19:30:09 | Dienstag, 12. Dezember 2006
Im Jahr 1938 behauptete Rüstungsminister Hermann Göring, daß die verfolgten Juden eigentumsrechtlich besser behandelt würden als die Katholische Kirche während der Französischen Revolution. Von Leo G. Schüchter.

Der Sturm auf die Bastille im Juli 1789
(kreuz.net) Reichskanzler Adolf Hitler hat den Wirtschaftsaufschwung nach 1933, die Vollbeschäftigung
und die Rüstungswirtschaft bekanntlich mit gigantischen Schuldenzahlen bewerkstelligt.
Einen Großteil
der Rüstung finanzierte er mit Wechseln in Höhe von zwölf Milliarden Reichsmark.
Zwischen 1938 und
1939 wurden diese Wechsel erstmals fällig. Zugleich forderte die Wehrmacht weitere Mittel für elf Milliarden
Reichsmark.
In dieser prekären Situation verfiel der nationalsozialistische Staat auf die Methode, die
wohlhabenden deutschen Juden vermögensrechtlich zu erpressen und zu enteignen.
Schon bis 1937 hatte
der nationalsozialistische Staat versucht, sich mit Hilfe von Reichsfluchtsteuer und immer restriktiveren
Ausfuhrvorschriften zu Devisen, Aktien und Wertsachen an deutschen Juden zu bereichern.
Seit April 1938
zwangen die Finanzämter alle Juden, ihr Vermögen über 5000 Reichsmark zu deklarieren. Das war die Grundlage
für die folgende Enteignung.
Der Wert des gesamten Vermögens der deutschen Juden sollte nach und nach
in die Staatskasse fließen. Das heißt: in die Kriegsrüstung.
Im November 1938 legten die Nationalsozialisten
den vermögenden Juden die sogenannte „Judenbuße“ von einer Milliarde Reichsmark auf.
Aktien im jüdischen
Besitz wurden über die Deutsche Bank depotpflichtig und somit vollständig kontrollierbar.
Den Hauptanteil
des Vermögens deutscher Juden wandelte der Staat per Erlaß in staatliche Zwangsanleihen um.
Nach diesem
Muster verfuhren die Nationalsozialisten später im Krieg in ganz Europa.

Hermann Göring kurz nach seiner Festnahme 1945
Rüstungsminister Hermann Göring
hatte im Dezember 1938 die Parole ausgegeben:
„Anders als mit den Kirchengütern während der Französischen
Revolution verfahren worden ist, handelt es sich bei der Arisierung jüdischen Vermögens nicht um eine
entschädigungslose Beschlagnahmung.
Vielmehr enthalten die enteigneten Juden für ihre Besitztitel Reichsschuldverschreibungen,
deren Zinsen ihnen zustehen. Von dieser Rente haben die Juden zu leben.“
Waren die nationalsozialistischen
Methoden weniger schlimm als die der Französischen Revolution?
Oder vielmehr: Haben die Nationalsozialisten
sich vielleicht die Schreckensherrschaft der kirchenfeindlichen Jakobiner zum Vorbild genommen?
Am 2.
November 1789 beschloß die verfassungsgebende Französische Nationalversammlung, alle Vermögenswerte
der Kirche entschädigungslos für den Staat zu kassieren. Damit wurde der größte staatliche Raubzug
eingeleitet, den die Menschheitsgeschichte je gesehen hat.
Wie später bei den Nationalsozialisten war
das Motiv dieser aufgeklärten Raubzüge, die zerrütteten Staatsfinanzen zu sanieren.
Die Staatskasse
stellte auf den beschlagnahmten Kirchenbesitz verzinsliche Schuldscheine aus – „Assignaten“ – und beschaffte
sich auf diese Weise Geld für die laufenden Staatsausgaben.
Profiteure vom Verkauf der kirchlichen Immobilien
waren die Vertreter der Großbourgeoisie, die bisher schon mehr als 30% des französischen Grundbesitzes
besaßen.
Als Verlierer der Aktion erwiesen sich längerfristig die kleinen Leute und Lohnabhängigen.
Im April 1792 rief die französische Staatsregierung zu einem „Kreuzzug gegen die europäischen Tyrannen“
auf.
Für Krieg und Kriegsrüstung druckte die Staatskasse inflationäre Mengen von Assignaten.
Auch
in dieser kriegsbedingten Geldentwertung zum Schaden der kleinen Leute liegt eine Parallele zu der Hitlerschen
Kriegsinflation, die sich erst nach dem Krieg voll auswirkte.
Mit der Verschleuderung von Kirchengut
ging eine Zerstörung von Kulturgütern vorher nicht geahnten Ausmaßes einher: Bauwerke, Ausstattungen
und Bibliotheken einer tausendjährigen Kulturentwicklung wurden vernichtet.
Es blieb nicht bei der ökonomischen
Zerschlagung der Kirche.
Auch die rechtliche Gestalt der Kirche, ihre Autonomie und Selbstbestimmung
sollten zerstört werden, um sie als funktionierendes Subsystem in die totalitäre Staatsmaschinerie einzufügen.
Zuletzt gingen Saat und Staat der revolutionären Schreckensherrschaft mit unbeschreiblicher Brutalität
gegen romtreue Katholiken und Priester vor:
Im August 1792 erging der Generalerlaß, alle romtreuen Priester
zu deportieren – unter anderem in die Sumpfgebiete von Guayana, im Nordosten von Südamerika, wo die meisten
Gefangenen nach kurzer Zeit unter mörderischen Arbeits- und Lebensbedingungen starben.
Deportation und
Ermordung durch Arbeit waren keine Erfindung der Nationalsozialisten.
Auch die Aufhetzung der Massen
zu pogromartiger Verfolgung und die Abschlachtung politisch unliebsamer Menschen und Gruppen haben die
Jakobiner der Französischen Revolution erfunden und erprobt:
Im September 1792 erstürmte ein aufgehetzter
Pöbel die Pariser Gefängnisse und massakrierte mehr als 300 eidverweigernde, wehrlose Priester, darunter
drei Bischöfe.
1793 sollte jeder Priester, der nicht öffentlich den Bürgereid ableistete, hingerichtet
werden.
Gegen die widerständigen Katholiken in den Provinzen Vendée und Bretagne führte die revolutionäre
Armee mehrere Ausrottungsfeldzüge, bei denen schließlich mehr als 130.000 Menschen umgebracht wurden.
In diesem Weltanschauungskrieg steigerte sich die Revolutionsarmee zu barbarischen Grausamkeiten:
Männer
und Frauen band man nackt zusammen und warf sie zur „republikanischen Hochzeit“ in die Loire.
Eine Tötungsmethode
der Nationalsozialisten, die Opfer Gräben ausheben zu lassen und sie dann am Rand stehend mit Gewehrkugeln,
-kolben oder Bajonetten hinzusäbeln, wurde von der Jakobiner-Armee an den Vendée-Katholiken historisch
erstmals angewandt.
Schließlich führte die sogenannte Armee der Freiheit die Ausrottung ganzer Dörfer
als Racheakt in die Kriegsgeschichte ein – man denke an das Massaker von Oradour:
In den Dörfern Grand
Luc und Petit Luc brachten die Soldaten 564 Dorfbewohner um, davon 110 Kinder unter 7 Jahren.
Die örtliche
Kirche als letzte Zuflucht von hundert Frauen, Kindern und Alten beschoß die Armee mit Kanonen, so daß
sie zusammenbrach und alle unter sich begrub.
Die Französische Revolution war die Urkatastrophe des
modernen Europas, die später ihre Nachahmer finden sollte.
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.