17:39:01 | Freitag, 20. April 2007
Die Heilig-Rock-Tage in Trier sind zu einer Demonstration eines deutschen Sozial- und Kulturkatholizismus verkommen. Von Hubert Hecker.

Der Weihbischof von Trier führt während der Heilig-Rock-Tage einen
eigenen Weblog.
(kreuz.net, Trier) Schon zum zehnten Mal veranstaltet das Bistum Trier vom 20. bis 29. April die Heilig-Rock-Tage.
Beim ‘Heiligen Rock’ handelt es sich um ein tunika-ähnliches Gewand. Es wird seit dem zwölften Jahrhundert
in Trier als der ungeteilte Leibrock Christi verehrt.
Nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums wurde
der nahtlose Rock Christi bei der Kreuzigung von den Soldaten nicht zerteilt, sondern verlost.
Der Stoffteil
soll von der heiligen Helena, der Mutter des Kaisers Konstantin, bei ihrer Reise ins Heilige Land gefunden
und mitgenommen worden sein.
Seit dem 16. Jahrhundert haben die Bischöfe von Trier den Heiligen Rock
in unregelmäßigen Abständen für die Gläubigen ausgestellt und damit große Mengen von Wallfahrern
angezogen.
Berühmt und auch kirchenpolitisch bedeutsam war die Wallfahrt im Jahr 1844.
Sie fiel in
eine Zeit, in der sich die damals modernistisch-aufklärerische Theologie in der Defensive befand und
nur mit massiver Unterstützung der staatskirchlichen Restauration am Leben gehalten wurde.
Ultramontane
BewegungZugleich wuchs die dynamische ultramontane Bewegung heran, die sich als tiefreligiöse katholische
Erneuerungsbewegung an der päpstlichen Kirchenführung ‘jenseits der Alpen’ orientierte.
Die Ultramontanen
brachten – mit publizistischer Unterstützung von Schriftstellern wie Joseph Görres († 1848) und Clemens
Brentano († 1842) – immer mehr Theologen und Bischöfe auf ihre Seite.

Der Heilige Rock wird seit dem 12. Jahrhundert verehrt
Zu den neu berufenen ultramontanen
Bischöfen gehörten der spätere Bekennerbischof Peter Joseph Blum von Limburg († 1884) und Bischof Wilhelm
Arnoldi († 1864) von Trier.
Vom 18. August bis 6. Oktober 1844 rief der Trierer Bischof die Katholiken
seines Bistums zur Heilig-Rock-Wallfahrt auf.
In diesen sieben Wochen reisten mehr als 500.000 Wallfahrer
nach Trier – meistens Fußwallfahrer, die auch aus den angrenzenden deutschen, französischen und belgischen
Bistümern stammten.
Die mächtige Wallfahrt von ultramontanen Altgläubigen und Papsttreuen wurde damals
als eine kirchenpolitische und auch politische Sensation empfunden. Im Vergleich: Beim Hambacher Fest
1832 – der letzten Großveranstaltung im Deutschland des Vormärz – versammelten sich gerade mal 30.000
Menschen, um für die schwarz-rot-goldene Einigkeit und Freiheit zu demonstrieren.
Dagegen schaffte ein
kleiner Neu-Bischof in einer mittleren deutschen Diözese einen riesigen kirchlichen Mobilisierungserfolg,
der von liberalen Kreisen natürlich prompt als Hort der Reaktion und des Aberglaubens verleumdet wurde.
Seither hat sich die kirchenfeindliche Publizistik gegen das Trierer Wallfahrtsereignis die Zähne ausgebissen.
Noch im Jahr 1996 verbreitete der Historiker Wolfgang Schieder (71) seine These, daß die Kirche – in
Kooperation mit dem preußischen Staate und in Vorahnung auf die 48er Revolution – die verarmten Massen
mit diesem volksfrommen Massenspektakel habe benebeln wollen.
Das Gegenteil ist richtig. Die ultramontane
Bewegung wurde ein Teil der 48er Revolution gegen den restaurativen Obrigkeitsstaat. Sie forderte die
‘Freiheit der Religion’ – so die neunte der Märzforderungen im Herzogtum Nassau – gegen die staatliche
Unterdrückung und setzte ihre Forderung teilweise durch.
Förderung von „Ablaßkram und Rosenkranzfrömmigkeit“
Die damalige antikirchliche Publizistik der Spätaufklärung kaprizierte sich auf einen angeblichen Götzendienst
um den Heiligen Rock in Trier – „gleich, ob er echt oder unecht sei“.
Johannes Ronge († 1887) – ein abgefallener
Priester – der später die „deutsch-katholische Kirche“ gründete, rief zum Kampf gegen die „tyrannische
Macht der römischen Hierarchie“ auf.

Briefmarke zur Ausstellung des Heiligen Rocks aus dem Jahr 1959
Diese fördere mit der Wallfahrt „Aberglauben und Werkheiligtum,
Ablaßkram und Rosenkranzfrömmigkeit“.
Gegen den Vorwurf, die Pilger würden die Reliquie anbeten, schrieb
ein an der Wallfahrt beteiligter Volksschullehrer aus dem Westerwald in seine Schulchronik:
Die „Wallfahrer
schauen und verehren das Gewand, das der getragen hat, welcher alle durch sein Leiden aus der Knechtschaft
der Sünde befreite. Sie glauben an den, der es vor 1800 Jahren getragen hat.“
Dagegen wiederholte die
linke Publizistik mit Karikaturen und Schmähschriften die abgeschmackten
Aufklärungsthesen von Priesterbetrug,
Spendenausbeutung und Vortäuschung von Wunderheilungen.
Die Heilung der GräfinAls besonders anstößig
galten die zahlreichen Wunderheilungen während der Wallfahrt.
Am 30. August 1844 wurde die 19jährige
Gräfin Johanna von Droste-Vischering während ihres Gebetes im Dom zu Trier von der Lähmung ihrer Beine
geheilt.
Diese gut dokumentierte Heilung „durch Glauben und Gebet“ im Angesicht des Heiligen Rocks wurde
von der damals mechanistisch-medizinischen Anthropologie als eine Provokation aufgefaßt.

10 Kreuzwegstation: Jesus wird seiner Kleider beraubt
Der Ideologe
Ludwig Feuerbach († 1872) hatte kurz vorher Gott zu einer Projektion des Menschen erklärt. Der Dichter
Heinrich Heine († 1856) verklärte in seinen pantheistischen Lustträumereien die Erde zum alleinigen
Paradies. Der Theologe David Strauß († 1874) verbannte die Person des Wunderheilers Jesus von Nazareth
in den Bereich des Mythos.
In dieser für die verspäteten Aufklärer schwierigen Situation dichtete
der inzwischen vergessene Satiriker Rudolf Löwenstein († 1891) das hämische Liedchen: „Freifrau von
Droste-Vischering, Vi-Va-Vischering“.
Dieses Spottlied bemühte sich, die Heilung der Gläubigen ins
Kindisch-Märchenhafte abzuschieben.
Das Machwerk – nach Friedrich Engels das wichtigste der damaligen
links-liberalen Bewegung – leitete eine neue Welle der antikirchlichen und antireligiösen Hetze ein.
Nach dem katholischen Großereignis von 1844 waren auch die nächsten Wallfahrten von 1891 und 1933 mächtige
Demonstrationen für den Glauben sowie für Kirche und Papst.
Und heute?Davon setzen sich die derzeit
veranstalteten Heilig-Rock-Tage deutlich ab. Sie sind als zum Teil geschmacklose Demonstrationen eines
modernistischen Sozial- und Kulturkatholizismus anzusehen.
„Auf Tuchfühlung zu Gott“ heißt heuer das
Motto der Veranstaltungswoche, bei dem ein Zelt auf dem Trierer Marktplatz zum Thema Arbeitslosigkeit
„in den Mittelpunkt gestellt“ wird – so die Presseerklärung des Bistums vom Dezember 2006.
Im Trierer
Dom stehen nicht der Heilige Rock oder fromme Veranstaltungen dazu im Mittelpunkt, sondern ein Kunst-Event
mit abgetragenen alten Mänteln unter dem sozialmystischen Titel: „Belonging and Beyond“.
In der ehrwürdigen
Kathedralkirche zu Trier gibt es auch ein Kinderfest.
Dabei können die Jüngsten wieder
Tunika-Vogelscheuchen
basteln, wie es im Titelbild zu der Presseerklärung vom 27. Dezember 2006 gezeigt wird.
Eingeleitet
werden die Heilig-Rock-Tage mit einem „Ökumenetag“.
Dabei feiern die „Gläubigen verschiedener christlicher
Kirchen das Bistumsfest der Diözese Trier“.
Welche sind die „verschiedenen christlichen Kirchen“, die
das katholische Bistumsfest feiern?
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