16:09:18 | Mittwoch, 24. Januar 2007
Der Papst reformiert durch Nichtbetonen mancher Verbote und durch Nichtahnden vieler Abweichungen – solange sie nicht plakatiert werden.

© Titelbild der Januarausgabe der Monatszeitung ‘Der 13.’ (kreuz.net) Am 20. Dezember veröffentlichte Bernd Ulrich in der deutschen Wochenzeitung ‘Zeit’ einen
Artikel unter dem Titel „Die sanfte Weltmacht“.
Ulrich ist stellvertretender Chefredaktor der ‘Zeit’.
Er sieht in der Kirche „Kraft und Herrlichkeit“ sowie eine angebliche „Verlogenheit“.
In seinem Artikel
will Ulrich der Kirche mitteilen, wie sie sich in Zukunft verändern muß.
Er bezeichnet „diese katholische
Kirche“ einleitend als „merkwürdigen Verein“, „zugleich großartig und kleinlich, erhaben“ und angeblich
„rachsüchtig“.
In der globalisierten Welt komme der Kirche eine neue Rolle zu: „Die katholische Kirche
ist der Global Player als soft power, die sanfte Weltmacht.“
Dem Hauptakteur der Globalisierung – der
Ökonomie – fehle es an repräsentativen Sprechern und an einem ethischen Motiv.
Auch andere Institutionen
sind – nach Ulrich – der Kirche unterlegen.
Die Vereinten Nationen seien politisch und in ihrem Durchsetzungsvermögen
begrenzt.
Die moralische Reputation der USA sei in den letzten Jahren von der Bush-Administration zuschanden
geritten worden.
Den nichtkatholischen Kirchen und Religionen fehle entweder die globale Ausdehnung oder
ein Organisationsgrad, die sie zu einem wirkungsvollen globalen Sprecher machen würden.
Der Islam leide
an einer – wie sich Ulrich ausdrückt – „verheerenden Selbstvergiftung“, die alle seine Missionserfolge
zunichte mache.
Aus den Schwächen dieser möglichen Globalisierungsagenturen speist sich – so Ulrich –
die Bedeutung der „einen Stimme aus Rom“.
Der Papst erfahre regelmäßig von den letzten Winkeln der
Welt, was die Menschen in diesen Ländern bewege:
„Auf solche Art erfährt die Kirche nicht nur von den
Schwachen, sie erfährt sich selbst auch immer wieder als schwach.“
Das mache den Papst vielleicht „fit
für die Globalisierung“ – mehr als jene zumindest, die sich auf ihre Machtmittel verlassen und den Faktor
Glaubwürdigkeit dabei unterschätzen würden.
Die widersprüchlichen Erfahrungen, die täglich ins Zentrum
der Kirche getragen würden, hätten vielleicht auch „die Verwandlung des oft überstrengen Kardinals
Ratzinger in den sanften Papst Benedikt“ bewirkt.
Dennoch – so Ulrich – „springt der Funke nicht richtig
über“: in Deutschland nicht und andernorts im Westen auch nicht.
Ulrich findet dafür zwei Gruppen von
Gründen.
Die eine Gruppe entstammt den unausweichlichen Zwängen einer global agierenden, zentralen
Glaubensinstitution.
Die andere berühre die – wie sich Ulrich ausdrückt – „dunklen Kapitel des Katholizismus“,
die „häßliche Rückseite“ einer von ihren Möglichkeiten her großartigen Kirche.
Damit ist Ulrich
offenbar zum Thema seines Artikels gelangt.
Der Papst müsse in der Kirche auf eine bunt zusammengewürfelte
Schar von Gläubigen Rücksicht nehmen: „tiefe Bewunderer der Mutter Gottes und halbagnostische Dreifaltigkeitsdialektiker“.
„Darum reformiert der Papst durch Nichtbetonen mancher Verbote und durch Nichtahnden vieler Abweichungen –
solange sie nicht plakatiert werden.“
Das ist nach Ulrich die „Struktur kirchlicher Moralität“, mit
der sich die Kirche ihren „schlechten Ruf“ zuzieht.
Die „strengen Normen“ seien das, das öffentlich
kommuniziert werde, teilweise formuliert „mit einer gewissen Straflust“, etwa von „Kardinälen in reichen
deutschen Diözesen“.
Der Seitenhieb auf Kardinal Joachim Meisner ist unübersehbar.
Milde und Vergebung
hingegen würden sich dagegen eher individuell und im Verborgenen vollziehen. Auf diese Weise entstehe
der öffentliche Eindruck von Rigorosität, obwohl die Gemeinden meist recht liberal seien: „zuweilen
zu sehr“.
Dieser Umgang mit den Normen lasse sich aber nicht wirklich ändern.
Auch der Kampf gegen
das, was Johannes Paul II. die Kultur des Todes genannt habe, mache die Kirche „anstößig“:
„Die Kirche
ist auf diesem Gebiet nicht Moderator, sondern Anwalt, keine Mitte, sondern Pol.“
Selbst wer der Meinung
sei, daß die Kirche hier zu weit gehe, müsse sich fragen: Kann sie anders? Soll sie?
„Wer, wenn nicht
sie, bildet dann den moralischen Urmeter, an dem die Gesellschaft messen kann, wie weit sie bei der Relativierung
des Lebens schon fortgeschritten ist?“
Doch bei allem Verständnis für die Rolle der Kirche, beginne
für sie hier doch auch jener Bereich, „wo ihr Humanismus in Zynismus“ umschlagen könne:
„Betreten wir
die dunkle Zone des Katholizismus, betreten wir das Schlafzimmer“ – suggeriert Ulrich. Eine gewisse „Besessenheit
von dem Thema Sexualität“ sei bei der Kirche kaum zu verkennen:
„Verständlich ist das insofern, als
ja auch die westlichen Gesellschaften davon besessen sind.“
Ulrich glaubt, daß sich die Kirche nicht
zu sehr auf etwas „kaprizieren“ sollte, bei dem sie „so unsicher“ sei, weil sich Sexualität den Kategorien
von gut und böse angeblich leicht entwinde:
„Die Sexualität ist im Kern weder das eine noch das andere,
sondern etwas Drittes.“
Es nehme die Menschen zu Recht gegen die Kirche ein, wenn das Dogma, Geschlechtsverkehr
müsse auf
Nachwuchs ausgerichtet sein, „ins Inhumane“ umschlage und wenn der Kampf gegen die Empfängnisverhütung
angeblich „Leben gefährdende Konsequenzen“ nach sich ziehe.
Ulrich meint das Kondomverbot bei „Aids-Gefahr“.
Bei diesem Verbot gehe es nicht um Strenge oder Liberalität im Umgang mit im Kern richtigen Normen: Es
gehe um eine
„inhumane Norm“.
Ähnlich gelagert ist nach Ulrich die Homosexualität. Sie werde in seiner
Bedeutung vom Klerus überschätzt.
Den Bedeutungsverlust der Familie könne man sicher als bedrohlich
empfinden.
Dieser habe mit der Legalisierung homosexueller Lebensgemeinschaften
wenig bis gar nichts
zu tun – glaubt Ulrich.
Der Fehler entspringe erneut nicht aus der überstrengen Anwendung einer richtigen
Norm, sondern aus einem „im Kern falschen“ Verbot
gelebter Homosexualität.
Wie man Menschen für etwas
verurteilen könne, zu dem sie sich
nicht entschlossen hätten, sondern das sie „bei sich entdeckt“ hätten,
das niemandem
schade und das nur durch lebenslange Keuschheit zu umgehen sei – das bleibe ein angeblich
„dunkles Geheimnis der katholischen Kirche“.
Bei diesen „dunklen Seiten“ gehe es um mehr als nur Nebenaspekte.
Die Kirche sei versucht, sich „archaischer Vorurteile“ zu bedienen, generell „in der Gefahr“, in ihrem
„Feldzug gegen den »totalitären Relativismus«“ selber einen „totalitären Antirelativismus“ herauszubilden.
Sie könne den Anspruch aufgeben, „das Ganze“ zu repräsentieren und sich darauf verengen, nur mehr „Gegengewicht
zu einer verfallenden Gesellschaft“ zu werden.
Ulrich endet pathetisch: „Die katholische Kirche läßt
hoffen.“
Als Anwalt der Schwachen und Agentur der Globalisierung könne sie einer „unter Streß geratenen“
Menschheit helfen.
Gerade deshalb müsse sie eine „größere Sensibilität“ entwickeln für die Bereiche,
in denen ihre Normen „ins Inhumane umschlagen“ würden.
Papst Benedikt XVI. habe dazu schon klug geschwiegen:
„Irgendwann sollte er dazu auch klug sprechen.“
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