Ein Beitrag von Kardinal Juan Luis Cipriani, Erzbischof von Lima/Peru, über die Theologie der Befreiung und eine wahre Gesinnung der Nächstenliebe
(kreuz.net, Vatikan) Nachfolgend veröffentlichen wir einen Beitrag von Kardinal Juan Luis Cipriani, Erzbischof
von Lima, in dem er Aspekte der Beziehungen zwischen Evangelium und Gesellschaft kritisch analysiert.
Johannes Paul II. erwähnt in vielen Dokumenten die Tugend der Armut. An erster Stelle spricht er dabei
von Solidarität, die nicht bedeutet, daß man das gibt, was übrig bleibt, sondern daß jeder Einzelne
seine privaten Güter mit allen teilen soll. Wenn jemand etwas besitzt, dann soll er diesen Besitz nicht
nur zum eigenen Vorteil nützen, sondern ihn zum Instrument der Arbeitsbeschaffung, zum Instrument der
Lebensmittelversorgung und zum Instrument der Bereitstellung von Wohnung, Erziehung und Gesundheit machen.
Die Nächstenliebe ist kein obligatorisches juridisches Prinzip, denn die Nächstenliebe entsteht aus
der Liebe Gottes zum Menschen und daraus, daß wir uns dieser Liebe bewußt werden. Wenn der Herr uns
mehr Intelligenz und mehr Güter geschenkt hat, wenn er uns ein politisches Amt oder eine soziale Verantwortung
überträgt, dann sollte die Solidarität uns dazu führen, daß wir eine kreative und freie Beteiligung
aller anregen.
Die Liebe ist eine Schmiede wunderbarer Initiativen, wo die Kälte der Politik oft nur
nach Stimmen sucht. In dieser traurigen Realität wird die Armut oft als Sprungbrett für politische Macht
benutzt. Der Heilige Vater betont, was uns das Evangelium lehrt: „Deine rechte Hand soll nicht wissen,
was deine linke tut. Was du dem geringsten meiner Brüder getan hast, hast du mir getan.“
Wahre Nächstenliebe
kennt weder politisches Kalkül, noch wirtschaftliche Berechnung sondern nur Liebe, Hingabe und Hochherzigkeit.
Johannes Paul II. bezeichnet die Nächstenliebe als einzige respektvolle und akzeptable Weise zwischenmenschlicher
Beziehungen wenn Menschen nicht als Objekte oder als Mittel zum Zweck dienen sollen.
Meine Worte mögen
hart erscheinen, doch viele Staaten sowohl in armen als auch in reichen Regionen der Welt sollten sich
einer Gewissensprüfung unterziehen: Wie viel Korruption erlauben oder ermutigen sie? In den Industrieländern
handelt es sich dabei um die so genannte „Lobby“ und in Entwicklungsländern geht es meist um offensichtlichen
Diebstahl.
Oft wird dieses Zusammenspiel von Diebstahl, Korruption und Fälschung statistischer Daten
als Armut bezeichnet, damit alle die Angst der Armen verspüren, nicht etwa, um die Probleme armer Menschen
zu lösen, sondern um diese als Instrumente politischer Strategie einzusetzen. Es ist schrecklich, wenn
man daran denkt, daß Menschen, die auf der Straße leben und weder Nahrung noch Kleidung haben, zu Instrumenten
politischer Strategien von Personen, Regierungen und Institutionen werden, die behaupten, daß sie das
Problem der Armut lösen wollen.
Auf der anderen Seite existieren riesige geheime Lobbys, die moralische
Werte durch die Zerstörung der Familie, den Bruch der Harmonie zwischen Eltern und Kindern, die Unterstützung
der Abtreibung, genetische Manipulation, … untergraben. Oft gibt es wirtschaftliche Monopole, die sich
zu Lasten der Armut weiter bereichern wollen.
Die Wirklichkeit ist hart. Wir kritisieren nicht so sehr
christliche Unternehmer, die produzieren und helfen wollen. Wir beobachten auch die Kirche, wenn es um
die Erziehung zu einem verantwortlichen Konsum geht: In dieser Welt, die von einem übertriebenen Konsumdenken
beherrscht wird, gibt es keine andere Möglichkeit zur erfolgreichen Reduzierung der Armut. Oft entstehen
in armen Familien Bedürfnisse, die die Eltern ihren Kindern nicht verwehren können, da gesellschaftlicher
Druck und Einfluß der Medien auf diese Kinder übergroß sind. Die Massenmedien tragen deshalb eine große
Verantwortung: Sie sollten sich bewußt sein, daß Marketing- und Globalisierungsstrategien meistens eindeutig
konsumpolitische und imperialistische Eigenschaften haben, die nicht nur auf politischer Ebene wirken
sondern auch die ganzheitliche Dimension des Menschen unterdrücken.
Als Kirche sind wir berufen, in
größerem Maß auf die Nachfrage nach spirituellen Werten zu reagieren. Vielen Armen fehlt es an Liebe,
Verständnis, Trost durch das Gebet. Sie sind arm, da es keine Ordensleute gibt, die ihnen zu essen geben
und sie die Wahrheit lehren, jene Wahrheit, die uns frei macht. Diese Wahrheit wird oftmals zur Ideologisierung
manipuliert.
Es ist traurig, wenn man sieht, daß sich hinter einer offensichtlich hochherzigen Politik
der heimliche Wunsch verbirgt, die Armen weiterhin schlecht zu behandeln. Ein Großteil dieser Politik
entsteht aus einer Theologie der Befreiung, die den Vorrang der rein materiellen Dimension des Menschen
festlegt, den Vorrang der politischen Dimension vor der menschlichen Dimension. Aus diesem Konzept entstehen
Fragestellungen, die eine korrekte Interpretation des Menschen beleidigen.
Dies beleidigt nicht nur unter
theologischen Gesichtpunkten sondern es beleidigt Gott selbst und das ganze Lehramt der Kirche. Deshalb
ist es angebracht, daß private und öffentliche Institutionen und Institutionen, die auch nur unregelmäßige
Beziehungen zur Kirche haben, sehr genau den christlichen Sinn der Präsenz der Kirche bei der Hilfe für
Arme kennen: Oft werden rein politische Projekte unterstützt und wenn man um Mithilfe bei Programmen
zur Katechese, oder Lebensmittelversorgung bittet, dann wird zur Bedingung gemacht, daß diese keine katholischen
Inhalte haben.
Wir lehnen keine Religion ab, wenn wir den Menschen lehren, daß Gott ihn liebt, wenn
wir die Frau lehren, daß sie eine Würde hat, die geachtet werden muß, wenn wir die Politiker lehren,
daß die Verwaltung des Gemeinwohls sie verpflichtet, einen Dienst an der Wahrheit zu leisten. Einen Dienst,
der nicht ihr Besitz ist, sondern für den sie nur delegiert wurden: Der Besitz, den sie verwalten, gehört
allen und nicht nur ihnen oder den Parteien, denen sie angehören.
Die spirituelle und die materielle
Entwicklung widersprechen sich nicht. Große Heilige waren zum Beispiel sehr auf die geistliche und materielle
Entwicklung der Menschen bedacht und ihnen lag die Hilfe für die Ärmsten besonders am Herzen. Wohingegen
es Menschen gibt, die ihr Leben zu einer Art gesellschaftspolitischer Führungsrolle gemacht haben, die
nicht auf jener Heiligkeit gründet, die die Liebe zu Gott und dem Nächsten mit sich bringt.
Oft tragen
auch die Massenmedien zum Verlust der Würde, der Ehrlichkeit und des Rechts auf Information bei, indem
sie Etiketten und Karikaturen fabrizieren und die Welt in Rechte und Linke, in Konservative und Progressive
aufteilen. Viele Ordensleute, Priester, und Laien leben im Stillen beseelt von unendlicher Nächstenliebe
ein armes und aufopferndes Leben und erreichen damit viele Menschen: Sie würden ihre Arbeit nie politisch
manipulieren und erhalten trotzdem oft nicht die angemessene Unterstützung und stehen vielfach der Epidemie
der Befreiungstheologie und des Konsumismus gegenüber, die die rein irdische und materielle Dimension
zur Definition des Menschen macht.
Ich glaube, es wäre an der Zeit, den Worten und dem außerordentlichen
Beispiel von Papst Johannes Paul II. nachzufolgen: Es ist an der Zeit seine Lehre besser kennen zu lernen,
zu sehen, mit welcher Liebe er sich den Ärmsten nähert und mit welcher Wirkkraft es ihm gelingt, einflußreiche
Menschen von der Notwendigkeit der Hilfe für arme Menschen zu überzeugen.
Deshalb wird der Dienst der
Kirche an den Armen nie ein politisches Wirken sein, sondern eine Konsequenz der Bergpredigt, eine Konsequenz
des Evangeliums, eine Konsequenz der Worte des Herrn: „Es ist schwierig für einen Reichen in das Reich
Gottes zu gelangen.“ Es geht vielmehr um Abstand, Sparsamkeit, Einfachheit und Liebe: Dies ist der Schlüssel.
Wir müßen entschieden handeln, wenn wir auf qualifizierte Menschen stoßen, die vielleicht ohne es zu
bemerken und ohne böse Absicht von jener Strömung mitreißen lassen, die den Mensche heute auf eine
rein irdische und materielle Dimension beschränken will.
Die Armut der Heiligen Familie soll uns vor
Augen führen, welche wunderbare Initiativen es gibt, wenn man armen Menschen helfen will, ohne dabei
zu zuzulassen, daß Arme im Dienst einer politischen Ideologie manipuliert werden. Sie möge uns auch
dabei helfen, dem leuchtenden Lehramt Johannes Pauls II. zu folgen.
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