote, di avermi fatto scrivere quello che il mondo canta è canterà in tua lode. Amen.“ – „Ich danke Dir, Herr, daß Du mich als Christen auf die Welt hast kommen lassen, daß Du mich zum Priester berufen hast, daß Du mich das hast schreiben lassen, was die Welt zu Deinem Lob singt und singen wird. Amen.“

Am 22. Oktober 1956 starb Don Lorenzo Perosi. Beigesetzt wurde er in der Familiengruft auf dem Campo Verano bei San Lorenzo fuori le mura zu Rom.

Unter fünf Päpsten hatte Perosi seinen liturgisch-musikalischen Dienst als Sixtinischer Kapellmeister versehen: Leo XIII., Pius X., Benedikt XV., Pius XI. und Pius XII.

Das Programm seines kirchenmusikalischen Amtes hatte er einmal wie folgt beschrieben:

„Gli uomini del mio tempo non vogliono più sentire il vangelo, io li costringero ad ascoltarlo in musica.“ – „Die Menschen meiner Zeit wollen nichts mehr vom Evangelium wissen, ich werde sie zwingen, es in Musik zu hören.“
Der Artikel ist Teil der folgenden Reihe:
1. Eine fulminante Karriere
2. Musiker von fünf Päpsten
      
2 Lesermeinungen
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#2   Fabianus   20:21:05 | Mittwoch, 23. Mai 2007
Frage
Mich würde interessieren, was von seinem Schaffen heute noch geblieben ist bzw. ob seine Musik „unbeschadet“ durch das Konzil gekommen ist.
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#1   Hyazinth   15:06:41 | Mittwoch, 25. Oktober 2006
Danke!
Danke an den Herrn, daß er uns einen so vorldlichen Christen, Musiker und Priester zum Wohle der Kirche gesandt hat!
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