11:12:01 | Samstag, 23. Dezember 2006
Der ehemalige Bischof von Innsbruck hat ein Rezept, wie man die Anzahl der Priester – wenigstens kurzzeitig – vermehren könnte. Aber was tut man, wenn die Gläubigen immer älter werden?
(kreuz.net) Anläßlich seines 85. Geburtstags sprach der Innsbrucker Altbischof, Mons. Reinhold Stecher,
mit der Kirchenzeitung ‘Tiroler Sonntag’.
Bischof Stecher vollendete gestern sein 85. Lebensjahr.
Er
leitete die Diözese Innsbruck von 1981 bis 1997. Dabei zeichnete er sich durch eine sehr liberale Amtsführung
aus.
Seit seinem Rücktritt ist Mons. Stecher vor allem in der Exerzitienarbeit tätig:
Er habe insgesamt
mehr als 1.200 Priester und ebenso viele Ordensfrauen und Laien – von Norddeutschland bis in die Schweiz
und vom Elsaß bis ins Burgenland – seelsorglich begleitet.
Von der älteren Generation der Seelsorger
und ihrer inneren Einstellung sei er sehr positiv beeindruckt.
Sein Glaube habe ihn persönlich durch
sehr schlimme Zeiten getragen:
„Meine Jugend war im Alter zwischen 17 und 24 Jahren wirklich nur eingespannt
zwischen Schrecken des Krieges, Not, Tod und Gefängnis.“
Es habe in seinem Leben auch Situationen ohne
Licht gegeben:
„Ich denke an den Abend – ich war damals 19 Jahre alt –, als man mir im Gestapogefängnis
verkündete, daß ich am nächsten Tag ins Konzentrationslager überstellt werde.“
Er habe gewußt, was
das Konzentrationslager ist und daß das normalerweise eine Reise ohne Wiederkehr sei.
Vor drei Wochen
habe er den Karmelitinnen auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau Exerzitien gehalten:
„Wenn mir an dem Abend, als ich im Gefängnis der Gestapo saß, jemand gesagt hätte »in 65 Jahren wirst
du in Dachau an der Stelle, wo die SS ihre Kasernen hatte, Exerzitien geben«, hätte ich ihm nicht geglaubt.“
Nach dem Krieg habe ihn die „Erfahrung einer aufbrechenden Kirche“ besonders geprägt:
Begonnen habe
diese Erfahrung mit dem Theologiestudium an der Universität Innsbruck „mit so prägenden Professoren
wie Pater Karl Rahner oder Pater Josef Jungmann“.
In diesen Priestern sei den Studenten eine Spiritualität
begegnet, „die kirchentreu, selbstkritisch und offen für das Morgen“ gewesen sei.
Die zweite prägende
Erfahrung sei das Zweite Vatikanum gewesen:
„Die Bedeutung dieses Konzils konnte ich an meinem Vorgänger
Bischof Paulus Rusch ablesen. Mich bewegte immer, wie sehr das Konzil diesen nüchternen und zurückhaltenden
Menschen verändert hatte.“
An der Veränderung seines Wesens sei für ihn deutlich geworden, daß das
Konzil „neue Geleise“ gelegt hatte.
An diesem Punkt konfrontiert der ‘Tiroler Sonntag’ den Bischof mit
der Abwesenheit von Kindern und Jugendlichen im Gottesdienst.
Er sei ein Vierteljahrhundert von der Jugendseelsorge
und vom Religionsunterricht weg – antwortet der Bischof:
„Mir fällt aber auf, daß etwa im Ministrantenbereich
oder bei der Katholischen Jungschar sehr viel passiert.“
Als echtes Problem sieht Mons. Stecher dagegen
die Überalterung der Seelsorger:
„Es wäre wichtig, daß die Seelsorgergeneration nicht im Großvater-
und Urgroßvateralter bleibt, sondern altersmäßig den Bereich des älteren Kameraden beziehungsweise
der Elterngeneration umfaßt.“
Die Überalterung der Kirche sei in diesem Bereich ein echtes Problem:
„Auch deshalb bin ich überzeugt – aus biblischen, pastoralen und kirchengeschichtlichen Gründen –,
daß wir eine Änderung der Zulassungsbedingungen zum Priesteramt brauchen.“
Es gebe „eindeutige Fundamente“
in der Heiligen Schrift: „Wir haben eindeutige Fundamente im Verhalten Jesu selbst. Wir haben die Worte
des Apostel Paulus.“
„Wir haben die Praxis der Urkirche. Wir haben die Praxis der Ostkirche. Und es ist
evident, daß seit einem Menschenalter bei uns die zölibatären Berufe zurückgehen. Das mag an verschiedenen
Gründen der Zeit liegen. Aber es ist einfach so.“
Er glaube, daß Gott „zu uns durch sein Wort spricht,
aber auch durch die Situation, in die wir hineingestellt werden.“
Deswegen müsse sich hier etwas ändern:
„Nur sage ich, es muß mit der Weltkirche geschehen und es kann nicht im Wildwuchs passieren, sondern
in großen Ordnungen.“
Es bedürfe keiner großen Rechenkünste, um sich auszurechnen, wie die Situation
in der Seelsorge in zehn Jahren sein werde:
„Es bedeutet, daß wir uns von der sakramentalen und persönlichen
Seelsorge immer mehr verabschieden werden müssen. Als Priester kann ich etwa eine nachgehende Kranken-
und Altenseelsorge nur dann pflegen, wenn mein Seelsorgsgebiet eine überschaubare Größe hat.“
Er wisse
von vielen Priestern, die darunter litten, „daß sie ihren Aufgaben nicht mehr so nachgehen können, wie
sie es aufgrund ihres Priesterbildes gerne möchten.“
Abschließend wird der Altbischof auf den Seligen
Pfarrer Otto Neururer angesprochen: „Ich habe Pfarrer Otto Neururer persönlich gekannt.“
Er sei ein
ganz „einfacher Priester“ gewesen:
„An ihm war nichts Besonderes. Er war intelligent, aber ein genialer
Religionslehrer war er nicht. Er war ein Tiroler Pfarrer, wie es eigentlich viele gibt. Und Pfarrer Neururer
war ein rein dienender Mann.“
Der Anstoß zu seiner Seligsprechung sei von einem Bergbauern ausgegangen:
„Kurz nach meiner Bischofsweihe ist dieser zu mir gekommen und hat gesagt: »Herr Bischof, ich bin im
Konzentrationslager Buchenwald auf der Pritsche neben Pfarrer Neururer gelegen. Und ich war dabei, als
sie Pfarrer Neururer in den Todesbunker abgeführt haben. Jetzt muß ich ihnen etwas sagen: Wenn der Otto
kein Heiliger ist, gibt’s keinen!«“
Sein persönliches Leben sieht Mons. Stecher wie ein Flugzeug:
„Die Landeklappen sind ausgefahren. Ich bin bereit zum Landen. Je näher ich diesem Flughafen komme, umso
wesentlicher steht Christus vor mir.“
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