09:49:18 | Donnerstag, 16. November 2006
Von ekklesiogenen Neurosen kirchlicher Funktionäre und begeisterten Kommunionkindern im Bistum Fulda. Von Daniel Schneider.
(kreuz.net, Fulda) Vor einigen Tagen veröffentlichte die ‘Fuldaer Zeitung’ mehrere interessante Leserbriefe
zum Fall des Bischofs von Fulda, der kürzlich drei Priester der Diener Jesu und Mariens (SJM)
weggeschickt
hat.
Die Leserbriefe erhellen von außen kolportierte Gerüchte sowie die tatsächliche Situation in
den von der Entlassung der drei SJM-Patres betroffenen Rhönpfarreien.
Ein Leserbrief stammt von Hubert
Wald aus Fulda, der die Situation in den betroffenen Rhönpfarreien offenbar nicht aus persönlicher Erfahrung
kennt.
Er bedankt sich bei Bischof Heinz Josef Algermissen „für seine Initiative“ und bei Sektenpfarrer
Ferdinand Rauch für seinen „hilfreichen“ Beitrag
„Eine Angst machende Theologie“.
Aus „schmerzlicher
Erfahrung“ wisse er, wie katastrophal sich ein der Kinderseele eingeprägtes Gottesbild auswirken könne,
das von Angst vergiftet sei.
Der frühere Fuldaer Pastoraltheologe Balthasar Gareis habe vor Jahren darauf
hingewiesen, daß es sehr schwer sei, Christen mit „ekklesiogenen Neurosen“ zu helfen.
Besonders die
Agitation „fundamentalistischer Priester“, die behaupteten, den wahren katholischen Standpunkt zu vertreten,
und im Religionsunterricht „schwerpunktmäßig“ von Teufel und Todsünden sprächen und in der Predigt
überwiegend mit Hölle und Verdammnis drohten, beschädigten die Wirklichkeit und Glaubwürdigkeit der
Kirche – so Wald.
Aus einer direkteren Perspektive schreibt Ruth Storch aus Hofbieber. Sie war im vergangenen
Jahr in Schwarzbach unter dem inzwischen entlassenen Pater Lorenz Pfaffenhuber SJM selber Tischmutter
bei den Erstkommunikanten gewesen.
Die Kinder hätten begeistert mitgemacht. Der Kommunionunterricht
sei mit viel Spaß und Ausflügen verbunden gewesen.
„Ich habe kein einziges angstverstörtes Kind gesehen.“
Auch habe kein Kind sich vor Gott gefürchtet.
„Im Gegenteil, wir konnten in diesem Jahr in unserer Pfarrei
zehn neue Meßdiener einführen. Das spricht doch für sich.“
Da werde sich aufgeregt über eine angeblich
„Angst machende“ Kommunionmappe.
Aber angstmachende Filme, Video-, Computerspiele sowie sonstige Spielsachen,
die mittlerweile zum Alltag gehörten, das sei okay. Da rege sich niemand auf.
Wie Frau Storch weiter
berichtet, wird die Heilige Messe in Schwarzbach wie überall gefeiert: „Auch haben wir Mädchen als Meßdiener.“
Die Patres seien sehr herzlich und für alle Probleme da.
Sie verrichteten ihre Arbeit mit sehr viel
Freude und Hingabe. Dieses Unrecht hätten sie nicht verdient.
„Auch vermisse ich hier das Gebot der
Nächstenliebe. Hier werden Priester (Kollegen) an den Pranger gestellt, die sich nichts zu schulden haben
kommen lassen. Dies finde ich bestürzend und absolut nicht christlich“ – schließt Frau Storch ihren
Leserbrief.
Alfons Spors – stellvertretender Schulleiter in Hofbieber – meldet als Religionslehrer „heftigen
Widerspruch“ zur
Aussage des Generaloberen der SJM an, daß es keine Katholische Kirche oder kein Gottesbild
vor dem Konzil und nach dem Konzil gebe, sondern nur
eine katholische Kirche und den ewig einen Gott.
Es gebe sehr wohl eine Theologie vor dem Konzil und eine nachher.
Er – Spors – und seine Generation
hätten dies angeblich unmittelbar erlebt.
„Wir sprachen im Kommunionunterricht und in der Schule zwar
immer wieder vom ‘lieben’ Gott“ – aber hinter jeder Ecke habe der strafende und rächende und dazu noch
allwissende Gott gelauert.
„Ein Auge ist’s, das alles sieht, auch wenn’s in finstrer Nacht geschieht.“
Angstszenarien von Hölle, Tod und Teufel hätten sein religiöses Leben viele Jahre lang beherrscht –
so der offensichtlich von einer ekklesiogenen Neurose betroffene Religionslehrer.
„Ähnlich wie Martin
Luther trieb mich in meiner Jugend die Frage um: Wie finde ich unzulänglicher Mensch einen gnädigen
Gott?“
Erst „das Konzil“, gute Religionslehrer, Priester und Professoren hätten ihm geholfen, die „befreiende
und erlösende“ Botschaft des Evangeliums zu entdecken:
„Wir sind in erster Linie erlöste und befreite
Kinder eines liebenden Gottes, zu dem wir Vater sagen dürfen.“
Aus seinen persönlichen Lebenserfahrungen
heraus wendet sich der Pädagoge seit langem mit allem Nachdruck gegen Tendenzen, die wieder zu den alten
vorkonziliaren Zuständen „zurück“ wollten.
Hier dürfe es kein „Zurück“ geben, „weder für mich noch
für meine Kinder, weder für meine Enkel noch meine Schülerinnen und Schüler, weder für Alte noch
für Junge, weder in der Rhön noch sonst wo auf der Welt.“
„Die Bilanz der hier in Verruf gebrachten
Priester zeigt andere Ergebnisse“ – erklärt dagegen Beate Jobst aus Steinau.
„Auch in unserer Pfarrei
Steinau-Ulmbach erfahren wir mit großer Anerkennung die sehr gute Arbeit der katholischen Pfadfinderschaft.“
Während anderorts die Kirchenbesucher zurückgehen, sei hier Zuwachs zu verzeichnen.
„Die Jugend und
Kinder sind aktiv bei den Gruppen- und Ministrantenstunden anzutreffen.“ Glaube werde hier lebendig. Das
Wort Gottes werde noch ernstgenommen.
Das spüre man, und nur das sei glaubhaft: „Die Gläubigen nehmen
gerne und interessiert an den Gottesdiensten dieser Priester teil.“ Es würden weite Fahrtstrecken in
Kauf genommen.
Am engagierten Einsatz der betroffenen Pfarreien sei nicht zuletzt der hohe Stellenwert
dieser Pfarrer zu erkennen:
„Und dann benutzt man ausgerechnet die wenigen Aufschreie derer, die ansonsten
eher wenig Engagement bezüglich ihres Glaubens zeigen“ – empört sich Frau Jobst.
Da werde die Wahrheit
des Wortes Gottes, die in vollem Umfang der Bibel entnommen werden könne, als angeblich „Angst machend“
und „einschüchternd“ erklärt.
Es sei traurig, wie hier Kirchenpolitik betrieben werde.
Die wahren
Hintergründe für das Handeln des Bistums seien ganz andere:
„Doch davon dringt nicht viel an die Oberfläche,
denn es wäre mit viel mehr Protest zu rechnen“ – so Frau Jobst.
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