10:16:22 | Montag, 22. Januar 2007
Theologen behaupten, daß die biblische Formulierung „für viele“ problematisch sei. Doch die vorgeschlagenen Alternativen sind auch nicht das Gelbe vom Ei. Von Dr. Claudia Wick, München.

Alte Messe in Birmingham, 2004
(kreuz.net) Bedenklich an der Falschübersetzung der Wandlungsworte mit „für alle“ statt „für viele“
ist nicht nur die philologisch haarsträubende Beweisführung sondern auch der Umgang mit Christi Wort.
Man gibt zwar freimütig zu, daß „für viele“ die wörtliche Übersetzung ist.
Aber „für viele“ sei
inhaltlich so problematisch, daß die sprachlich ganz und gar unmögliche Wiedergabe mit „für alle“ beibehalten
werden müsse.
Eine vermeintliche dogmatische Zweideutigkeit und ähnliche theologische Bedenken wurden
schon um 1970 gegen die Wendung „für viele“ angeführt.
Damals gab es in Rom beunruhigte Anfragen wegen
der neuen Übersetzungen der Wandlungsworte mit „für alle“ statt „für viele“.
Entsprechendes kann man
in der vatikanischen Zeitschrift ‘Notitiae’ Nr. 6, Seite 38-39 und 138-140 nachlesen.
Damals glaubte
man gestützt auf die Forschungen des protestantischen Exegeten Joachim Jeremias, daß die Übersetzung
„für alle“ ein hebräisch-aramäisches Fundament besitze:
Jeremias behauptete, daß man in diesen Sprachen
nicht angemessen zwischen „viele“ und „alle“ unterscheiden könne.
Inzwischen wurde längst nachgewiesen,
daß das nicht stimmt.
Jeremias läßt in seinen lexikographischen Ausführungen keinen einzigen methodischen
Fehler aus:
Er deutet die Beispielstexte gewaltsam um: „muß hier bedeuten“, „kann nicht gemeint sein“
usw.
Ferner verwechselt er systematisch wörtlich Gesagtes mit mutmaßlich Gemeintem.
So zieht er zum
„Beweis“ dafür, daß Textstellen, die „multi“ – viele – enthalten, aber mit „alle“ zu übersetzen seien,
Zitate heran, die „omnes“ – alle – enthalten.
Damit setzt sich seine Exegese an die Stelle einer getreuen
Wiedergabe. Das wäre auch im Umgang mit profanen Texten ein schwerer handwerklicher Fehler.
Nicht weniger
problematisch ist die
Dogmatisch problematisch
Ausgerechnet Theologen und Liturgiker behaupten, der Herrgott
habe sich in dogmatisch problematischer Weise geäußert.
Tatsache, daß sich die Falschübersetzung „für
alle“ auf eine aramäische Textform beruft, die nicht erhalten ist und wohl nie existiert hat.
Jesus
und seine Jünger mögen zwar aramäisch gesprochen haben. Doch aufgrund der Heidenmission waren schon
früh griechische Texte notwendig.
Diese wurde von aramäischen Muttersprachlern angefertigt, die eine
allfällige Schwierigkeit ihrer eigenen Sprache gekannt und gemeistert hätten.
Die sprachliche Basis
der Übersetzung „für alle“ hat sich somit längst als falsch erwiesen.
Geblieben sind die Bedenken
um die theologische „Anstößigkeit“ von „für viele“ – so wörtlich Jeremias und sein vatikanischer Rezipient
in der Zeitschrift ‘Notitiae’.
Diese „Anstößigkeit“ haben zu einem problematischen Umgang mit den Wandlungsworten
geführt.
Offenbar hat sich der Herrgott hier in dogmatisch problematischer Weise geäußert.
Daher
stehe es der Kirche frei, hier mehr als nur ein Iota zu ändern und das „wirklich Gemeinte“ klarer auszuformulieren,
sich also zum Redakteuren Gottes zu machen, statt sich mit Exegese zu begnügen.
Es ist schwierig, hier
nicht eine bedrückende Arroganz am Werk zu sehen.
Der häufig vorgebrachte Einwand, „für viele“ sei
aus theologischer Sicht problematisch, ist fadenscheinig.
Zwar kann diese Wendung – falsch verstanden –
der Prädestinationslehre Vorschub leisten. Aber „für alle“ ist genauso heikel, da hiermit die Vorstellung
der Allerlösungslehre genährt werden kann.
Wenn also beide Formeln Nachteile haben und – nach den Worten
der Theologen – Anstoß erregen können, soll man die authentische Form beibehalten.
Sie hat immerhin
den Vorteil, daß sie von Christus stammt und nicht von ungenau arbeitenden Bibelforschern.
Sodann ist
eine gute Katechese gefordert, wie Kardinal Francis Arinze in seinem Schreiben ganz richtig sagt. Das
ist keine übermenschliche Aufgabe.
Geradezu lächerlich muten die Bedenken derer an, die jetzt eine
Verwirrung der Gläubigen befürchten.
Gerne wird dabei übersehen, daß diese seit 35 Jahren in der
Messe „für alle“ hören und daheim in der Bibelübersetzung „für viele“ lesen.
Hierzu äußert erstaunlicherweise
nie jemand Bedenken.
In der Tat ist es aber so, daß jene, die auf diese Diskrepanz hingewiesen werden,
verwirrt sind – allerdings darüber, daß man in der Liturgie falsch übersetzt und Christi Wort manipuliert.
Mögen die Verantwortlichen die Größe haben, ihren Irrtum zuzugeben.
Mit ihrem verbohrten Festhalten
an einer offensichtlichen Falschübersetzung – die gegen alle sprachliche Wirklichkeit mit scheingelehrten
Argumenten gerechtfertigt wird – erweisen sie der kirchlichen Glaubwürdigkeit einen Bärendienst.
Das
Herumbasteln an den Wandlungsworten degoutiert die Gläubigen, die sich einen Rest von kritischem Geist
bewahrt haben.
Jetzt hat der Heilige Vater das hochproblematische Menschenwerk wieder aus dem Kanon gekippt
und Gottes Wort an seine Stelle gesetzt, von der es niemals hätte verdrängt werden dürfen.
Möge der
Papst noch viele weitere solche Schritte unternehmen.
Frau Dr. Claudia Wick ist promovierte Altphilologin
und arbeitet als Lexikographin.
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.