13:46:22 | Freitag, 25. Mai 2007
„Das ist nicht das Land, das meine Eltern getötet hat. Nicht die Deutschen haben uns drangsaliert. Es waren die Hitlerleute, die Nazis.“ Von Hubert Hecker.

Siegfried Rosenthal neben dem Gedenkstein auf dem Judenfriedhof Frickhofen/ Langendernbach.
(kreuz.net, Frickhofen) Seit dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) wohnten Juden in der Westerwälder
Landgemeinde Frickhofen.
Frickhofen befindet sich rund 80 Kilometer nordwestlich von Frankfurt am Main.
Um 1820 lebten im Ort drei jüdische Viehhändlerfamilien. Ihre Kinder besuchten die gemeinsame Dorfschule.
Im Jahre 1841 wurden die Juden durch ein herzogliches Edikt den „christlichen Untertanen gleichgestellt“.
Laut einer Statistik von 1843 betreiben im Herzogtum Nassau 80% der Juden einen Handel.
Darum lobte
der Frankfurter Bankier Amschel Mayer Rothschild tausend Gulden als Lehrgeld aus, damit die „israelitischen
Jungen gewerbliche Berufe lernen“.
Aus Frickhofen meldeten sich Nathan Kaiser und Jacob Heilbrunn zum
Wollweber- und Schreinerberuf. Aber nach der Lehrzeit kamen sie doch wieder zur Viehhändlerei.
Die Preußen
brachten im Jahr 1866 liberale Religionsgesetze ins Land.
In dieser Zeit trat ein gewisser Sußmann Kaiser
aus der örtlichen Kultgemeinde aus. Da starb seine Frau und es stellte sich die Frage nach der Beerdigung.
Kaiser wurde mit der Alternative konfrontiert: dreißig Taler für die Beerdigung auf dem nächsten jüdischen
Friedhof im Dorf Ellar oder fünf Taler Jahresbeitrag in der israelitischen Ortsgemeinde.
Kaiser entschied
sich für die fünf Taler. Schon eine Woche nach der Beerdigung seiner Frau trat er aber erneut aus der
Ortsgemeinde aus.
Gute NachbarschaftUm 1890 wurde in einer Doppelhaushälfte
eine kleine Synagoge eingerichtet: sechs Bankreihen unten und die abgetrennte Frauenempore oben.
In dieser
Zeit lebten sechs Viehhändlerfamilien im Ort. Zwei jüdische Soldaten fielen im Ersten Weltkrieg für
Kaiser und Vaterland – vier jüdische Frickhöfer kehrten wieder heim.
Nach dem Krieg begann im Dorf
ein reiches Vereinsleben. Juden wurden Mitglieder im Fußballverein und bei der Feuerwehr. Der Jude Erich
Wolf leitete zwei Jahre den Turnverein.
Julius Kaiser war ein eifriger Benützer der katholischen Pfarrbücherei.
Sein katholischer Freund Toni Schardt besuchte ihn gerne zum Laubhüttenfest.
Auf den Dorffesten waren
die jungen Männer aus jüdischen Familien begehrte Tänzer für Charlston und Walzer.
Zur goldenen Hochzeit
von Rebecca und Sigmund Heilbrunn sang der Männergesangverein.
Christen und Juden legten Wert auf gute
Nachbarschaft, gegenseitige Hilfe im Alltag, gegenseitige Einladungen bei Familienfesten und Trauerfeiern.
Viele christliche Mädchen aus dem Dorf gingen bei reichen Frankfurter Juden als Hausmädchen „in Stellung“ –
allerdings mit der elterlichen Warnung: Juden dürften nach Talmud-Lehre christliche Mädchen „nehmen“.
Auch bei der Viehhändlerei gab es nicht nur Minne. Die Ferkel wirkten im Stall „irgendwie kleiner“ als
auf dem Viehwagen gesehen. Und: „Gegen die Juden verlierst du jeden Rechtsstreit. Die haben ihre Rechtsanwälte
in der Stadt.“
Die Nationalsozialisten kommenDoch in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kommt
das soziale und politische Gefüge in Frickhofen durcheinander.
1932 marschiert erstmals die nationalsozialistische
„Schutz-Abteilung“ durch den Ort.
Bei den letzten freien Wahlen im November 1932 bekommen die Nationalsozialisten
40% der Stimmen.
Im Jahr 1934 verbietet die Hitler-Partei dem örtlichen Metzgermeister, den jungen Siegfried
Rosenthal als Lehrling einzustellen.
Rosenthal lernt daraufhin Bäcker in Kassel. Sein Bruder Feodor
hat ihm die Lehrstelle besorgt.
Doch so richtig beginnen die Schikanen 1936 – nach den Olympischen Spielen
in Berlin.
Die sechs jüdischen Viehhändler verlieren ihre Gewerbelizenz. Dennoch verkaufen ihnen die
Bauern ihr Vieh weiterhin – heimlich und nachts von der Weide.
„Erst greifen sie nach dem Knoblauch“,
den Juden also – sagt der alte Salomon Kaiser – „dann holen sie den Weihrauch“, also die Katholiken.
Tatsächlich beginnt die Hitlerpartei ab 1937 einen verschärften Kampf gegen die Katholiken.
Die Nationalsozialisten
verbieten im Ort die katholischen Vereine: Katholischen Jungmänner-Bund und Pfadfinder, Marien- und Frauenverein.
Hitlerleute reißen die Fronleichnamsfahnen aus den Hausfenstern katholischer Familien. Der Kaplan wird
bespitzelt. Vier katholische Jugendliche bekommen je einen Monat Lagerhaft wegen Unbotmäßigkeit gegenüber
Parteieinrichtungen.
Mit der Heugabel herausgestochenAm 9. November 1938 geht es den ungefähr zwanzig
jüdischen Dorfbewohnern an den Kragen.
Der Innenraum der kleinen Frickhöfer Synagoge wird verwüstet.
SA-Horden überfallen die Häuser der jüdischen Familien und werfen Geschirr und Einmachgläser auf die
Straße.
Der Jude Rudolf Hofmann versteckt sich unterm Heu in einer Scheune und wird mit Heugabeln herausgestochen.
Drei jüdische Männer kommen für zwei Monate ins Konzentrationslager Buchenwald. Fünf jüdische Kinder
werden ausgeschult.
Zwei Familien beantragen in den USA Asyl. Aber die restriktive Quote von 10.000 Flüchtlingen
ist schon Ende Januar 1939 voll – erzählt der Frickhöfer Harry Abraham später.
Im April 1939 gelingt
es fünf Personen – darunter Siegfried Rosenthal –, über Genua nach Schanghai auszureisen.
Die 15 verbliebenen
Juden werden enteignet und in einem „Judenhaus“ zusammengepfercht.
Sie überleben nur, weil ihre christlichen
Nachbarn sie heimlich mit Milch und Brot versorgen, ihre Schuhe und Kleider reparieren oder mit Schulheften
und Zeitungen versorgen.
Für die angekündigte „Ausreise nach Polen“ stellen die Dorfbewohner den bedrängten
Juden Winterkleidung bereit.
Im August 1942 werden 15 Personen mit dreifacher Kleidung und schmalem Gepäck
zum Bahnhof abgeführt.
Ein Lehrer und eine Nachbarin fahren ihnen nach Frankfurt nach und berichten
im Ort, daß die Frickhöfer Juden in einer Halle kampieren und auf den Abtransport warten.
Nach dem
Krieg konnte der Tod von 11 Personen in den Konzentrationslagern von Theresienstadt, Treblinka, Sobibor,
Majdanek und Auschwitz nachgewiesen werden.
Die übrigen mußten für „tot erklärt“ werden.
Ein Überlebender
kehrt heimEin entkommener Frickhöfer Jude, Siegfried Rosenthal, ließ sich im Jahr 1948 in Haifa im
neu entstandenen Staat Israel nieder.
1967 kommt er zum erstenmal in seinen Geburtsort zurück.
Er nimmt
regelmäßig an den Klassentreffen seiner alten Volksschulklasse teil.
Nach seiner Pensionierung im Jahre
1982 verbringt er jedes Jahr zwei Sommermonate in seiner deutschen Heimat – Heimat? Das Land, das seine
Eltern umgebracht hat?
„Nein“ – antwortet Rosenthal: „Das ist nicht das Land, das meine Eltern getötet
hat. Nicht die Deutschen haben uns drangsaliert. Es waren die Hitlerleute, die Nazis“ – sagt er.
Den
Umgang mit den ehemaligen SA-Leuten und der Nazi-Kneipe meidet er.
„Deutsch ist meine Muttersprache,
Deutschland ist meine erste Heimat, Israel meine zweite“, bekennt er.
65 Jahre nach der Pogromnacht
65 Jahre nach der nationalsozialistischen Pogromnacht von 1938 organisiert der Autor dieser Zeilen ein
Treffen.
Eine Broschüre wird geschrieben, eine Tafel am Rathaus angebracht. Aus Israel, Südafrika und
den USA kommen die ehemaligen deutsch-jüdischen Mitbürger des Ortes oder die Kinder der inzwischen Verstorbenen.
Im Pfarrzentrum ist eine kleine Ausstellung aufgebaut. Mehr als achtzig alte und junge Ortsbewohner sind
neugierig auf die Ehemaligen und ihre Reaktionen. Sogar der alte Wirt aus der Nazi-Kneipe ist gekommen.
Siegfried Rosenthal ergreift das Wort und erzählt von nationalsozialistischen Schikanen und Nazi-Schlägern –
und immer wieder von guten Menschen und hilfreichen Nachbarn.
Zuletzt spricht der Organisator des Treffens:
„300 Jahre haben in diesem Ort Christen und Juden in guter Nachbarschaft und dörflicher Gemeinschaft
zusammengelebt.
Die böse Saat von Haß und Hetze auf die Juden kam von außen in den Ort und hat auch
hier häßliche Früchte getragen.
Die nationalsozialistische Partei und ihre heidnisch-rassistische
Ideologie haben in nur zehn Jahren die Gemeinde gespalten, den Frieden zerstört, die jüdischen Mitbürger
verfolgt, vertrieben oder vernichtet.
Seien wir wachsam auf gottlose Eiferer, vernunftlose Hetzer und
totalitäre Tendenzen.“
Der Autor ist Lokalhistoriker in der Region unterer Westerwald.
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