18:11:30 | Sonntag, 9. Januar 2005
Was macht Europa zu Europa? Die Geographie, die Demokratie, Griechenland oder Rom? Europa ist auf drei Hügeln gebaut: auf Golgotha, auf die Akropolis und auf das Kapitol. Ein Essay von Joachim Volkmann.
„Europa macht man nicht mit links“, war im Wahlkampf um das Europaparlament 2004 zu lesen, und eine der
Parteien wollte ihre Kandidaten sogar „nach Europa“ schicken. Da erheben sich gleich mehrere nicht unbedeutende
Fragen: wieso soll Europa gemacht werden? und: wo sind denn die Kandidaten jener anderen Partei bisher?
Liegt Siegburg in Südostasien? Ist Brüssel Europa? Oder Straßburg? – Diese Fragen sind keineswegs polemisch
gemeint.
In den letzten Zeiten konnte man den Eindruck gewinnen, als gebe es noch gar kein Europa, als
sei Europa noch zu schaffen. Hier wurde ein politischer Prozeß über einen jahrhundertealten Begriff
gestülpt, wurde ein jahrhundertealter Begriff zum Synonym für ein gewolltes, neues, fremdes Konstrukt
gemacht, welches von seinen eigentlichen Ursprüngen, seinen Wurzeln gelöst werden sollte; eine Tradition
wurde abgebrochen, und ihre äußere Hülle sollte diesen Bruch mit den eigenen Ursprüngen verdecken.
Anders ausgedrückt: Europa wurde seines Inhaltes beraubt, der Inhalt wurde vergessen gemacht, und nun
soll ein neues Europa künstlich errichtet werden, so, wie zum Beispiel der Revolutionär Buonaparte zu
Beginn des 19. Jahrhunderts sich der äußeren Zeichen der Monarchie bediente, um als Kaiser Napoleon
seine revolutionären Absichten durchsetzen zu können; das allerdings wäre an anderer Stelle zu behandeln.
Was nun ist dieses Europa? Kann man es geographisch, politisch, historisch-kulturell beschreiben, definieren?
Die geographische Definition macht Schwierigkeiten. Sicher ist dieser „Wurmfortsatz Asiens“ durch seine
Küsten einigermaßen klar definiert (man muß dann die englische Insel als dazugehörig benennen), aber
nach Osten und Südosten hin ist es schon problematischer.
Im 19. Jahrhundert einigte man sich auf den
Ural als Grenze, dies ist aber als eben rein geographische Lösung zu begreifen, das heißt, als eine
recht willkürliche, und sie wurde deshalb gewählt, weil gerade dort ein doch recht imposantes Gebirge
eine Landschaft abschließt. Somit ist leichthin ersichtlich, daß die geographische Definition nicht
ausreicht; sie nimmt auf zu wenige Gegebenheiten Rücksicht und ist zu sehr von einem Konsens abhängig.
Wollte man Europa nach politischen Ideen definieren, wären die Schwierigkeiten nicht geringer: dächte
man etwa eine Gemeinschaft demokratischer Staaten, dann käme eine ganze Reihe außereuropäischer Staaten
dazu – und der Gedanke der modernen Demokratie als Kriterium würde Jahrhunderte europäischer monarchistischer
Tradition aus diesem Verständnis von Europa ausschließen.
Und überhaupt: welche politischen Ideen,
welche „Wertegemeinschaften“ sind denn solide Basis für etwas, das weit mehr ist als die politische Organisation
menschlichen Zusammenlebens in einem geographischen Raum?
Es scheint also, daß weder geographische noch
politische Kriterien für eine Erfassung dessen ausreichen, das als Vorstellung und Begriff „Europa“ vor
uns liegt.
Anscheinend bleibt nur, die historisch-kulturelle Dimension zu untersuchen. Die griechische
Antike, deren Erbe wir sind, ist dennoch nicht in unserem Verständnis von Europa inbegriffen, weil sie
in ihrer klassischen, athenischen Zeit zu wenig und in ihrer größten, hellenistischen Ausdehnung zu
viel umgriff. Damit ist gemeint, daß es keinen direkten, zeitgleichen Einfluß Athens auf große Teile
Europas gegeben hat, und daß der Hellenismus, die Zeit Alexanders des Großen und seiner Nachfolger,
doch eine stark orientalische Prägung bekam.
Erben Griechenlands sind wir durch die Vermittlung Roms
und später der Renaissance – und das auf eine sehr originelle und für uns typische Weise: als die Renaissance
das griechische Theater wiederentdeckte und in den Stücken einen „Chor“ ausmachte, ging sie ebenso selbstverständlich
wie irrtümlich davon aus, daß im griechischen Theater gesungen würde: und aus diesem sympathischen
Irrtum entstand unsere Oper, wie sie europäischer nicht sein kann – die chinesische Oper ist der unseren
nicht vergleichbar.
Damit sei nun nicht gesagt, daß alle unsere Wiederentdeckungen Griechenlands Irrtümer
waren, aber wir waren immer in der Lage, vorgefundene Gegebenheiten fruchtbar weiterzuverarbeiten. Die
edle Helle und aristokratische Abwesenheit von Farbigkeit bei griechischen Tempeln und Statuen zum Beispiel
rührt uns noch heute an: und doch waren sie in griechischer Zeit nachweislich grellbunt. Winckelmann,
im 19. Jahrhundert der große Wiederentdecker griechischer Kunst, hat unsere Auffassung edler Einfarbigkeit
durch seinen Irrtum geprägt.
Sind wir in diesem Sinne die Erben Griechenlands, so sind wir mehr noch
geprägt durch Rom, und dennoch ist auch Rom nicht unser Europa. Es umfaßte zu viele sehr unterschiedliche
Kulturen und prägte sie – unser Europa ist nur ein Teil, aber eben auch geprägt. Selbst wenn unsere
Muttersprache nicht romanisch ist, so ist sie doch in ihrer Begrifflichkeit lateinisch geprägt, und römisch
ist auch unser Rechtswesen (im Unterschied z.B. zum englischen und in seiner Folge US-amerikanischen Rechtswesen,
welches aus diesem Grunde an Präzedenzfällen orientiert ist und Rechtsgrundsätze wie „pacta sunt servanda“
[Abkommen sind einzuhalten] oder „nulla poena sine lege“ [Keine Strafe ohne Gesetz] als Rechtsgrundsätze
nicht kennt).
Es bleibt in unserem Verhältnis zu Rom eine vertraute Fremdheit, oder, wenn man will,
eine fremde Vertrautheit, und an diesem Punkt kann man ansetzen und die Überlegungen weiterführen. Denn
selbst in Teilen Europas, in denen nie Römer gewesen sind (man denke an Irland, an Polen) oder nicht
lange genug gewesen sind (wie in Teilen Germaniens), fühlen wir uns sofort europäisch.
Richtig interessant
wird es, wenn wir diese Gedanken auf Rußland anwenden: fraglos mit einer europäischen Oberschicht, jedoch
weithin eigenartig anders. Aber auch fremd?
Der westliche Punkt, Irland, und der östlichste Teil, Rußland,
zeigen unter den erwähnten Gesichtspunkten den Weg auf, der hier zu beschreiten ist. In beide Länder
hat nie ein römischer Soldat einen Fuß gesetzt, vermutlich war auch nie ein Römer in dem, was zu seinen
Zeiten das Gebiet des heutigen Rußland war.
Was Irland an Europa bindet (historisch wäre es sogar richtig,
zu sagen: was Europa an Irland bindet), war die Missionierung durch die römische Kirche; Rußland wurde
von Konstantinopel aus christianisiert.
Da haben wir es gefunden. Man kann es kurz und knapp zusammenfassen:
Europa ist nicht nur vom Christentum geprägt, sondern es ist erst durch das Christentum entstanden. Erst
die Kirche hat unser Europa gebaut, in unermüdlicher Missionierungsarbeit unsere Kultur geschaffen und
zu einer Blüte geführt, die keine andere Kultur je erreicht hat.
Natürlich gibt es gegen diese Tatsache
viel billige Polemik, und da in Europa wie überall Menschen irren, fehlen, sich versündigen können,
so kennt auch die europäische Geschichte selbstverständlich nicht nur Glanzlichter und Höhepunkte.
Und doch bleibt es eine Tatsache, die immer wiederholt werden muß, weil sie so wichtig ist, wenn man
Europa verstehen will: Europa ist auf drei Hügeln gebaut, auf Golgotha, auf die Akropolis und auf das
Kapitol. Das ist auch dann eine Tatsache, wenn gerade jetzt die christlichen Wurzeln Europas gezielt und
massiv verschwiegen werden, wenn der Einfluß des Christentums auf Europa verzerrt, zum Teil böswillig
entstellt wird.
Wie einzigartig, wie besonders das christliche Europa ist, wird erst richtig deutlich,
wenn man einen Gang durch die Geschichte dieses „Wurmfortsatzes Asiens“ macht, dieses Wurmfortsatzes,
der den Mut hat, sich als eigener Kontinent zu fühlen: über die Größe dieses Mutes kann man sich leicht
anhand eines Atlas informieren, und das richtige Staunen stellt sich ein, wenn man die eine oder andere
Statistik dazunimmt.
Die christlichen Wurzeln EuropasDie Ursprünge des christlichen EuropaEuropäische
Völker und NationenMehr als 60 Heilige und Selige christianisierten das spanisch-portugiesische Amerika
Im wörtlichen Sinne: Stirbt Europa?Von intellektueller Leistung und hoher KulturLaßt uns Kathedralen
bauen!
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