Aufstand in Aachen
Eine von oben dekretierte Verwaltungsreform empört gegenwärtig im Aachener Bistum die Pfarreien. Von Marie-Helene Weinberger.
(kreuz.net, Aachen) Das Bistum Aachen hat kein Geld.Darum will man effizientere Verwaltungs- strukturen einführen.
Das Generalvikariat will die Verwaltungsebenen weitgehend in sogenannte Verwaltungszentren auslagern. Wer soll das bezahlen? die Kirchengemeinden.
Dazu will das Bistum über 8,1 Prozent der Kirchensteuergelder abzweigen, die bisher an die Gemeinden überwiesen wurden.
Vier Zentren sollen alle Verwaltungsaufgaben der zu 72 „Gemeinschaften von Gemeinden“ zusammengeschlossenen Kirchengemeinden übernehmen.
Die desolate Finanzlage des Bistums Aachen ist nur zum Teil das Ergebnis von Kirchenaustritten und Steuerreform. Es ist auch durch eine Kostenexplosion aufgrund unprofessioneller Verwaltung im Generalvikariat und Mißwirtschaft in der Verteilung der Kirchensteuermittel verursacht.
Eigentlich wären die Gelder aus der Kirchensteuer in erster Linie für die Kirchengemeinden vorgesehen. Doch in Aachen wurde der Löwenanteil des Geldes von der sogenannten Mittleren Ebene – das heißt, von Regionalstellen und Verbands- und Bildungsarbeit verschlungen.
Diese Bereiche sind an sich schon eine Kür für geldreiche Zeiten. Wegen ihrer größtenteils linkslastigen Ausrichtung haben sie zusätzlich auch großen Schaden angerichtet.
Darum ist es keine Tragödie, daß diese Ebene jetzt baden geht.
Schon vor über zehn Jahren machten Fachleuten Vorschläge zur Verschlankung in diesem Bereich. Doch der Bischof von Aachen, Mons. Heinrich Mussinghoff, verwarf sie aus politischen Gründen.
Denn die Lobby der Pastoral- und Gemeindereferenten sowie der Verbände ist im Bistum sehr stark.
Die jetzt vorgesehene Verwaltungsreform ist ein Etikettenschwindel.
Erstens können die Zentren die Verwaltung schon allein wegen ihrer Entfernung zu den Pfarrgemeinden nicht leisten. Zum anderen geht man davon aus, daß ein umfangreiches Ehrenamt den Rest gratis erledigen wird.
Das Bistum pokert hier mit dem freiwilligen Engagement jener Kirchengemeinden, von denen bekannt ist, daß sie – schon allein aus Selbsterhaltungstrieb – alles daran setzen werden, um die Verwaltung zu gewährleisten.
Strafzölle
Von Seiten des Bistums gab es im Rahmen der Verwaltungsreform keinen ernsthaften Konsultationsprozeß.
Wo sonst Laien üblicherweise über Dogmatik oder Liturgie abstimmen dürfen, wurden die Kirchegemeinden zu wortlosen Befehlsempfängern degradiert.
Durch Droh- und Horrorszenarien wurden viele Kirchengemeinden gegen ihre wirkliche Absicht gedrängt, den – eigentlich freiwilligen – Verwaltungszentren beizutreten.
Die Meinung und Kompetenz der Gemeinden wurden vom Bistum in den Wind geschlagen. Statt dessen beauftragte man die teure Beraterfirma ‘Droege&comp’ mit der Erstellung eines Sanierungskonzepts.
Das Ergebnis: Der Bistumshaushalt soll auf Kosten der Kirchengemeinden ins Lot gebracht werden.
Dazu will man auch die Buchführung umstellen. In der Folge wird jede Gemeinde, die den neuen Verwaltungseinheiten nicht beitritt, gezwungen, unpraktikable und überteuerte Softwareprogramme zu verwenden. Sie kosten 150 Euro. Pro Monat.
Das empfinden die zweihundert Gemeinden, die von dieser Maßnahme betroffen sind, als Wucher und Strafzoll.
Aktionsbündnis „Kirche vor Ort“
Aus der Reihe dieser Gemeinden haben sich derzeit 69 – mit ungefähr 170.000 Seelen – zu einem Aktionsbündnis „Kirche vor Ort“ zusammengeschlossen. Da im Bistum Aachen gerade die Kirchenvorstandswahlen stattgefunden haben, muß damit gerechnet werden, daß sich dem Aktionsbündnis noch weitere Gemeinden anschließen werden.
18 Gemeinden des Aktionsbündnisses sind am Donnerstag vor die Schiedsstelle im Bistum Aachen gezogen. Das Ergebnis ist noch ausstehend.
Bewegung gab es im Bistum erst, als diese Schiedsverfahren anliefen und das öffentliche Interesse größer wurde.
Jetzt sollen die laufenden Verfahren solange ruhen, bis eine Arbeitsgruppe aus Bistums- und Kirchengemeindefachleuten den Streitpunkt Buchungssoftware diskutiert hat.
Kritiker werfen dem Bistum vor, seine Dienste von den Kirchengemeinden zweimal bezahlen zu lassen: einmal im Rahmen der Kirchensteuer und ein zweites Mal in Form überteuerter Gebühren für die elektronische Datenverarbeitung – obwohl die Rechtsgrundlage der Zwangssoftware noch gar nicht gegeben ist.
Der Bischof könnte zwar eine bestimmte Haushaltsführung anordnen. Allerdings hat er diesbezüglich noch kein Dekret erlassen, das eine rechtliche Grundlage bieten könnte.
Es gibt Hindernisse, ein solches Dekret zu erlassen. Denn die Kirchengemeinden haben den Auftrag, sparsam zu verwalten. Dem würde eine Anordnung, unnötige und teure Computerprogramme zu übernehmen, widersprechen.
Muß der Mercedes sein?
Ein fiktives Beispiel: Der Bischof könnte jeder Pfarrei vorschreiben, dem Pfarrer einen Personenwagen zu stellen. Selbst im Falle der Rechtmäßigkeit einer solchen Maßnahme wäre es nicht angebracht, dies auf die Marke Mercedes oder Jaguar festzuschreiben.
So verhält es sich auch mit der Zwangssoftware. Die Ausführung einer bischöflichen Anordnung darf nicht an Systeme gebunden werden, die zu teuer und unnötig sind.
Falschmeldungen der Diözese
In der Verhandlung vom Donnerstag in der genannten Arbeitsgruppe wurde zwar über die Frage der Rechtmäßigkeit des Zwangssystems gesprochen, aber es gibt in dieser Sache keinen Schiedsspruch.
Eine diözesane Pressemitteilung stellte das anders dar: Es gäbe eine Entscheidung der Schiedsstelle, welche die Rechtmäßigkeit der Maßnahmen festgestellt habe.
Das ist nachweislich eine gezielte Falschmeldung. Mit solchen Aussagen erweckt das Bistum den Eindruck einiger aufmüpfiger und rückwärtsgewandter Kirchgemeinden, welche die Zeichen der Zeit nicht erkennen und die hehren Sanierungspläne durch ein eigensinniges Festhalten an alten Zöpfen verunmöglichen.
Wer ist verantwortlich?
Wer trägt die Verantwortung für den Blindflug der Aachener Bistumsleitung?
Bei der Beantwortung dieser Frage führen alle Wege zu Generalvikar Manfred von Holtum. Er will das neue System gegen allen Sachverstand durchpauken.
Kritische Stimmen im Generalvikariat wurden eliminiert oder kaltgestellt.
Darum könnte es in Zukunft auch ein Anliegen der Gemeinden sein, den Generalvikar in die Verantwortung zurückzurufen und ihm – nach dem Vorbild aus Politik und Wirtschaft – den Rücktritt nahezulegen.
Die Strategie des Generalvikars, die leeren Bistumslöcher durch aktive Kirchengemeinden zu stopfen, ist durchschaut.
Die Pfarreien wollen für die Diözesanverwaltung, für die sie schon über die Kirchensteuer aufkommen, kein zweites Mal bezahlen.
Wie wird das Bistum reagieren? Die Kirchengemeinden befürchten, daß Bischof Mussinghoff die Ausführungsbestimmungen in den Diözesanstatuten nachträglich anpaßt und bisher versäumte Dekrete nachschiebt.
Daher sehen die besorgten Gemeinden ihr einziges Druckmittel in einer gezielten Öffentlichkeitsarbeit, um das Unrechtssystem publik zu machen.
Es geht hier auch um die Zukunft der Pfarreistruktur.
Was ist das Ziel?
Die Vorgaben des Bischofs zielen darauf ab, die Seelsorge zu globalisieren und das Geld in größeren Einheiten zu verteilen.
Damit wird der überschaubare Rahmen der Pfarrei – selbst wenn er durch Fusion vergrößert ist – in eine gesichtslose Pastorallandschaft verwandelt.
Daß der Zusammenbruch vorprogrammiert ist, beruhigt zwar die kritischen Kirchengemeinden.
Die Frage ist nur, wann und unter welchen Verlusten er kommen wird.
© Bildvorlage: pixelquelle.de
Fotomontage mit der Bistumshomepage von Aachen: kreuz.net Bildredaktion
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Montag, 12. März 2007 19:57
möchtegern-kathole: die Gewinner sind die Banken …
… bei denen die deutschen Diözesen riesige Schuldenberge aufgetürmt haben (Diözese Berlin ist ja praktisch pleite, wie die Stadt Berlin auch) und die jetzt aus dem Geld der Gläubigen, aus dem Kirchensteueraufkommen und aus den Klingelbeuteln, aus den Almosen der Frommen und Bermherzigen ihren Zins und Zinseszins abkassieren.
Montag, 12. März 2007 07:36
Schüttel: Dieser Artikel ist zu gut, um auf
kreuz.net präsentiert zu werden. Der Verfasser trifft ins Schwarze! Vor allem die Feststellung, dass es die Pfarrgemeinden sind, die durch die Kirchensteuer für die aufgeblasenen und arroganten Diözesanverwaltungen aufkommen, müsste viel öfter wiederholt werden!
Sonntag, 11. März 2007 21:46
Desperatus: Aachen als Global Player
Die Vorgaben des Bischofs zielen darauf ab, die Seelsorge zu globalisieren und das Geld in größeren
Einheiten zu verteilen.
Kreuz.net deckt auf: Aachen will die Welt beherrschen und sich selbst an die Stelle des Vatikans setzen. Global betrifft den ganzen Globus=Erdkreis=orbis. Das also ist die wirkliche Absicht.
Kreuz.net ist zu danken, daß es solch antikichlische, antirömische und antivatikanische Machenschaften aufdeckt.
Weiter so!
Kreuz.net deckt auf: Aachen will die Welt beherrschen und sich selbst an die Stelle des Vatikans setzen. Global betrifft den ganzen Globus=Erdkreis=orbis. Das also ist die wirkliche Absicht.
Kreuz.net ist zu danken, daß es solch antikichlische, antirömische und antivatikanische Machenschaften aufdeckt.
Weiter so!
Sonntag, 11. März 2007 21:31
Rodolfo Panetta: Verwaltungs-Mafia
Gut daß kreuz.net über solch mafiöse Strukturen aufklärt. Auch in der Diözese Rottenburg wird auf der höheren Ebene das Geld verpraßt und die Gläubigen werden dann wieder angeschnorrt.
Sonntag, 11. März 2007 19:31
Pio: Rebellion
Die Zahl der Pfarren, die Bischof Heinrich Mussinghoff und Generalvikar Manfred von Holtum die Gefolgschaft
verweigern, wächst fast täglich.
… schreibt die Aachener Zeitung
… schreibt die Aachener Zeitung
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