18:16:35 | Dienstag, 24. Oktober 2006
Auf Geheiß von Papst Leo XIII. ersetzte Don Perosi die Kastraten in der Cappella Sistina durch Falsettisten und Knabenstimmen. Von Dr. Michael Tunger.
(kreuz.net) Die Ernennungsurkunde zum Kapellmeister der römischen Cappella Sistina, ist mit dem 15. November
1898 datiert.
Am 15. Dezember des gleichen Jahres nahm sie Don Perosi in einer Privataudienz aus den
Händen von Papst Leo XIII. (1878-1903) entgegen.
Er war nun Maestro Perpetuo della Cappella Musicale
Pontificia – Kapellmeister der päpstlichen Musikkapelle auf Lebenszeit.
Am 22. Dezember 1898 erfolgte
sein offizieller Abschied von Venedig, doch behielt er seine Kapellmeister-Stelle an San Marco, bis er
1902 Venedig endgültig verließ.
Erst nach der offiziellen Resignation des Maestros Domenico Mustafà
(1829-1912), der noch bis 1902 die Cappella Sistina führte, konnte Perosi – bisher Vizekapellmeister –
die volle Verantwortung für diesen Chor übernehmen und die Reform der Cappella Musicale Pontificia einleiten.
Er ersetzte auf Geheiß Papst Leos XIII. die Kastraten für die Sopran- und Altstimmen durch Falsettisten
und Knabenstimmen und stellte die Sänger rechtlich auf bessere Grundlage.
Am 4. August 1903 bestieg
Perosis Mentor und Förderer, der Patriarch von Venedig, Kardinal Sarto, als Pius X. (1903-1914) den Päpstlichen
Thron.
Eine enge Freundschaft verband ihn mit dem neuen Papst.
Nun begann die „goldene Zeit Perosis“,
wie später einige Biographen schrieben. Weitere Oratorien entstanden, deren Aufführung Perosi selber
leitete, auch außerhalb Italiens.
Die Kirchenmusikreform, die Papst Pius X. am 22. November 1903 in
seinem berühmten Motu proprio „Tra le sollecitudini“ kodifizierte, trägt auch zu einem nicht geringen
Teil Perosis Handschrift.
Die Säulen dieser Reform sind der Gregorianische Choral in der Solesmeser
Prägung und die altklassische Vokalpolyphonie.
In diese Zeit fällt auch die Gründung des Pontificio
Istituto di Musica Sacra als päpstliche Kirchenmusikhochschule.
Wenn Perosis Ruhm auch hauptsächlich
durch seine zwanzig Oratorien begründet wurde, so zeigt sich sein musikalisches Talent vollkommen in
seinen vierzig Messen, zahllosen Motetten und Vespern, die zum großen Teil während des Pontifikates
Papst Benedikts XV. (1914-1922) entstanden und vielfach im Sinne der kirchenmusikalischen Reform auch
für einfachere Verhältnisse praktikabel sind.
Außer diesen oft in kürzester Zeit geschriebenen Werken
komponierte Perosi eine große Anzahl an Orgelstücken, Klaviersonaten, Suiten und Variationen sowie zahlreiche
Werke für Orchester und Kammermusik, darunter ein Klavierkonzert, zwei Violinkonzerte und ein Klarinettenkonzert.
Gregorianischer Choral, Palestrina und Bach waren ihm bei der Komposition Leitsterne. Perosis Werke sind
eingängig wie klangschön.
Seine Motetten und Messen sind vom romantisch gefärbten Spätcäcilianismus
geprägt. Seine Oratorien verbinden Palestrina-Stil mit barocken und wagnerischen Ausdrucksformen.
Unter
seinem unaufhörlichen Schaffensdrang litt leider seine nervliche Gesundheit.
Seine äußerst sensible
Natur trafen Schicksalsschläge besonders hart.
Im November 1908 starb sein Vater, an dem er sehr gehangen
hatte.
Don Perosi:
„Die Menschen meiner Zeit wollen nichts mehr vom Evangelium wissen, ich werde sie zwingen,
es in Musik zu hören.“
Auch das heftige Erdbeben, das im Dezember desselben Jahres Messina heimsuchte
und über hunderttausend Menschen das Leben kostete, erschütterte ihn seelisch schwer.
Seit 1908 klagte
er sehr über ständige Kopfschmerzen. Geistige Störungen traten hinzu, so daß er sich zur Behandlung
in ein Sanatorium begeben mußte.
1915 gab er aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit die Stelle als
Kapellmeister der Cappella Sistina vorübergehend auf, konnte sie aber nach der Besserung seiner Krankheit
im Jahre 1923 zu Beginn des Pontifikates Pius’ XI. (1922-1939) wieder übernehmen.
Auch sein kompositorisches
Schaffen erreichte in jeder Hinsicht wieder die frühere Höhe.
Einen tiefen Einschnitt in die allgemeine
wie in Perosis kirchenmusikalische Entwicklung stellte der Zweite Weltkrieg dar.
Der neue Aufbruch setze
aber schon bald nach Ende des Krieges mit den Internationalen Kongressen für Kirchenmusik ein.
In dieser
Zeit wurde Don Perosi in der Leitung der Cappella Sistina von Don Antonio Rella (1869-1951) unterstützt,
bis 1952
Don Domenico Bartolucci sein offizieller Assistent wurde.
Am 12. März 1955, zum sechzehnten
Jahrestag der Krönungsfeierlichkeiten Papst Pius’ XII. (1939-1958), dirigierte Perosi zum letzten Mal
die Cappella Sistina, im In- und Ausland hochverehrt und hochgeehrt.
Wenige Stunden vor seinem Tod sprach
er dieses Dankgebet:
„Ti ringrazio Signore, di avermi fatto cristiano, di avermi fatto sacerdote, di
avermi fatto scrivere quello che il mondo canta è canterà in tua lode. Amen.“ – „Ich danke Dir, Herr,
daß Du mich als Christen auf die Welt hast kommen lassen, daß Du mich zum Priester berufen hast, daß
Du mich das hast schreiben lassen, was die Welt zu Deinem Lob singt und singen wird. Amen.“
Am 22. Oktober
1956 starb Don Lorenzo Perosi. Beigesetzt wurde er in der Familiengruft auf dem Campo Verano bei San Lorenzo
fuori le mura zu Rom.
Unter fünf Päpsten hatte Perosi seinen liturgisch-musikalischen Dienst als Sixtinischer
Kapellmeister versehen: Leo XIII., Pius X., Benedikt XV., Pius XI. und Pius XII.
Das Programm seines
kirchenmusikalischen Amtes hatte er einmal wie folgt beschrieben:
„Gli uomini del mio tempo non vogliono
più sentire il vangelo, io li costringero ad ascoltarlo in musica.“ – „Die Menschen meiner Zeit wollen
nichts mehr vom Evangelium wissen, ich werde sie zwingen, es in Musik zu hören.“
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