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Donnerstag, 9. November 2006 11:26
Das Märchen von der hexenjagenden Inquisition
Der Mythos von der hexenjagenden Inquisition beruhte auf verschiedenen Vermutungen und Fehlern, die in den letzten 25 Jahren alle widerlegt wurden. Von Jenny Gibbons.
Darstellung einer Inquisition durch den spanischen Maler Francisco Goya († 1828)
Darstellung einer Inquisition durch den spanischen Maler Francisco Goya († 1828)
(kreuz.net) Aber was ist mit der Inquisition? Für viele sind die Begriffe „Inquisition“ und „Hexenverbrennung“ im wesentlichen synonym.

Der Mythos von der hexenjagenden Inquisition beruhte auf verschiedenen Vermutungen und Fehlern, die in den letzten 25 Jahren alle widerlegt wurden.

1. Dieser Mythos war die logische Schlußfolgerung der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, welche sich bemühte, die Hexenverfolgungen der Katholischen Kirche in die Schuhe zu schieben.

Wenn die Kirche Hexen verfolgt hat, dann muß die Inquisition der Hammer gewesen sein, den sie dabei geschwungen hat.

2. Ein häufiger Übersetzungsfehler verwirrte die Geister zusätzlich. Viele Unterlagen sprachen davon, daß eine Hexe „durch Inquisition“ verurteilt wurde. Viele Autoren nahmen an, daß dieser Ausdruck „die“ Inquisition bezeichnete. Und in einigen Fällen war es tatsächlich so.

Inquisitionsgericht unter Vorsitz des Heiligen Dominikus. Gemälde von Pedro Berruguete, 1475
Inquisitionsgericht unter Vorsitz des Heiligen Dominikus. Gemälde von Pedro Berruguete, 1475
Aber „Inquisition“ – auf Deutsch: Untersuchung – war auch der Name eines Gerichtsmodus, der zu jener Zeit von fast allen Gerichten in Europa verwendet wurde.

Als Historiker die historischen Quellen später genauer untersuchten, stellte sich heraus, daß die Mehrheit der Fälle sich nicht auf die Inquisition, sondern einfach auf eine gerichtliche Untersuchung bezogen.

Heute sind die meisten Historiker in diesem Punkt sehr vorsichtig.

Aber in älteren und divulgativen Texten – wie zum Beispiel in der „Enzyklopädie zu Hexerei und Dämonologie“ von Rossell Hope Robbins – tötet die Inquisition Hexen zu Zeiten und an Orten, wo es sie nicht einmal gab.

3. Das einzige Handbuch für die Hexenjagd, der ‘Malleus Maleficarum’ – Hexenhammer –, das die meisten Leute kennen, wurde von einem Inquisitor geschrieben.

In den 1970er Jahren – als Feministen und neoheidnische Autoren ihre Aufmerksamkeit den Hexenprozessen zuwandten – war dieses Werk das einzige Handbuch, das in Übersetzung leicht zur Hand war.

Autoren gingen naiverweise davon aus, daß das Buch ein zuverlässiges Bild davon zeichnete, wie die Inquisition Hexen verurteilte.

Heinrich Kramer – der übergeschnappte Autor des Textes – wurde als typischer Inquisitor hingestellt. Seine ziemlich wunderliche Sexbesessenheit wurde als die „offizielle“ Position der Kirche zur Hexerei hingestellt.

Doch in Wahrheit lehnte die Inquisition die von Kramer empfohlenen rechtlichen Vorgangsweisen sofort ab und zensurierte den Inquisitor nur wenige Jahre nach der Veröffentlichung des Hexenhammers.
Hexenhammer
Die Inquisition lehnte die im berühmten „Hexenhammer’ empfohlenen rechtlichen Vorgangsweisen sofort ab und zensurierte den Autor nur wenige Jahre nach der Veröffentlichung seines Werkes.


Weltliche Gerichte – nicht die Gerichte der Inquisition – nahmen Zuflucht zum „Hexenhammer“.

Nachdem Historiker im Laufe der Forschung mehr und mehr auf das sprachliche Mißverständnis des Ausdrucks „Inquisition“ aufmerksam geworden waren, wurden inquisitorische Hexenjäger bald seltene Vögel.

Die von Lamothe-Langon angeführten Prozesse wurden schließlich als letzte Beweise dafür vorgebracht. Nachdem sie als Fälschungen entlarvt worden waren, erfolgte eine wissenschaftliche Neubeurteilung der Rolle der Inquisition während der Hexenverbrennungen.

Das Ergebnis war ziemlich überraschend.

Im Jahr 1258 lehnte es Papst Alexander IV. ausdrücklich ab, der Inquisition zu erlauben, Vorwürfe der Hexerei zu untersuchen:
Neubeurteilung der Inquisition
Im Jahr 1258 lehnte es Papst Alexander IV. ausdrücklich ab, der Inquisition zu erlauben, Vorwürfe der Hexerei zu untersuchen.


„Die Inquisitoren, die beauftragt sind, Häresien zu überprüfen, dürfen sich nicht in Untersuchungen von Zukunftsvorhersagen oder Hexerei einmischen, sofern ihnen nicht bekannt ist, daß sie mit offensichtlicher Häresie verbunden sind.“

Eine Glosse – Erklärung – dieser Aussage verdeutlicht, was mit „offensichtlicher Häresie“ gemeint ist: „Gebet vor Götzenaltaren, Darbringung von Opfern, Befragung von Dämonen, Vermittlung ihrer Antworten… oder wenn sich [die Hexen] öffentlich mit Häretikern verbinden.“

Mit anderen Worten, im 13. Jahrhundert betrachtete die Kirche die Hexen nicht als Häretiker oder Mitglieder einer rivalisierenden Religion.

Erst im Jahr 1326 – also fast hundert Jahre später – änderte die Kirche ihre Haltung und erlaubte der Inquisition, Fälle von Hexerei zu untersuchen. Aber die einzige bedeutende Beitrag, der daraus entstand, war die Entwicklung einer „Dämonologie“ – einer Theorie des teuflischen Ursprungs der Hexerei.

John Tedeschi zeigt in seinem Aufsatz „Inquisitionsgesetzgebung und die Hexe“ – publiziert in „Frühe moderne europäische Hexerei“ von Bengt Ankarloo und Gustav Henningsen –, daß die Inquisition während der Hexenverfolgungen nach wie vor eine sehr kleine Rolle spielte.

Von 1326-1500 gab es nur sehr wenige Hinrichtungen. Nach Richard Kieckhefer – „Europäische Hexenprozesse“ – fanden von 1300 bis 1500 in ganz Europa 702 Exekutionen statt.

Von diesen wurden nur 137 von kirchlichen Gerichten oder Gerichten der Inquisition ausgesprochen.

In der Zeit, als Hexenprozesse üblich wurden – im frühen 16. Jahrhundert –, konzentrierte sich die Inquisition auf die Aufspürung von Proto-Protestanten.

Als die Hexenprozesse im 16. und 17 Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichten, war die Inquisition nur in zwei Ländern tätig: in Spanien und Italien.

Beide Länder wiesen damals extrem tiefe Todesraten auf.

In Spanien arbeitete die Inquisition eifrig, um Hexenprozesse auf ein Minimum zu reduzieren.
Was wirklich geschah:
In Spanien arbeitete die Inquisition eifrig, um Hexenprozesse auf ein Minimum zu reduzieren.


Um das Jahr 1609 bewirkte ein Ausbruch von Hexenwahn im französischen Grenzgebiet auch eine Panik in den baskischen Regionen von Spanien. Gustav Henningsen – „Der Anwalt der Hexen“ – hat die Arbeit der Inquisition während dieses Vorfalls brilliant und im Detail dargestellt.

Obwohl verschiedene Inquisitoren die Hexen-Anschuldigungen für glaubwürdig hielten, genügte ein einziger skeptischer Inquisitor um die Suprema – die Leitung der spanischen Inquisition – davon zu überzeugen, daß es sich um eine grundlose Hysterie handelte.

Die Suprema antwortete, indem sie ein „Schweigeedikt“ erließ, daß jede Rede über Hexerei verbot. Dazu erklärte der skeptische Inquisitor: „Es gab weder Hexen noch Verhexte, solange man darüber nicht zu reden und zu schreiben begann.“

Das Edikt verfehlte seine Wirkung nicht. Hexenwahn und Anklagen waren bald vom Tisch. Bis zum Ende der Großen Hexenjagd beharrte die Spanische Inquisition darauf, daß alleinige Recht zu besitzen, Hexen zu verurteilen – und sie weigerte sich, das zu tun.

Ein andere Hexenwahn brach im Jahr 1616 in Vizcaya aus.

Als die Inquisition das Schweigeedikt erneuerte, setzten sich die weltlichen Behörden über die Inquisitoren hinweg und forderten vom König das Recht, die Hexen selber richten zu dürfen.

Der König gewährte das Begehren und eilig wurden 289 Menschen verurteilt.

Zum Glück gelang es der Inquisition, ihr Monopol über die Hexenprozesse schnell wieder zu erlangen, und alle Anklagen wurden fallengelassen.

Nicht so glücklich waren die „Hexen“ von Katalonien. Den weltlichen Behörden gelang es, 300 Menschen zu töten, bevor die Inquisition die Prozesse stoppen konnte.


Jenny Gibbons, die Autorin des Beitrages studierte Mittelalterliche Geschichte und ist Anhängerin eines modernen Hexenkultes.

Nächstes Mal: Wer war am stärksten in Gefahr, unter Hexenverdacht zu fallen?
Der Artikel ist Teil der folgenden Reihe:
6. Das Märchen von der hexenjagenden Inquisition
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 16 Lesermeinungen:
Freitag, 23. Mai 2008 13:28
Brandenburgis: @Gotthard
Ich hatte ja die unpersönliche Form mit „man“ in Form einer Hypothese gewählt … Aber ich werde auch gern deutlicher: Wer heute noch für Demokratie eintritt ist ein geistiger Brandstifter und Helfershelfer von notorischen Schwerstkriminellen.
Freitag, 23. Mai 2008 10:04
Gotthard: @Brandenburgis
Man muß wohl vollständig geistesabwesend sein.
es reicht doch, wenn hier EINER geistesabwesend ist.
Freitag, 23. Mai 2008 09:44
Brandenburgis: Das präsidiale System
der usa ist, gemessen am demokratischen Rahmen, noch eine der besten Errungenschaften, hat übrigens mit „Demokratie“ überhaupt nicht zu tun, denn der Präsident der USA regiert bekanntlich nicht parlamentarsich. Wie blöd muß man sein, um im Jahre 2008 die antiquierte Demokratie, die als Gegengewicht gegen Aboslutismus einen gewissen Sinn gehabt haben mag, noch zu verteidigen? Man muß wohl vollständig geistesabwesend sein.
Freitag, 23. Mai 2008 09:17
Pünktchen: joschi
Die angeblich gigantischen Ausmaße der Hexenverfolgung im Mittelalter schrumpfen im nüchternen Urteil der Historiker inzwischen auf ein vergleichsweise bescheidenes Maß herab.

Lesen Sie dazu:

Behringer, Wolfgang: Neun Millionen Hexen. Entstehung, Tradition und Kritik eines populären Mythos, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/826-1/
Freitag, 23. Mai 2008 02:19
joschi1988: traurig, traurig …
Man könnte fast in Tränen ausbrechen, wenn man einen solchen Artikel zu lesen bekommt!!!!
Wie sehr historische Tatsachen in ihrem Inhalt „umgedreht“ werden können und aus einer blutrünstigen Kirche, die durch Irrglaube den „Aberglaube“ zu bekämpfen versucht, eine Kirche auf Kuschelkurs kreiert!
TRAURIG, TRAURIG mit anzusehen, wie sich dann noch jemand über die repräsentative Demokratie lustig macht. Sie leben wohl lieber in der Diktatur. Übrigens ist die USA eines der schlechtesten Beispiele einer „Demokratie“, denn die Verfassung, 200 Jahre alt, gibt einem Mann/Frau nahezu alle Macht in die Hände!
Mittwoch, 4. Juli 2007 18:04
Rudolfus: Solcher Wahn muß immer seinen Ursprung im Volk haben
Die Masse des Volkes fällt immer wieder auf dieselben Leute rein.
Man braucht nur in die USA sehen.
Aus diesem Grund ist jegliche repräsentative Demokratie von vorneweg zum Scheitern verurteilt (im Gegensatz zur Schweiz).
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