16:03:41 | Montag, 14. Mai 2007
Mit Schwung und Schlagfertigkeit hat sich der Erzbischof von Berlin in einem Interview geäußert. Einen Bedarf für liturgische Veränderungen sieht er keinen.

Georg Kardinal Sterzinsky, Erzbischof von Berlin
© Wikipedia-Benützer ‘Longbow4u’, Creative Commons(kreuz.net, Berlin) Zum Anlaß des vergangenen Osterfestes sprach der Erzbischof von Berlin, Georg Kardinal
Sterzinsky (71), mit der deutschen Tageszeitung ‘Märkische Allgemeine’.
Als stärkstes Argument für
die Auferstehung Christi bezeichnet er die Tatsache, daß zunächst sogar im engsten Jüngerkreis daran
gezweifelt wurde.
Der Kardinal glaubt auch, daß die tiefe Sehnsucht nach ewigem Leben, die sich in jedem
Menschen finde, eine Entsprechung in der Wirklichkeit haben müsse.
Bush und ChristentumZum Stichwort
„Religiosität in Amerika“ erklärt der Kardinal:
„Bush lebt seinen Glauben nicht öffentlich, sondern
beruft sich auf eine religiöse Überzeugung, die vom kirchlichen Glauben nicht gedeckt ist.“
Religion
gewinne an Plausibilität, je mehr sie in eine Gemeinschaft hinein gebunden sei: „Das ist für uns die
Kirche. Je mehr sie sich von der Gemeinschaft löst, desto schwieriger wird es.“
Die US-Amerikaner hätten
in der Tat ein „anderes Verhältnis“ zur Religion: „Der Glaube gilt dort als eine Privatsache wie jede
andere auch. Ein öffentliches Glaubensbekenntnis ist deshalb in den USA Ausdruck der jeweiligen Individualität.“
Gottesbezug in der EU-VerfassungDer Kardinal beharrt auf einen Gottesbezug in der EU-Verfassung. Dieser
sei bisher am Einstimmigkeitsprinzip gescheitert:
„Daß ich bei dieser Bezugnahme auf die religiösen
und ethischen Wurzeln Europas eine qualifizierte Mehrheitsentscheidung für angemessener halte, hat nicht
nur mit meinem Amt, sondern auch mit meinem Demokratie-Verständnis zu tun.“
KinderkrippenBei der Debatte
um die Kinderbetreuung geht es nach dem Glauben des Kardinals nicht in erster Linie um das Familienbild.
Auch in der Kirche, die selber sehr viele Betreuungsplätze anbiete, herrsche Einigkeit darüber, „daß
gute Krippenbetreuung besser ist als schlechte Eltern-Betreuung“.
Der Kirche stelle sich die Frage, ob
die angebotene Kinderbetreuung nicht jene Eltern benachteilige, die das nicht wollen.

Plakatmotiv der Bekleidungsfirma Benetton: auf Kosten der Kirche
Zölibat: für
Frau und KindOb er sich auch ein Leben als Großvater – mit Kaffee, Kuchen und Enkel am Sonntag nachmittag –
vorstellen könne und deshalb nicht manchmal insgeheim mit seiner zölibatären Berufswahl hadere, wird
der Kardinal gefragt.
„Ich kann mir das sehr gut vorstellen“ – antwortet er flink:
„Ich habe vierzehn
Nichten und Neffen, und weiß, wie es Sonntag nachmittags ist. Aber die Woche besteht nicht nur aus Sonntagnachmittagen.“
„Der Sonntag nachmittag mit dem Opa würde nicht mit meiner Arbeit kollidieren und mich auch nicht überfordern“ –
fährt der Kardinal weiter:
„Es geht auch nicht darum, ob ich überfordert wäre, sondern daß ich die
Familie mit den Ansprüchen meiner seelsorglichen Arbeit überfordern würde.“
„Das ist die Entscheidung,
vor der ich stand, als ich Priester wurde. Nicht um meinetwillen, sondern auch um der Frau und der Kinder
willen habe ich auf Ehe und Familie verzichtet.“
Opus-Dei Jungengymnasium „ohne meine Unterstützung“
Im Interview wurde der Kardinal auch auf das Projekt einer
Opus-Dei-Schule in Potsdam angesprochen.
Es gebe zwar Mitglieder des Opus Dei auf dem Gebiet des Erzbistums. Doch kirchenrechtlich unterstehe diese
Organisation dem Leiter des Opus Dei in Rom:
„Ich bin dafür also nicht zuständig und kenne diese Gemeinschaft
auch nur von außen.“
„Was ich weiß, ist, daß eine Reihe sehr intelligenter und bedeutender Menschen
zum Opus Dei gehören und diese Gemeinschaft im In- und Ausland auch sehr hoch angesehene Schulen und
Universitäten führt.“
Das Potsdamer Projekt eines Knabengymnasiums werde mit seiner Kenntnis „aber
ohne meine Unterstützung“ betrieben.
Es gebe in Berlin und Umgebung eine steigende Nachfrage nach konfessionellen
Schulen, auf welche die Erzdiözese reagieren wolle:
„Die Eltern begründen dies meist mit dem besonderen
Klima an unseren Schulen.“
Derzeit arbeite man mit einer Elterninitiative an der Wiedereinrichtung der
katholischen Marienschule in Potsdam. Es handelt sich um eine Grundschule, die in nationalsozialistischer
Zeit geschlossen wurde.
Gleichzeitig gebe es in Zehlendorf Bestrebungen, das 1979 aufgelöste Gymnasium
St. Ursula wieder zu eröffnen:
„Weil es dort aber kein Grundstück gibt, haben sich die beiden Initiativen
zusammengetan: die Wiedererrichtung der Mariengrundschule und des St. Ursula-Gymnasiums an einem Standort
in Potsdam.“
Beides geschehe in Trägerschaft des Erzbistums.

Der Liturgiemißbrauch ist alltäglich: Messe eines slowakischen Jesuiten
Erneuerung der Liturgie?Zu den Gerüchten
um die Freigabe der Alten Messe behauptet der Kardinal, daß es seit dem Konzil „eine Erneuerung der Liturgie“
gegeben habe:
„Der Gottesdienst wird nicht mehr in Latein, sondern in der Landessprache gefeiert, der
Priester wendet den Gläubigen nicht mehr den Rücken zu, sondern versammelt sie um den Altar. Diese Form
der Messe können wir auch jetzt schon in Latein feiern.“
Dem Papst gehe es aktuell um die Priesterbruderschaft
St. Pius X. Diese Gruppe hänge an der „alten Form der Messe“ und habe mit einer Lossagung von Rom gedroht:
„Der Papst hat nun gesagt: Wenn davon die Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche abhängt, soll man eine
Lösung finden, daß auch diese Form der Messe – bei der etwa der Priester als eine Art Vorbeter mit dem
Rücken zu den Gläubigen vor dem Altar steht – weniger behindert wird.“
Für das Erzbistum Berlin könne
er nicht erkennen, daß da eine Veränderung notwendig wäre:
„Wichtig ist, daß die neue Form nicht
widerrufen, sondern nur die Feier in alter Form erleichtert werden soll. Wann in Rom in dieser Frage eine
Entscheidung fällt, ist ungewiß.“
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