11:04:01 | Montag, 19. März 2007
Der Erzbischof von Bamberg hat am dritten Fastensonntag gestanden. Dabei verstrickte er sich aber in zahllose Widersprüche.

Westchor im Bamberger Dom: Volksaltar und Kathedra
(kreuz.net) Am Abend des dritten Fastensonntags legte Erzbischof Ludwig Schick von Bamberg ein Schuldbekenntnis
für seine Vorgänger ab.
Anlaß dazu war das Jubiläum zum tausendjährigen Bestehen der Erzdiözese
Bamberg.
Der Erzbischof imitierte dabei das Mea Culpa, das Papst Johannes Paul II. im März 2000 ebenfalls
für seine Vorgänger ablegt hatte.
Schon damals warnte der emeritierte Bonner Historiker Konrad Repgen
(83) vor de facto lehramtlichen Stellungnahmen zu geschichtlichen Sachverhalten, die der Natur der historischen
Forschung gemäß umstritten bleiben.
Das Bamberger Schuldbekenntnis bestand aus acht Kapiteln, die den
Seligpreisungen der Bergpredigt zugeordnet waren.
Es verband Kritik an angeblichen früheren Mißständen
mit der Anprangerung heutiger Übel.
Ein Domkapitular, eine Laienvertreterin, ein Priester und eine Ordensfrau
wechselten sich als Vorbeter ab.
Der Erzbischof erläuterte in einer Ansprache, daß keine Schuldzuweisungen
an Menschen vorgenommen, sondern „Fakten“ benannt werden sollten.
Anschließend verfolgte er das Schuldbekenntnis
zerknirscht von seinem Stuhl aus.
„Lange Zeit hatten Reiche und Mächtige in der Kirche das Sagen“ –
konnte man dabei hören.
„Wenn man diesen sinnigerweise dem Domkapitular übertragenen Satz wörtlich
nimmt, meint er: heute nicht mehr“ – kommentierte Patrick Bahners (40) dieses Bekenntnis am 16. März
in der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’.
Seit 2001 leitet Bahners das Feuilleton der Zeitung.
„Enge
Kleinbürgerlichkeit schloß nicht selten Anders- und Weiterdenkende aus“ – hieß es weiter im Schuldbekenntnis.
So seien „protestantische Christen“ zum Konfessionswechsel oder zur Auswanderung gezwungen worden.
Auch
heute noch würden Gewaltanwendung und Todesstrafe nicht konsequent genug von allen Christen abgelehnt.
Dazu stellt Bahners fest, daß diese Rüge auch die Verfasser des Katechismus der katholischen Kirche
von 1992 treffe.
Von heutiger Bamberger Warte stelle sich nahezu die gesamte moraltheologische Tradition
als schuldbeladen dar.
Man könne dem Bamberger Katalog der Selbstbezichtigungen keine Einseitigkeit
vorwerfen:
„Einzelne Sätze, die alle Amtsträger oder sogar alle Katholiken einer bestimmten Epoche
zu verdammen scheinen, könnten freilich Wort für Wort aus den Handbüchern der kirchenfeindlichen Kirchengeschichte
abgeschrieben sein“ – so Bahners, der aus dem Schuldbekenntnis zitiert:
„In der Zeit des Nationalsozialismus
versuchte man Konflikte zu vermeiden und traute sich nicht, öffentlich für die jüdischen Mitbürger
die Stimme zu erheben.“
„Wer fällt unter dieses »man«?“ – rätselt Bahners.
Wie viel oder wie wenig
„man“ für die Juden getan habe, sei kein historisches Faktum, sondern eine Frage der Interpretation.
Bahners Fazit: „An tausend Jahre Mitläufertum muß die Bamberger Kirche sich erinnern – was folgerichtig
in Form eines Exzesses von Zeitgeistopportunismus geschieht.“

Das heilige Kaiserehepaar Kunigunde und Heinrich († 1024) am Bamberger Dom
Bahners kommt auch auf die Aussage des
Schuldbekenntnisses zu sprechen, daß sich die Kirche „in das Staatskirchentum“ habe einbinden lassen:
„Wie kam »die unheilvolle Allianz von Thron und Altar« zustande?“
Bischöfe seien – nach Angaben des
Bamberger Schuldbekenntnisses – nicht nur „als weltliche Herrscher in Kriegshandlungen verstrickt“ gewesen,
sondern hätten sich zusammen mit Domkapitel, Pfarreien und Klöster am Feudalwesen beteiligt: „Arme und
einfache Leute wurden ausgebeutet und unterdrückt.“
Bahners vermutet, daß nur ein Rest von Pietät
den Erzbischof daran gehindert habe, den „ersten Ausbeuter und obersten Unterdrücker“ beim Namen zu nennen:
den heiligen Kaiser Heinrich II.
Dieser gründete im Jahr 1007 das Bistum Bamberg und verkörpert im
deutschen historischen Gedächtnis alles Positive an der mittelalterlichen Verbindung von geistlicher
und weltlicher Macht.
Das Fazit des Journalisten der ‘Frankfurter Allgemeine’:
„Wo ein endloses Sündenregister
historische Auskünfte geben soll, da glaubt man, alle Verstrickung und Verquickung von Kirche und Welt
sei von Übel.“
Es habe einen höheren Sinn, daß die Heinrichskrone zu den Jubelfeiern nicht nach Bamberg
ausgeliehen wird:
Wenn Erzbischof Schick sein Schuldbekenntnis ernst meine, „dann müßte er als Savonarola
von Bamberg mit dem Domschatz seiner bürgerlich verfaßten Kirche ein Autodafé – eine öffentliche Verbrennung –
veranstalten.“
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