17:36:01 | Samstag, 13. Januar 2007
St. Pölten
Ein kleiner Retter in großer Not, der mit mehr Grütze im Gehirn ausgestattet war als vierzig Jahre österreichischer Regierung und Opposition aufzuweisen hatten. Von Mag. Thomas Lintner
(kreuz.net) Der Dichter und Satiriker Karl Kraus wurde im Jahr 1874 in Gitschin in Nordböhmen geboren
und starb 1936 in Wien.
Wegen seines Hauptwerkes „Die letzten Tage der Menschheit“ (1919) ist er heute
noch bekannt. In diesem Zeit- und Sittenbild nimmt er die Kräfte aufs Korn, die er für Ausbruch und
Fortsetzung des Ersten Weltkrieges für verantwortlich hielt.
Ursprünglich war Kraus ein Gegner republikanischer
Bestrebungen. Wegen der Erfahrungen des Ersten Weltkrieges wandelte er sich aber in einen Republikaner.
1899 trat er aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus. 1911 ließ er sich katholisch taufen. Sein Taufpate
war der Architekt Adolf Loos.
1923 trat Kraus wieder aus der Kirche aus.
Direkter Anlaß für diesen
Schritt war die Aufführung des „Salzburger Großen Welttheaters“ von Hugo von Hofmannsthal im Jahr 1922
in der Salzburger Kollegienkirche. Die Kirche wurde dafür wohl aus touristischen Gründen zur Verfügung
gestellt.
Wegen seiner meist regierungs-, militär- und monarchiekritischen Veröffentlichungen, die
sich auch gegen eine gewisse bürgerliche Doppelmoral und gegen bestimmte Kapitalisten richtete, galt
Kraus als Sympathisant der Sozialdemokraten.
Doch dann griff er auch diese an, wie er überhaupt alles
und jeden kritisierte, gelegentlich sogar sich selber – wenn auch nur milde.
Um sich von journalistischen
Sachzwängen zu befreien, gründete er 1899 die in „zwangloser Folge“ erscheinende Zeitschrift ‘Die Fackel’.
Dort publizierte er fast alle seine Werke. Ab 1911 schrieb er ausschließlich für diese Zeitschrift.
Eines seiner ersten Werke war 1898 „Eine Krone für Zion“ – eine scharfe Kritik am Zionismus.
Eines
seiner letzten Werke war das gegen den Nationalsozialismus gerichtete Werk „Dritte Walpurgisnacht“. Er
vollendete es im September 1933 – ungefähr acht Monate nach der Machtergreifung Hitlers.
Das Werk wurde
zwar noch gesetzt, aber erst posthum im Jahre 1952 veröffentlicht. Der Grund: Kraus wollte Freunde in
Deutschland nicht in Gefahr bringen.
In den Jahren 1933/1934 verteidigte Kraus – er war bereits seit
über zehn Jahren aus der Kirche ausgetreten und kein Anhänger autoritärer Staatsformen – den damaligen
österreichischen Bundeskanzler Engelbert Dollfuß.
Für viele Freunde von Kraus kam das völlig überraschend.
Dollfuß war seit dem 20. Mai 1932 österreichischer Bundeskanzler einer Koalition von Christlichsozialer
Partei, Heimatblock und Landbund, die nur über eine schwache Mehrheit verfügte.
Unter Ausnutzung einer
Lücke in der Geschäftsordnung des Nationalrates schaltete Dollfuß am 4. März 1933 den Nationalrat
und in der Folge auch den Verfassungsgerichtshof aus.
Er etablierte als Regierungspartei die „Vaterländische
Front“ und regierte ohne Parlament auf Basis des Notverordnungsrechts.
Im Jahr 1934 kam es zum sozialdemokratischen
Februaraufstand, bei dem es mehrere hundert Tote gab. Danach ließ Bundeskanzler Dollfuß die sozialdemokratische
Partei verbieten.
Am 1. Mai 1934 wurde die Ständestaatsverfassung erlassen. Sie begann mit den Worten:
„Im Namen Gottes, des Allmächtigen, von dem alles Recht ausgeht, erhält das österreichische Volk für
seinen christlichen, deutschen Bundesstaat auf ständischer Grundlage diese Verfassung.“
In Artikel 27
konnte man lesen: „Alle religionsmündigen Einwohner Österreichs genießen volle Glaubens- und Gewissensfreiheit
sowie die Freiheit der häuslichen und öffentlichen Religionsübung, sofern diese nicht mit der öffentlichen
Ordnung oder den guten Sitten unvereinbar ist.“ Der Katholizismus war somit nicht Staatsreligion.
Pater
Ildefons Fux OSB schreibt im Buch „Für Christus und Österreich“ über Engelbert Dollfuß:

Dollfuß versuchte, das Reich Gottes auf Erden zu errichten
„Dollfuß
hat Gott, die Religion, die Vision eines erneuerten christlichen Lebens und Staates nicht totgeschwiegen.
Er war ein Politiker und Staatsmann, der öffentlich aussprach, was er im Inneren glaubte, und der sich
nicht scheute, vom Rosenkranz und vom Kruzifix zu reden – mit dem Herzen eines Kindes.
Wie ein Kind war
er beeindruckt von der gesellschaftlichen Ordnung des Mittelalters, die er wieder zu beleben gedachte,
und von der schlichten Gläubigkeit vergangener Zeiten, die ihm das Ziel, Austriam instaurare in Christo,
Österreich in Christus zu erneuern, klar vor Augen stellte.
Für ihn war der Glaube der Normalfall,
der Unglaube ein defizitäres Phänomen.
Wie selbstverständlich hörte er auf die Stimme des Papstes
und rezipierte vertrauensvoll die Enzyklika ‘Quadragesimo anno’. So unternahm er in der sogenannten Maiverfassung
den ersten und höchstwahrscheinlich letzten Versuch im 20. Jahrhundert, das Reich Gottes auf Erden zu
errichten.
Nur Christus kann die Seele des Menschen retten, sagte er und nur Er kann der Gesellschaft
helfen. Ich glaube, ich muß jetzt versuchen, diese Gesellschaft zu ihm zu führen. Das ist meine Sendung.“
Bundeskanzler Dollfuß wurde am 25. Juli 1934 bei einem fehlgeschlagenen nationalsozialistischen Putschversuch
ermordet. Große Teile der Bevölkerung – unter ihnen auch Karl Kraus – waren erschüttert.
In seiner
Sterbestunde sagte Dollfuß: „Ich wollte ja nur den Frieden. Den anderen möge der Herrgott vergeben!“
Eine Million Menschen gab dem toten Kanzler das letzte Geleit.
Karl Kraus setzte sich 1934 in der ‘Fackel’
vehement für Bundeskanzler Dollfuß ein und kritisierte die gegen diesen aus dem Exil agierenden Sozialdemokraten.
Seine Philippika erstreckt sich über 316 Seiten.
Die Dollfuß-Regierung bezeichnet Karl Kraus als „österreichische
Notwendigkeit“ und als „Lebensrettung“.
Deren Bemühungen nannte er eine „übermenschliche Mühsal um
leibliche Freiheit“.
Für Kraus war der Bundeskanzler ein „kleiner Retter in großer Not“. Dollfuß war
körperlich kleinwüchsig.
Er sei mit „mehr Grütze im Gehirn“ ausgestattet „als vierzig Jahre österreichischer
Regierung und insbesondere österreichischer Opposition aufzuweisen hatten.“
Seinen Kampf um die österreichische
Unabhängigkeit vom nationalsozialistischen Deutschland war für Kraus ein „Kampf um die Bewahrung des
Landes vor der Pest“.
Österreich führe unter Bundeskanzler Dollfuß einen „heiligen Verteidigungskrieg“.
Die Einschränkungen der Pressefreiheit durch die Regierung sei eine „Bändigung nicht ohne kulturellen
Mut und mit Ordnungssinn im Chaos“.
Für Kraus war es klar, daß auch ein waffenstarrendes Europa sich
nicht aufschwingen könne, gegen Hitler zu kämpfen.
Wie beurteilt Kraus die Sozialdemokraten, die sich
aus dem Exil zu Wort meldeten?
Deren Tätigkeiten nennt er „töricht“, „ein Blutmeer erzeugend“, „hirnverbrannt“
und eine „Sabotage der politischen Sachlichkeit“.
Deren „Trutz“ – besonders gegen den Bundeskanzler –
hält er für „groben Unfug“.
Die Bewahrung des Landes vor der „Pest“ verdiene „den Vorrang vor der Debatte,
ob drei Pfeile“ – ein sozialdemokratisches Symbol gegen „Kapitalismus, Faschismus und Reaktion“ –, „die
nicht mehr treffen, nach oben, nach unten, nach vorn oder nach hinten zu tragen sind.“
Stellungnahmen
der Exilsozialdemokratie bezeichnet Kraus als „geistigen Mist“, deren Führer als „Urheber des Debakels“ –
insbesondere verantwortlich für Hitlers Machtergreifung.
Deren „Mut“ bestünde in der „Unverantwortlichkeit“.
Sie würden das Übel des Nationalsozialismus unterschätzen.
Karl Kraus setzt Nationalsozialisten und
Sozialdemokraten gleich und vergleicht sie mit den Zensoren der Kriegsverwaltung in der Monarchie und
bezeichnet letztere gegenüber den Nationalsozialisten und Sozialisten als „Kulturmenschen“.
Im Unterschied
zu diesen seien die Zensoren des Kaisers „nicht ganz ohne Verständnis für die geistige Muthandlung“
gewesen.
Den Nationalsozialismus mit Worten zu besiegen – er unterstellt diese Idee den Sozialdemokraten
im Exil – könne höchstens „in der Phantasie des Hohlkopfes“ gelingen.
Die Nationalsozialisten seien
„hundertmal abgründiger“ als die schlimmsten Kriegstreiber des Ersten Weltkrieges.
Die Sozialdemokraten
bezeichnet Kraus als „professionsmäßige Verhunzer der Werte und Worte“, denen man „beizeiten Stockschläge“
hätte verordnen müssen.
Dann würde nämlich eine „unschuldige Menschheit nicht in Konzentrationslagern
mit Stahlruten traktiert“.
Sozialdemokratische Führer bezeichnet er als „Urheber des Unheils“ der politischen
Lage in Mitteleuropa im Jahre 1934.
Anders als die heute auftretenden – selbst ernannten – linken Tugendwächter,
die Bundeskanzler Dollfuß nur aus dem Zerrspiegel ihrer ideologischen Workshop-Gehirnwäsche kennen,
war Karl Kraus ein um Wahrhaftigkeit bemühter Zeitzeuge.
Er nahm für seine Ideale auch Unverständnis
und Feindschaft vieler Weggefährten auf sich.
Für ihn wäre es eine Selbstverständlichkeit gewesen,
daß die Pflege des Andenkens an den Märtyrerkanzler Dollfuß ein nationales Anliegen für Österreich
und eine Pflicht für die Kirche ist.
Am 24. September 1936 traf der damalige Erzbischof von Wien, Theodor
Kardinal Innitzer, Vorbereitungen für das diözesane Seligsprechungsverfahren des Bundeskanzlers und
gab den Auftrag, Gebetserhörungen zu sammeln.
Doch das Verfahren schlief – aus kirchenpolitischen Motiven –
ein, obwohl der Heilige Stuhl es erlaubte, jedes Jahr am 25. Juli ein feierliches Requiem für den ehemaligen
Kanzler zu zelebrieren.

In der St. Pöltner Prandtauerkirche ist Dollfuß auf einem Altarfresko zu sehen – auf der rechten Seite die Figur ganz links
Das ist der Tag, an dem der „vortreffliche Kanzler E. Dollfuß, von frevelhaften
Männern getroffen, für das Vaterland zu Boden sank“.
Darum bestand kein Anlaß, das Bildnis des Märtyrerkanzlers
Dollfuß aus der Prandtauerkirche zu St. Pölten
zu entfernen.
Offiziell wurden zunächst Denkmalschutzgründe
dafür vorgeschoben.
Nach einem solchen Maßstab müßten sämtliche Neuerungen, die in den 60er Jahren
in den vorher gebauten Kirchen vorgenommen wurden, rückgängig gemacht werden.
Im übrigen sollte der
Erzbischof von Wien, Christoph Kardinal Schönborn, endlich das diözesane Seligsprechungsverfahren für
den Märtyrerkanzler einleiten.
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