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Dienstag, 27. März 2007 10:57
Neun Millionen getötete Hexen?
Die dramatischste Veränderung in unserer Kenntnis der Großen Hexenjagd betrifft die Opferzahlen. Von Jenny Gibbons.
Legenden
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(kreuz.net) Bevor Untersuchungen der Hexenprozesse vorlagen, waren Angaben über die Todesrate während der Hexenverfolgung fast zu 100% Spekulationen.

Zeitgenössische Berichte teilten nur mit, daß „sehr viele“ Hexen starben. Die Hexenjagd-Propaganda sprach von Abertausenden von Hinrichtungen.

Die zeitgenössischen Berichte konzentrierten sich auf Ausbrüche von Hexenwahn und auf die größten und sensationellsten Prozesse. Aber wir besaßen keine Vorstellung darüber, wie zuverlässig die Berichte waren oder wie ein gewöhnlicher Hexenprozeß ausschauten.

Darum handelte es sich bei den Vermutungen über die Anzahl der Todesfälle – die von einigen Hunderttausend bis zu einer Zahl von neun Millionen ausgingen – um simple Versuche, die erraten wollten, wieviel „sehr viele“ Hexen waren.

Heute sieht die Lage ganz anders aus. Historiker haben damit begonnen, alle Exekutionen oder Prozesse zu zählen, die in den Gerichtsakten einer Gegend überliefert sind.

Sodann schätzen sie, wieviel Belegmaterial verlorenging und überprüfen, für welche Jahre oder Gerichte es keine Angaben gibt.

Schließlich überblicken sie die Berichte, um festzustellen, ob sich während der Lücken im Belegmaterial Hexenprozesse ereignet haben. Die heutigen Schätzungen beinhalten weiterhin Vermutungen und viele Gebiete sind noch nicht systematisch untersucht worden.

Aber wir besitzen jetzt eine solide Datenbasis, auf der wir unsere Vermutungen aufbauen können. Die Zahlen werden immer spezifischer, je mehr Gebiete man einbezieht.

Nach dem Studium der ersten Gerichtsunterlagen wurde klar, daß frühe Schätzungen übertrieben hoch waren.

Die Gerichtsunterlagen bewiesen, daß der Hexenwahn kein alltägliches Phänomen war, wie die Berichte das nahelegten. Tatsächlich gab es in den meisten Ländern während der ganzen Zeit der Großen Hexenjagd nur einen oder zwei Fälle.

Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt wurden in ganz Europa und Amerika zusammengenommen weniger als 15.000 Exekutionen entdeckt.

Obwohl viele Gerichtsunterlagen verlorengingen, ist jetzt schon klar, daß eine Todeszahl von über 100.000 Toten unglaubwürdig ist.

Drei Wissenschaftler versuchten, die Anzahl aller Todesfälle während der Großen Hexenjagd mit Hilfe des neuen Belegmaterials zu berechnen.

Brian Levack – „Die Hexenjagd im frühen modernen Europa“ – untersuchte regionale Studien und stellte fest, daß es etwa 110.000 Hexenprozesse gegeben hat.

Levack konzentrierte seine Arbeit auf überlieferte Gerichtsverhandlungen, nicht auf Hinrichtungen, weil es in vielen Fällen Zeugnisse für eine Gerichtsverhandlung aber nicht für deren Ausgang gibt.

Durchschnittlich endeten 48% der Gerichtsverhandlungen mit einer Hinrichtung. Darum schätze Levack, daß 60.000 Hexen starben. Diese Zahl ist ein bißchen höher als 48%. Dadurch wird das Faktum widergespiegelt, daß in Deutschland – dem Zentrum der Verfolgungen – mehr als 48% der Hexen getötet wurden.

Ronald Hutton – „Die heidnische Religion der Britischen Inseln“ und der unpublizierte Aufsatz „Berechnungen zur Hexenjagd“ – verwendete einen anderen Ansatz.

Er überblickte zuerst die regionalen Studien und zählte die darin enthaltene Zahl vermuteter Todesfälle. Wenn er auf eine Gegend stieß, für die es keine Zählungen gab, suchte er eine bereits berechnete Gegend, die dieser im Hinblick auf Bevölkerung, Kultur und Intensität der Hexenjagd – wie sie in schriftlichen Zeugnissen berichtet wird – so nahe wie möglich kam.

Hutton ging sodann davon aus, daß in unausgezählten Gegenden ungefähr so viele Hexen getötet wurden wie in den vergleichbaren ausgezählten Gegenden.

Mit dieser Methode schätze er, daß in der Großen Hexenjagd 40.000 Hexen starben.

Anne Llewellyn Barstow – „Hexenwahn“ – schätze, daß 100.000 Hexen starben, aber ihre Überlegungen waren fehlerhaft.

Frau Barstow legte ihren Berechnungen die 60.000 Toten von Levack zugrunde. Diese Anzahl erhöhte sie aus zwei Motiven auf 100.000:

1) um verlorene Unterlagen zu kompensieren, und
2) weil immer noch neue Gerichtsfälle gefunden werden.

Das scheint vernünftig zu sein, ist es aber nicht.

Die 110.000 geschätzen Hexenprozesse, von denen Levack bei seinen Berechnungen ausging, berücksichtigten bereits großzügig verlorene Prozeßakten.

Frau Barstow war sich dessen offenbar nicht bewußt und fügte ohne Grund zusätzliche Tote hinzu.

Ferner ist ihre Berücksichtigung noch unentdeckter Gerichtsverhandlungen zwar zutreffend aber irrelevant. Tatsächlich werden jährlich neue Todesfälle entdeckt. Aber je mehr Hinrichtungen wir finden, desto tiefer sinkt die Todesrate.

Das versteht man, wenn man sieht, wie Historiker ihre Schätzungen vornehmen. „Neue“ Gerichtsfälle sind keine Prozesse, von denen wir nie geträumt hätten, daß sie je existiert haben.

Sie kommen zutage, wenn Gegenden und Gerichte studiert werden, die bisher nicht ausgezählt wurden.

Historiker waren sich immer im Klaren, daß unsere Daten unvollständig sind. Sie haben deshalb immer Schätzungen über verlorene Gerichtsunterlagen einbezogen.

Wenn darum „neue“ Hinrichtungen gefunden werden, dürfen diese nicht einfach dem bisherigen Gesamt der Todesfälle hinzugefügt werden, sondern die alten Schätzungen, die durch sie ersetzt werden, sind zuerst abzuziehen.

Da die Schätzungen in der Regel viel zu hoch waren, führen neugefundene Gerichtsunterlagen dazu, daß die Todesrate sinkt.

Nach diesen Umwälzungen ist es entscheidend, beim Studium der historischen Hexerei aktuelle Forschungsergebnisse zu verwenden. Heute besitzen wir etwa 20 Mal soviel Informationen wie noch vor zwei Jahrzehnten.

Das Studium der Hexerei ist inzwischen auch zu einem interdisziplinären Feld geworden. Früher war es eine reine Domäne der Historiker. Jetzt arbeiten Anthropologen und Soziologen auf diesem Gebiet und liefern radikal neue Interpretationen der Großen Hexenjagd.

Anthropologen weisen auf die Allgegenwart des Glaubens an die Hexerei hin und zeigen, daß die Große Hexenjagd kein ausschließlich europäisches Phänomen war.

Soziologen finden erschreckende Parallelen zwischen der Großen Hexenjagd und zeitgenössischen Paniken im Zusammenhang mit Satanskulten.

Das sind Belege, die darauf hinweisen, daß wir uns immer noch nicht aus dem Schatten der Hexenverbrennungen befreit haben.

Wir Neo-Heiden [die Autorin schreibt aus dieser Perspektive] stehen vor einer Krise. Aufgrund des Auftauchens neuer Daten haben die Historiker ihre Ansichten geändert, um das neue Material zu berücksichtigen.

Wir Neo-Heiden haben das nicht getan. Darum tut sich ein gewaltiger Abgrund zwischen der akademischen und der durchschnittlichen neo-heidnischen Betrachtung der Hexerei auf.

Wir zitieren immer noch überholte und unzuverlässige Autoren wie Margaret Murray, Montague Summers, Gerald Gardner und Jules Michelet. Zugleich vermeiden wir die etwas mühsamen akademischen Texte, welche solide Untersuchungen beinhalten und ziehen sensationalistische Autoren vor, die mit unseren Emotionen spielen.

Ich habe zum Beispiel noch in keiner neoheidnischen Buchhandlung eine Ausgabe von „Die Hexenjagd im frühen moderen Europa“ von Brian Levack gesehen.

Dagegen fand ich in der Hälfte der Buchhandlungen das Buch „Hexenwahn“ von Anne Llewellyn Barstow, ein zutiefst fehlerhaftes Buch, das von akademischen Historikern gar nicht beachtet oder schwer kritisiert wird.

Wir sind es uns selber schuldig, die Große Hexenjagd ehrlicher und sorgfältiger zu studieren und die besten zur Verfügung stehenden Daten zu benützen.

Dualistische Märchen über noble Hexen und böse Hexenjäger besitzen eine große emotionale Anziehungskraft, aber sie machen uns blind für das, was geschah – und was heute geschehen könnte.

Wenige Neo-Heiden sprechen über die erschreckende Ähnlichkeit zwischen der Großen Hexenjagd und US-amerikanischen Panikausbrüchen im Kontext von Satanskulten. Wissenschaftler haben sie bemerkt. Wir nicht. Wir sagen: „Nie mehr Hexenverbrennungen!“

Aber wenn wir nicht wissen, was das erste Mal geschah, wie werden wir dann in der Lage sein zu verhindern, daß es wieder geschieht?

Jenny Gibbons, die Autorin des Beitrages studierte Mittelalterliche Geschichte und ist Anhängerin eines modernen Hexenkultes.
Der Artikel ist Teil der folgenden Reihe:
9. Neun Millionen getötete Hexen?
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 23 Lesermeinungen:
Freitag, 31. August 2007 15:38
Bokrug †: @Raphael bzw. Peter Pan:
@Raphael bzw. Peter Pan:

Ja, ich!

Es waren nach neueren Forschungen allerdings allenfalls 30.00 bis 60.000 Hexen, die während des gesamten Mittelalters und der frühen Neuzeit (als die einstmals verheirateten Priester sich vom Volk gelöst hatten!… und das neuplatonische Heidenchristentum der katholischen Kirche sich in ein Judenchristentum wandelte) verbrannt wurden. (zu viele, zweifellos…doch die höheren Zahlen entspringen anti-christlicher masonischer und feministischer Propaganda!).

Die Leute im kreuzforum.net wissen noch nicht einmal, dass in den Paulus Briefen die 7 antiken Planeten-Engel genannt werden!

Die auch schon namentlich im Urchristentum erwähnt und verehrt wurden…in katholischen Kirchen bis heute!

Und auch im Neuen Testament wird auf ein Buch bezug genommen, in dem diese namentlich aufgeführt sind!

Verschiedene Engelnamen bringt auch das apokryphe Henoch-Buch, auf das sich der neutestamentliche Judas-Brief in V. 14f. bezieht.

Zudem wurden die Apokryphen auch im Mittelalter gelesen – von der Kirche sogar zum lesen empohlen. Und werden im NT ja sogar auch erwähnt.

MFG

Suriel (und ich komme doch im AT vor!)
Samstag, 7. April 2007 14:02
Sehr interessanter Bericht, der auch einem Laien durchaus einleuchtet, Daß es sich um Millionen von Hexen gehandelt haben soll, denen Schlimmstes widerfuhr,
ist kaum glaubhaft, wenn man von den Bevölkerungszahlen ausgeht.
Ein interessantes Forschungsgebiet.
Und damit keine Zweifel aufkommen: Jede Verbrennung
Unschuldiger war zuviel.
Donnerstag, 29. März 2007 22:14
Peter-Pan: @Kurt
Tja, der Lichtbringer war ein Großer… und sein Sturz wahrscheinlich Teil des großen Plans. Und da er ja praktisch das Gleichgewicht halten muss, gegen eine Heerscharr guter Engel, hat er wahrscheinlich ganz schön was auf den Kasten…

Aber im Ernst. Der entscheidende Punkt bei den Hexenprozessen ist doch wohl der, dass alle Opfer (wie viele auch immer) unschuldig waren.

Oh, vielleicht waren ein paar davon ja in irgendeiner Beziehung schuldig, aber mit Sicherheit standen sie nicht mit dem Teufel in Bunde oder gingen um und verhexten Leute.

MFG Raphael

P.S.: By the way: Kennt eigentlich jemand „Good Omens“ (Ein gutes Omen von Terry Ptratchett)?
Donnerstag, 29. März 2007 13:18
Kurt K.: Zaubern? Wer kann das und wer nicht?
Wenn ich manchmal lese von Teufels- / Dämonenpaktierern stellt sich die Frage, woher der Satan, der ja auch „nur“ ein Engel ist, oder gar Dämonen (woher die stammen ist mir sowieso völlig unklar) Zauberkräfte hat und diese an „Paktierer“ weiterzugeben in der Lage sein soll. Immerhin bekommt nicht mal der gläubigste Gläubige, der inbrünstig Erzengel Michael anbetet, Zauberkräfte verliehen von diesem Engel (wie Luzifer ja auch einer ist). Wieso sollte ein Bösewicht mehr Macht bekommen können als ein Anhänger des Guten? Find ich irgendwie nicht stringend.
Donnerstag, 29. März 2007 09:37
methusalix †: Aber Raphael!
Sie verkennen die tiefe Gläubigkeit der meisten Hexenverbrenner hier! DieserSatz von Ihnen …

Hat’s euch noch keiner gesagt: Hexen sind Märchenfiguren. Die gibt’s nicht in echt!
MFG Raphael


… beweist dies ganz eineindeutig!

Steht doch schon in der Bibel: „Zauberinnen sollst du nicht leben lassen!“

Und was in der Bibel steht, stimmt! Immer! Hundertprozentig!
Donnerstag, 29. März 2007 06:24
Peter-Pan: Die Anzahl getöteter Hexen…
Îm gesamten Artikel und allen Kommentaren scheint ein Punkt völlig unbeachtet geblieben zu sein.

Ich kenne nämlich die genaue Anzahl der getöteten Hexen in der gesamten christlichen Geschichte:

0 (in Worten: Null)

Nicht eine Hexe ist getötet worden, aber jede Menge Frauen und Männer, die unbequem waren oder fälschlich beschuldigt wurden oder auf irgendeine Weise in Verdacht gerieten.

Keine(r) davon, war zauberkundig oder mit dem Teufel im Bunde. Diesen Quatsch zu glauben, hat ja überhaupt erst zu dem Elend geführt, das heute so ungern zugegeben wird.

Hat’s euch noch keiner gesagt: Hexen sind Märchenfiguren. Die gibt’s nicht in echt!

MFG Raphael
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