Der Kardinal und seine Mutter
Der Erzbischof von Paris, Jean-Marie Kardinal Lustiger, wird als Stellvertreter des Papstes an den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau teilnehmen. In Auschwitz kam die jüdische Mutter des Kardinals ums Leben.
(kreuz.net, Paris) Die jüdischen Eltern von Jean-Marie Kardinal Lustiger (78) kamen von Polen nach Paris.
Im Jahre 1926 wurde ihr Sohn und der spätere Erzbischof der Stadt in Paris geboren. Während der nationalsozialistischen
Besetzung Frankreichs trennte sich die Familie. Der Sohn, Aaron, wurde bei einer katholischen Familie
in Orléans im Süden von Paris versteckt.Die Mutter blieb alleine in der Hauptstadt zurück. Dort wurde sie von den Besatzungstruppen verhaftet und zurück nach Polen deportiert. Frau Lustiger kam ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau in der Nähe von Krakau. Ihre Familie sollte sie nie wieder sehen. Mama Lustiger wurde in Auschwitz-Birkenau ermordet. Ähnlich erging es einem Großteil der väterlichen Verwandtschaft des späteren Kardinals.
Der kleine Aaron hatte von Zuhause keine religiöse Erziehung mitbekommen. Er war von der Frömmigkeit seiner katholischen Gastfamilie sehr beeindruckt. 1940 ließ er sich im Untergrund taufen. Der Jude Aaron wurde als Jean-Marie wiedergeboren. Er war 14 Jahre alt. Der heilige Ritus wurde in der bischöflichen Kapelle von Orléans vorgenommen. Niemand konnte damals wissen, daß der junge Täufling Jahre später als Bischof von Orléans in diese Kapelle zurückkehren sollte.
Ende Januar wird der gesundheitlich angeschlagene Kardinal zum Ort aufbrechen, wo seine junge Mutter grausam ums Leben kam. Kardinal Lustiger weiß, daß der Papst ihn als Gesandten nach Auschwitz erwählt hat, weil er direkt und persönlich durch das 60 jährige Jubiläum der Befreiung betroffen ist.
Es sei nicht unnötig zu warnen, meint der Kardinal bezüglich seiner Reise: „Daß man Menschen nach Auschwitz bringt, dient vielleicht auch dazu, um ihnen zu zeigen, wie weit der Haß gehen kann, wenn die Menschen sich vom Haß oder von der Verachtung leiten lassen.“
Das erste Mal in seinem Leben war der Kardinal im Juni 1983 am Ort des Grauens. Er war damals bereits seit zwei Jahren Erzbischof von Paris: „Ich wollte nicht alleine dorthin reisen“, erinnert er sich. Der Erzbischof von Lyon, Albert Kardinal Decourtray, begleitete ihn.
Angesichts dessen, was dort geschehen sei und der Ort hervorrufe, empfinde er keinerlei Gefallen, an diesen Ort des Todes zu reisen, erklärt der Kardinal: „Ich habe überhaupt keine Lust, mich dort in Szene zu setzen. Ich habe das aus Scham und Respekt immer abgelehnt.“
Die Bedeutung des Jahrestages liegt für den Kardinal im Übergang der Ereignisse in die Geschichte: „Der sechzigste Jahrestag wird der letzte sein, der von den Überlebenden gefeiert wird. Für einen 70. Jahrestag werden die Zeugen nicht mehr anwesend sein.“
Der Kardinal von Paris unterstreicht die Anwesenheit von drei ehemaligen Insassen des Konzentrationslagers, die während der Feierlichkeiten das Wort ergreifen werden. Der ehemalige polnische Außenminister, Wladyslaw Bartoszewski, ist eine „außerordentlich starke und mutige Persönlichkeit, ein überzeugter Christ und Freund des Papstes“. Er gehörte der Organisation „Zegota“ an, die versuchte, verfolgte Juden zu retten. Auch die ehemalige französische Politikerin Simone Veil wird sich zu Wort melden. Ebenso der Verantwortliche der Zigeuner in Deutschland, Romani Rose.
Im Hinblick auf das Verhältnis zwischen der Kirche und den Juden sei wesentlich, daß man sich um die Wahrheit der Vergangenheit bemühe und die Fakten, Fehlentscheide und Fehler anerkenne. Es sei wichtig, daß zwischen der katholischen Kirche und den Juden der gegenseitige Respekt sowie Wertschätzung und Vertrauen entstünden. Der Papst habe dafür gearbeitet, daß es heute soweit gekommen sei.
Einige zehntausende Personen, unter ihnen ungefähr 30 Staatsoberhäupter und Ministerpräsidenten, werden am 27. Januar bei den Feierlichkeiten in Polen erwartet.
Von 1940 bis 1945 wurden in Auschwitz-Birkenau ungefähr 1,1 Millionen Juden aus ganz Europa ermordet. Dazu kamen 200.000 Menschen aus verschiedenen Nationen, so 85.000 meist katholischer Polen, 20.000 Zigeuner und 15.000 Menschen aus der damaligen Sowjetunion.
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