17:16:04 | Sonntag, 11. März 2007
Eine von oben dekretierte Verwaltungsreform empört gegenwärtig im Aachener Bistum die Pfarreien. Von Marie-Helene Weinberger.

Fotomontage mit der Bistumshomepage von Aachen
© Bildvorlage: pixelquelle.de (kreuz.net, Aachen) Das Bistum Aachen hat kein Geld.
Darum will man effizientere Verwaltungs- strukturen
einführen.
Das Generalvikariat will die Verwaltungsebenen weitgehend in sogenannte Verwaltungszentren
auslagern. Wer soll das bezahlen? die Kirchengemeinden.
Dazu will das Bistum über 8,1 Prozent der Kirchensteuergelder
abzweigen, die bisher an die Gemeinden überwiesen wurden.
Vier Zentren sollen alle Verwaltungsaufgaben
der zu 72 „Gemeinschaften von Gemeinden“ zusammengeschlossenen Kirchengemeinden übernehmen.
Die desolate
Finanzlage des Bistums Aachen ist nur zum Teil das Ergebnis von Kirchenaustritten und Steuerreform. Es
ist auch durch eine Kostenexplosion aufgrund unprofessioneller Verwaltung im Generalvikariat und Mißwirtschaft
in der Verteilung der Kirchensteuermittel verursacht.
Eigentlich wären die Gelder aus der Kirchensteuer
in erster Linie für die Kirchengemeinden vorgesehen. Doch in Aachen wurde der Löwenanteil des Geldes
von der sogenannten Mittleren Ebene – das heißt, von Regionalstellen und Verbands- und Bildungsarbeit
verschlungen.
Diese Bereiche sind an sich schon eine Kür für geldreiche Zeiten. Wegen ihrer größtenteils
linkslastigen Ausrichtung haben sie zusätzlich auch großen Schaden angerichtet.
Darum ist es keine
Tragödie, daß diese Ebene jetzt baden geht.
Schon vor über zehn Jahren machten Fachleuten Vorschläge
zur Verschlankung in diesem Bereich. Doch der Bischof von Aachen, Mons. Heinrich Mussinghoff, verwarf
sie aus politischen Gründen.
Denn die Lobby der Pastoral- und Gemeindereferenten sowie der Verbände
ist im Bistum sehr stark.
Die jetzt vorgesehene Verwaltungsreform ist ein Etikettenschwindel.
Erstens
können die Zentren die Verwaltung schon allein wegen ihrer Entfernung zu den Pfarrgemeinden nicht leisten.
Zum anderen geht man davon aus, daß ein umfangreiches Ehrenamt den Rest gratis erledigen wird.
Das Bistum
pokert hier mit dem freiwilligen Engagement jener Kirchengemeinden, von denen bekannt ist, daß sie –
schon allein aus Selbsterhaltungstrieb – alles daran setzen werden, um die Verwaltung zu gewährleisten.
StrafzölleVon Seiten des Bistums gab es im Rahmen der Verwaltungsreform keinen ernsthaften Konsultationsprozeß.
Wo sonst Laien üblicherweise über Dogmatik oder Liturgie abstimmen dürfen, wurden die Kirchegemeinden
zu wortlosen Befehlsempfängern degradiert.
Durch Droh- und Horrorszenarien wurden viele Kirchengemeinden
gegen ihre wirkliche Absicht gedrängt, den – eigentlich freiwilligen – Verwaltungszentren beizutreten.
Die Meinung und Kompetenz der Gemeinden wurden vom Bistum in den Wind geschlagen. Statt dessen beauftragte
man die teure Beraterfirma ‘Droege&comp’ mit der Erstellung eines Sanierungskonzepts.
Das Ergebnis: Der
Bistumshaushalt soll auf Kosten der Kirchengemeinden ins Lot gebracht werden.
Dazu will man auch die
Buchführung umstellen. In der Folge wird jede Gemeinde, die den neuen Verwaltungseinheiten nicht beitritt,
gezwungen, unpraktikable und überteuerte Softwareprogramme zu verwenden. Sie kosten 150 Euro. Pro Monat.
Das empfinden die zweihundert Gemeinden, die von dieser Maßnahme betroffen sind, als Wucher und Strafzoll.
Aktionsbündnis „Kirche vor Ort“Aus der Reihe dieser Gemeinden haben sich derzeit 69 – mit ungefähr
170.000 Seelen – zu einem Aktionsbündnis „Kirche vor Ort“ zusammengeschlossen. Da im Bistum Aachen gerade
die Kirchenvorstandswahlen stattgefunden haben, muß damit gerechnet werden, daß sich dem Aktionsbündnis
noch weitere Gemeinden anschließen werden.
18 Gemeinden des Aktionsbündnisses sind am Donnerstag vor
die Schiedsstelle im Bistum Aachen gezogen. Das Ergebnis ist noch ausstehend.
Bewegung gab es im Bistum
erst, als diese Schiedsverfahren anliefen und das öffentliche Interesse größer wurde.
Jetzt sollen
die laufenden Verfahren solange ruhen, bis eine Arbeitsgruppe aus Bistums- und Kirchengemeindefachleuten
den Streitpunkt Buchungssoftware diskutiert hat.
Kritiker werfen dem Bistum vor, seine Dienste von den
Kirchengemeinden zweimal bezahlen zu lassen: einmal im Rahmen der Kirchensteuer und ein zweites Mal in
Form überteuerter Gebühren für die elektronische Datenverarbeitung – obwohl die Rechtsgrundlage der
Zwangssoftware noch gar nicht gegeben ist.
Der Bischof könnte zwar eine bestimmte Haushaltsführung
anordnen. Allerdings hat er diesbezüglich noch kein Dekret erlassen, das eine rechtliche Grundlage bieten
könnte.
Es gibt Hindernisse, ein solches Dekret zu erlassen. Denn die Kirchengemeinden haben den Auftrag,
sparsam zu verwalten. Dem würde eine Anordnung, unnötige und teure Computerprogramme zu übernehmen,
widersprechen.
Muß der Mercedes sein?Ein fiktives Beispiel: Der Bischof könnte jeder Pfarrei vorschreiben,
dem Pfarrer einen Personenwagen zu stellen. Selbst im Falle der Rechtmäßigkeit einer solchen Maßnahme
wäre es nicht angebracht, dies auf die Marke Mercedes oder Jaguar festzuschreiben.
So verhält es sich
auch mit der Zwangssoftware. Die Ausführung einer bischöflichen Anordnung darf nicht an Systeme gebunden
werden, die zu teuer und unnötig sind.
Falschmeldungen der DiözeseIn der Verhandlung vom Donnerstag
in der genannten Arbeitsgruppe wurde zwar über die Frage der Rechtmäßigkeit des Zwangssystems gesprochen,
aber es gibt in dieser Sache keinen Schiedsspruch.
Eine diözesane Pressemitteilung stellte das anders
dar: Es gäbe eine Entscheidung der Schiedsstelle, welche die Rechtmäßigkeit der Maßnahmen festgestellt
habe.
Das ist nachweislich eine gezielte Falschmeldung. Mit solchen Aussagen erweckt das Bistum den Eindruck
einiger aufmüpfiger und rückwärtsgewandter Kirchgemeinden, welche die Zeichen der Zeit nicht erkennen
und die hehren Sanierungspläne durch ein eigensinniges Festhalten an alten Zöpfen verunmöglichen.
Wer ist verantwortlich?Wer trägt die Verantwortung für den Blindflug der Aachener Bistumsleitung?
Bei der Beantwortung dieser Frage führen alle Wege zu Generalvikar Manfred von Holtum. Er will das neue
System gegen allen Sachverstand durchpauken.
Kritische Stimmen im Generalvikariat wurden eliminiert oder
kaltgestellt.
Darum könnte es in Zukunft auch ein Anliegen der Gemeinden sein, den Generalvikar in die
Verantwortung zurückzurufen und ihm – nach dem Vorbild aus Politik und Wirtschaft – den Rücktritt nahezulegen.
Die Strategie des Generalvikars, die leeren Bistumslöcher durch aktive Kirchengemeinden zu stopfen,
ist durchschaut.
Die Pfarreien wollen für die Diözesanverwaltung, für die sie schon über die Kirchensteuer
aufkommen, kein zweites Mal bezahlen.
Wie wird das Bistum reagieren? Die Kirchengemeinden befürchten,
daß Bischof Mussinghoff die Ausführungsbestimmungen in den Diözesanstatuten nachträglich anpaßt und
bisher versäumte Dekrete nachschiebt.
Daher sehen die besorgten Gemeinden ihr einziges Druckmittel in
einer gezielten Öffentlichkeitsarbeit, um das Unrechtssystem publik zu machen.
Es geht hier auch um
die Zukunft der Pfarreistruktur.
Was ist das Ziel?Die Vorgaben des Bischofs zielen darauf ab, die Seelsorge
zu globalisieren und das Geld in größeren Einheiten zu verteilen.
Damit wird der überschaubare Rahmen
der Pfarrei – selbst wenn er durch Fusion vergrößert ist – in eine gesichtslose Pastorallandschaft verwandelt.
Daß der Zusammenbruch vorprogrammiert ist, beruhigt zwar die kritischen Kirchengemeinden.
Die Frage
ist nur, wann und unter welchen Verlusten er kommen wird.
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