16:30:30 | Montag, 13. November 2006
Trotz päpstlicher Aufrufe ist die Missionstätigkeit der Kirche praktisch zu einem Stillstand gekommen. Es bleibt die Erinnerung an die glorreiche Vergangenheit. Von Christian L. Schutzer.

Die katholischen Missionare lehren Indianer die Landwirtschaft und das Handwerk.
(kreuz.net) Der Papst hat im Weltmissionsmonat Oktober alle Katholiken dazu aufgerufen, „glaubwürdige
Zeugen des Evangelium der Liebe zu sein“.
Die päpstlichen und bischöflichen Missionswerke in Deutschland
reagieren auf diesen Aufruf wie üblich: indem sie „nicht-missionarische“ Sozialprojekte in der Dritten
Welt propagieren.
Unter dem Trommelfeuer linkslastiger Kritik, derzufolge Mission „kolonialistisch“ und
„imperialistisch“ sei, haben die Deutschen Bischöfe die Verkündigung der Heils- und Erlösungsbotschaft
Christi an die Völker praktisch aufgegeben.
Dabei haben die großen historischen Missionsbewegungen
der Kirche Vorbildliches geleistet.

Ein Franziskaner unterweist Indianer in der katholischen Religion
Insbesondere die spanische Theologie und Kirche des 16. Jahrhunderts
hat mit ihrer Missionstheologie die neuzeitlichen Völker- und Menschenrechte auf den Weg gebracht.
Das
wird besonders klar, wenn man deren Bemühungen mit den protestantisch-calvinistischen Einschätzungen
der frühen Neuzeit vergleicht.
Die calvinistischen Religionsflüchtlinge, die ab 1600 den nordamerikanischen
Küstenstreifen besiedelten, deuteten die Atlantiküberfahrt als Zug durch die „Wasser-Wüste“, nach dem
ihnen das „gelobte Land“ zufallen sollte.
Nach alttestamentlichem Muster glaubten sie in Gottes versprochenem
Land zu sein, „God’s own country“, das sie „rechtmäßig“ in Besitz nehmen und ihre Bewohner vertreiben
könnten – wie Israel damals die Amalekiter.
Dieses Glaubens- und Denkmodell erklärt das Desinteresse
der Protestanten an einer Mission jener „kanaan-gleichen“ Völker einerseits, und an einer rassistisch
unterlegten Verdrängungs- und Ausrottungspolitik gegenüber den Indianervölkern andererseits.
Jedenfalls
blieben von den zahlreichen Indianervölkern Neu-Englands bis zu den großen Seen nur noch die Namen und
einige Ortsbezeichnungen übrig.
Eine Rückwirkung dieses gründungsmythischen Selbstverständnisses
der herrschenden US-protestantischen Gruppen ist übrigens, daß sie die Verdrängungspolitik des heutigen
Israels gegen die Palästinenser so bereitwillig unterstützen.
Ähnlich wie die Protestanten Nordamerikas
gingen die calvinistischen Buren ab dem 17. Jahrhundert in Südafrika vor.
Auch hier wurde die rassistische
Verachtung der eingeborenen nicht-weißen Völker mit martialischen Sprüchen aus der alttestamentlichen
Frühzeit begründet.
Dagegen entwickelte die spanische Mission des 16. Jahrhunderts ein völlig anderes,
modernes und christliches Verhältnis zu den indianischen Völkern Lateinamerikas.
Ab 1511 wurden regelmäßig
Protestpredigten und Protestschreiben von katholischen Predigern und Ordensleuten gegen die Unterdrückung
der Indianer vorgebracht.

Ein Franziskaner singt mit Indianern Hymnen zum Lob Gottes
Die spanischen Seefahrer und Siedler hatten sich ein Rechtfertigungskonzept
zurechtgelegt, nach der sie als zivilisiertes christliches Volk ein Recht hätten, unter dem Ziel der
Christianisierung die unzivilisierten Indianervölker und ihr Land zu beherrschen.
Das geschah so, daß
die Spanier das feudale Encomienda-System aus Europa in die Länder der neuen Welt übertrugen.
Demnach
schuldeten weiße Herren den Indianer Schutz und Heilsfürsorge. Die heidnischen Schutzbefohlenen mußten
als Gegenleistung Arbeit erbringen.
Dieses System führte zu extremer Ausbeutung, Quälerei und massenhaftem
Tod der Indianer.
Die indianischen Stammeshäuptlinge wurden nicht als den Spaniern gleichwertige Fürsten
anerkannt.
Unwilligkeit bei Bekehrungsversuchen nahmen viele spanische Herren als Vorwand für Zwangsmaßnahmen
und Krieg gegen die Indianer.
Von Seiten der Kirche blieb es nicht nur bei harschen Protestpredigten.
Der Dominikaner Francisco de Vitoria († 1546) entwickelt in seinen Vorlesungen an der Universität Salamanca
eine moderne Rechtstheorie, nach der die Indianer als menschliche Vernunftwesen die gleichen natürlichen
Rechte hätten wie die Spanier.
Das begründete Pater de Vitora mit Überlegungen des Heiligen Thomas
sowie mit der Aussage des Völkerapostels Paulus, nach dem allen Menschen ein natürliches Gesetz ethischen
Verhaltens eingeschrieben ist.
Auch die heidnischen Fürsten der Indianer sollten als rechtmäßige Herrscher
ihrer Völker und Besitzer ihres Landes anerkannt werden.
Pater de Vitora, der auf scholastischer Grundlage
Menschen- und Völkerrechte in modernen Begriffen formulierte, wird wegen seiner bahnbrechenden Rechtstheorie
gelegentlich als „Vater des internationalen Rechts“ gefeiert.
Damit war klar, daß weder das Heidentum
der Indianer, noch ihr zivilisatorischer Rückstand oder ein Zurückweisen des Christentums einen berechtigten
Grund für Zwangsmaßnahmen und Arbeitstribute sein konnten.
Viele Mitstreiter von Pater de Vitoria wie
Pater Domingo de Soto († 1560), der Jesuit Luis de Molina († 1600) und vor allem der bekannte Priester
Bartholomé de Las Casas († 1566) haben darauf hingewirkt, daß die brutale spanische Kolonisation des
16. Jahrhunderts abgemildert wurde.
Im 17. und 18. Jahrhundert waren Zehntausende von Dominikaner- und
Franziskanermissionare und vor allem auch die Jesuiten in hingebungsvoller Liebe und Lehre Zeugen der
erlösende Liebe Gottes.
„Die Mission der Kirche ist die Weiterführung der Mission Christi“, sagte der
Heilige Vater in seiner Ansprache zum Angelusgebet am 1. Oktober.
Die Mission Christi ist es, „allen
die Liebe Gottes zu übermitteln, indem man Ihn mit Worten und mit dem konkreten Zeugnis der Liebe verkündet.“
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