16:52:40 | Sonntag, 16. Januar 2005
Daß die Geschichte Europas nicht in einem Chaos endete, liegt einzig und allein daran, daß die kirchliche Hierarchie in schwierigen Zeiten mit ihrem Sinn für Ordnung und Disziplin intakt blieb. „Europa ist bis in die Wurzeln hinein christlich“, sagt Papst Johannes Paul II. Von Joachim Volkmann.
(kreuz.net) Die Wirtschaftskrise des 3. Jahrhunderts hatte Rom geschwächt. Erste Einfälle germanischer
Franken machten klar, daß nun die Zeiten unsicherer sein würden, erste Wanderungsbewegungen setzten
ein. Selbst das untergehende römische Reich hatte noch soviel zu bieten, daß es anderen Völkern verlockend
erschien und jungen, kräftigen Völkern noch dazu eine relativ leichte Beute war.
Unter dem Ansturm
barbarischer, junger und kräftiger Völker geht Westrom in einem beispiellosen Durcheinander unter. Es
zerfällt in kleine Herrschaftsgebiete, neue Völker siedeln sich an, unter dem Druck wandernder und weiterwandernder
Völker verfallen alte Herrschaftsstrukturen und entstehen neue. Nur wenige von ihnen werden von Bestand
sein; wir können also mit großer Berechtigung sagen, daß zunehmend anarchische Verhältnisse herrschen.
Daß die Geschichte Europas nicht in einem Chaos endete, sondern gerade in dieser Zeit (neu) begann, liegt
einzig und allein daran, daß die kirchliche Hierarchie mit ihrem Sinn für Ordnung und Disziplin intakt
blieb, ja: in dieser Zeit sogar neben ihrer stabilisierenden Wirkung auch noch missionarisch und zivilisatorisch
tätig wurde. Man denke zum Beispiel an die Taufe des Frankenkönigs Chlodwig 496, ein Ereignis von nicht
zu überschätzender Bedeutung! Wäre Chlodwig nicht katholisch geworden, wären wir es heute nach menschlichem
Ermessen auch nicht.
Das gerade entstehende Europa ist also höchst gefährdet: allein die Namen der
Hunnen und Wandalen haben bis heute entsprechenden Klang. Und dieses gefährdete Europa wird durch diejenige
Institution geschützt, die es auch tief prägen wird: durch eben die Kirche.
Vor Mantua stellt sich
der hl. Papst Leo der Große (440 – 461) gegen den Hunnenkönig Attila und hält dessen scheinbar unaufhaltsamen
Vormarsch allein durch seine Worte auf, und den Wandalenkönig Geiserich bewegt er zum Abzug und zum Verzicht
auf die Zerstörung der Stadt Rom. Über hundert Jahre später hält Papst Gregor der Große die Langobarden
auf und wird somit zum Retter Roms und zum Retter Europas. Das ist das neue Lebensprinzip für das nunmehr
„heilige“ Römische Reich, das durch die Kirche geformt wird, und es ist (wohl mit der Taufe Chlodwigs)
der Beginn, die Geburtsstunde des christlichen Mittelalters, jenes Zeitalters, in dem, mit den Worten
der Enzyklika „Immortale Die“ Papst Leos XIII. von 1889, „die Philosophie des Evangeliums die Staaten
regierte“.
Das drückt sich in zwei Grundsätzen aus, die für viele Jahrhunderte das Gerüst des politischen
Lebens in Europa waren. Der erste Grundsatz stellt fest, daß „alle Macht … von Gott“ stammt (Röm.
13,1); der zweite besagt, daß man „Caesar geben“ soll, „was Caesars ist, und Gott, was Gottes ist“ (Mt
22,21) Die Unterscheidung (nicht: Trennung!) von Kirche und Staat, oder eben von religiösem und weltlichem
Bereich ist eine fundamentale Gegebenheit der westlichen politischen Tradition und leitet sich aus diesen
biblischen Maximen ab – die Zusammenarbeit beider Bereiche zum Ziele der Heiligung der Seelen ist typische,
wenn auch oft umkämpfte Tradition des christlichen Mittelalters. Das ist natürlich etwas völlig anderes
als die heute immer brutaler vollzogene „Trennung von Kirche und Staat“, der, wenn sie als Laisierung
des Staates gemeint ist, ein Katholik eigentlich nicht zustimmen kann.
Das, was in Europa am Ende des
ersten Jahrtausends an neuen Einrichtungen und neuer gesellschaftlicher Ordnung entsteht, ist christlich
geprägt, und Symbol dafür ist die Entstehung von Klöstern und Burgen überall in der europäischen
Landschaft. Die klösterlichen Einrichtungen, angefangen mit dem großen Orden des hl. Benedikt, sind
ein neues Lebensideal, eine neue Art des Zusammenlebens, ein Zusammenleben auf der Grundlage eines Gleichgewichtes
zwischen Gebet, Studium und Feldarbeit. Die Mönche entwickeln die Liturgie, bewahren die antike Literatur
und Kunst und begründen die neue, agrarisch orientierte Gesellschaft.
In diesem Sinne war die Gründung
des Klosters Montecassino im Jahre 526 durch den hl. Benedikt von Nursia (480 – 547) der Beginn der Neuordnung
der europäischen Gesellschaft und des europäischen Territoriums – und seine sinnlose und barbarische
Bombardierung und Zerstörung im 2. Weltkrieg (nicht durch Deutsche!) hatte durchaus gewollten Symbolwert.
Betrachten wir das Beispiel Irland: nach der Bekehrung durch den hl. Patrick wurde es neben Montecassino
zum Zentrum einer erstaunlichen, ja: wunderbaren geistlichen und gesellschaftlichen Ausstrahlung. Die
Mönche von der „Insel der Heiligen“ gründeten Klöster, die im Laufe der Zeit zu den Städten Auxerre,
Luxeuil, Lüttich, Trier, Würzburg, Regensburg, Salzburg, Wien, Sankt Gallen, Bobbio, Fiesole und Lucca
wurden – um nur einige wenige aufzuzählen. Man bemerkt den geographischen Raum, den diese Gründungen
umfassen!
Neben der kirchlichen und kirchlich geprägten Struktur entsteht etwas spezifisch christliches:
die christliche Familie. Um sie herum bildet sich die neue, feudale Gesellschaft aus.
Die alten Griechen
kannten kein Familienleben, die Männer lebten eher parallel zu Frau und Kindern als mit ihnen. Und in
der Spätzeit Roms war Familienleben wegen der sittlichen Verfallszustände auch nicht gegeben. Die christliche
Familie, die persönliche Beziehung von Mensch zu Mensch, dann von Familie zu Familie, zum Lehensherren,
zum Landesherren, zum König, letztlich zu Gott: das prägt die neue Art des Zusammenlebens in Europa,
das ist das Wesen der feudalen Kultur, die sich am Ende des ersten Jahrtausends ausbildet und unter dem
Zepter Karls des Großen geeint wird.
Da Europa aber schon zur Zeit der Römer (und erst recht danach)
ein Völkergemisch war und ist, ist die Einheit Europas eine Einheit des Bewußtseins, des Geistes, der
Kultur, und sie leitete sich aus starken Wurzeln ab: aus dem rechtlichen und politischen Erbe der römischen
civitas [Bevölkerung] und aus dem christlichen, katholischen Glauben, der die spirituelle Tradition der
Hebräer und die Kultur der Griechen und Hellenen umfaßte. Diese Einheit ist etwas ganz Eigenes, nirgendwo
anders auf der Welt Auffindbares, und es ist eine Schöpfung der Kirche.
„Europa ist bis in die Wurzeln
hinein christlich“, sagt Papst Johannes Paul II. im apostolischen Sendschreiben „Euntes in mundum“ vom
22. März 1988. Immer wieder hat er völlig zu recht daran erinnert. Ein Europa, das seine christlichen,
katholischen Wurzeln vergißt und verleugnet, wird nicht leben können – es wird ganz einfach nicht Europa
sein, egal, wie man es benennen wird.
Die christlichen Wurzeln EuropasDie Ursprünge des christlichen
EuropaEuropäische Völker und NationenMehr als 60 Heilige und Selige christianisierten das spanisch-portugiesische
AmerikaIm wörtlichen Sinne: Stirbt Europa?Von intellektueller Leistung und hoher KulturLaßt uns
Kathedralen bauen!
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