13:42:36 | Montag, 4. Dezember 2006
Die Protokolle der Hexengerichte beweisen, daß so etwas wie eine durchschnittliche Hexe nie existiert hat. Von Jenny Gibbons.

Hexendarstellung aus dem 17. Jahrhundert
(kreuz.net) Es gibt keine Eigenschaften, die einer Mehrheit von Hexen zu allen Zeiten und an allen Orten
zugeschrieben werden können: nicht das Geschlecht, nicht der soziale Stand, nicht die Religion. Nichts.
Das einzige, was diese Personengruppe verband, war die Tatsache, daß alle von ihnen der Hexerei angeklagt
wurden. Das unterschiedliche Profil der Hexen ist eines der stärksten Argumente gegen die Theorie, daß
die Große Hexenjagd ein gezieltes Pogrom war, das sich gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen richtete.
Wenn letzteres wahr gewesen wäre, müßte die Mehrheit der Hexen etwas miteinander gemeinsam gehabt
haben.
Wir können bestimmte Faktoren benennen, welche die Wahrscheinlichkeit erhöhten konnten, angeklagt
zu werden. Die meisten Hexen waren Frauen. Viele waren arm und älter. Viele scheinen unverheiratet gewesen
zu sein.
Viele lebten in Distanz zu ihren Nachbarn. Sie wurden als „verschiedenartig“ betrachtet oder
waren unbeliebt.
Aber es gibt keinen Hinweis darauf, daß eine bestimmte Menschengruppe besonders betroffen
war. Traditionelle Anwender von Magie waren vielleicht etwas eher in Gefahr, der Hexerei angeklagt zu
werden, aber die große Mehrheit der bekannten „weißen“ Hexen wurde nie angeklagt.
Entlarvte Mär:
Die
große Mehrheit der bekannten „weißen“ Hexen wurde nie angeklagt.
Bevor die Prozeßunterlagen zugänglich
wurden, gab es zwei große Theorien über die Identität der Hexen.
Margaret Murray – „Der Hexenkult
in Westeuropa“ und „Der Gott der Hexen“ – vertrat die These, daß Hexen zu einer heidnischen Sekte gehörten,
die den gehörnten Gott – den Teufel – verehrte.
Die Forschungen von Frau Murray waren ausgesprochen
schwach und reduzieren sich gelegentlich auf eigentliche Textmanipulationen. Frau Murray beschränkte
ihre Studien auf die schlimmsten vorhandenen Beispiele: auf Hexenjagd-Propaganda und Gerichtsverfahren,
die mit schweren Folterungen verbunden waren.
Dann ging sie davon aus, daß solche Darstellungen im wesentlichen
zuverlässig waren und daß der Teufel „wirklich“ ein heidnischer Gott war. Doch keine ihrer Vermutungen
konnten einer Nachprüfung standhalten.
Im Jahre 1973 vertraten Barbara Ehrenreich und Deirdre English
die These, daß die meisten Hexen Hebammen und Heilerinnen waren.
Ihr Buch „Hexen, Hebammen und Krankenschwestern“
überzeugte viele Feministen und Neo-Heiden, daß die Große Hexenjagd ein Pogrom war, bei dem man es
auf traditionelle Heilerinnen abgesehen hatte.
Kirche und Staat hätten so versucht, die Macht dieser
Frauen zu brechen, indem man sie der Hexerei anklagte und einen Keil der Angst zwischen diesen weisen
Frauen und ihren Kunden zu treiben versuchte.
Die Beweise für diese Theorie waren – und sind – völlig
punktuell. Man zitierte eine Anzahl von Fällen, die Heiler betrafen. Dann ging man einfach davon aus,
daß das dem Durchschnittsprozeß entsprach.
Doch nur ein Jahrzehnt nach der Publikation des Buches „Hexen,
Hebammen und Krankenschwestern“, wußten wir bereits, daß die im Buch aufgestellten Behauptungen nicht
der Wahrheit entsprachen.
Nur ein kleiner Teil der Angeklagten waren Heiler, gewöhnlich zwischen 2%
und 20% – je nach Land. Es gab nie eine Zeit oder einen Ort, wo die Mehrheit der angeklagten Hexen Heiler
waren.
Im Jahr 1990 zeigte der Artikel von D. Harley „Historiker als Dämonologen: der Mythos der Hebammenhexe“ –
in: Social History of Medicine 3 (1990), pp. 1-26 –, daß die Wahrscheinlichkeit, als Hexe angeklagt zu
werden, bei offiziellen Hebammen reduziert war.
Noch Schlimmeres sollte folgen.
Feministische und neo-heidnische
Autoren präsentierten die Heiler-Hexe als unschuldiges erleuchtetes Opfer böser männlicher Hexenjäger.
Doch die Protokolle von Hexenprozessen zeigen, daß „weiße“ Hexen eher dazu neigten, eifrige Unterstützer
der Hexenverbrennungen zu sein.
Diane Purkiss – „Die Hexe in der Geschichte“ – deutete darauf hin, daß
„Hebammen häufiger den Hexenjägern halfen“ als daß sie Opfer der Untersuchungen wurden.
Wie wurden
die Hexen zu Hexenjägern? Indem sie ihre Rivalinnen für Krankheiten verantwortlich machten.
Zurecht
verurteilten feministische Autoren Ärzte, welche den Hexen unerklärliche Krankheiten in die Schuhe schoben.
Gerichtsunterlagen zeigen, daß dies vorkam – wenn auch nicht besonders häufig.
Wenn man Bücher studiert,
die Hexenfälle im Zusammenhang mit Ärzten aufarbeiten, stellt man fest, daß die Ärzte in den meisten
Fällen, bei denen sich Menschen für verhext hielten, natürliche Ursachen feststellten. Wenn die Ärzte
Hexerei diagnostizierten, beschuldigten sie fast nie einen bestimmten Heiler oder eine bestimmte Hexe.
Sie bemühten sich darum, ihr Unvermögen zu erklären und nicht, einer bestimmten Einzelperson zu schaden.
Traditionelle Heiler und „weiße“ Hexen führten Krankheiten routinemäßig auf Hexerei zurück.
Für
einen Arzt bedeutete die Diagnose der „Hexerei“ das Zugeben eines Versagens. Die Medizin konnte gegen
die Magie nichts unternehmen. Die Ärzte schreckten davor zurück zuzugeben, daß sie gegen eine Krankheit
machtlos waren.
Dagegen war die schädliche Magie das Spezialgebiet der hilfreichen oder „weißen“ Hexe.
Volksheiler führten Krankheiten regelmäßig auf Magie zurück und boten Gegenzauber an, um ihre Patienten
zu heilen.
Viele Volksheiler waren sogar bereit, den Namen der verfluchenden Hexe gegen eine Entschädigung
zu „ermitteln“.
Jenny Gibbons, die Autorin des Beitrages studierte Mittelalterliche Geschichte und ist
Anhängerin eines modernen Hexenkultes.Nächstes Mal: War der Hexenwahn ein Ausbruch des Frauenhasses?
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