Spaemann über ‘pro multis’
Unvermeidlich
Was hat die Nachkonzilszeit mit einer alten Dame zu tun, die euphorisch wurde, weil sie die Symptome einer Krebserkrankung für ein spätes zweites Erblühen ihrer Weiblichkeit hielt?
© Latin-Mass-Society.org
(kreuz.net) Die Ersetzung des „für alle“ vergossenen Blutes in den Einsetzungsworten der Messe durch das „für viele“ ist unvermeidlich.

Das erklärte der ehemalige Münchner Philosoph Robert Spaemann (79) am 22. Januar in einem Leserbrief in der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’.

Das Herzstück der Messe sei ein Relativsatz, der den sogenannten „Einsetzungsbericht“ enthalte und die Worte Jesu zitiere.

In diesen Worten sei nicht von „allen“, sondern von „vielen“ die Rede:

„Entsprechend enthält auch der maßgebende lateinische Text der neuen und der alten römischen Liturgie ebenso wie der griechischen, altslawischen, ja aller traditionellen Liturgien ebenso übrigens wie der evangelischen Abendmahlfeier den authentischen neutestamentarischen Text.“

Lediglich einige landessprachliche Übersetzungen hätten sich in den 70er Jahren die Freiheit genommen, den Text zu ändern: „mit Hintergedanken“.

Die so entstandene Textform könne sich zwar auch auf das Neue Testament berufen – zum Beispiel auf „Gott will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ – nicht aber auf den Abendmahlbericht.

Spaemann verweist auf die klassische Interpretation, wonach das Blut Jesu zwar für alle vergossen wurde, aber faktisch nur jene erlöst, die sich erlösen lassen.

Die Worte Jesu beim Abendmahl würden sich auf letzteres beziehen.

Die Änderung der Wandlungsworte „war von Anfang an für viele ein Ärgernis“ – erinnert sich Spaemann:

„Sie fiel in die Zeit eines gewissen Deliriums in der Kirche, das an Thomas Manns »Betrogene« erinnerte, eine schon betagtere Dame, die euphorisch wird, weil sie die Symptome einer Krebserkrankung für ein spätes zweites Erblühen ihrer Weiblichkeit hält.“

Die Reformer hätten sich damals mit dem Argument verteidigt, daß der griechische Text ein mißverstandener Hebraismus sei und „für viele“ im Hebräischen „für alle“ bedeute.

Doch diese Auffassung habe inzwischen einer gründlichen wissenschaftlichen Kritik weichen müssen.

Spaemanns Fazit: „Die Wiederherstellung des authentischen Textes ist deshalb unvermeidlich geworden, wenn man die Feier des Abendmahls, die Messe, als Stiftung Jesu betrachtet und nicht als Spielball theologischer Moden.“
      
9 Lesermeinungen
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#9   kleingeist   23:55:35 | Montag, 29. Januar 2007
Hat deshalb Christus die Kirche verlassen?
Man entschuldige mir diesen Kleingeist; ich komme aber nicht umhin zu denken, Christus selbst koennte daher seine Kirche in den vergangenen 40 Jahren verlassen haben. Wenn ja diese Heiligen Worte in der Messe falsch gesprochen werden, kann sich das Grosse Mysterium gar nicht einstellen!
Kein Wunder also, wenn die Kirche heute so verlottert dasteht. Mit der Richtigstellung kann die Wirkkraft Gottes der Kirche wieder zuteil werden.
Ich bin wieder optimistischer.
Kann mir ein ausgebildeter Theologe etwas Stichfestes dazu bemerken?
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#8   Rodolfo Panetta   23:41:11 | Montag, 29. Januar 2007
Treue zum Urtext setzt sich durch …
… und man muß sich an den Kopf greifen, warum es je anders gehalten wurde.
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#7   HeinrichvonOfterdingen   20:59:44 | Montag, 29. Januar 2007
Liebs Püncktchen,
Triebigkeit, Aktivismus und Geschwätzigkeit haben nichts mit einem „Frühling“ in der Kirche zu tun, sondern dienen eher als Vorzeichen des Niedergangs! Vorzeichen eines Niedergangs kann ich nicht ausmachen. Das würde doch voraussetzen, dass noch Spielraum nach unten vorhanden ist. Aber wo soll einer, der moralisch am Boden liegt noch sinken?
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#6   Lota   20:36:56 | Montag, 29. Januar 2007
Indult von 1970
Gute Idee. Aber bitte mit denselben Auflagen wie für die Tradis. Ein Indult pro Diözese genügt (gegebenenfalls auch für zwei Diözesen)
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#5   möchtegern-kathole   18:05:12 | Montag, 29. Januar 2007
ich bin auch für ein Indult des Ritus von 1970 …
… damit man die Spreu vom Weizen trennen kann :-]
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#4   Benedikt   13:01:49 | Montag, 29. Januar 2007
@ Freinsberg
Warum sollten sie? Die Übersetzung des MR 2002 wird einfach angepasst – das genügt doch, oder? Sie sind doch der Experte :-).
Interessant wäre natürlich die Frage nach einem Indult für die Benutzung des MR 1970 :-$.
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#3   Pünktchen   10:45:58 | Montag, 29. Januar 2007
Triebigkeit, Aktivismus und Geschwätzigkeit
haben nichts mit einem „Frühling“ in der Kirche zu tun, sondern dienen eher als Vorzeichen des Niedergangs! (Das Beispiel der Ev. Kirche, samt ihrer hilflosen „Strategiepapiere“ und niedrigstschwelliger Angebote steht uns vor Augen!) Spaemanns Hinweis auf die literarische Figur Rosalie von Tümmler (was für ein sprechender Name!) trifft den Punkt genau!
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#2   Copertino   10:33:43 | Montag, 29. Januar 2007
@Freinsberg: Ihre Frage zeigt,…
…dass sich die approbierende vatikanische Behörde mit ihrer damaligen Leichtfertigkeit ein Glaubwürdigkeitsproblem eingehandelt hat. Heute geht es um Schadensbegrenzung.
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#1   Freinsberg   10:20:36 | Montag, 29. Januar 2007
Korrektur?
Immerhin ist die Fassung des deutschen Messbuches von Rom approbiert worden. Also widerruft Rom die Approbation – oder wie?
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