‘pro multis’
Exegese oder Arroganz?
Theologen behaupten, daß die biblische Formulierung „für viele“ problematisch sei. Doch die vorgeschlagenen Alternativen sind auch nicht das Gelbe vom Ei. Von Dr. Claudia Wick, München.
Alte Messe in Birmingham, 2004
Alte Messe in Birmingham, 2004
(kreuz.net) Bedenklich an der Falschübersetzung der Wandlungsworte mit „für alle“ statt „für viele“ ist nicht nur die philologisch haarsträubende Beweisführung sondern auch der Umgang mit Christi Wort.

Man gibt zwar freimütig zu, daß „für viele“ die wörtliche Übersetzung ist.

Aber „für viele“ sei inhaltlich so problematisch, daß die sprachlich ganz und gar unmögliche Wiedergabe mit „für alle“ beibehalten werden müsse.

Eine vermeintliche dogmatische Zweideutigkeit und ähnliche theologische Bedenken wurden schon um 1970 gegen die Wendung „für viele“ angeführt.

Damals gab es in Rom beunruhigte Anfragen wegen der neuen Übersetzungen der Wandlungsworte mit „für alle“ statt „für viele“.

Entsprechendes kann man in der vatikanischen Zeitschrift ‘Notitiae’ Nr. 6, Seite 38-39 und 138-140 nachlesen.

Damals glaubte man gestützt auf die Forschungen des protestantischen Exegeten Joachim Jeremias, daß die Übersetzung „für alle“ ein hebräisch-aramäisches Fundament besitze:

Jeremias behauptete, daß man in diesen Sprachen nicht angemessen zwischen „viele“ und „alle“ unterscheiden könne.

Inzwischen wurde längst nachgewiesen, daß das nicht stimmt.

Jeremias läßt in seinen lexikographischen Ausführungen keinen einzigen methodischen Fehler aus:

Er deutet die Beispielstexte gewaltsam um: „muß hier bedeuten“, „kann nicht gemeint sein“ usw.

Ferner verwechselt er systematisch wörtlich Gesagtes mit mutmaßlich Gemeintem.

So zieht er zum „Beweis“ dafür, daß Textstellen, die „multi“ – viele – enthalten, aber mit „alle“ zu übersetzen seien, Zitate heran, die „omnes“ – alle – enthalten.

Damit setzt sich seine Exegese an die Stelle einer getreuen Wiedergabe. Das wäre auch im Umgang mit profanen Texten ein schwerer handwerklicher Fehler.

Nicht weniger problematisch ist die
Dogmatisch problematisch
Ausgerechnet Theologen und Liturgiker behaupten, der Herrgott habe sich in dogmatisch problematischer Weise geäußert.
Tatsache, daß sich die Falschübersetzung „für alle“ auf eine aramäische Textform beruft, die nicht erhalten ist und wohl nie existiert hat.

Jesus und seine Jünger mögen zwar aramäisch gesprochen haben. Doch aufgrund der Heidenmission waren schon früh griechische Texte notwendig.

Diese wurde von aramäischen Muttersprachlern angefertigt, die eine allfällige Schwierigkeit ihrer eigenen Sprache gekannt und gemeistert hätten.

Die sprachliche Basis der Übersetzung „für alle“ hat sich somit längst als falsch erwiesen.

Geblieben sind die Bedenken um die theologische „Anstößigkeit“ von „für viele“ – so wörtlich Jeremias und sein vatikanischer Rezipient in der Zeitschrift ‘Notitiae’.

Diese „Anstößigkeit“ haben zu einem problematischen Umgang mit den Wandlungsworten geführt.

Offenbar hat sich der Herrgott hier in dogmatisch problematischer Weise geäußert.

Daher stehe es der Kirche frei, hier mehr als nur ein Iota zu ändern und das „wirklich Gemeinte“ klarer auszuformulieren, sich also zum Redakteuren Gottes zu machen, statt sich mit Exegese zu begnügen.

Es ist schwierig, hier nicht eine bedrückende Arroganz am Werk zu sehen.

Der häufig vorgebrachte Einwand, „für viele“ sei aus theologischer Sicht problematisch, ist fadenscheinig.

Zwar kann diese Wendung – falsch verstanden – der Prädestinationslehre Vorschub leisten. Aber „für alle“ ist genauso heikel, da hiermit die Vorstellung der Allerlösungslehre genährt werden kann.

Wenn also beide Formeln Nachteile haben und – nach den Worten der Theologen – Anstoß erregen können, soll man die authentische Form beibehalten.

Sie hat immerhin den Vorteil, daß sie von Christus stammt und nicht von ungenau arbeitenden Bibelforschern.

Sodann ist eine gute Katechese gefordert, wie Kardinal Francis Arinze in seinem Schreiben ganz richtig sagt. Das ist keine übermenschliche Aufgabe.

Geradezu lächerlich muten die Bedenken derer an, die jetzt eine Verwirrung der Gläubigen befürchten.

Gerne wird dabei übersehen, daß diese seit 35 Jahren in der Messe „für alle“ hören und daheim in der Bibelübersetzung „für viele“ lesen.

Hierzu äußert erstaunlicherweise nie jemand Bedenken.

In der Tat ist es aber so, daß jene, die auf diese Diskrepanz hingewiesen werden, verwirrt sind – allerdings darüber, daß man in der Liturgie falsch übersetzt und Christi Wort manipuliert.

Mögen die Verantwortlichen die Größe haben, ihren Irrtum zuzugeben.

Mit ihrem verbohrten Festhalten an einer offensichtlichen Falschübersetzung – die gegen alle sprachliche Wirklichkeit mit scheingelehrten Argumenten gerechtfertigt wird – erweisen sie der kirchlichen Glaubwürdigkeit einen Bärendienst.

Das Herumbasteln an den Wandlungsworten degoutiert die Gläubigen, die sich einen Rest von kritischem Geist bewahrt haben.

Jetzt hat der Heilige Vater das hochproblematische Menschenwerk wieder aus dem Kanon gekippt und Gottes Wort an seine Stelle gesetzt, von der es niemals hätte verdrängt werden dürfen.

Möge der Papst noch viele weitere solche Schritte unternehmen.

Frau Dr. Claudia Wick ist promovierte Altphilologin und arbeitet als Lexikographin.
      
9 Lesermeinungen
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#9   möchtegern-kathole   14:49:14 | Montag, 22. Januar 2007
Lustig …
… wie die aufgeklärte, wissenschaftliche, moderne, zeitgemässe Kirche an so einem simplen Text strandet und nicht weiter weiss, bis sie sich dann von einem alten Herrn aus Rom korrigieren lassen muss.
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#8   stimme der vernunft †   13:21:57 | Montag, 22. Januar 2007
kleingeist
wo geht es denn bitte bei den Wandlungsworten darum, wer erlöst ist?
Als ich sie das letzte mal gehört habe, ging es darum, für wen Christus sein Blut vergossen hat, und das hat er für alle vergossen, so lehrt es seit Paulus die Kirche.
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#7   kleingeist   13:19:08 | Montag, 22. Januar 2007
Ich bin verwirrt!
„Fuer viele“ oder „fuer alle“ !
Sind wir nun alle erloest (auch die Buddhisten, die Protestanten, die Boesen) oder nur viele (jene „reinen Herzens“, die Katholiken, die „guten Christen“) ?
Wer ist beim Erloesungsangebot denn nun gemeint?
Dieser Zickzack-Kurs der angeblich „unfehlbaren“ Kirche kommt dem Glauben wirklich nicht sehr gut.
Kein Wunder, distanzieren sich immer mehr Leute von ihr.
Ich erwarte ein klares Bild!
Oder soll ich zum Islam uebertreten? Der scheint mir viel potenter und tiefer zu sein als unsere alte Dame Kirche.
:-#
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#6   Katharina L. †   13:03:25 | Montag, 22. Januar 2007
Bitte Belege
Ausgerechnet Theologen und Liturgiker behaupten, der Herrgott habe sich in dogmatisch problematischer Weise geäußert.
„Theologen“ (im Plural) und „Liturgiker“ (im Plural) behaupten, der Herrgott (der Sohn Gottes, eines Wesens mit dem Vater?) habe sich in dogmatisch problematischer Weise geäußert.
Bitte Belege beifügen! Mindestens zwei „Theologen“ (weil Plural) und zwei „Liturgiker“ (weil Plural).
Und los – mal schauen, wer es schafft!
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#5   )ichthy's   11:33:06 | Montag, 22. Januar 2007
Stenoblock
Klar ist für mich:
1.) Wir haben nicht das Recht, am Text der Heiligen Schrift rumzuverbessern, weil er uns nicht paßt, z.B. weil er die Frauen nicht direkt anredet (Briefe des Apostels Paulus). Daß damit trotzdem auch Frauen gemeint sind, ist unbestritten, aber Sache der Auslegung.
Ähnlich sollte der Umgang mit den Einsetzungsworten sein.
2.) Niemand hatte im Abendmahlssaal einen Stenoblock dabei und die Worte Jesu mitgeschrieben, die dann später wörtlich übersetzt wurden. Das beweisen schon die (2x2) verschiedenen Versionen in der Bibel. Mehrfaches Weitererzählen, dabei noch ein Wechsel der Sprache – der Satz „… behaupten, der Herrgott habe sich in dogmatisch problematischer Weise geäußert.“ geht doch eher von der Stenoblockversion aus.
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#4   Pünktchen   10:39:14 | Montag, 22. Januar 2007
Die Betrogene
Prof. Dr. mult. Robert Spaemann schreibt heute in der FAZ!
Die Änderung der sogenannten „Wandlungsworte“ war von Anfang an für viele ein Ärgernis. Sie fiel in die Zeit eines gewissen Deliriums in der Kirche, das an Thomas Manns „Betrogene“ erinnerte, eine schon betagtere Dame, die euphorisch wird, weil sie die Symptome einer Krebserkrankung für ein spätes zweites Erblühen ihrer Weiblichkeit hält. Die Reformer verteidigten sich übrigens damit, dass sie zu beweisen suchten, der griechische Text sei ein missverstandener Hebraismus und „für viele“ bedeute im Hebräischen „für alle“. Diese Auffassung hat inzwischen einer gründlichen wissenschaftlichen Kritik weichen müssen. Die Wiederherstellung des authentischen Textes ist deshalb unvermeidlich geworden, wenn man die Feier des Abendmahls, die Messe, als Stiftung Jesu betrachtet und nicht als Spielball theologischer Moden. Übrigens sollte man nun auch konsequent sein und nicht sagen „für die vielen“. Es steht nun einmal da „polloi“ und nicht „hoi polloi“, was man im Griechischen sehr wohl hätte sagen können, wenn man es gewollt hätte.
Der Münchener Altphilologin Dr. Wick sei ein herzlicher Dank für Ihren Beitrag ausgesprochen!
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#3   Dr. Christoph Heger   10:36:25 | Montag, 22. Januar 2007
Jesu Worte „berichtigt“.
Jeremias behauptete, daß man in diesen Sprachen nicht angemessen zwischen „viele“ und „alle“ unterscheiden könne.
Man fragt sich ernsthaft, wie ein angesehener Wissenschaftler wie Joachim Jeremias einen solchen Unfug verzapfen kann. Selbst wenn man vom Aramäischen keinen Dunst hat, wird man nicht glauben, daß die aramäisch sprechenden Menschen einen geistigen Mangel gehabt hätten, der sie nicht hätte zwischen der Kategorie der Quantität und der der Totalität zu unterscheiden. Aber natürlich unterscheidet auch die aramäische Sprache zwischen „allen“ und „vielen“.
Man gibt zwar freimütig zu, daß „für viele“ die wörtliche Übersetzung ist. Aber „für viele“ sei inhaltlich so problematisch, daß die sprachlich ganz und gar unmögliche Wiedergabe mit „für alle“ beibehalten werden müsse.
Was für ein Glück, daß die vatikanischen Schlauberger so klug und auch so unverfroren waren, die „problematischen“ Worte Jesu zu berichtigen!
MfG
Christoph Heger
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#2   Agiafortuni   10:31:46 | Montag, 22. Januar 2007
Stimme der Vernunft.
Der Unsinn ist nirgendswo anders als in Ihrer dummen Bemerkung
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#1   stimme der vernunft †   10:27:48 | Montag, 22. Januar 2007
die gute Frau
mag sehr gelehrt sein, das hindert sie aber anscheinend nicht, so manchen Unsinn von sich zu geben.
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