Kommentar
Was ist das Ziel, Herr Kardinal?
Die ‘Jugend für das Leben’ sei mit ihrer Salzburger Aktion gegen die dortige sozialistische Landeshauptfrau und Abtreibungspolitikerin Gabriele Burgstaller „über das Ziel hinausgeschossen“. Meinte der Erzbischof von Wien, Christoph Kardinal Schönborn. Ein Kommentar.
(kreuz.net) Sozialisten, Grüne und militante Kämpfer für die Abtreibung sind dem Erzbischof von Wien für seine Worte von Herzen dankbar und zitieren ihn eifrig:
Kardinal Schönborn als Kirchenvater der Abtreibung?

Nach seinen Stellungnahmen gegen die ‘Jugend für das Leben’ war der selbstlose Einsatz der jungen Lebensschützer gegen die brutale Abtreibungspolitik von Frau Burgstaller von oberster kirchlicher Instanz diskreditiert.

Vor seinem fatalen Schritt wären dem Kardinal drei Möglichkeiten offengestanden, um auf die Initiative der Jugendlichen zu reagieren.

• Er hätte am vergangenen 20. Dezember mit den katholischen Jugendlichen in klirrender Kälte vor dem Landeskrankenhaus in Salzburg stehen können.

• Er hätte gar nicht reagieren und sich zur Lebensschutzaktion in Salzburg in Schweigen hüllen können.

• Er hätte – die unwahrscheinlichste Variante – die Lebensschützer öffentlich angreifen können.

Kardinal Schönborn hat die letzte Option gleich zweimal gewählt. Es ist anzunehmen, daß die Bischofskonferenz der ‘Jugend für das Leben’ bei nächster Gelegenheit auch die finanzielle Unterstützung abklemmt.

„Warum?“ fragen sich viele ratlose Katholiken in Österreich und weit darüber hinaus erschüttert.

„Warum?“ rufen sie in die Nacht der Abtreibung, auch im Namen der Kinder, denen – wenn kein Wunder geschieht – in der Salzburger Landesklinik in Zukunft grausam und erbarmungslos Stimme und Leben geraubt werden.

Die ‘Jugend für das Leben’ sei über das Ziel hinausgeschossen, erklärte der Kardinal. Man würde sich aus ganzem Herzen wünschen, daß es wirklich so wäre.

Das erklärte Ziel der Lebensschützer ist, die von den Sozialisten offen und von den Christdemokraten der ÖVP in heimlicher Verlogenheit gewünschte Einführung der Kindertötung in der Salzburger Landesklinik zu verhindern.

Dieses Ziel ist leider bei weitem noch nicht erreicht, geschweige denn ist die ‘Jugend für das Leben’ darüber hinausgeschossen. Aber dem Wiener Kardinal scheint ein einziger konkreter Schritt in die richtige Richtung schon zuviel zu sein.

Möchte sich der Kardinal darauf beschränken, betroffen über die Kinderabtreibung zu lamentieren? Oder ist es auch sein Ziel, die „abscheuliche Kinderabtreibung“ (Gaudium et Spes) auszurotten?

Wenn die Antwort auf die letzte Frage ‘ja’ lautet, dürfen die österreichischen Abtreiber in ihrem dämonischen Tun getrost aufatmen.

Der Herr Kardinal wird dafür Sorge tragen, daß sein frommer Wunsch nicht „auf aktionistische Weise“ in die Tat umgesetzt und deshalb dauerhaft im seligen Reich der frommen Wünsche akademisch-abstrakt vor sich hin modern wird.

Stellen wir uns vor, die Kinderabtreiber hätten sich mit der gleichen Überzeugung und Tatkraft für die Legalisierung der abscheulichen Kindstötung eingesetzt, wie sich die Beamtenkirche jetzt gegen die Abtreibung in die Riemen wirft. Wir wären heute noch meilenweit davon entfernt, dem Blutbad an den kommenden Generationen ohnmächtig zuschauen zu müssen.

Was ist das Ziel? Das ist hier die Frage. Ist das Ziel vielleicht „die Wahrheit in Liebe zu tun“, wie der Kardinal in seiner Predigt zum Feste des Heiligen Stephanus die jugendlichen Lebensschützer – indirekt – ermahnte?

Zweifellos.

Eine Ermahnung zur Liebe kommt nie ungelegen. Der Kardinal ist Priester und Bischof und hat ein selbstverständliches Recht und sogar eine heilige Pflicht, katholische Aktivisten immer wieder an das wichtigste christliche Gebot zu erinnern.

Aber solche spirituellen Ratschläge läßt der weise und besorgte geistliche Vater seinen geistlichen Söhnen und Töchtern nicht über die Massenmedien ausrichten.

Was ist das Ziel? Zwar so zu tun, als ob man gegen die Kinderabtreibung wäre und gleichzeitig jene öffentlich anzuprangern, die den schönen Worten auch Taten folgen lassen? Ist das das Ziel?

Wer fromm daherredet, ohne etwas zu tun, ist ein Heuchler. Die Heuchelei ist nicht nur negativ zu beurteilen. Sie ist immerhin auch eine Verneigung vor der Tugend. Dennoch.

Es ist nicht die Aufgabe eines im Scharlachrot der Märtyrer gekleideten Kardinals der Heiligen Römischen Kirche, heuchlerische oder doppelbödige Stellungnahmen abzugeben.

Was ist das Ziel? Sich im gesellschaftlichen Diskurs zu positionieren?

Die christliche ÖVP ist so sehr eine Abtreibungspartei wie die SPÖ, die FPÖ oder die Grünen.

Man kann verstehen, daß sich Kardinal Schönborn in seinem persönlichen Ringen um eine angemessene gesellschaftliche Position und Anerkennung nicht unnötigerweise Feinde schaffen will.

Doch hier geht es um etwas anders: um unnötige Freunde. Es gibt Freundschaften, die ein guter Christ vermeiden muß, damit er in seinem geistlichen Leben keinen Schaden nimmt.

Dazu gehören öffentliche Unterstützungsaktionen für Kinderabtreiber. Aber vielleicht wurde der Kardinal mißverstanden? Dann muß er unmißverständlich dementieren.

Trotzdem. Vielleicht hat der Kardinal mit seiner massiven Kritik an den Salzburger Aktionen trotz allem recht. Zugegeben. Die Aktionen der Lebensschützer waren vielleicht nicht „lieblos“, aber – so befürchte ich – kopflos.

Sollte die Kinderabtreibung nämlich in den nächsten Monaten in Salzburg eingeführt werden, so sind die wahren Schuldigen für dieses Verbrechen nicht die Sozialisten, die nicht wissen, was sie tun, wie damals die Häscher, die den Wiener Bistumspatron zu Tode steinigten.

Die Schuld liegt nicht bei verirrten und umnachteten Sozialisten, sondern bei den butterweichen Katholiken. Gegenwärtig lehrt uns die Geschichte, daß es leichter ist, den Weg von Wien nach Indonesien als von Wien nach Salzburg zu finden.

Stellen wir uns vor, am 20. Dezember wären die österreichischen Bischöfe, angeführt von ihrem unerschrockenen Präsidenten, dem Löwen von Wien, geschlossen vor die Salzburger Landesklinik aufmarschiert, und jeder Bischof hätte noch zweihundert Gläubige mitgenommen. Keine Superleistung. Aber sie hätte genügt.

Es kam leider anders. Jetzt bereiten sich Dunkelmänner vor, die Abtreibung auch in den Landeskliniken von Innsbruck und Feldkirch einzuführen.

„Kopflos“, sagte ich, seien die Lebensschützer von Salzburg gewesen. Sie haben nämlich auf ihren Karikaturen nicht die Hauptschuldigen für die Kinderabtreibung gepinselt und ihre alten Schuhe an die falsche Adresse geschickt. Doch noch ist nicht aller Tage Abend.

Die Kinderabtreibung ist in Salzburg noch nicht eingeführt. Wer seine alten Schuhe in die verkehrte Richtung geschickt hat, braucht sich nicht zu grämen.

Es gibt auch andere Gegenstände, die man dem Erzbischof von Wien zur Ermahnung zusenden kann.

Ein Sack Kartoffeln vom Spar, zum Beispiel, würde diesen Dienst auf eine ganz hervorragende Art und Weise erfüllen.
      
6 Lesermeinungen
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#6   Midshipman Casey   17:53:01 | Montag, 3. Januar 2005
Starker …
… Artikel. Das beste was ich je zum Thema gelesen habe. Warum Salzburg, wenn man vom verwüsteten Indonesien aus Interviews geben kann?
Die Cholerabakterien freuen sich schon auf den Dialog.
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#5   Dolfus   16:24:54 | Montag, 3. Januar 2005
@Catholicus
War das nicht der berühmte Satz, den Sokrates sprach, bevor er den Giftbecher trinken mußte?
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#4   1+1=7   15:39:40 | Montag, 3. Januar 2005
Wie weckt man einen Bischof,
und was macht der dann, wenn er „munter“ ist.
Ist es nicht gefährlich jemanden zu etwas zu zwingen, dessen Vorgehensweise sich ja wiederholt als ungeeignet erwiesen hat.
Kompromisse sind in Fragen wie Fristenläsung äusserst gefährlich drum gilt.
Selber essen macht fett.
Wenn die Diözösen Druck machen wollten, hätten sie das 30 Jahre lang getan.
Is aber nix verlautbart worden. Eine Höchzeitskleideraustellung in der Votivkirche drängt mehr zum Plakatschreiben als das Hinrichten von Menschen (oder Zellhäufchen).
Da davon ausgegangen werden kann, dass die Vorsteher der Diözösen nicht dumm sind, werden sie wahrscheinlich nichts dagegen unternehmen wollen.
Was vielleicht besser so ist.
„timeo clericus et legem emendantes“
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#3   1+1=7   15:27:39 | Montag, 3. Januar 2005
Wie weckt man einen Bischof,
„timeo pastores, et legem emendantes“
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#2   Catholicus   15:03:01 | Montag, 3. Januar 2005
Domine Dolfus: Si tacuisses …
… propheta mansisses.
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#1   Dolfus   14:19:17 | Montag, 3. Januar 2005
Die Kartoffeln ess’ ich selber
Vielleicht kommt der letzte verbliebene der drei Wiener Cardinäle ja bald von selbst darauf, daß Eminenz nicht der vatikanische Superdiplomat ist, der zu sein sie sich klarerweise einbildet, sondern einer von Don Retos Kartoffelsäckeln, ein sehr langer Kartoffelsack, zugegebenermaßen, in feinstem Rot. (Ist es eigentlich dasselbe Rot wie jenes des Kartoffelsackes auf dem Stuhle des Primas Germaniae? Die Antworten, die ich dazu erhielt, fielen unterschiedlich aus.)
Aber damit er daß merken muß, brauch’ ich ihm keinen Kartoffelsack schicken. Die Kartoffeln ess’ ich selber, als Pommes.
Ansonsten schlafen wir Katholiken leider in der Abtreibungsfrage ein, wir sind abgestumpft, es ist den meisten leider völlig egal.
Eminez, jemand soll da eine Vision gehabt haben: Sie, Eminenz Schönborn, in der Hölle schmorend, zusammen mit einigen anderen Klerikern Ihrer Muttersprache, als gigantische pomme fritte. Die kleinen Teuferl rieben sich die Hände und tanzten mit Ketchupflaschen!
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