Befreiungstheologie
Der Priester, Poet und Politiker Ernesto Cardenal wird achtzig Jahre alt
In den 80er Jahren war er Mitglied der Kommunistischen Volksfront-Regierung in Nicaragua und ein Held der Befreiungstheologie: „Ich gehörte nicht zu denen, die viel ins Bordell gingen; auch nicht zu denen, die wenig hineingingen. Im Allgemeinen ging ich weniger als viele andere.“
(kreuz.net, Managua) Als Poet wurde Ernesto Cardenal mit seinem berühmten Gedicht „Gebet für Marilyn Monroe“ bekannt. Heute wird er achtzig Jahre alt.

Cardenal stammt aus dem Süden Nicaraguas und studierte zuerst Philosophie und Literatur.

In den fünfziger Jahren wurde er Trappistenmönch und Priester. Der berühmte US-Konvertit, Trappist und Buchautor Thomas Merton übte einen starken Einfluß auf Cardenal aus.

Die Trappisten waren bis zum Zweiten Vatikanum ein sehr strenger Bußorden benediktinisch-zisterziensischer Prägung.

Das literarische Werk von Ernesto Cardenal ist von einer dialogischen Poesie im Stile von Ezra Pound geprägt. Mit seinen Gedichten wandte sich Cardenal gegen die Diktatur von Anastasio Somoza in Nicaragua.

Vor Journalisten meinte Cardenal kürzlich: „Ich wurde als Dichter geboren und vollzog eine Konversion zu Gott. Anschließend vollzog ich eine Konversion zum Volk, das heißt, zur Revolution. Das war eine Bekehrung zugunsten eines sozialen Wandels für die Ärmsten.“

Im Jahre 1966 gründete Cardenal in Solentiname eine Gemeinschaft von Malern und Dichtern.

Der Inselarchipel Solentiname besteht aus 36 einzelnen Inseln im Süden des Großen Nicaraguasees. Solentiname verwandelte sich bald in ein Heiligtum der Revolution, die 1979 zum Sturz des nicaraguanischen Diktators Anastasio Somoza führte.

Nach der geglückten Revolution schlug die Stunde Cardenals.

Er war von 1979-1990 Kulturminister in der marxistischen Regierung der nicaraguanischen Kommunisten (Sandinistas) und wurde deshalb wegen der Unvereinbarkeit des Priesteramtes mit einer politischen Funktion vom Vatikan als Priester suspendiert.

Als Minister versuchte er, Religion und revolutionäre Praxis zu verbinden. Darüber sagte Cardenal: „Christentum und Marxismus sind nicht unvereinbar, genauso wenig wie Christentum und Demokratie.“

Unvereinbar war Cardenals Marxismus auch nicht mit einer angemessenen Entlöhnung als Minister: ein Haus in Managua und ein paar Landgüter auf Solentiname zeugen davon.

Cardenal war und ist eine schillernde Persönlichkeit. Schon lange hat er sich seine persönliche Uniform zugelegt, eine Tracht wie aus den 60er Jahren: Jeans und Jesusflossen, weißes Bauernhemd, langer Bart, graue Mähne und dem Kontrast zuliebe: das schwarze Barett.

Den kubanischen Diktator Fidel Castro nennt er „bewundernswert“, Kim Il Sung „aufrichtig und gemütlich“. Er beklagt Straflager und politische Häftlinge und freut sich, daß es solche üble Dinge in Kuba und Nordkorea gottseidank nicht gibt.

Sein Solentiname ist nicht das Paradies einer klassenlosen Gesellschaft geworden.

Hier arbeiteten die einheimischen Bauern im Dienst des revolutionären Paters nicht selten um Gotteslohn. Wenn die poetische Sprache nicht ausreichte, rückten Cardenals Jünger und Apostel notfalls auch mit Knüppeln und Macheten aus.

In seiner Poesie scheut Cardenal weder Banales noch Lächerliches: „Du bist Gott und kein Freund der Diktatoren. Straf sie, o Gott!“

Oder: „Blick auf mich im Konzentrationslager, Herr, zerschneide den Stacheldraht.“ Die besungenen „Konzentrationslager“ sah Cardenal freilich nur in seiner Dichtung.

Den Gipfel erreicht sein Talent wenn der Sohn des Schöpfers in Cardenals Opus magnum „Kosmischer Gesang“ den Urknall lobpreist:

„Vorher war sie so groß, die Energie der Photonen,
daß der größte Teil des Universums Strahlung war,
nicht etwa Masse.
Oder anders gesagt, alles war reine Strahlung
ohne Materie im eigentlichen.“

Während des Bürgerkriegs in Nicaragua predigte Cardenal zwar den Aufstand, überließ es aber den einfältigen Bauern, gegen die Truppen Somozas in den Kampf zu ziehen.

Nach geschlagener Schlacht besang er dafür in unschöner Sprache das schöne Sterben der „Helden und Märtyrer“: „Genosse, gemeinsam mit dir sage ich, daß uns der Tod scheißegal ist.“

Jüngst hat der Priesterpoet den dritten Band seiner Erinnerungen veröffentlicht.

Das ist nichts für Zimperliche: „Ich gehörte nicht zu denen, die viel ins Bordell gingen; auch nicht zu denen, die wenig hineingingen. Im Allgemeinen ging ich weniger als viele andere.“
      
1 Lesermeinung
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#1   bonifatius   22:44:24 | Donnerstag, 20. Januar 2005
Cardenal
Cardenal – fast wie Kardinal – nicht einmal ignorieren.
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