18:15:01 | Mittwoch, 22. November 2006
Die gegenwärtige Woge des US-Nationalismus präsentiert sich der Menschheit als das Wesen, an dem die Welt genesen soll.

(kreuz.net) Ende September lancierte der Erzbischof von Prag, Miroslav Kardinal Vlk, einen
heftigen öffentlichen
Angriff gegen katholische Kreise in seinem Land.
Kardinal Vlk gehört der Fokolarbewegung an und gilt
als liberal.
Anlaß für seine Angriffe war ein Vortrag von Professor John C. Rao in Prag. Rao ist Professor
für Geschichte an der St. Johns Universität in New York.
Sein Vortrag fand am 9. September statt und
wurde vom St. Joseph Institut und von der Zeitschrift ‘Katolík’ organisiert.
Der Vortrag trug den Titel
„Die Neue Weltordnung und der Krieg gegen den Terrorismus“.
Am 25. September antwortete der Historiker
in einer längeren Stellungnahme auf die schweren Angriffe des Kardinals.
Er hätte sich – so Rao – gewünscht,
daß Kardinal Vlk die Diskussion nicht öffentlich geführt, sondern sich zuerst darum bemüht hätte,
die Sache im Sinne des Evangeliums im persönlichen Gespräch zu klären.
Der Vortrag sei – wie der Kardinal
richtig verstanden habe – sehr kritisch gewesen, schreibt Professor Rao in seinem Offenen Brief:
„Er
kritisierte vor allem die US-Gesellschaft“.
Professor Rao denunzierte das „angeblich freie, demokratische
und friedfertige“ US-Regime, das „aufgrund historischer Fehlentwicklungen aus der amerikanischen Gesellschaft
hervorgegangen ist und das die Bush-Regierung jetzt mit Gewalt über den ganzen Globus zu verbreiten sucht.“
Der Vortrag habe vor allem den fehlenden Respekt des US-Regimes für andere unabhängige Nationen und
Kulturen dargestellt.
„Ganz unverständlich ist für mich, wie Sie, Eminenz, oder jeder, der die Aufnahme
des Vortrages gehört hat, aus meinen Worten konstruieren kann, daß ich nach Prag gekommen sei, um Antiamerikanismus
zu schüren, der den »Nationalismus«, »Neo-Nationalsozialismus«, »Antisemitismus«, »Lefebvrianismus«
oder »Islamismus« fördert.“
„Absolutes Erstaunen“ sei das einzige Wort, das er als Antwort auf die
Vorwürfe des Kardinals gebrauchen könne.
„Mein ganzer Vortrag war nichts anderes als ein langer, nicht
enden wollender Angriff auf den Nationalismus“ – so der Professor.
Der moderne Nationalismus – von Giuseppe
Mazzini bis George Bush – verwandle die ehrbare Liebe zum eigenen Land in eine unakzeptable Ideologie
pseudoreligiösen Charakters.
In Prag habe er dargestellt, daß der US-Nationalismus gegenwärtig das
klarste und gefährlichste Beispiel einer solchen ideologischen Pseudoreligion sei.
Er stelle eine weltweite
Bedrohung für die legitimen patriotischen Aspirationen anderer Länder und für die Interessen der wahren
Religion dar.
Der US-Nationalismus kommt – nach Professor Rao – in der politischen Philosophie zum Ausdruck,
die früher „Amerikanismus“ und heute üblicherweise „Pluralismus“ genannt wird.
„Diese illegitime nationalistische
Philosophie behauptet, daß Amerika und das amerikanische System einen neuen, einzigartigen und unfehlbaren
Mechanismus geschaffen haben, um den Gruppen und Individuen aller Gesellschaften Freiheit und Glückseligkeit
zu garantieren und ihre friedliche, demokratische Zusammenarbeit zu sichern.“
Von allen Amerikanern werde
eine Vergötterung und bedingungslose Annahme dieser Ideologie und Pseudoreligion als Beweis ihrer nationalen
Loyalität erwartet.
Diese Ideologie werde durch politische Zeremonien gelehrt und verherrlicht, die
bei öffentlicher Anlässe durchgeführt würden:
„Man braucht nur die Reden zu lesen, die in solchen
Augenblicken von George Bush und anderen gehalten werden, um den sakralen Charakter dieser seltsamen Liturgien
zu verstehen, die dem Geist eines wahren amerikanischen Patriotismus so entgegengesetzt sind“.
Amerikanismus
und Pluralismus würden die USA und ihre Lebensweise als eine weltgeschichtliche Kraft sehen, die eine
Mission besitze, „die universaler und erlösender ist als die Menschwerdung“.
Diese globale Mission betrachte
man als von Gott gesegnet: Gott habe die Puritaner zuerst in die Neue Welt geführt, um dort „die Stadt
auf dem Berg“ zu errichten.
Wer im Namen seiner eigenen Unabhängigkeit und kulturellen Integrität der
weltweiten Akzeptanz dieses Götzen widerstehe, müssen als Feinde Gottes und der Natur betrachtet werden.
Im gegenwärtigen Umfeld seien solche Menschen nichts anderes als „Terroristen“.
Denn nur ein „Terrorist“
würde diesem historisch einmaligen Geschenk Gottes und der Vernunft widerstehen.
Er habe in Prag die
arrogante Ideologie des Amerikanismus und des Pluralismus kritisiert – so Professor Rao.
„Dennoch sehen
Sie, Eminenz, in meinem Angriff auf diese Pseudoreligion, die Förderung eines unerträglichen »Nationalismus«.“
„Wie merkwürdig, daß jemand in Ihren Augen den Nationalismus dadurch unterstützt, daß er sich einer
bedingungslosen Auslieferung an dessen augenblicklich bedrohlichste Form widersetzt.“
Man benötige –
so Professor Rao – das Talent eines Samuel Beckett, um die logischen Verdrehungen darzustellen, die notwendig
seien, „um die Akzeptierung einer so demütigenden katholischen Unterwerfung unter eine täuschende Ideologie
zu rechtfertigen, die sich sogar über den menschgewordenen Gott stellt.“
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