17:47:53 | Freitag, 8. Dezember 2006
Was geschieht, wenn ein Alkoholiker seine Krankheit leugnet? Ein klarer Fall: Er wird falsch mit ihr umgehen und keine Heilung finden. Robert Spaemann über die Erbsünde.

Links: Robert Spaemann
Rechts: ‘Die Jungfrau mit Engeln’ vom französischen Maler William Adolphe Bouguereau
(† 1905)
(kreuz.net) Der Münchener Philosoph Robert Spaemann verfaßte für die katholische Zeitung ‘Tagespost’
einen Text zur Erbsündenlehre. Der Beitrag wurde gestern Donnerstag zum heutigen Fest der Unbefleckten
Empfängnis veröffentlicht.
Spaemann beginnt mit der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen.
Die Menschheit
habe das verloren, was sie brauche, um den Sinn ihrer Existenz zu erfüllen. „Nichts würde es uns nützen
geboren zu werden, wenn wir nicht wiedergeboren würden“ – singt die Kirche in der Osternacht.
Der Philosoph
fragt, wie es sein kann, daß ein natürliches Wesen nicht von Natur aus mit dem ausgestattet ist, was
es braucht, um den Sinn seines Lebens zu verwirklichen.
Die Antwort: „Schuld ist die Erbsünde. Der Mensch
ist nicht in der Verfassung, in der er sein sollte.“
Doch genau diese Lehre von der Erbsünde werde heute
von manchen katholischen Theologen verworfen – bedauert Spaemann: „Sie soll ein von Augustinus inspirierter
Irrweg und für uns nicht mehr nachvollziehbar sein.“
Dabei werde oft verschwiegen, daß es sich um ein
Dogma des Trienter Konzils handelt, deren Leugner sich aus der katholischen Kirche ausschließen: Die
Erbsünde wird „durch Zeugung, nicht durch Nachahmung“ weitergegeben.
„Wenn wir voraussetzen, daß Gott
gut und allmächtig ist und wenn wir die Bosheit mancher Menschen und die Schwäche und Versuchbarkeit
der meisten Menschen betrachten, dann ist die Lehre von der Erbsünde die einzige einleuchtende Erklärung.“
Zeugnis der SchriftSpaemann kann nicht nachvollziehen, wie Theologen, welche die Erbsünde leugnen,
die überwältigenden Zeugnisse der Heiligen Schrift weginterpretieren wollen:
· „Denn siehe, in Schuld
bin ich geboren, in Sünden hat meine Mutter mich empfangen“ (Psalm Miserere)
· „Durch einen Menschen
ist die Sünde in die Welt gekommen“ (Römerbrief)
· „Durch die Verfehlung des einen Menschen kam über
alle Menschen die Verdammung“ (Römerbrief)
· „wie die Vielen durch den Ungehorsam des einen zu Sündern
wurden, so werden sie durch den Gehorsam des Einen als Gerechte wieder hergestellt“ (Römerbrief)
Einwände
des individualisierten MenschenTrotzdem – so Spaemann – bereite die Lehre von der Erbsünde offenbar
vielen Menschen eine dreifache Schwierigkeit.
Der moderne Mensch sei geneigt, die durchschnittliche Befindlichkeit
des Menschen als Resultat einer Evolution zu betrachten – ohne Zusammenhang mit irgendeiner Schuld.
Es
falle ihm ferner schwer, die Heiligkeit und Unheiligkeit des Menschen von biologischer Vererbung abhängig
zu machen. Man würde eher einen Ansteckungszusammenhang akzeptieren.
Schließlich leuchte es dem modernen
Individualismus ebenso schwer ein, daß jemand in einen nicht selbst verursachten Schuldzusammenhang vor
Gott verstrickt ist.
Gottes Gebot im ParadiesZur Deutung der Paradieserzählung stützt sich Spaemann
auf den Heiligen Thomas von Aquin († 1274).
Dieser fragt, warum Gott dem Menschen verboten hat, vom Paradiesbaum
zu essen.
Seine Antwort: Der Mensch sollte in einer einzigen Sache etwas tun aus dem einzigen Grund,
weil Gott es geboten hat. Der paradiesische Mensch kennt kein Sittengesetz. Er will und tut das Richtige,
weil es das Natürliche und so ihm selbst natürlich ist.
Gott will ihn aber zu einer übernatürlichen
Freundschaft aus dem bloß Natürlichen herausrufen.
Erbsünde als MangelSpaemann wendet sich ferner
der Frage zu, wie die Vererbung dieser Schuld zu denken ist: „Kann ein spiritueller Makel durch Zeugung
weitertransportiert werden?“
Die Antwort liefert der Philosoph mit dem Wesen der Erbsünde: Der Makel
„besteht im Ausbleiben von etwas, das durch das Hineingezeugt- und geborenwerden in das Menschengeschlecht
weitergegeben werden sollte“.
Die ursprüngliche Heiligkeit könne – nachdem sie verloren wurde – nicht
mehr weitergegeben werden.
Tilgung und Folgen der ErbsündeSpaemann legt abschließend dar, daß die
Erbsünde durch die Taufe aufgehoben wird: „Nicht freilich die Folgen der Erbsünde, die oft mit der Erbsünde
verwechselt werden.“
Jesus habe Kranken oft gesagt: „Deine Sünden sind Dir vergeben“ – und erst dann
„Nimm dein Bett und geh nach Hause“.
Es bestehe also offenbar ein Zusammenhang zwischen Erbsünde und
Krankheit – so der Philosoph: „Aber nicht so, daß die Tilgung der Sünde die körperliche Heilung zur
automatischen Folge hat.“
Die Konkupiszenz – Begierlichkeit – als bleibende Folge der Erbsünde vergleicht
Spaemann mit einem Alkoholiker. Der Geheilte bleibe anfällig für die Versuchung und müsse, um nicht
rückfällig zu werden, völlige Abstinenz üben – wozu der Gesunde keinen Grund hat.
„Die Menschen,
deren Natur durch die Erbsünde geschwächt ist, müssen sich unter Umständen Gewalt antun, um Sünden
zu meiden, was für den paradiesischen Menschen und für die Gottesmutter nicht notwendig war.“
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