11:44:14 | Mittwoch, 28. März 2007
Es gibt zu wenige Arbeitskräfte. Deutsche Maschinen fühlen sich einsam. Doch sie sollen getröstet werden – von Mutterhänden. Von Lisa Abelin.

Ursula von der Leyen will zusätzlich 500.000 Krippenplätze
(kreuz.net) Die Exportwirtschaft Deutschlands boomt.
Um das Niveau zu halten, muß dieser Industriezweig –
aufgrund der üblichen Abgänge – jährlich mehrere Hunderttausend Ingenieure und Facharbeiter einstellen.
Schon in den 90er Jahren war klar, daß der notwendige Nachschub an Arbeitskräften wegen des Bevölkerungseinbruchs
nicht ausreichend gesichert sein würde.
Darum begann man Ende der 90er Jahre, mehr Mädchen und Frauen
in technische Berufs- und Gewerbezweige zu lenken.
Der jeweils letzte Donnerstag im April wurde zum „Girls’
Day“ erklärt – in diesem Jahr der 26. April. An diesem Tag versucht man, Schülerinnen ab der 5. Klasse
Berufe wie Kraftfahrzeugmechanikerin oder Technikerin schmackhaft zu machen.

Politische Geschlechtsumwandlung
Abiturientinnen sollen nicht
wie bisher bevorzugt Germanistik, Pädagogik oder Sozialwesen, sondern vermehrt Informatik, Maschinenbau
oder Elektronik studieren.
Das Arbeitskräftepotential von Mädchen und Frauen sei besser auszuschöpfen,
fordern Industrie- und Gewerkschaftsfunktionäre in trauter Eintracht.
Für die langfristige industriepolitische
Umpolung junger Menschen mußten aber zwei Breschen geschlagen werden.
Jede außerhäusliche Lohnarbeit
wurde als sinnstiftend und selbstverwirklichend hochstilisiert.
Dagegen schwärzte man die häusliche
Tätigkeit der Mütter als sinnentleerte, sozial-isolierte und entfremdete Arbeit an.
Folgerichtig ist
diese Arbeit dem Staat – nach dem Ende der Elterngeldzeit – keinen Pfifferling an Unterstützung wert.
Noch bis Ende der 80er Jahre gab es in den Sozialkundebüchern marxistisch inspirierte Texte, die erklärten,
daß außerhäusliche Lohnarbeit zur Entfremdung des Menschen führe.
Dagegen erklärte die Frauenzeitschrift
„Brigitte“ im Jahre 1993 – und zehn Jahre später die Schulbücher: „Jede Arbeit – und steht sie noch
so sehr im Ruf stupide zu sein – gibt dem Leben Sinn. Denn sie beweist, daß wir nicht überflüssig sind.“
In einem Artikel in der ‘Frankfurter Rundschau’ von 1999 kämpfen zwei Redakteurinnen gegen die Lebensvorstellungen
junger Mädchen.
Der Text wurde in einem Sozialkundebuch von 2004 abgedruckt.
Mädchen würden bei ihrer
Lebensplanung unemanzipiert auf typische Frauenberufe – Verkäuferin, Friseurin, Arzthelferin – und die
Perspektive „Heiraten, Haus mit Garten und Kinder“ setzen.
Solche traditionellen Lebensvorstellungen
seien dringend zu ändern – so die beiden Journalistinnen.
Ein industriegerechtes Frauenbild wird heute
durch die Politik des sogenannten „
gender mainstreaming“ – Gleichschaltung der Geschlechter – vorangetrieben.
Volker Zastrow bezeichnete diese Gleichschaltung in der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’ als „politische
Geschlechtsumwandlung“.
Die Gleichschaltung der Geschlechter wird nach dem Vorbild des demokratischen
Zentralismus von oben nach unten durchgedrückt – zuerst in der Geschäftsordnung der damaligen rot-grünen
Bundesregierung, dann auf den unteren Verwaltungsebenen.
Schon 1995 beschloß der EU-Ministerrat ein
Aktionsprogramm zur Gleichschaltung der Geschlechter „von oben nach unten“.
Seit 1999 wird dieses Programm
vom Kommissariat für Beschäftigung und Soziales verwaltet.

Mütterhände für die Industrie
Über das sogenannte Lissabon-Prinzip –
nach dem Wirtschaftspolitik immer auch Sozialpolitik ist – konnte sich eine industriegerechte Frauenpolitik
breitmachen.
Sie beeinflußte auch die Familienpolitik – bis hin zur aktuellen deutschen Krippen-Diskussion.
Noch bis in die 80er Jahre waren in den Sozialkunde-Schulbüchern Texte der Hospitalismus-Forschung zu
finden, die vor bleibenden Schäden bei Kindern warnten, die durch frühkindliche Heim- und Krippenbetreuung
gehen müssen.
Heute beherrschen die gegenteiligen Thesen das Feld, wonach Kleinkinder in staatlichen
Krippen aufgrund „vielfältiger Sozialisationsimpulse“ besser aufgehoben wären als in der „reizarmen“
Mutter-Kind-Beziehung.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis entsprechende Schulbuchtexte auftauchen.
Bundeskanzler Gerhard Schröder wischte noch zum Anfang seiner ersten Kanzlerschaft die Frauen- und Familienpolitik
als „Frauen und Gedöns“ weg.
Inzwischen hat die große Koalition in Deutschland diesen Bereich zum Zentrum
der Innenpolitik gemacht – Sozialpolitik als Zubringer zur Wirtschaftspolitik.
Junge Mütter, die vorher
angestellt waren, werden seit dem 1. Januar 2007 mit einem zwölfmonatigen Elterngeld gefördert.
Es
ist als Brückengeld für die durch Geburt und Säuglingsbetreuung unterbrochene Arbeitstätigkeit gedacht.
Mütter ohne vorausgehende Anstellung bekommen nichts.
Nach dem Elterngeld sollen die jungen Mütter
ihre Säuglinge in die Kinderkrippen abstellen, damit die mütterlichen Hände der Industrie dienstbar
sein können.
Die Bundesrepublik will drei Milliarden Euro für zusätzlich 500.000 Krippenplätze ausgeben.
Für Mütter und Eltern, die ihr Kleinkind zu Hause erziehen wollen, gibt es kein Geld.
Die Regierungskoalition
aus CDU und SPD macht eine industriegerechte Frauen- und Familienpolitik und dient sich damit den Verwertungsinteressen
des Kapitals an.
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