09:45:01 | Mittwoch, 18. April 2007
Die Kirche hat eine beachtliche Meisterschaft entwickelt, ihren Dokumenten eine präzise Sprache zu geben und deren Inhalt gleichzeitig für Deutungen offenzulassen.

Papst Benedikt XVI.: Meister schillernder Forumulierungskunst?
(kreuz.net) Am 6. April veröffentlichte Michael Gassmann (40) in der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’
einen Artikel über die liturgischen Anstrengungen von Papst Benedikt XVI. Gassmann ist Kirchenmusiker
und Journalist.
Gegnern wie Befürwortern des Neuen Ritus von Papst Pauls VI. gelte der Papst als Gewährsmann:
„Ihm scheint in dieser Hinsicht etwas Schillerndes eigen zu sein.“
Von den Altgläubigen werde Benedikt
XVI. mit seiner früheren Kritik an der Liturgiereform als Kronzeuge angeführt:
„An die Stelle der gewordenen
Liturgie hat man die gemachte Liturgie gesetzt“ – so der damalige Kardinal Joseph Ratzinger.
Gassmann
kommentiert: „Damit schien das schärfstmögliche Urteil über die Veränderung gesprochen.“
Im Apostolischen
Schreiben
Sacramentum Caritatis liefert der Papst nach Gassmann gleich zu Beginn ein Meisterstück schillernder
Formulierungskunst:
„Im Abschnitt über »die Entwicklung des eucharistischen Ritus« zählt er zunächst
die Liturgiereform – seiner früheren Äußerung scheinbar widersprechend – zum Bestandteil jener »über
die Zeit hin geordneten Entwicklung der rituellen Formen, in denen wir des Ereignisses unseres Heils gedenken«.“
„Ist also auch die erneuerte Liturgie geworden, nicht gemacht?“ – fragt Gassmann und weist auf die päpstliche
Unterscheidung zwischen „den Intentionen des Konzils“ und „deren praktischer Umsetzung“ durch das neue
Missale hin.
Erst nach dieser Unterscheidung scheint Benedikt XVI., die Liturgiereform zu loben:
„Im
Besonderen haben die Synodenväter den segensreichen Einfluß festgestellt und bestätigt, den die seit
dem Zweiten Vatikanischen Konzil verwirklichte Liturgiereform auf das Leben der Kirche ausgeübt hat.
Die Bischofssynode hatte die Möglichkeit, ihre Rezeption nach der Konzilsversammlung zu beurteilen. Es
gab außerordentlich viele Würdigungen.“
Gassmann beobachtet, daß der Papst hier nur referiert, um
dann mit verändertem Tonfall weiterzufahren:
„Wie bekräftigt wurde, können die Schwierigkeiten und
auch einige erwähnte Mißbräuche den Wert und die Wirksamkeit der Liturgiereform, die noch bisher nicht
völlig erkundete Schätze in sich birgt, nicht verdunkeln.“
„Es scheint also einiges schiefgelaufen
zu sein bei der Umsetzung der Reform“ – folgert Gassmann.
Dann folge ein Satz, in dem jedes Wort mit
größter Genauigkeit an seinem Platze sitze:
„Konkret geht es darum, die vom Konzil beabsichtigten Änderungen
innerhalb der Einheit zu verstehen, welche die geschichtliche Entwicklung des Ritus selbst kennzeichnet,
ohne unnatürliche Brüche einzuführen.“
Hier werde noch einmal zwischen den Absichten des Konzils und
deren Umsetzung unterschieden.
Die Kirche habe in ihrer Geschichte eine „beachtliche Meisterschaft“ entwickelt,
ihren Dokumenten eine präzise Sprache zu geben und deren Inhalt gleichzeitig für Deutungen offenzulassen:
„Man konnte und kann ja nie wissen, was der Heilige Geist zukünftig bringt.“
Mit solcher Formulierungskunst
bleibe man „manövrierfähig“. In den Worten Gassmanns:
„Oberstes Gebot der kirchlichen Sprachregelungen
ist: Nie den älteren kirchlichen Dokumenten widersprechen!“
So garantiere man durch den rechten Gebrauch
der Worte, auf dem Weg durch die Zeit nicht zu stolpern.
Die praktischen liturgischen Ermahnungen stellt
der Papst unter den Begriff der „Ars celebrandi“, den er unter anderem im Abschnitt „Schönheit und Liturgie“
erläutert.
Damit rede Benedikt XVI. keinem liturgischen Ästhetizismus das Wort, sondern verweise auf
die instruktive Qualität einer sorgfältig gestalteten Feier.
Gassmann beurteilt auch die päpstlichen
Ausführungen zum Gebrauch des Latein, die nicht über die Anweisungen des Zweiten Vatikanums hinausgehen:
„Lateinische Sprache wie Choral sollen als der Kirche eigene Formen der Kommunikation gepflegt werden.“
Das ist nach Gassmann keine schlechte oder antiquierte Idee, „denn so paradox es klingt: Auch die Weltkirche
hat mit den Folgen der Globalisierung zu kämpfen.“
Die liturgische Verständigung auf Versammlungen
wie den Weltjugendtagen gelinge weder sprachlich noch kirchenmusikalisch auf hinreichende Weise:
„Da
böte sich das sorgfältig in dem Schrank verstaute eigene Erbe als Kommunikationsgrundlage an.“
Die
tätige Teilnahme der Gläubigen am Gottesdienst werde von Benedikt XVI. – wie schon in früheren Texten –
als tiefere Bewußtheit, nicht bloß als äußerliche Aktivität verstanden:
Um jene Tiefe zu erreichen,
gelte es, „jede mögliche Trennung zwischen der ‘Ars celebrandi’, das heißt der Kunst des rechten Zelebrierens,
und der vollen, aktiven und fruchtbaren Teilnahme aller Gläubigen zu überwinden“.
Gassmanns Kommentar:
„Das ist wieder ein Satz, der schillert“.
Man könne ihn als Stellungnahme gegen ein l’art pour l’art
liturgischer Ästhetizisten verstehen, aber auch als Kritik an häufig vorhandenen „Häresie der Formlosigkeit“.
Fazit: „Benedikt erinnert in seinem Apostolischen Schreiben an die Grundsätze der Liturgiekonstitution
des Zweiten Vatikanums, um auch der erneuerten Liturgie einen Platz in der Tradition zu sichern. Man muß
diese Liturgie bewußt und sorgfältig gestalten, um sie als eine gewordene erkennen zu können.“
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