16:23:21 | Dienstag, 1. Mai 2007
Wird das Verrückte dadurch weniger verrückt, weil ich erkannt habe, daß es verrückt ist? Von Hubert Hecker.

Camus Grabstein in Lourmarin, Südostfrankreich
(kreuz.net) Es ist ärgerlich, wie positiv viele Theologen den französischen Existentialismus bewerten.
Kürzlich erst stellte eine katholische Zeitung den französischen Existenzialisten Albert Camus († 1960)
als „Gottsucher par excellence“ vor.
Diese Heiligsprechung ist mehr als merkwürdig.
Camus kämpfte
in vielen Schriften gegen Gott und seine vernunftdurchwirkte Schöpfung sowie gegen objektive Wahrheiten
und vorgegebene Werte.
Die Stadt in Camus’ Hauptwerk „Die Pest“, die unter Pest-Quarantäne steht, ist
nicht nur ein Gleichnis für den damals wütenden braunen Totalitarismus.

Albert Camus – gezeichnet von Petr Vorel
Sie ist auch ein Bild für
die „sinnlose und absurde Welt“ und für ein „grausames und begrenztes Universum“, an dessen Rand der
Mensch einsam vagabundiert.
In dieser Welt ohne Gott und Geist, ohne Verstand und Vernunft, ohne Sinn
und Ziel – sprechen Protagonisten von Camus wie Ödipus: „Es ist alles gut!“
Sisyphos sei ein glücklicher
Mensch – wird da behauptet.
„Der absurde Mensch sagt ‘Ja’ – nachdem er die grausame Absurdität der Welt
erkannt und durch diese Erkenntnis gewissermaßen gebannt habe. Die niederschmetternden Wahrheiten verlieren
an Gewicht, sobald sie erkannt werden“ – predigt Camus im „Mythos von Sisyphos“.
Das Wissen um die Qualen
des Daseins vollendet nach ihm den Sieg des Wissenden.
In diesem Bewußtsein wendet sich Sisyphus wieder
dem hochzuwälzenden Stein zu und der Arzt Rieux in „Die Pest“ führt seinen aussichtslosen Kampf gegen
die Pest weiter.
Das Glück des Menschen, der glaubt, die Götter vertrieben und alle Schicksale zu einer
menschlich lösbaren Angelegenheit gemacht zu haben, bestehe in einem „modernen Heroismus“ gegen die absurde
Welt.
Camus und sein Dichterkollege Jean-Paul Sartre († 1980) sind durch und durch antigöttliche und
antichristliche Schriftsteller.
Sie propagieren eine menschliche Selbsterlösung durch Erkenntnis der
Absurdität und durch eine heroische Revolte dagegen.

Jean-Paul Sartre mit seiner Konkubine Simone de Beauvoir
„Die Entdeckung des Absurden“ – meint Camus – „vertreibt
aus dieser Welt einen Gott, der mit dem Unbehagen und mit der Vorliebe für nutzlose Schmerzen in sie
eingedrungen“ sei.
Bei Sartre endete der rebellische Heroismus in einem persönlichen Hedonismus und
im anarchischen Terrorismus, den Sartre im Alter blind unterstützte.
Wie konnte eine so destruktive
Weltanschauung so viel Einfluß auf christliche Theologen gewinnen?
Papst Benedikt XVI. legte in seiner
Regensburger Vorlesung die Wurzeln zur Beantwortung dieser Frage frei.
Er verwies auf den spätmittelalterlichen
Franziskanertheologen Duns Scotus († 1308), durch den die scholastische Synthese von griechischer Vernunft
und christlichem Glauben aufgebrochen wurde.
(Daß sich der Philosoph Martin Heidegger († 1976) – der
Begründer des europäischen Existentialismus – mit einer Arbeit über Duns Scotus habilitiert hat, ist
offenbar kein Zufall.)
Dann schnitten die Reformatoren und später die Kritik von Immanuel Kant († 1804)
die Theologie von Vernunftüberlegungen ab.
Schließlich – so der Papst – eliminierte die historisch-kritische
Theologie des 19. Jahrhunderts zentrale theologische Dimensionen wie die Gottheit Christi und die Dreieinigkeit
aus der kirchlichen Glaubenswelt.
Viele Theologen reduzierten die christliche Glaubenlehre deshalb auf
den Menschen Jesu mit seinem „unbedingten Einsatz“ für den Menschen.
Damit liegt der Anknüpfungspunkt
der existentialistischen Weltanschauung mit der modernen Theologie offen.
Die Ablehnung dogmatischer
Wahrheiten, das Mitgefühl für das Leiden der Menschen und die Autonomie der moralischen Entscheidung
werden als jesuanisch – und existentialistisch – hingestellt.
Auf dieser Basis hat eine ganze Generation
von „nachkonziliaren“ Theologen die Priesterseminare und religiösen Debatten beherrscht.
Der bekannteste
Vertreter der Existentialtheologie war wohl der Theologe Pater Karl Rahner SJ († 1984).
Als Tiefpunkt
und – hoffentlich – Endpunkt dieser theologischen Dekadenz können die Schriften von
Gotthold Hasenhüttl
gewertet werden.
Einen besonders zerstörerischen Einfluß auf Kirche übten die existentialistischen
Moraltheologen aus.
Die sogenannte Situationsethik und die „autonome Moral“ – so ein Buchtitel des kürzlich
verstorbenen Theologen Hw. Alfons Auer – sind ethische Konzepte, die direkt aus der existentialistischen
Philosophie übernommen wurden.
In der Königsteiner Erklärung der Deutschen Bischöfe von 1968 wurde
diese autonome Moral erstmals zum deutsch-kirchlichen Dogma erhoben.
Die private Gewissensentscheidung
wurde über alle kirchlichen und lehramtlichen Wahrheiten und Weisungen erhoben.
Die nächste Generation
von Deutschen Bischöfen stellte 25 Jahre später erneut die individuelle Situationsethik höher als das
unantastbare Recht auf Leben.
Mit einer Ausnahme ließen sich die Deutschen Oberhirten in ein staatliches
Abtreibungssystem mit Beratungspflicht einbinden.
Damit nahmen sie de facto hin, daß eine schwangere
Mutter ein Entscheidungsrecht über Gedeih und Verderben ihres ungeborenen Kindes besitzt.
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