Märtyrer erleiden oft übermenschliche Qualen. Dennoch nehmen sie ihre Schmerzen auf die leichte Schulter. Wie ist das möglich? Gegenwärtig erforscht ein britisches Team von Wissenschaftlern den Zusammenhang zwischen Glaube und Schmerz.
(kreuz.net, Oxford) „Der Braten ist fertig, dreh ihn um und iß“, soll der heilige Diakon Laurentius –
am Rost zu Tode brennend aber trotz Schmerzen zu Scherzen aufgelegt – seinen Henkern augenzwinkernd zugerufen
haben. Gegenwärtig ist eine Gruppe von Wissenschaftler nicht so sehr vom Humor, sondern vom unglaublichen
Durchhaltevermögen der Märtyrer fasziniert: „Es gibt immer wieder Hinweise, daß Menschen mit einem
starken Glaubenssystem Schmerzen besser ertragen“, meinte der Biologe Toby Collins gegenüber „Spiegel
Online“.
Toby Collins ist stellvertretender Direktor eines zweijährigen Forschungsprojektes, das die
Zusammenhänge zwischen Glaubensvorstellungen und vegetativen Abläufen im Gehirn erkunden will. In der
englischen Universitätsstadt Oxford wurde hierfür ein „Zentrum für Bewußtseinsforschung“ errichtet.
Nicht nur Neurologen und Pharmakologen treiben dort ihre wissenschaftlichen Studien voran, auch Theologen
und Philosophen sind Teil des Forscherteams.
Eine der ersten Untersuchungen wird sich dem Zusammenhang
zwischen Schmerz und Glaube widmen.
Die Experimente, bei denen freiwilligen Testpersonen Schmerzen zugeführt
werden, sollen zeigen, wie die Religion das Schmerzempfinden beeinflußt. Langfristig sollen diese Untersuchungen
auch helfen, neue Therapien zur Schmerzbekämpfung zu entwickeln.
Die Hirnaktivitäten der Versuchspersonen
werden mittels eines Kernspin-Tomographen beobachtet. Zur gleichen Zeit werden der Testperson Bilder vorgelegt,
die in seinem Glauben eine wichtige Rolle spielen, etwa ein Kreuz oder ein Rosenkranz. Abergläubische,
sogenannte „Esoteriker“, können eine Kristallkugel betrachten. Die Forscher glauben, daß es für die
Schmerzbewältigung keine Rolle spiele, woran die jeweilige Versuchsperson glaubt.
Anhand von Veränderungen
in der Hirnaktivität will man festgestellt, ob ein und derselbe Schmerz durch den Einfluß von Religion
unterschiedlich stark wahrgenommen wird. Das Forschungsprojekt will weiter herausfinden, ob nur eine religiöse
Ablenkung zur Schmerzbewältigung beitragen kann oder ob es beispielsweise auch genügen würde, dem Leidenden
einige Rechenaufgaben vorzulegen: „Heiliger Laurentius, was ist die Wurzel von 1936?“
Die weitere Studie
wird aus aktuellem Anlaß den Einfluß des Glaubens auf den „religiösen Fundamentalismus“ oder auf den
internationalen Terrorismus erforschen. Ein besseres Verständnis für das Zustandekommen des Glaubens,
seine Bedingungen und seine Nützlichkeit zur Schmerzlinderung könnten nach Ansicht der Forscher für
zukünftige Entwicklungen in der Terrorismusbekämpfung entscheidend sein.
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